Bildungspolitik von der zweiten Welle eiskalt erwischt!

Deutscher Lehrerverband wendet sich mit dringlichen Forderungen und LösungsvorschlÀgen an die Politik

„Wenn jetzt nicht gehandelt wird, drohen flĂ€chendeckende Schulschließungen!“

Die im Deutschen Lehrerverband (DL) organisierten VerbĂ€nde DPhV, VDR, BvLB und KEG schlagen Alarm und fordern die Politik in einer konzertierten Aktion auf, den Gesundheitsschutz fĂŒr LehrkrĂ€fte, SchĂŒlerinnen und SchĂŒler in der Corona-Krise deutlich zu erhöhen. Die Pandemiesituation wird sich nicht in kurzer Zeit bewĂ€ltigen lassen, daher braucht es langfristige Lösungen und verlĂ€ssliche Handlungsrichtlinien, um das Infektionsrisiko an den Schulen so gering wie möglich zu halten, die dort stattfindenden Kontakte zu beschrĂ€nken und AbstĂ€nde zu wahren.

Im bisherigen Betrieb seit der Wiedereröffnung der Schulen, oft ohne Abstandsregeln und Maskenpflicht, setzen die Kultusminister LehrkrĂ€fte sowie SchĂŒlerinnen und SchĂŒler Gefahren aus, die auf offener Straße mit Bußgeldern belegt werden – ganz so, als ob es das Virus in den Schulen nicht gĂ€be. „Wir sagen: Schulen offen halten: Ja – angepasst an das aktuelle Infektionsgeschehen. Aber Schulen im Vollbetrieb um jeden Preis: Nein! Jetzt braucht es verantwortungsvolles Handeln, weitere Infektionsschutzmaßnahmen und Handlungsrichtlinien bei steigenden Infektionszahlen, sonst drohen in der Konsequenz wieder flĂ€chendeckende Schulschließungen“, betont DL-PrĂ€sident Heinz-Peter Meidinger.

LĂŒften ist gut, LĂŒftungsanlagen sind besser

Die Kultusministerkonferenz KMK will mit der Zahlenkombination 20 – 5 – 20 ĂŒber den Winter kommen und den vollen PrĂ€senzunterricht gewĂ€hrleisten, und das trotz rasant steigender Infektionszahlen: 20 Minuten Unterricht, 5 Minuten Quer- und StoßlĂŒften, um dann erneut 20 Minuten zu unterrichten. Die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts, Schulklassen ab einem bestimmten Infektionsgeschehen wieder zu teilen, schlĂ€gt die Politik ebenso in den Wind wie die Erkenntnisse des Umweltbundesamtes, wonach LĂŒften ohne zusĂ€tzlichen Raumluftfilter in vielen GebĂ€uden nicht ausreicht. LĂŒftungsanlagen sind daher an vielen Schulen zwingende Notwendigkeit. Die Installation der Raumluftreiniger hĂ€tte zudem den positiven Effekt, dass auch Grippeviren minimiert werden und zusĂ€tzliche KrankheitsausfĂ€lle vermieden wĂŒrden. Auch der Einsatz von PlexiglaswĂ€nden zwischen den Tischen trĂ€gt zum Schutz bei. Es braucht eine schnelle Bestandsaufnahme nach einheitlichen Parametern in allen BundeslĂ€ndern, um festzustellen, welche RĂ€ume bereits durch bestehende Systeme gut gelĂŒftet werden und wie viele RĂ€ume eine UnterstĂŒtzung durch Luftfilteranlagen brauchen. Mehrere BundeslĂ€nder haben bereits Programme zur Beschaffung entsprechender GerĂ€te aufgelegt, der Deutsche Lehrerverband fordert die ĂŒbrigen LĂ€nder und die KMK auf, vor dieser Investition in die Gesundheit der SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern und der LehrkrĂ€fte nicht zurĂŒckzuschrecken.

Der kritische Grenzwert von Corona-Neuinfektionen wird in immer mehr StĂ€dten und Kommunen ĂŒberschritten. In diesen Hotspots fordert der Deutsche Lehrerverband, die Klassen unverzĂŒglich zu halbieren. „Es empört uns, dass die beschlossenen und vom RKI empfohlenen Richtwerte einer Inzidenzzahl von 35/50 der Corona-Ampel fĂŒr verschĂ€rfte Hygieneschutzmaßnahmen an Schulen von der Bildungspolitik komplett ignoriert werden, um Schulen unter inakzeptablen Bedingungen offen zu halten“, so Heinz Peter Meidinger. „Die KMK hat bei ihrer letzten Sitzung mit ihrer Entscheidung, dass Quer- und StoßlĂŒften bei Minusgraden ausreichend sei, eine rote Linie ĂŒberschritten und sich damit aus der Verantwortung gegenĂŒber dem Gesundheitsschutz der SchĂŒlerinnen und SchĂŒler gestohlen. Es braucht Richtlinien und klare Handlungsanweisungen, ab welchen Inzidenzzahlen eine Maskenpflicht fĂŒr welche Klassenstufen gilt und ab wann es notwendig ist, die Klassen wieder zu teilen.

AHA-Regeln mĂŒssen auch in Schulen gelten

„Die Kultusministerkonferenz muss eine ganz klare Orientierung fĂŒr den Schulbetrieb in ihrem KMK-Vier-Stufen-Modell nach den Vorgaben des RKI geben, anhand derer dann tatsĂ€chlich vor Ort entschieden wird“, so die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing. „Hier gilt als Maßstab fĂŒr die Stufe 2 der Inzidenzwert von 35 FĂ€llen binnen 7 Tagen auf 100.000 Einwohner innerhalb einer kreisfreien Stadt oder innerhalb eines Landkreises, fĂŒr die Stufe 3 der Inzidenzwert von 50, bei dem in den Schulen wieder die AHA-Regeln eingehalten werden sollten, was auf kleinere Klassen hinauslĂ€uft. Es ist die Aufgabe der Politik dafĂŒr zu sorgen, dass diese Regeln eingehalten werden und die GesundheitsĂ€mter hier entsprechend einheitlich, nachvollziehbar und verlĂ€sslich agieren.“ 

Differenzieren nach SchĂŒlergruppen – PrĂ€senz- und Online-Unterricht angepasst an das Infektionsgeschehen in verkleinerten Lerngruppen

Das grundlegende Übel ist, dass die Politik Schule ĂŒber einen Kamm schert. Statt zwischen den einzelnen Schulformen zu differenzieren und entsprechende Bedarfe von GrundschĂŒlern bis hin zu BerufsschĂŒlern klar zu definieren, sind SchĂŒler gleich SchĂŒler.

SchĂŒlerinnen und SchĂŒler ab der Sekundarstufe II mĂŒssen anders als SchĂŒlerinnen und SchĂŒler der Primar- und Sekundarstufe I nicht zwingend durchgĂ€ngig PrĂ€senzunterricht haben, sondern können dann, wenn die technischen Voraussetzungen gewĂ€hrleistet sind, parallel oder im Wechsel zwischen PrĂ€senz- und Distanzunterricht lernen. Dies sollte vor Ort entschieden werden – orientiert an den Inzidenzwerten gemĂ€ĂŸ RKI.

„FĂŒr unsere ganz jungen SchĂŒlerinnen und SchĂŒler in der Grundschule gilt es, so viel PrĂ€senzunterricht zu ermöglichen. Junge Kinder brauchen beim Lernen die Beziehung, um ein tragfĂ€higes Fundament fĂŒr ihr zukĂŒnftiges Lernen aufbauen zu können“, betont Gerlinde Kohl, die Vorsitzende der Katholischen Erziehergemeinschaft (KEG).

Mut zu unkonventionellen Lösungen

Joachim Maiß, Vorsitzender des Bundesverbandes fĂŒr LehrkrĂ€fte fĂŒr Berufsbildung (BvLB) weist auf unkonventionelle Wege hin, um flĂ€chendeckende Schulschließungen zu verhindern: „Statt mantrahaft alles schön zu reden, mĂŒssen gemeinsam schnell umsetzbare Lösungen herbeigefĂŒhrt werden: So könnten beispielsweise leerstehende Veranstaltungs-Locations oder Stadtteilzentren als zusĂ€tzliche UnterrichtsrĂ€ume angemietet werden, um Schulklassen zu teilen und so das Gesundheitsrisiko fĂŒr LehrkrĂ€fte wie SchĂŒlerinnen und SchĂŒler zu minimieren. Denn die Unversehrtheit aller hat oberste PrioritĂ€t, um nicht sehenden Auges in die erneute Schulschließungen mit all ihren gesellschaftlichen Folgen zu rutschen.“

Eugen Straubinger ebenfalls Vorsitzender des Bundesverbandes der LehrkrĂ€fte fĂŒr Berufsbildung, fordert, dass die Absage der KMK zum Einbau von LĂŒftungsanlagen gekippt wird und macht folgende Rechnung auf: „NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer schĂ€tzt, dass flĂ€chendeckend rund 100 Euro pro Schüler in die Filtertechnik investiert werden müssten – und spricht von Unsummen, die das verschlingen würde. Legt man diese Zahl zu Grunde, müssten bei bundesweit 11 Millionen SchĂŒlerinnen und SchĂŒler 1,1 Milliarden Euro investiert werden, um alle rund 43 000 Schulen mit dieser Technik auszustatten. Das sind im Vergleich zu den neun Milliarden Euro, die die Rettung der Lufthansa bisher gekostet hat, Peanuts. Das sollte es den Regierenden wert sein, um das Recht auf Bildung in der Coronakrise nicht zu verspielen.“ Er ergĂ€nzt: „Dazu kommt, dass in den Berufsschulen auch LĂŒftungstechniker und Anlagenbauer ausgebildet werden. Wenn unsere Schulen LĂŒftungsanlagen aus heimischer Produktion beziehen könnten, hĂ€tte dies einen deutlichen Einkommens- und BeschĂ€ftigungseffekt fĂŒr diese Produktionssparte. Dies kĂ€me auch den Auszubildenden im dualen System zugute.“

Vergesst die LehrkrÀfte nicht!

Durch die vorgeschlagenen Maßnahmen Ă€ndert sich das Anforderungsprofil an die LehrkrĂ€fte und die Belastungen steigen deutlich. Distanzunterricht fĂŒr Zuhause bleibende SchĂŒler ist Mehrarbeit. Bei allen Maßnahmen mĂŒssen die Auswirkungen auf und die Anforderungen an die LehrkrĂ€fte berĂŒcksichtigt werden, denn es Ă€ndert sich Umfang, Art und Inhalt der LehrtĂ€tigkeit. Neben Investitionen in die notwendige technische Ausstattung der Schulen, SchĂŒlerinnen und SchĂŒler und LehrkrĂ€fte, deren Fehlen bei den Schulschließungen im FrĂŒhjahr schmerzhaft deutlich wurde, braucht es auch weiterhin UnterstĂŒtzung der LehrkrĂ€fte in der Fortbildung fĂŒr neue digitale Formate und vor allem auch technisches Personal zur Betreuung des IT-Bereiches.

Aber auch, da ist sich das PrÀsidium des DL einig, beim Gesundheitsschutz der LehrkrÀfte bei ihrer TÀtigkeit in den Schulen muss nachgebessert werden. Es sei eigentlich ein Skandal, dass anders als in vielen anderen Berufssparten, die mit vielen Kontakten zu tun haben, LehrkrÀfte nicht von den SchultrÀgern und LÀnderministerien mit einer ausreichenden Zahl an FFP2-Masken ausgestattet wurden.

Politik muss Verantwortung ĂŒbernehmen

Auch JĂŒrgen Böhm, Bundesvorsitzender des Deutschen Realschullehrerverbandes (VDR), fordert klare Handlungsrichtlinien fĂŒr die Schulen bei entsprechenden Infektionszahlen: „Je nachdem, wie gut die gesamtgesellschaftlichen Maßnahmen zur KontaktbeschrĂ€nkung greifen und wie sich daraufhin jeweils regional das Infektionsgeschehen entwickelt, braucht es klare Vorgaben bei bestimmten Richtwerten, damit nicht nach jeder VerĂ€nderung der Zahlen nach oben oder nach unten die Debatte um die richtigen Gesundheitsschutzmaßnahmen an den Schulen von neuem gefĂŒhrt werden muss. Es mĂŒssen Maßnahmen gelten, die an den Schulen in ganz Deutschland Bildung unter höchsten Sicherheitsbedingungen ermöglichen. Dazu gehören StufenplĂ€ne und beste technische und materielle Ausstattung, wie CO2-Ampeln, Luftreinigungsfilter und FFP2-Masken, und bei steigenden Infektionszahlen Klassenteilungen und ZeitrĂ€ume von Distanzunterricht, die fĂŒr Eltern möglichst organisierbar und ĂŒberschaubar bleiben. Allerdings kann es nicht Aufgabe der Schulen sein, entsprechende Maßnahmen festzulegen. Wir LehrkrĂ€fte und Schulleitungen sind keine Ärzte oder Virologen! Die Verantwortung darf nicht lĂ€nger auf die Kollegen geschoben, sondern muss endlich von der KMK und den BundeslĂ€ndern als den politisch Verantwortlichen ĂŒbernommen werden. Aber genau das passiert aktuell seitens der Politik nicht!“

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FĂŒr Stellungnahmen erreichen Sie die Mitglieder des PrĂ€sidiums des Deutschen Lehrerverbandes:

DL-PrĂ€sident Heinz-Peter Meidinger: 0160 – 52 75 608 und 030/70 09 47 76 – www.lehrerverband.de  

BundesgeschÀftsstelle DPhV, Bundesvorsitzende Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing:

030 / 40 81 67 89 – www.dphv.de  

BundesgeschĂ€ftsstelle VDR, Bundesvorsitzender JĂŒrgen Böhm:

089 / 55 38 76 und 0151 – 11 71 55 89 – www.vdr-bund.de  

BvLB-BundesgeschĂ€ftsstellen, Bundesvorsitzende Joachim Maiß und Eugen Straubinger:

030 / 40 81 66 50 und 0511 / 21 55 60 70 – www.bvlb.de  

KEG-BundesgeschÀftsstelle, Bundesvorsitzende Gerlinde Kohl:

089 / 26 02 47 99 – www.keg-deutschland.de  

FĂŒr den Inhalt verantwortlich: GeschĂ€ftsstelle Deutscher Lehrerverband – Anne Schirrmacher

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