Deutscher Lehrerverband: Leistung fördern statt Daten anhäufen – Schulen sind keine Datensammelstellen

DL-Präsident Düll warnt vor falschen Prioritäten in der Bildungspolitik

Der Deutsche Lehrerverband (DL) spricht sich gegen die Forderungen des sächsischen Kultusministers Conrad Clemens nach einer flächendeckenden, personalisierten Verlaufsdiagnostik von der Kita bis zum Schulabschluss aus. Eine Ausweitung der Datenerfassung löse nicht die zentralen Probleme des Bildungssystems und dürfe nicht von den Herausforderungen im Schulalltag ablenken.

DL-Präsident Stefan Düll erklärt: „Es ist ein Irrtum zu glauben, dass mehr Daten automatisch zu besserer Bildung führen. Lehrkräfte diagnostizieren Lernstände schon heute kontinuierlich auf Grundlage von Leistungserhebungen, Beobachtungen und pädagogischer Erfahrung. Eine jahrelange zentrale Verlaufsdiagnostik schafft zunächst vor allem neue Datensätze, doch sie resultiert nicht automatisch in besserer Förderung oder in besseren Leistungen.“

Der Deutsche Lehrerverband verweist auf sein Positionspapier zur Schüler-ID, in dem zahlreiche ungeklärte Fragen benannt werden (Januar 2026: https://www.lehrerverband.de/schueler-id/). Bis heute sei offen, welche Daten überhaupt gespeichert werden sollen, wer darauf Zugriff erhält, wie lange sie aufbewahrt werden und welchen konkreten Nutzen Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte daraus ziehen.

„Bevor über neue Datenregister gesprochen wird, muss beantwortet werden, welchen konkreten pädagogischen Mehrwert sie für den Unterricht haben. Daten dürfen nicht zum Selbstzweck werden. Schulen sind keine Datensammelstellen für Verwaltungs- oder Forschungsinteressen“, betont Düll. „Zusätzliche Datenerhebung bedeutet in erster Linie eine zusätzliche Belastung der Lehrkräfte durch unterrichtsferne Verwaltungsaufgaben. Das ist Zeit, die dann für das Unterrichten und die individuelle Förderung fehlt.“

Kritisch sieht der Verband auch den Verweis auf internationale Vorbilder wie Kanada. Unterschiede in Schulstruktur, Organisation und pädagogischen Rahmenbedingungen ließen sich nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen.

Nach Auffassung des Deutschen Lehrerverbands bestehen die größten Herausforderungen nicht in fehlenden Daten, sondern in fehlenden Ressourcen für individuelle Förderung. „Wenn zusätzliche Diagnosen besonderen Förderbedarf sichtbar machen, hilft das wenig, solange Lehrkräfte, Förderstunden, Schulpsychologen oder multiprofessionelle Teams fehlen. Entscheidend ist nicht, noch genauer zu messen, sondern wirksam zu handeln“, so Stefan Düll.

Zugleich warnt der Verband vor möglichen Risiken für Datenschutz und Datensicherheit. Eine personalisierte Schüler-ID sei nur bei klarer Zweckbindung, strengen Zugriffsregelungen und vollständiger rechtlicher Klärung denkbar. Vorrang müsse weiterhin das Prinzip der Datensparsamkeit haben.

„Wer mehr Diagnostik fordert, muss zuerst erklären, wie die Daten geschützt werden und welchen unmittelbaren Nutzen sie für die Schülerinnen und Schüler haben. Unterrichtsqualität entsteht durch gute Lehrkräfte, verlässliche Rahmenbedingungen und ausreichende Unterstützungssysteme, nicht durch immer umfangreichere Datenerfassung“, betont Düll. „Allgemein gibt es die sinnvolle Tendenz, unnötige Bürokratie und Berichtspflichten abzuschaffen. Bayerns Kultusministerin und BMK-Präsidentin Stolz setzt sich mit einem Programm in Bayern zur Entlastung von Schulen und Lehrkräften von Verwaltungsvorschriften dafür ein – das sollte Vorbild für alle Bundesländer sein.“

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Für Stellungnahmen erreichen Sie DL-Präsident Stefan Düll über presse@lehrerverband.de bzw. über

0151-10 92 68 48.

Für den Inhalt verantwortlich: Geschäftsstelle Deutscher Lehrerverband – Anne Schirrmacher

Zu den Ergebnissen von TIMSS

Titelbild TIMSS 2023 – (c) Waxmann Verlag

Zu den heute veröffentlichten Ergebnissen von TIMSS 2023 (Trends in International Mathematics and Science Study) äußerte sich DL-Präsident Stefan Düll gegenüber verschiedenen Medien u.a. wie folgt:

Die Ergebnisse sind nicht herausragend, und vor allem die Schülerinnen und Schüler im unteren Leistungsbereich machen uns Sorgen. Mit einer „Glas-Halbvoll“-Perspektive muss aber darauf hingewiesen werden, dass die Ergebnisse in Mathematik sich seit der Timss-Ausgabe 2019 nicht verschlechtert haben, obwohl die getesteten Jahrgänge in ihrer Schulstartphase von den Corona-Schulschließungen betroffen waren. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Auswirkungen der Schulschließungen in den vergangenen Schuljahren durch den Einsatz der Lehrerinnen und Lehrer in den Grundschulen inzwischen aufgefangen werden konnten. Bei den IQB-Leistungsstudien und den PISA-Ergebnissen hatten wir noch Verschlechterungen zum Vor-Pandemie-Zeitraum gesehen, welche Tendenz sich jetzt verstetigt, müssen wir beobachten.

Sprache ist das A und O, auch im Mathematikunterricht. Aufgaben im sprachlichen Kontext nehmen zu, die klassischen Rechenaufgaben eher ab. Dann kommt es darauf an, wieviel Mathematikverständnisüber das Elternhaus vermittelt wird. Schule baut immer darauf auf, was Kinder in der Familienkultur lernen, erleben und begreifen.

Deutsch als Bildungssprache ist die Grundvoraussetzung für die Leistungen in allen Fächern, auch in Mathematik und Naturwissenschaften, denn ohne gute, differenzierte und sich entwickelnde Sprachkenntnisse können die Kinder Erklärungen und Aufgabenstellungen nicht verstehen. Daher müssen wir besonders unser Augenmerk darauf richten, dass Kinder mit adäquaten Sprachkenntnissen eingeschult werden, damit sie ihre Bildungsbiographie mit Erfolgserlebnissen beginnen können. Wir befürworten daher flächendeckende Sprachtests im Kita-Alter und daraus folgend – wo notwendig – verpflichtende Sprachförderung vor der Einschulung oder ggfs. auch eine Rückstellung bei der Einschulung. Hamburg macht das seit einigen Jahren, mit sehr guten Erfolgen. Bayern zieht nach. Thüringen spricht im Koalitionsvertrag von einem ‚Gesamtkonzept Sprachförderung‘. Kein Bundesland kann es sich leisten, nicht die Sprachdefizite schon vor der Einschulung zu beheben.

Das betrifft nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund. Eltern aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft sind vom Arbeitsalltag so gestresst, dass sie auf elektronische Medien als Babysitter zurückgreifen, statt sich emotional und sprachlich mit ihren Kindern auseinanderzusetzen, was sich auch im sozialen Umgang der Kinder untereinander bemerkbar macht. Der Kita-Besuch vor der Einschulung und die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen dort zeigt positive Auswirkungen in Bezug auf Sprache und soziale Kompetenzen.

Kinder in der Grundschule brauchen vor allem Zeit, Förderung und Übungsmöglichkeiten für die Grundfähigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens. Wenn sie diese Grundfähigkeiten nicht auf dem Mindestlevel erreichen, spüren sie die Auswirkungen in ihrer gesamten Bildungs- und Berufskarriere. Grundschullehrkräfte brauchen für diese Förderung Zeit. Und wenn die Klassen in der Grundschule sehr leistungsheterogen sind und es Schülerinnen und Schüler mit sozio-emotionalen Schwierigkeiten gibt, dann brauchen die Kolleginnen und Kollegen Unterstützung durch flankierendes Personal im Bereich Schul-Assistenz, Schulsozialarbeit und Schulpsychologie.

Für den Bereich der Digitalisierung ist die Grundschule ist nicht der Ort, in dem jedes Kind ein Tablet braucht. Aber: Kinder haben zu Hause immer früher ein digitales Endgerät zur Verfügung, da viele Eltern es als eine Art digitalen Schnuller einsetzen. Darauf muss man Rücksicht nehmen. Man kann Geräte gezielt ausgeben, um damit etwas Sinnhaftes zu machen.

Wir beobachten auch die Abnahme im Bereich der leistungsstarken Kinder und Jugendlichen mit Sorge. Bei aller sehr wichtigen Förderung derer, die die Mindeststandards nicht erreichen, dürfen die Kinder, die uns auf den ersten Blick keine Sorgen machen, nicht einfach nur nebenherlaufen. Auch sie verdienen Förderung und Aufmerksamkeit auf ihrem Level.

Bildungs- und Finanzpolitik muss sich von der Ansicht verabschieden, der nächste technische Kniff – seit neustem KI – würde dabei helfen, den personellen und finanziellen Mangel im Bildungsbereich in Leistungserfolg bei den Kindern und Jugendlichen zu verwandeln. Leistungsvergleichsstudien sind wichtig, aber die Ergebnisse mit den großen Anteilen an Kindern und Jugendlichen, die die Mindestlevel nicht erreichen, zeigen uns, dass wir in Deutschland mehr in Bildung investieren müssen und das bedeutet in Köpfe und nicht allein in Digitalisierung. An dieser Tatsache wird auch die nächste und übernächste Leistungsstudie nichts ändern. Sie kann uns dann höchstens aufzeigen, ob wir in Sachen Investition und Förderung auf dem richtigen Weg sind.

Das neue Startchancenprogramm ist ein erster Anfang, allerdings: Nur weil ich große Summen Geld ausstreue, werde ich nicht sofort Erfolg haben. Die Schulen müssen planen, Personal einstellen, etwa Sozialpädagogen. Sie müssen Konzepte ausarbeiten. Da ist unheimlich viel miteinander zu reden, zu entscheiden. Und dann erst wird finanziert. Dafür brauchen Schulen Leitungszeit. Bis signifikante Verbesserungen sichtbar werden, wird es lange dauern.

Eigentlich hat Deutschland ein stabiles, gut funktionierendes Schulwesen. Doch es leidet an immer neuen Herausforderungen, sei es durch Digitalisierung, sei es durch die Flüchtlingswellen. Hinzu kommt: Es fehlen Lehrkräfte, es gibt kaum flankierendes Personal, die Digitalisierung läuft nur halbherzig, es gibt einen Sanierungsstau bei den Gebäuden, den Schulen werden neue Aufgaben zugewiesen, ohne alte zu nehmen. Das wirft die Schulen in ihren Anstrengungen zurück.