„Manche Jugendliche setzen sich sehr engagiert mit politischen Themen auseinander, andere interessiert es gar nicht – ein früheres Wahlrecht wird das nicht automatisch ändern!“

Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, äußert sich zur Debatte um ein Wahlalter ab 16 – wie jetzt zur Europawahl – wie folgt: 

„Bei der politischen Bildung von Jugendlichen kommt es auf vier Faktoren an: Das Elternhaus, die Gesellschaft, die Schule und die Jugendlichen selbst. Die Schule kann nur Teile der politischen Bildung abdecken, genauso wichtig ist es, dass Kinder und Jugendliche in familiären und anderen gesellschaftlichen Kontexten mit politischen Themen zu tun haben.  

Ob es gut ist, das Wahlalter abzusenken: Da bin ich hin- und hergerissen. Was das Interesse von Jugendlichen für Politik angeht, muss man differenzieren: Wir haben Jugendliche, die sich sehr stark mit politischen Themen auseinandersetzen. Aber ein großer Teil interessiert sich eben auch nicht die Bohne für Politik als Ganzes mit ihren vielen Facetten – da sind Jugendliche nicht anders als ein Teil der Erwachsenen. 

Das Interesse für die Auseinandersetzung mit politischen Themen entsteht nicht automatisch mit der Erlangung des Wahlrechts, da sollten wir nicht zu optimistisch sein. Auch kann die Schule das Interesse mit allen pädagogischen Anstrengungen und politischen Themen im Unterricht nicht erzwingen. Wir glauben immer, wenn die Schule politische Bildung unterrichtet, wurde viel erreicht. Aber das ist eben nur ein Aspekt. 

Tatsächlich werden alle Jugendlichen durch die Schule im Rahmen des Politik- und Geschichtsunterrichtes vorbereitet. In Bayern etwa gibt es das Fach „Politik und Gesellschaft“. Woanders heißt es Gesellschaftskunde, Sozialwissenschaft oder Geschichte und Politik. Die Bezeichnung ist egal, aber politische Information findet statt, auch übrigens im Ethik- oder Religionsunterricht oder auch im Englisch-Unterricht, etwa wenn es um die globalen Folgen des Klimawandels geht. Für die Europawahl wird den Lehrkräften entsprechendes Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt. Eine Kürzung des Politikunterrichts darf es daher auch bei Lehrkräftemangel nicht geben. Wo möglich, sollte er ausgeweitet werden.  

Ob sich allein durch das Wahlrecht das Interesse an Politik wecken lässt: Da habe ich meine Zweifel. Schon bei den Erwachsenen lag die Gruppe der Nichtwähler bei vergangenen Europawahlen bei rund 40 Prozent. Und die sind sicher nicht der Wahl ferngeblieben, weil sie erst mit Erreichen der Volljährigkeit wählen durften. Offenbar hat sie nicht einmal die persönliche Betroffenheit von politischen Entscheidungen als Steuerzahler, als Arbeitnehmer, als Eltern an die Wahlurnen gebracht.  

Wenn schon bei vielen älteren Wahlberechtigten das Interesse nicht besonders groß ist, warum sollte es bei Jugendlichen anders sein? Ich befürchte, viele junge potenzielle Erstwähler werden auch am kommenden Sonntag nicht zur Wahl gehen.  

Was nicht zu unterschätzen ist, ist auch die mangelnde Lebenserfahrung und Reife. 16-Jährige erinnern sich nicht, was vor zehn Jahren war und wie Politik die Vergangenheit beeinflusst hat. 40-Jährige schon. Und Verantwortung über die eigene Person hinaus für das große Ganze zu übernehmen, ist etwas, das reifen muss. Nicht umsonst ist die Volljährigkeit erst mit 18 Jahren erreicht. 

Wenn Bundesfamilienministerin Lisa Paus jetzt fordert, das Wahlalter auch für die Bundestagswahlen zu senken, sehe ich das sehr kritisch. Die Bereitschaft, wählen zu gehen, wird nicht automatisch durch die Wahlberechtigung gefördert. Die Vermittlung demokratischer Werte hängt nicht an einer frühen Wahlberechtigung. Und sie muss schon viel früher ansetzen – in den Familien und vor dem 16. Lebensjahr.”  

Bild: Tim Reckmann  / pixelio.de 

Veröffentlicht unter Presse

Jetzt anmelden! Gemeinsame Tagung Konrad-Adenauer-Stiftung – Deutscher Lehrerverband

Anmeldung unter https://www.adenauercampus.de/de/digitale-bildung/detail/-/content/360gradbildung

360° Bildung: Fachtag und Konferenz

12. Juni 2023, 14:00–18:00 Uhr

Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung, Tiergartenstraße 35, 10785 Berlin

Themen der Panels:

  • Medienkompetenz für Demokratieerziehung
  • Wieviel Digitalität braucht die Schule?
  • Schule vernetzen – Strukturen für innovative Schule schaffen

u.a. mit

  • Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbands
  • Katharina Günther-Wünsch, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie des Landes Berlin
  • Sandra Jütte, Initiative #UseTheNews
  • Alexander König, Lehrkraft, Autor, Lehrbeauftragter, Berater und Fortbildner
  • Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Deutscher Philologenverband
  • Prof. Dr. Katharina Scheiter, wissenschaftliche Leiterin des Kompetenzverbund lernen:digital Universität Potsdam
  • Prof. Dr. Anne Sliwka, Universität Heidelberg
  • Ekkehard Thümler, Gründer und Geschäftsführer von Tutoring for All
  • Weitere Fortbildungs-Workshops

Vollständiges Programm: Programm Fachtagung 12.06.2024

Anmeldung unter https://www.adenauercampus.de/de/digitale-bildung/detail/-/content/360gradbildung 

Schulen brauchen mehr Unterstützung!

  • Unterstützendes Personal zum Umgang mit herausforderndem Schülerverhalten 
  • Mehr Zeit für das Wesentliche, für Unterricht, Projekte und Fahrten sowie Fortbildungen
  • Attraktive Arbeitsbedingungen für Lehrende und Lernende
  • Echtes Interesse von Politik und Gesellschaft an einer nachhaltigen Bildungspolitik
  • Digitalisierung und KI-Nutzung als Chance für Lehrkräfte und Schulleitungen

Der Deutsche Lehrerverband blickt mit Besorgnis auf die Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers, die am heutigen Mittwoch veröffentlicht wurden. Mehr als ein Drittel der Lehrkräfte geben an, dass das Verhalten von Kindern und Jugendlichen die größte Herausforderung in ihrer beruflichen Tätigkeit sei, knapp die Hälfte nehmen psychische oder physische Gewalt unter ihren Schülerinnen und Schülern wahr. 

DL-Präsident Stefan Düll betont: „Die Schulleistungsstudien der vergangenen Jahre haben Debatten über die Gründe und Ursachen von unterdurchschnittlichen Leistungen ausgelöst. Wenn Lehrkräfte in der Schule einen großen Teil der eigentlichen Unterrichtszeit aufwenden müssen, um sich mit problematischem Verhalten der Schülerinnen und Schülern und mit der Schlichtung von Konflikten auseinanderzusetzen, bleibt weniger Zeit für guten Unterricht. Das geht zu Lasten der Lernenden und zermürbt das Lehrpersonal. Schulen können nicht die gesamte Erziehungsarbeit leisten, sondern sind dabei auf die Unterstützung von Politik, Gesellschaft, Institutionen und insbesondere Elternhäusern angewiesen.“ Politik müsse sich für eine nachhaltige Bildungspolitik einsetzen: Attraktive Lehr- und Lernbedingungen, mehr Zeit für das Wesentliche, für Unterricht, Projekte und Fahrten sowie Fortbildungen. Darüber hinaus bräuchten Schulen mehr unterstützendes Personal in den Bereichen Sozialarbeit und Jugendarbeit, Schulassistenz und Schulpsychologie, sowie Strukturen und Finanzierung von langfristigen Präventionsprogrammen gegen Mobbing und Gewalt. 

Nicht nur die Lernzeit der Schülerinnen und Schüler ist durch unangemessenes Verhalten betroffen. Der Verbandspräsident wies darauf hin, dass laut der Schulbarometer-Befragung mehr als ein Drittel der Lehrkräfte mehrfach die Woche erschöpft sei, viele klagten über emotionale Erschöpfung, ein Symptom, das zu Burn-Out führen kann.

„Angesichts des ohnehin gravierenden Lehrkräftemangels müssen wir die bereits vorhandenen Lehrkräfte an den Schulen so ausstatten und unterstützen, dass sie gesund das Pensionsalter erreichen können. Der Arbeitsplatz Schule und das Berufsbild Lehrkraft muss attraktiv sein, damit sich viele junge Leute für diesen Beruf entscheiden. Leider ist die bauliche Substanz vieler Schulen stark sanierungsbedürftig und sie hinken in ihrer technischen Ausstattung hinterher, wie auch die Angaben des Schulbarometers bestätigen. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau geht von einem Sanierungsstau von 50 Milliarden im Bildungsbereich aus. Wenn die heutigen Schülerinnen und Schüler ihre Lehrkräfte in einem Mangelsystem kämpfen sehen, werden sie sich eher gegen den Beruf entscheiden“, warnte Düll. 

Obwohl die meisten Lehrkräfte die Vorteile von digital gestütztem Unterricht sehen und digitale Medien einsetzen, sagen sie selbst, dass sie sich nur unzureichend auf die zunehmende Digitalisierung vorbereitet fühlen. „Wir sehen in unseren Verbänden, dass unsere eigenen Fortbildungsangebote dazu sehr stark nachgefragt werden, unsere Mitglieder wissen um ihren Bedarf und suchen sich Möglichkeiten. Viel Wissensweitergabe findet auch auf informeller Ebene im Kollegium statt“, betonte der DL-Präsident. Angesichts rasanter Entwicklungen wie im Bereich KI brauche es neben Fortbildungsangeboten von Kultusministerien und den Fortbildungsinstituten der Länder Schullizenzen, um praktisch üben und lernen zu können. Dafür muss auch Fortbildungszeit zur Verfügung gestellt werden. Neben digital gestütztem Unterricht ermöglichen KI-Anwendungen auch die Entlastung von Lehrkräften und Schulleitungen, ein nichts zu unterschätzender Effekt in Zeiten des Lehrkräftemangels.

—————-

Für Stellungnahmen erreichen Sie DL-Präsident Stefan Düll über presse@lehrerverband.de bzw. über 0151-10926848.

Für den Inhalt verantwortlich: Geschäftsstelle Deutscher Lehrerverband – Anne Schirrmacher

Schluss mit PISA – Deutscher Lehrerverband kritisiert die Äußerungen von Andreas Schleicher

  • Unwissenschaftliche Schlussfolgerungen eines vermeintlichen Experten
  • Wie eine wissenschaftliche Studie entwissenschaftlicht wird

Der Deutsche Lehrerverband kritisiert die jüngsten Aussagen von PISA-Koordinator Andreas Schleicher im Interview mit den Stuttgarter Nachrichten als unwissenschaftlich. Schleicher ziehe aus der jüngsten PISA-Studie Schlussfolgerungen, die wissenschaftlich von der Studie nicht getragen werden. Nach Ansicht des Verbandes zeugen sie in Teilen sogar von Naivität.

Schleicher ist der Meinung, dass die Lehrkräfte Schuld am schlechten Ergebnis der deutschen 15-jährigen bei PISA 2022 tragen. Die Studienergebnisse waren im Dezember 2023 veröffentlicht worden. Laut Schleicher seien die Lehrkräfte noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen und würden sehr gut für eine intellektuell wenig anspruchsvolle Arbeit bezahlt.

Was Schleicher dabei völlig übersieht, ist das Engagement der meisten Lehrkräfte. Neben Unterricht und dessen Vor- und Nachbereitung investieren sie viel Zeit und Energie in Kommunikation mit Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern, in Fortbildungen, in das eigenständige Erschließen neuer Entwicklungen in ihrem Fach, in das Erlernen und Anwenden neuer Unterrichtstechniken und Medienformen.

Als Vorbild führt Schleicher das chinesische Schulsystem an, was ironisch scheint, weil das moderne China unter Xi Jinping wohl eher nicht als Hort von Freiheit, selbständigem Denken und Emanzipation gelten kann.

Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, fragt sich angesichts der Äußerungen Schleichers: „Wenn man den PISA-Macher nicht mehr ernstnehmen kann, kann man dann noch PISA ernstnehmen? Wenn der Wissenschaftler unwissenschaftlich schlussfolgert, wie wurde dann die Studie angelegt? Kann die KMK ihren Ergebnissen wirklich noch vertrauen? Dürfen dafür wirklich Steuergelder verwendet werden? Letztlich lenkt Schleicher mit seiner Lehrkräftekritik von den eigentlichen Herausforderungen ab, um seine persönlichen Überzeugungen ohne wissenschaftliche Grundlage zu transportieren.“

Der Deutsche Lehrerverband fordert die deutsche Bildungspolitik auf, sich den eigentlichen Herausforderungen zu stellen:

  • Behebung des Lehrkräftemangels an den weiterführenden Schulen
  • Einstellung von Lehrkräften über den Grundbedarf hinaus für flexible Reaktion an den Schulen auf zusätzlichen Förderbedarf oder Vertretungsbedarf wegen Abwesenheit von Kolleginnen und Kollegen durch Fahrten, Krankheit, Mutterschutz, Fortbildung etc.
  • Verpflichtende Sprachstandserhebungen in den Kindertagesstätten verbunden mit gezielten Fördermaßnahmen sowie weitere Lösungen für die Sprachvermittlung im Hinblick auf den wachsenden Anteil an Lernenden ohne deutsche Muttersprache und ohne Beherrschung des Deutschen als Bildungssprache.
  • Überprüfung der Änderungen in Pädagogik, Methodik und Didaktik (Kompetenzorientierung, selbstgesteuertes Lernen, Absage an das Leistungsprinzip, Gründung neuer Gesamt- und Gemeinschaftsschulen) auf ihre Wirksamkeit angesichts der Parallelität ihrer Implementierung und dem sich steigernden Leistungsabfall in den PISA-Studien.

 —————-

Für Stellungnahmen erreichen Sie DL-Präsident Stefan Düll über presse@lehrerverband.de bzw. über 0151-10926848.

Für den Inhalt verantwortlich: Geschäftsstelle Deutscher Lehrerverband – Anne Schirrmacher

Veröffentlicht unter Presse

Nachruf Hans-Joachim Kluge

Hans-Joachim Kluge bei einer Tagung des Deutschen Lehrerverbandes im Jahr 2016.

Der Deutsche Lehrerverband trauert um einen ehemaligen Schatzmeister Hans-Joachim Kluge, der am 14.01.2024 im Alter von 89 Jahren in Fulda verstorben ist.

Hans-Joachim Kluge war Diplom-Handelslehrer an der Richard-Müller-Schule in Fulda und Ausbilder von angehenden Wirtschaftspädagogen.

Neben seiner beruflichen Tätigkeit übte er von 1990 bis 2011 das Amt als Schatzmeister im Präsidium des Deutschen Lehrerverbandes auf Bundesebene aus. Vor seiner Tätigkeit für den Bundes-Dachverband war er als auch als Schatzmeisters für den DL-Mitgliedsverband VLW (Verband der Lehrerinnen und Lehrer an wirtschaftlichen Schulen) auf Landesverbandsebene in Hessen tätig.

Die mit sehr großem Zeitaufwand verbundene ehrenamtliche Tätigkeit als Schatzmeister des Deutschen Lehrerverbandes übte Hans-Joachim Kluge stets verlässlich und mit allergrößter Sorgfalt zum Wohle des Verbands aus.

Über lange Jahre behielt er die kurzfristigen und langfristigen finanziellen Entwicklungen und die besten finanziellen Möglichkeiten des Verbandes im Blick und beriet das Präsidium in konstruktiver und vertrauensvoller Zusammenarbeit zu finanziellen und bildungspolitischen Fragen.

Hans-Joachim Kluge kümmerte sich nicht nur um die Finanzen des Deutschen Lehrerverbandes, sondern war für den Verband auch in bildungspolitischen Fragen tätig, mit besonderem Schwerpunkt auf dem kaufmännischen Handelsschulzweig. Er vertrat den Deutschen Lehrerverband im Deutschen Rat der Europäischen Bewegung und im von der damaligen niedersächsischen Familienministerin von der Leyen mitinitiierten „Forum Familie stark machen“.

Diese ehrenamtlichen Tätigkeiten für den Deutschen Lehrerverband nahm Hans-Joachim Kluge neben seiner beruflichen Vollzeit-Tätigkeit als Diplom-Handelslehrer wahr, bis er im Jahr 2000 in Pension ging. Danach widmete er seine volle Aufmerksamkeit und Kräfte mehr als zehn weitere Jahre der Verbandsarbeit.

In Anerkennung seiner Verdienste als DL-Schatzmeister beschloss die Bundeshauptausschuss-Sitzung des Deutschen Lehrerverbandes in Berlin 2011, Hans-Joachim Kluge zum Ehrenmitglied des Deutschen Lehrerverbandes zu ernennen.

Im Jahr 2020 wurde Hans-Joachim Kluge für seine Verdienste und sein langes ehrenamtliches Engagement mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Präsident Stefan Düll und das Präsidium des Deutschen Lehrerverbandes behalten Hans-Joachim Kluge und sein unermüdliches und beispielgebendes Wirken in dankbarer Erinnerung und sprechen seinen Angehörigen und Freunden tiefes Mitgefühl aus.

Bildnachweis (Landschaft mit Bäumen): pixelio.de/Hannelore Imsande 

PISA: Mehr Anstrengungen für den Bildungsbereich ab der frühkindlichen Bildung

Grundkompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen sind Schlüssel zu nachhaltigem Bildungserfolg

Mehr Anstrengungen für den Bildungsbereich ab der frühkindlichen Bildung. Das fordert der Deut­sche Lehrerverband anlässlich der heute veröffentlichten PISA-Ergebnisse 2022. Alle politischen Ebenen sind gefordert, endlich die Konsequenzen aus dieser und anderen Studien zu ziehen. 

Schon die Ergebnisse der IQB-Studien haben gezeigt: Ein Teil der Schülerinnen und Schüler wird bereits in frühen Jahren aufgrund mangelhafter Lese-, Schreib- und Mathematikkenntnisse abge­hängt. Ohne diese essenziellen Grundkompetenzen scheitern diese jungen Menschen in Schule und Alltag. Ihre Bildungskarriere erleidet Schiffbruch, bevor sie begonnen hat. Die schulische Fächer- und die alltägliche Lebensvielfalt bleibt ihnen verschlossen.

Im Vorschulbereich müssen fehlende Sprachbeherrschung und fehlendes Kulturverständnis iden­tifiziert werden. Die Kinder müssen ihren sozial-kulturellen Hintergrund mit der hiesigen Gesellschaft verbinden können. Darauf aufbauend müssen die Grundschulen sich auf die Grund­fähigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens als Schlüssel zum nachhaltigen Bildungserfolg konzentrieren – immer in Bezug zur gesellschaftlichen Vielfalt unseres freiheitlichen und demo­kratischen Landes in Europa.

Angesichts der zahlreichen Baustellen im deutschen Schulwesen – vom Lehrkräftemangel über Lernlücken aus der Corona-Zeit bis hin zu baufälligen Schulgebäuden – braucht es keine Struk­turdebatte, sondern Ressourcen für unser bestehendes Bildungssystem. Damit gelingt Chancen­gerechtigkeit für Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Bildungshintergründen. 

Notwendig sind verpflichtende systematische vorschulische Sprachstandstests in den Kinder­tagesstätten, ggfs. verbunden mit verpflichtenden Vorschuljahren sowie gezielter Sprachförderung im gesamten Bildungsverlauf. In allen Schularten braucht es individuelle Diagnostik und Förderung durch Lehrkräfte, die dafür entsprechende Zeitressourcen bekommen, unterstützt durch flankie­rendes Personal für die sozial-emotionale Förderung. Durch kleinere Klassen und Lerngruppen sowie ansprechende Schulbauten entsteht eine konzentrationsfördernde und wertschätzende Lernumgebung. Diese individuelle Förderung ist nur möglich, wenn an den Schulen eine aus­reichende Zahl von qualifiziertem Personal in allen Bereichen vorhanden ist. 

Trotz Lehrkräftemangel darf die Qualifikation von Quer- und Seiteneinsteigern nicht hinter die der grundständigen Lehrkräfteausbildung zurückstehen. Gleichzeitig ist für den Bildungserfolg der Kin­der auch auf die Verantwortlichkeit der Eltern im Sinne einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule hinzuweisen. Die auf wirtschaftliche Verwertung von Bildung aus­gerichtete PISA-Studie darf den Blick nicht verstellen für die Bedeutung kultureller Schul­erfolgsfaktoren, wie sie auch in musischen Fächern gefördert werden.

 —————-

Für Stellungnahmen erreichen Sie DL-Präsident Stefan Düll über presse@lehrerverband.de bzw. über 0151-10926848.

Für den Inhalt verantwortlich: Geschäftsstelle Deutscher Lehrerverband – Anne Schirrmacher

Der Deutsche Lehrerverband gratuliert dem neuen Vorsitzenden Ralf Neugschwender unseres Mitgliedsverbandes VDR (Verband Deutscher Realschullehrer)

 

Im Rahmen ihrer Bundesvorstandssitzung haben die Mitglieder des Bundesvorstandes des Verbandes Deutscher Realschullehrer (VDR) den bisherigen VDR-Geschäftsführer Ralf Neugschwender zum neuen Vorsitzenden gewählt. Neugschwender folgt auf Jürgen Böhm, der im vergangenen Juli zum Bildungsstaatssekretär in Sachsen-Anhalt berufen wurde.

DL-Präsident Stefan Düll gratuliert dem neuen VDR-Bundesvorsitzenden und betonte: „Ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit im Deutschen Lehrerverband für ein qualitätsorientiertes, pluralistisches und vielgliedriges Schulwesen. Die Realschulen und der mittlere Schulabschluss haben mit Ralph Neugschwender die richtige Person an führender Stelle.“

Veröffentlicht unter Presse

Teilzeitlehrkräfte sind wichtige Stützen des Schulwesens!

  • Viele Teilzeitlehrkräfte sind bereit, ihre Stundenzahl zu erhöhen, wenn sich die Rahmenbedingungen verbessern
  • Ohne Teilzeitoptionen könnte der Lehrkräftemangel noch gravierender werden

Anlässlich der Veröffentlichung des Deutschen Schulbarometers weist Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, auf die Notwendigkeit hin, dass die Möglichkeiten für Teilzeit im Bereich des Lehramtes erhalten bleiben. 

„Die Umfrage zeigt, dass viele Lehrkräfte in Teilzeit sich vorstellen können, mehr zu unterrichten. Aber sie zeigt auch: Nicht unter den aktuellen Rahmenbedingungen! Die Lehrkräfte fordern mehr Unterstützung und die Entlastung von Tätigkeiten wie Dokumentationen, außerdem müssten die nicht-unterrichtlichen Tätigkeiten als Arbeitszeit besser erfasst werden. Eine Aufstockung können sie sich vorstellen, wenn ihre Aufgaben ohne Überstunden zu schaffen wären.“

Die Umfrage bestätige die hohe Bereitschaft der Lehrkräfte in Teilzeit, in der aktuellen Situation des Lehrkräftemangels das ihre dazu beizutragen, damit die Schülerinnen und Schüler guten Unterricht erhalten, so Düll: „Aber sie zeigt auch, dass das nur mit Freiwilligkeit und veränderten Rahmenbedingungen und Entlastungen möglich ist. Ein Vollzeit-Zwang oder eine Abschaffung der bestehenden Teilzeitmöglichkeiten führen eher weiter in die Mangelkrise, da sich dann für Lehrkräfte in Teilzeit durchaus die Frage stellt, ob sie den Beruf weiter ausüben können. Auch könnten fehlende Teilzeitoptionen bewirken, dass sich in der jungen Generation zukünftig noch weniger für den Beruf als Lehrkraft entscheiden, da sie auf solche Arbeitszeitmodelle für ihren Lebensentwurf setzen.“

Die Befragung zum Deutschen Schulbarometer zeige auch, so Düll, dass die Lehrkräfte bei ihren Schülerinnen und Schülern zunehmend Motivations- und Konzentrationsprobleme und auch Ängste beobachteten, als eine weitere große Herausforderung werde auch aggressives Verhalten genannt. „Der pädagogische Umgang mit heterogenen und herausfordernden Klassen benötigt von den Lehrkräften mehr Engagement, Zeit und Kraft, ebenfalls ein Grund dafür, dass Lehrkräfte sich dazu entschließen, in Teilzeit zu gehen“, führt Düll aus.

Teilzeit-Lehrkräfte seien – ebenso wie die Vollzeit-Lehrkräfte – wichtige Stützen des Schulwesens, betont DL-Präsident Düll: „Viele von ihnen hätten den Beruf nicht ergriffen, wenn sie neben dem Wunsch, jungen Menschen auf ihrem Bildungsweg voranzubringen und in der Entwicklung zu helfen, nicht auch die Aussicht gehabt hätten auf die besonderen Teilzeit-Bedingungen in der Mischung aus Präsenz an der Schule und Home-Office.“

—————-

Für Stellungnahmen erreichen Sie DL-Präsident Stefan Düll über presse@lehrerverband.de oder unter 0151-10926848 bzw. über eine Anfrage an die Geschäftsstelle unter 030 / 70 09 47 76.

Für den Inhalt verantwortlich: Geschäftsstelle Deutscher Lehrerverband – Anne Schirrmacher

Offener Brief an Kultusministerkonferenz

Deutscher Lehrerverband fordert deutsche Beteiligung an TALIS-Studie

  • DL-Präsident Stefan Düll: „Rahmenbedingungen der Lehrkräfte bisher nur lückenhaft untersucht“
  • TALIS-Studie untersucht zahlreiche Aspekte des Arbeitslebens in der Schule in allen relevanten OECD-Staaten
  • Nächste TALIS-Veröffentlichung für 2025 geplant

Berlin, September 2023 – Der Deutsche Lehrerverband (DL) spricht sich für eine Teilnahme Deutschlands an der kommenden TALIS-Studie (Teaching and Learning International Survey) der OECD aus. Dies fordert der Verband in einem offenen Brief an die Kultusministerkonferenz (KMK).

In der TALIS-Studie werden in zahlreichen OECD-Ländern Lehrkräfte über ihr Arbeitsleben in der Schule befragt. Die Erhebung untersucht viele Aspekte, angefangen beim schulischen Umfeld und der Art und Weise, wie Lehrkräfte untereinander Feedback geben bis hin zu ihren Unterrichtsmethoden und ihrer Teilnahme an kontinuierlicher beruflicher Weiterbildung. Deutschland hat sich bisher lediglich an der TALIS-Starting-Strong-Studie beteiligt, die wichtige internationale Vergleichsdaten zu den Rahmenbedingungen des Beschäftigungsfeldes und pädagogischen Praktiken im Kita-Alltag liefert.

An der jüngsten TALIS-Studie aus dem Jahr 2018 beteiligten sich zahlreiche OECD-Staaten, darunter Australien, Estland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Österreich, Schweden, Spanien, Südkorea und die USA.

Der Fokus der Erhebung liegt international auf Schulen mit ISCED (International Standard Classification of Education) Level 2. ISCED Level 2 entspricht in Deutschland der Sekundarstufe I. Diese umfasst in Deutschland die Klassen 5 bis 8 für Schülerinnen und Schüler an Sekundar-, Gesamt-, Real- und Hauptschulen und Gymnasien.

Die Daten der Studie können aber auch wichtige Erkenntnisse für das Arbeitsumfeld aller Lehrkräfte bieten, also auch den Kolleginnen und Kollegen im Bereich der Primarstufe und der Sekundarstufe II zugutekommen. Zudem haben teilnehmende Länder auch die Möglichkeit, den Untersuchungsbereich in andere Schulbereiche auszudehnen.

Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes:

„Das Arbeitsumfeld der Lehrkräfte in Deutschland wird bisher nur lückenhaft untersucht. Dabei könnten international vergleichbare Daten helfen, hier zielgerichtet und effektiv Verbesserungen vorzunehmen. In einem attraktiven Arbeitsumfeld liegt ein Schlüssel zur Bekämpfung des Lehrkräftemangels. Wir appellieren daher an die Kultusministerkonferenz, die Teilnahme Deutschlands an der kommenden TALIS-Studie zu initiieren und die notwendigen Ressourcen dafür bereitzustellen.“

Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbands DPhV:

„In der Vergangenheit sind viele Anstrengungen unternommen worden, die Leistungsentwicklung unseres Schulsystems für Schülerinnen und Schüler zu messen. Für Lehrkräfte war dies bisher leider kaum der Fall. Die TALIS-Studie bietet eine gute Möglichkeit, um den Ist-Zustand unseres Bildungssystems zu analysieren, bewährte Praktiken zu identifizieren und gezielte Maßnahmen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für Lehrkräfte abzuleiten.“

Dirk Meußer, amtierender Vorsitzender (kommissarisch) des Verbands Deutscher Realschullehrer VDR:

„Die Daten, die über eine Untersuchung wie TALIS gewonnen werden können, sind wichtig, um die Ausbildung der zukünftigen Lehrkräfte zu gestalten und die Fortbildung der Lehrkräfte zielgerichtet anzubieten und auszubauen. In jedem Bundesland gibt es zudem aktuell anders gestaltete Qualifizierungsangebote, um Lehrkräfte für den Quereinstieg in den Schuldienst auszubilden – TALIS könnte Daten liefern, was gerade diese Kolleginnen und Kollegen brauchen und auf welche Qualifizierung sich die Länder beim Quereinstieg einigen sollten.“

Pankraz Männlein und Dr. Sven Mohr, Vorsitzende des Bundesverbands der Lehrkräfte für Berufsbildung BvLB:

„Die beruflichen Schulen kämpfen bereits deutlich länger mit dem Problem des Lehrkräftemangels. Dadurch haben sich dort aber auch schon neue Ideen und Strukturen herausgebildet, um Lehrkräfte im beruflichen Bildungssystem zu halten und neue Lehrkräfte durch Studium und Quereinstieg zu gewinnen. Der BvLB fordert daher, auch den Bereich der beruflichen Bildung mit seiner breiten Palette von Bildungsangeboten und Schulformen zukünftig in die TALIS-Untersuchung mit einzubeziehen.“

Gerlinde Kohl, Bundesvorsitzende der Katholischen Erziehergemeinschaft Deutschlands KEG:

„Wie schon im Kita-Bereich und im Bereich der Leistungen von Schülerinnen und Schülern brauchen wir Daten, die das Arbeitsumfeld von Lehrkräften in allen Schulbereichen bewerten und international vergleichen. Die Teilnahme an TALIS für den Bereich der Sekundarstufe I sollte nur der erste Schritt sein, damit wir in zukünftigen Untersuchungen Erkenntnisse darüber gewinnen, was alle Lehrkräfte an ihren Arbeitsplätzen brauchen und welche spezifischen Anliegen Lehrkräfte unterschiedlicher Schularten haben.“

Der Offene Brief ist unter diesem Link abrufbar bzw. hier als PDF zum Download Offener_Brief_TALIS verfügbar.

—————-

Für Stellungnahmen erreichen Sie DL-Präsident Stefan Düll über presse@lehrerverband.de bzw. unter 0151 – 10 92 68 48.

Für den Inhalt verantwortlich: Geschäftsstelle Deutscher Lehrerverband – Anne Schirrmacher

DL-Präsident Düll zur Debatte um Sprachförderung: „Deutsch ist der Schlüssel für den Erfolg in Schule und Beruf“

In der Debatte um die Einführung verpflichtender Sprachstandstests präzisierte DL-Präsident Stefan Düll seine Aussagen wie folgt:

„Deutsch ist der Schlüssel für den Erfolg in Schule und Beruf. Nur durch eine gezielte Sprachförderung kann Kindern mit Defiziten in der Beherrschung des Deutschen als Alltags- und Bildungssprache der Weg ins Leben geebnet werden. Für eine erfolgreiche Integrationspolitik braucht es Sprachstandstests, wie das Beispiel Hamburg zeigt. Im Flächenland Bayern zeigen gerade Kinder in den Städten und Ballungsräumen vielfach einen großen Sprachförderbedarf.

Schon im vorschulischen Bereich der frühkindlichen Erziehung braucht es die erforderlichen Ressourcen und die richtigen Konzepte. Es sind größere Anstrengungen erforderlich, um sicherzustellen, dass Kinder bei der Einschulung in der Lage sind, dem Unterricht auch sprachlich zu folgen. Dazu fordert der Deutsche Lehrerverband verpflichtende vorschulische Sprachstandserhebungen und bei festgestellten Sprachdefiziten eine verpflichtende vorschulische Förderung.

Dabei setzen wir in Erweiterung traditioneller Sprachförderprogramme auf eine alltagsintegrierte Sprachbildung, die durch Impulsförderung den Erwerb eines Grundwortschatzes bestmöglich unterstützt und garantiert. Wesentlich dabei ist auch die Expertise des pädagogischen Personals an den Kindertagesstätten, die mit der Durchführung der Tests und der weiteren Fördermaßnahmen befasst sein werden. Sicherlich benötigen nicht alle Kinder eine zusätzliche Sprachförderung, aber viele und es werden zunehmend mehr.“

—————-

Für Stellungnahmen erreichen Sie DL-Präsident Stefan Düll über presse@lehrerverband.de bzw. über eine Anfrage an die Geschäftsstelle unter 030 / 70 09 47 76.

Für den Inhalt verantwortlich: Geschäftsstelle Deutscher Lehrerverband – Anne Schirrmacher

Veröffentlicht unter Presse