Praxisorientierter Vorschlag fĂŒr „Phase 2“:

Praxisorientierter Vorschlag fĂŒr „Phase 2“ (aktualisiert Mai 2020):

Schrittweise RĂŒckkehr aller Jahrgangsstufen in den PrĂ€senzunterricht unter Beachtung der weiteren Entwicklung der Infektionskurve

PRÄSENZUNTERRICHT IM ZWEIWOCHENTAKT

Problemlage:

Bei voraussichtlich noch lange zwingend einzuhaltenden Abstands-regelungen in UnterrichtsrĂ€umen benötigt man fĂŒr die RĂŒckkehr einer kompletten Jahrgangsstufe an die Schulen, so wie es jetzt in den meisten BundeslĂ€ndern fĂŒr die NachfolgejahrgĂ€nge der Abschluss-klassen geplant ist, die doppelte Anzahl von RĂ€umen und auch LehrkrĂ€ften, weil Klassen und Lerngruppen geteilt werden und jeweils eigens beschult werden mĂŒssen. Dies ist möglich, solange nur maximal die HĂ€lfte der Jahrgangsstufen zurĂŒckkehrt.

Deshalb haben sich auch die BundeslĂ€nder lange gescheut, einen zeit­lichen Fahrplan fĂŒr die schrittweise RĂŒckkehr der einzelnen Jahrgangs­stufen vorzulegen, wie es die Eltern, SchĂŒler und LehrkrĂ€fte eigentlich dringend erwarten,. Zudem besteht die Gefahr, dass es mehrere Klas­senstufen geben wird, die in diesem Schuljahr unter diesen UmstĂ€nden nicht mehr in den PrĂ€senzunterricht zurĂŒckkehren werden.

Das aber wĂŒrde bedeuten, dass eine große Anzahl SchĂŒler noch fĂŒr Monate ausschließlich auf das „Homeschooling“ verwiesen wird, von dem wir wissen, dass es erstens bei weitem nicht so effektiv wie echter Schulunterricht ist und dass zweitens dadurch rund ein Viertel der SchĂŒler nicht oder kaum erreicht wird. Die Gefahr, dass vor allem sozial benachteiligte und leistungsschwache Kinder und Jugendliche sowie SchĂŒler mit besonderem Förderbedarf abgehĂ€ngt werden, wĂŒrde bei einer solchen Verfahrensweise stark ansteigen.

Vorschlag von PrÀsenzunterrichtsphasen im Wochenwechsel mit ArbeitsauftrÀgen und digitalem Fernunterricht

Angesichts dieser Herausforderungen, Probleme und Belastungen, welchen in Zeiten von Corona alle Mitglieder der Schulfamilie, SchĂŒler, LehrkrĂ€fte und Eltern ausgesetzt sind, brauchen wir möglichst unkomplizierte, einfach umzusetzende und fĂŒr die meisten Jahrgangsstufen und Schularten geeignete Lösungen.

Eine mögliche Lösung lautet: Unterricht im Wochenwechsel bzw. Zweiwochentakt!

Der Unterricht erfolgt in zwei Schichten:

  • in Woche 1 die eine HĂ€lfte der Klasse oder Lerngruppe
  • in Woche 2 die andere HĂ€lfte der Klasse oder Lerngruppe

Der Wochenstundenplan wird komplett beibehalten, es gibt keine KĂŒrzung von FĂ€chern, die bisherigen KlassenlehrkrĂ€fte und Fachlehrer können weiter ihre SchĂŒler betreuen.

In Woche 1 unterrichten die LehrkrĂ€fte in den Schulen die SchĂŒler im PrĂ€senzunterricht und geben fĂŒr die unterrichtsfreie Woche ArbeitsauftrĂ€ge und Hausaufgaben. ErgĂ€nzt und intensiviert wird die Betreuung und Beschulung der SchĂŒler in der Woche 2 ohne PrĂ€senzunterricht durch LehrkrĂ€fte, die einer Risikogruppe angehören, und zwar durch digitalen Fernunterricht. Der PrĂ€senzunterricht kann damit maximal nur im Umfang der HĂ€lfte des bisherigen Unterrichtsumfangs stattfinden. 

Vorteile dieses Zweiwochenschichtmodells

Dieses Schichtmodell im Zweiwochenrhythmus hat große Vorteile gegenĂŒber der jetzigen Praxis und der bisher von den LĂ€ndern avisierten vorrangigen RĂŒckkehr ganzer Jahrgangsstufen:

  1. Es ist fĂŒr die meisten Schulen und Schularten relativ einfach organisatorisch umzusetzen, weil an den bisherigen Stunden- und RaumplĂ€nen kaum etwas geĂ€ndert werden muss.
  2. Es können damit wieder alle SchĂŒler einer Jahrgangsstufe in die Schulen zurĂŒckgeholt werden, was die schwerwiegenden Benachteiligungseffekte des so genannten „Homeschoolings“ in Bezug auf die Kinder, die man damit nicht erreicht, verhindert. Es ergeben sich dadurch auch neue Chancen, diese abgehĂ€ngten SchĂŒler im PrĂ€senzunterricht wieder verstĂ€rkt zu fördern.
  3. SchulrĂ€ume und LehrkrĂ€fte mĂŒssten voraussichtlich ausreichen, weil nur die HĂ€lfte der SchĂŒler jeweils an der Schule anwesend ist.
  4. Die Politik wĂ€re auf der Grundlage dieses Modells in der Lage, angepasst an die „Corona-Infektionslage“ in Deutschland, einen schrittweisen, nach Klassenstufen gestaffelten Zeitplan fĂŒr die RĂŒckkehr von SchĂŒlern in den PrĂ€senzunterricht vorzulegen, der es allen SchĂŒlern ermöglicht, in naher Zukunft in die Schulen zurĂŒckzukehren.
  5. FĂŒr die Erziehungsberechtigten ergeben sich auch Vorteile: Es wird die große Chance eröffnet, dass auch die jĂŒngeren Kinder noch in diesem Schuljahr in die Schulen zurĂŒckkehren können. Außerdem ermöglicht der Zweiwochenrhythmus grundsĂ€tzlich besser planbare Betreuungs- und Arbeitszeiten.
  6. Da immer nur maximal die HĂ€lfte der SchĂŒler sich in der Schule aufhĂ€lt, erleichtert dies auch die Einhaltung des Abstandsgebots und des Gesundheitsschutzes auf Pausenhöfen, in SchulgĂ€ngen, in SanitĂ€rrĂ€umen, auf Treppen und im Parteiverkehr der Schulverwaltung
  7. Auch die Situation im Bereich der SchĂŒlerbeförderung und der Schulbusse wird sich dadurch deutlich entspannen, weil aufgrund der um 50 Prozent reduzierten tĂ€glichen SchĂŒlerströme die Abstandsregeln auch in den Bussen und im ÖPNV besser eingehalten werden können.
  8. Es gibt keine Notwendigkeit, einzelne FÀcher zu streichen und auch WahlfÀcher könnten weiter angeboten werden

Alternative Schichtmodelle

Das Modell des wöchentlichen Wechsels hat zwar große Vorteile, da, wo es von den rĂ€umlichen Gegebenheiten (zu kleine UnterrichtsrĂ€ume) und vom Personaleinsatz (Anzahl der im PrĂ€senzunterricht nicht einsetzbaren Risikopersonen unter LehrkrĂ€ften) nicht realisierbar ist, gibt es aber auch andere mögliche Schichtmodelle. Falls eine Drittelung von Lerngruppen notwendig ist, kann man das auch ĂŒber eine zeitliche Abfolge von 1 Woche PrĂ€senzunterricht und 2 Wochen Lernen zuhause auffangen. Auch ein tagesweiser Wechsel ist vorstellbar. Das österreichische Modell einer tagesweisen Verteilung von PrĂ€senztagen und Lernen zuhause von 3:2 bzw. in der Folgewoche von 2:3 ist aber fĂŒr die Eltern und SchĂŒler weniger gut planbar. Außerdem könnte es Probleme mit der Schulwegbeförderung geben. Zudem taucht dann sehr schnell die Forderung auf, doch gleich ein 3:3-Modell zu fahren, was verpflichtenden Samstagsunterricht bedeuten wĂŒrde. Der dementsprechende Vorstoß der Bundesbildungsministerin wĂ€re jedoch ein schwerwiegender Eingriff in das gesellschaftliche Leben, der unabhĂ€ngig von der Mehrbelastung von SchĂŒlern, Eltern und LehrkrĂ€ften und der nicht gelösten Schulwegbeförderung am Samstag kaum akzeptabel ist.

Noch weniger sinnvoll erscheinen aus Sicht des DL Schichtmodelle, die auf einen Wechsel der geteilten Klassen im PrĂ€senzunterricht zwischen Vor- und Nachmittagschichten setzen. Neben der massiven Mehrbelastung von LehrkrĂ€ften entstehen damit zusĂ€tzliche Probleme der Verteilung von SchĂŒlerströmen, da sich in der Mittagszeit fast alle SchĂŒler treffen wĂŒrden, die einen, die aus der Schule hinausströmen und diejenigen, die hineinwollen.

Schwierigkeiten, die es noch zu lösen gilt:

Mit dem Modell des Unterrichts im Zweiwochentakt werden natĂŒrlich nicht alle Schwierigkeiten gelöst.

Die EffektivitĂ€t von 100% PrĂ€senzunterricht wird voraussichtlich nicht erreicht werden können. Dazu kommt, dass wĂ€hrend der Schulschließungswochen auch betrĂ€chtliche Teile des Lehrplans nicht vermittelt werden konnten. UnabhĂ€ngig vom Schichtmodell bleibt es mittelfristig eine riesige Aufgabe, durch Wiederholungsphasen, Nachhol- und Förderkurse sowie vorĂŒbergehende Verdichtung von LehrplĂ€nen zu verhindern, dass dauerhaft Lehrplanziele und Bildungsstandards fĂŒr ganze SchĂŒlerjahrgĂ€nge verfehlt werden.

Auch ist klar, dass dieses Konzept nicht fĂŒr alle SchĂŒler und Schularten gleich gut geeignet ist. Beispielsweise ist der Schulbetrieb an Berufsschulen hĂ€ufig anders organisiert als in festen Schulwochen. Auch fĂŒr Kinder mit Förderbedarf wĂ€ren vielleicht umfangreichere PrĂ€senzzeiten an der Schule wĂŒnschenswert. Hier muss man noch weitere passgenaue Lösungen erarbeiten. Das vorgestellte Modell soll in der notwendigen FlexibilitĂ€t an die Gegebenheiten vor Ort (Anzahl und Altersgruppen der LehrkrĂ€fte, rĂ€umliche Ausstattung, Anzahl der SchĂŒler/innen) angepasst werden.

Auswirkungen auf LehrkrÀfte

Verhindert werden muss, dass die LehrkrĂ€fte, die im Schichtmodell wegen der Klassenteilungen trotz halbierten Unterrichts wieder ein volles Unterrichtsdeputat haben werden, durch zusĂ€tzliche Homeschoolingaufgaben ĂŒberlastet werden. Deshalb geht der DL davon aus, dass in der „Fernunterrichtswoche“  gesonderte Betreuung durch die LehrkrĂ€fte aus den Risikogruppen in Absprache mit den PrĂ€senzlehrkrĂ€ften erfolgt.

Nicht ausgeblendet werden soll, dass ein solches Schichtmodell auch fĂŒr LehrkrĂ€fte und auch die SchĂŒler zusĂ€tzliche VorzĂŒge bieten kann:

  • Der PrĂ€senzunterricht erfolgt in deutlich kleineren Lerngruppen, was es ermöglicht, besser individuell zu fördern und mehr Zeit fĂŒr den einzelnen SchĂŒler aufzuwenden.
  • Der Aufwand fĂŒr Unterrichtsvorbereitung reduziert sich, weil jede vorbereitete Stunde zweimal gehalten werden muss.
  • Die Halbierung des PrĂ€senzunterrichts wird auch eine vorĂŒbergehende Verringerung der erforderlichen Leistungserhebungen erforderlich machen.

Berlin im Mai 2020

Heinz-Peter Meidinger

Unterricht im Zweiwochentakt – PDF als Download (aktualisiert Mai 2020)