Nachhaltige Personalgewinnung braucht Qualität und attraktive Schulen
Die heute veröffentlichte Studie Bildung auf einen Blick 2026 der OECD macht erneut deutlich, dass der Lehrkräftemangel in vielen Industriestaaten zu den größten Herausforderungen der Bildungspolitik gehört. Auch Deutschland steht weiterhin vor der Aufgabe, ausreichend qualifizierte Lehrkräfte für alle Schularten, Fächer und Regionen zu gewinnen und langfristig im Beruf zu halten. Der Deutsche Lehrerverband (DL) sieht sich durch die aktuellen Entwicklungen in seiner langjährigen Forderung bestätigt, den Lehrkräftemangel nicht durch eine Absenkung von Ausbildungsstandards zu bekämpfen, sondern die Attraktivität des Lehrerberufs nachhaltig zu stärken.
„Wer junge Menschen für den Lehrerberuf gewinnen möchte, muss ihnen attraktive Schulen zeigen“, betont DL-Präsident Stefan Düll. „Wenn Lehrkräfte dauerhaft überlastet sind und zahlreiche Aufgaben übernehmen müssen, die nichts mit Unterricht zu tun haben, schwächt das die Attraktivität des Berufs. Gute Vorbilder entstehen dort, wo Lehrkräfte sich auf ihre pädagogische Arbeit konzentrieren können.“
Laut den in der OECD-Studie ausgewerteten PISA-Daten besuchen 55 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland Schulen, deren Schulleitungen berichten, dass das Lernen durch die Abwesenheit von Lehrkräften beeinträchtigt wird. Dies zeigt, dass der Lehrkräftemangel für viele Kinder und Jugendliche längst im Schulalltag angekommen ist. Der Deutsche Lehrerverband fordert deshalb ein Maßnahmenpaket, das sowohl den Berufseinstieg als auch die langfristige Berufsausübung in den Blick nimmt.
Ausbildungsqualität sichern
Der DL warnt davor, auf den Personalmangel mit dauerhaften Abstrichen bei der Lehrerbildung zu reagieren. DL-Präsident Stefan Düll: „Gute Schulen brauchen gut ausgebildete Lehrkräfte. Wer den Lehrkräftemangel wirksam bekämpfen will, darf nicht bei der Qualität der Ausbildung sparen. Unterrichtliche Qualität entsteht durch eine fundierte fachwissenschaftliche Ausbildung und eine hochwertige didaktische und pädagogische Qualifizierung. Dazu gehört ausdrücklich auch die Beibehaltung eines vollwertigen Vorbereitungsdienstes ohne zeitliche Verkürzungen.“
Ebenso sollten für Quer- und Seiteneinsteigende hohe Qualifikationsanforderungen gelten. „Quer- und Seiteneinstieg können einen wichtigen Beitrag zur Unterrichtsversorgung leisten“ hebt Düll hervor, „die Programme dafür müssen jedoch auf eine umfassende Qualifizierung ausgerichtet sein. Schülerinnen und Schüler haben Anspruch auf professionell ausgebildete Lehrkräfte, unabhängig davon, auf welchem Weg diese in den Beruf gelangen. Und die zukünftigen Lehrkräfte im Quer- und Seiteneinstieg verdienen nicht, unvorbereitet in den Unterricht geschickt zu werden und dann womöglich früh auszubrennen.“
Schulen als Arbeitsorte attraktiver machen
Nach Auffassung des Deutschen Lehrerverbands wird sich der Lehrkräftebedarf langfristig nur decken lassen, wenn Schulen für Beschäftigte attraktiver werden. Dazu braucht es eine spürbare Entlastung der Lehrkräfte durch Verwaltungsfachkräfte, einen flächendeckenden Ausbau der Schulsozialarbeit sowie technische Unterstützung durch qualifiziertes IT-Personal. Ebenso wichtig sind moderne und sanierte Schulgebäude mit zeitgemäßer digitaler Infrastruktur und verlässliche Unterstützungssysteme für Schulleitungen. Nur wenn Lehrkräfte sich auf ihre pädagogischen Kernaufgaben konzentrieren können und Schulen als gut ausgestattete, leistungsfähige Arbeitsorte wahrgenommen werden, wird es gelingen, mehr junge Menschen dauerhaft für den Lehrerberuf zu gewinnen.
Beamtenstatus stärkt Attraktivität und Verlässlichkeit
Der Deutsche Lehrerverband bekräftigt zudem seine Position, dass das Berufsbeamtentum weiterhin ein wichtiger Baustein für die Gewinnung und Bindung qualifizierter Lehrkräfte bleibt. Gerade in Zeiten eines verschärften Wettbewerbs um akademische Fachkräfte benötigen die Länder attraktive und verlässliche Beschäftigungsbedingungen. Dazu gehört auch die weitere Stärkung des Beamtenstatus für Lehrkräfte.
Die OECD weist zudem darauf hin, dass Lehrkräfte einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit außerhalb des eigentlichen Unterrichts für Vorbereitung, Nachbereitung, Organisation und weitere schulische Aufgaben aufwenden. Dies verdeutlicht die Notwendigkeit, die tatsächliche Arbeitsbelastung von Lehrkräften umfassend in den Blick zu nehmen.
Aus Sicht des Deutschen Lehrerverbands greift die Debatte über die Arbeitszeit von Lehrkräften zu kurz, wenn sie allein auf Anwesenheitszeiten oder Arbeitsorte fokussiert. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, wie die Vielzahl zusätzlicher Aufgaben neben dem Unterricht bewältigt werden kann. Wer den Lehrkräften immer neue Aufgaben überträgt, muss auch bereit sein, die Unterrichtsverpflichtung entsprechend anzupassen. Der DL spricht sich daher für eine Absenkung der Unterrichtsdeputate aus, wo zusätzliche Anforderungen dauerhaft zu leisten sind.
„Zugleich muss die Vertrauensarbeitszeit erhalten bleiben“, betont DL-Präsident Stefan Düll. „Die eigenverantwortliche Gestaltung der Arbeitszeit ist ein wesentliches Merkmal professionellen Lehrkräftehandelns und trägt dazu bei, dass Unterrichtsvorbereitung, Korrekturen, Beratung und Schulentwicklung flexibel und bedarfsgerecht erbracht werden können. Entscheidend sind nicht mehr Präsenzvorgaben, sondern weniger Bürokratie, zusätzliche Unterstützungskräfte und bessere Arbeitsbedingungen an den Schulen.“
Bildungspolitik braucht einen langen Atem
Der Lehrkräftemangel ist das Ergebnis langfristiger demografischer Entwicklungen, steigender Schülerzahlen in einzelnen Regionen und einer über Jahre hinweg zu knappen Personalplanung. Die aktuellen Prognosen der Kultusministerkonferenz zeigen, dass Deutschland auch in den kommenden Jahren erhebliche Anstrengungen unternehmen muss, um den Bedarf an Lehrkräften zu decken, auch, weil ein erheblicher Teil der Lehrkräfte in Deutschland in den kommenden Jahren altersbedingt aus dem Schuldienst ausscheiden wird.
„Der Lehrkräftemangel lässt sich nicht durch kurzfristige Notmaßnahmen beseitigen. Notwendig sind nachhaltige Investitionen in Ausbildung, Personalgewinnung und attraktive Arbeitsbedingungen. Wer dauerhaft genug qualifizierte Lehrkräfte gewinnen möchte, muss Schulen zu Orten machen, an denen Menschen gerne arbeiten und an denen junge Menschen, die jetzt noch zur Schule gehen, sich vorstellen können, selbst einmal Lehrerin oder Lehrer zu werden.“
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Für den Inhalt verantwortlich: Geschäftsstelle Deutscher Lehrerverband– Anne Schirrmacher


