DL-Präsident Stefan Düll zur Diskussion um Social-Media-Altersgrenzen

Eine feste Altersgrenze für die Nutzung von Social-Media-Plattformen ist problematisch – aus mehreren Gründen, eines davon die praktische Umsetzung einer Altersbegrenzung. Zudem betrifft das Suchtpotenzial nicht nur Jugendliche, sondern ebenso Erwachsene. Daher sollten Plattformen gesetzlich verpflichtet werden, alle Nutzer zu schützen, beispielsweise indem „Infinite Scrolling“ mit einem einfachen Klick begrenzt werden kann, indem wirksame Moderationsstrukturen aufgebaut und extremistischer Inhalte konsequent entfernt werden. Das Verhalten älterer Nutzergruppen zeigt zudem: Eine analoge Kindheit bietet keinen automatischen Schutz vor Online-Risiken.

Social Media eröffnet Jugendlichen wichtige Räume zum Lernen und zur Kommunikation – sei es für Hobbys, Interessen oder Hilfsangebote. Dort informieren sie sich auch über gesellschaftliche und politische Themen. Deshalb sollte das demokratische und unterstützende Angebot auf diesen Plattformen gestärkt werden, anstatt den Zugang zu blockieren. Jüngere Kinder brauchen dabei besonders die Begleitung ihrer Eltern, die mit ihren Kindern jeden Alters im Gespräch über ihr Online-Verhalten sein sollten.

Generell dürfen sich Eltern bei dem Thema nicht aus der Verantwortung ziehen. Eltern sind dafür verantwortlich, wann sie ihren Kindern den Zugang zu Smartphones, Tablets und anderen digitalen Endgeräten ermöglichen und wie sie den Zugang zum WLAN handhaben. Altersgrenzen für Social Media helfen nicht, wenn Eltern ihren Kindern Accounts einrichten. Medienkompetenz muss sowohl in Familien als auch in Schulen vermittelt werden, und die Politik ist gefordert, ausreichend qualifiziertes Lehrpersonal für diese und andere Aufgaben bereitzustellen.

Die aktuellen Umsetzungen der australischen Regelungen zeigen: Es gibt zahlreiche praktische und rechtliche Fragen zur Altersverifikation, vielen Jugendlichen gelingt es zudem, sie zu umgehen. Neue Plattformen mit Chatfunktionen werden auftauchen, die von den Kindern und Jugendlichen genutzt werden. Die Gesetzgeber hinken der Entwicklung hinterher, anstatt den digitalen Raum für alle Nutzer zu einem sicheren Raum zu machen, indem Social-Media-Plattformen und Online-Spiele mit Chatfunktionen z.B. zu bestimmten Default-Settings und Moderationsstrukturen verpflichtet werden.

Kinder und Jugendliche kommen sowohl offline als auch online in Situationen, in denen sie unangemessene oder gefährliche Entscheidungen treffen – wir müssen ihnen helfen, generell Urteilsfähigkeit zu entwickeln. Dafür brauchen sie nicht nur analoge Räume und Freizeitangebote, sondern auch die Möglichkeit zur digitalen Teilhabe.

DL-Präsident Stefan Düll zu den angekündigten Protesten gegen die Wehrpflicht während der Unterrichtszeit

Am Freitag, 5.12.2025, berät der Deutsche Bundestag abschließend über den Gesetzentwurf zum „Wehrdienst-Modernisierungsgesetz“, das danach beschlossen werden soll. Ebenfalls am Freitag wird in diesem Zusammenhang unter Schülerinnen und Schülern zu einem „bundesweiten Schulstreik“ als Protest gegen die Regelungen des neuen Gesetzes aufgerufen. DL-Präsident Stefan Düll äußert sich zu der Situation: 

„Die aktuelle Debatte über eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht beschäftigt auch unsere Schülerinnen und Schüler. Die Aufgabe der Schule besteht darin, sachlich über die rechtlichen Grundlagen, die sicherheitspolitische Situation sowie den gesellschaftlichen Kontext – insbesondere die Bedrohung durch Russland und dessen Unterstützer – zu informieren und Orientierungswissen zu vermitteln. Dabei ist wichtig: Niemand soll zum Wehrdienst gezwungen werden. Das Grundgesetz garantiert das Recht auf Verweigerung des Kriegsdienstes mit der Waffe. Wie bei anderen gesellschaftlichen und politischen Themen schaffen viele Lehrkräfte Raum für die Fragen der Schülerinnen und Schüler, wenn die Unterrichtszeit und Lehrplan es zulassen.  

Eine Ausweitung der Wehrpflicht auf Frauen oder die Einführung eines allgemeinen Pflichtdienstes findet derzeit im Deutschen Bundestag keine verfassungsändernde Mehrheit. Aufrufe zu Schulstreiks vermitteln hier einen falschen Eindruck. Ein verpflichtender Einsatz im Pflege- oder Rettungsbereich wäre rechtlich nur in einer besonderen Notlage zulässig und muss daher freiwillig bleiben. Schülerinnen können sich selbstverständlich mit ihren Mitschülern solidarisch zeigen und an politischen Aktionen teilnehmen, sofern sie die schulrechtlichen Vorgaben beachten. Die Schülerinnen und Schüler sollten sich auch generell damit beschäftigen, wer hinter Aufrufen zu Protesten und Demonstrationen steht bzw. wer sich damit solidarisiert, um sich mit ihrer Teilnahme nicht für undurchsichtige Zwecke instrumentalisieren zu lassen.

Sogenannte „Schulstreiks“ während der Unterrichtszeit gelten rechtlich nicht als Streiks, da Schülerinnen und Schüler keine Arbeitnehmer sind. Wer gegen die Reaktivierung der Wehrpflicht demonstrieren möchte, kann dies jederzeit außerhalb der Unterrichtszeit tun; die Versammlungs- und Meinungsfreiheit ist umfassend gewährleistet. Eine Demonstrationsteilnahme während der Unterrichtszeit ist ein unerlaubtes Fernbleiben vom Unterricht und liegt in der Verantwortung der Eltern bzw. der volljährigen Schüler. Sie erfordern die vorherige Abmeldung bei der Schulleitung, um unnötige Nachfragen bei den Eltern zu vermeiden, sowie die Bereitschaft, pädagogische oder disziplinarische Konsequenzen zu akzeptieren.

Die Schule wird in solchen Fällen mit Augenmaß handeln. In der Regel wird den Teilnehmenden ein Gespräch außerhalb des Unterrichts angeboten, um über Sinn, Folgen und alternative Formen politischer Beteiligung zu sprechen. Wer jedoch unentschuldigt dem Unterricht fernbleibt und Gesprächsangebote ablehnt, muss mit erzieherischen Maßnahmen bis hin zu einem Verweis rechnen.“

Foto von Maheshkumar Painam auf Unsplash

 

Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, zur Arbeitsbelastung von Schulleitungen

Schulleitungen nehmen eine Vielzahl an Aufgaben wahr – neben den alltäglichen organisatorischen Prozessen für den Ablauf des Schulalltags haben sie die langfristige Gestaltung der Schule im Blick: von der Umsetzung der Digitalisierung über Verankerung der Demokratiebildung bis hin zu Ausstattung und Sanierung ihres Schulgebäudes. Sie vermitteln ihren Schulen Stabilität und Orientierung bei neuen Entwicklungen.

Auf allen Ebenen sind die Schulleitungen vom Fachkräftemangel betroffen: Der Lehrkräftemangel muss von ihnen organisatorisch im Alltag aufgefangen werden, indem sie kurzfristige und langfristige Vertretungen finden, fehlendes Personal in den Bereichen Verwaltung, IT und Gebäudebetreuung und -reinigung erschwert die Aufgaben zusätzlich. 

Schulleitungen sind Anlaufstelle für die Fragen, Probleme und Konflikte von Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Eltern, oft müssen sie dabei als Mediator wirken. Sie müssen sicherstellen, dass die Schulfamilie auf Ausnahmesituationen vorbereitet ist und im Fall von Unfällen, Naturkatastrophen oder Gewalttaten die Krisen managen.

Für einige Schulformen wie die Grundschulen gibt es regional schon einen eklatanten Schulleitungsmangel, weil die hohe Belastung sich nicht in einer entsprechenden Bezahlung widerspiegelt. Viele Personen, die in den Schulleitungen tätig sind, gehen über ihre eigenen Kräfte hinaus und landen im Burn-out.

Wir fordern für Schulen und Schulleitungen mehr Unterstützung:

  • Maßnahmen gegen den Lehrkräftemangel
  • Mehr Personal für die Schulen in den Bereichen Verwaltung, IT, Gebäudebetreuung und Reinigung
  • Zusätzliche Qualifizierung durch Weiterbildungsangebote für zukünftige Kandidatinnen und Kandidaten sowie für bestehenden Schulleitungen
  • Unterstützung durch Burn-out-Prophylaxe, damit Personen mit Schulleitungsaufgaben mit ihren Kräften haushalten
  • Reduktion der Unterrichtsverpflichtung von Schulleitungen

Schulen brauchen ein Make-over: Schluss mit ekelerregenden Toiletten, unsanierten Schulen, überfüllten Klassenzimmern und Technik aus dem vergangenen Jahrhundert!

Statement von Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, zur MINT-Offensive und dem anhaltenden Lehrkräftemangel:

Deutschland ist laut den aktuellen OECD-Zahlen („Bildung auf einen Blick“, 09.09.2025) MINT-Champion bei der Zahl der Absolventen – aber genau dort, wo die Zukunft gebaut wird, droht uns das Personal auszugehen! 35 Prozent unserer Absolventen kommen aus dem MINT-Bereich, ein Weltspitzenwert, doch die wenigsten landen als Lehrkräfte an unseren Schulen. Es wird händeringend nach Mathematik-, Informatik-, Naturwissenschafts- und Technik-Lehrkräften gesucht, während Unternehmen um genau diese Talente werben und so auch ehemalige Lehramtsstudierende in Unternehmen statt in Schulen arbeiten. Angesichts dieses eklatanten Mangels ist Schluss mit Schönreden: Wer MINT-Talente für die Schule gewinnen will, muss endlich liefern!

Schulgebäude müssen einladend, technisch modern und täglich sauber sein – sonst kommt der Nachwuchs nicht, sondern kehrt dem Lehrerberuf den Rücken. Wer die besten Köpfe gewinnen will, muss attraktive Arbeitsbedingungen bieten, dazu gehören mehr Entlastung von Verwaltung, echte Teams mit Sozialarbeit und Psychologie, sowie konkurrenzfähige Bezahlung zum Arbeitsmarkt.

Unsere Botschaft ist klar: Wenn Politik und Gesellschaft weiter die Augen verschließen, verspielt Deutschland seine Innovationskraft und den Anschluss an die Weltspitze. Die Ausbildung muss pädagogisch gründlich sein, die Schulen Orte, an denen junge Talente gerne anfangen. Bildung und Lehrkräftegewinnung brauchen jetzt radikale Investitionen statt wachsweicher Absichtserklärungen. Nur dann entstehen auch in den MINT-Klassenräumen neue Spitzenkräfte von morgen!

Foto von Jeswin Thomas auf Unsplash

Zunahme von sehr guten Schnitten beim Abitur – eine Entwicklung seit Jahrzehnten

DL-Präsident Stefan Düll zu der aktuellen Debatte um Abiture mit Einser-Schnitt: 

Das Bestehen der Abiturprüfungen ist kein Selbstläufer, die Abiturientinnen und Abiturienten haben auch in diesem Jahr hart dafür gearbeitet und gelernt. Aber im Vergleich zu früheren Jahrzehnten beobachten wir eine starke Zunahme an Abituren mit einem Einser-Schnitt. Das betrifft sowohl die Anzahl der Jugendlichen mit einer Note zwischen 1,0 und 1,9 als auch jene mit der Bestnote 1,0, die früher eine absolute Ausnahme war. In den 80er- und 90er-Jahren hatten durchschnittliche Gymnasien 5–10 Absolventen mit einem Schnitt besser als 2,0, heute sind es oft zwei- bis dreimal so viele. Früher stellten Lokalmedien die Gruppe mit einem Schnitt bis 1,9 heraus – heute wird meist nur noch die 1,0 berücksichtigt, um keine ganze Klassenstärke auf dem Foto zu haben.  

Die Ursachen sind vielfältig: In einer Klausur reichen heute bereits 90 % erfüllte Aufgaben für die Note „sehr gut“, zum Bestehen genügen laut KMK-Notenvereinbarung 45 % statt früher 50 %. Zudem wird die mündliche Leistung für die Kursnote am Halbjahresende stärker gewichtet. Schulklassen am Gymnasium sind durch politische Entscheidungen und den Einfluss des Elternwillens heterogener geworden. Benotungen orientieren sich in gewissem Maß auch am Leistungsniveau innerhalb einer Gruppe – dadurch erscheinen Leistungen, die früher als gut galten, heute als sehr gut. Der Maßstab verschiebt sich. 

Das Abitur als allgemeine Hochschulreife soll Studienbefähigung bescheinigen, nicht nur -berechtigung. Studienanfänger müssen Kompetenzen in Textverständnis, analytischem Denken, Argumentation und Schreiben mitbringen. Die angestrebte Vergleichbarkeit zwischen den Bundesländern über gemeinsame Abituraufgaben darf nicht zu einer Orientierung am kleinsten gemeinsamen Nenner führen. Unser Mitgliedsverband DPhV hat sich daher bereits 2023 gemeinsam mit dem Hochschulverband zur Frage des Anspruchsniveaus der gymnasialen Oberstufe geäußert: https://www.dphv.de/2023/10/12/gemeinsam-fuer-die-staerkung-des-abiturs-und-hohe-standards-in-der-lehrkraeftebildung-dphv-und-dhv-ziehen-an-einem-strang/.  

Laut KMK-Statistik – z.B. hier in der Auswertung der Bundeszentrale für politische Bildung graphisch aufbereitet – nehmen die sehr guten Abiture (hier die Noten zwischen von 1,0 bis 1,4 seit 2006) seit Jahrzehnten zu: https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/518804/mehr-einser-abis-in-deutschland/ Auch das Institut der Deutschen Wirtschaft hat 2019 die Zahlen der KMK für die einzelnen Jahre und Noten ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass sich laut der Statistik der vorliegenden Jahre seit 2006 die Anzahl der sehr guten Abiturnoten gesteigert hat. Für den Schnitt von 1,0 bis 1,9 ist ihre Zahl von 52.566 im Jahr 2006 auf 84.491 im Jahr 2017 gestiegen. Bei der Höchstnote 1,0 waren es 2017 mehr als doppelt so viele Personen wie noch im Jahr 2006: https://www.iwkoeln.de/studien/wido-geis-thoene-immer-mehr-einser-abiturienten-420900.html Auch wenn man das von den absoluten Zahlen auf relative Bevölkerungsanteile und Anteile an den erfolgreichen Abiturprüfungen überträgt, zeichnet sich ein klarer Trend nach oben ab, wie das IW vorrechnet.

Die Zahlen der KMK finden sich unter https://www.kmk.org/dokumentation-statistik/statistik/schulstatistik/abiturnoten.html.

Zum 10. Juli 2025 – Tag der Solidarität mit Juden und Israel

Foto von D A V I D S O N L U N A auf UnsplashAm 7. Oktober 2023, am jüdischen Feiertag Simchat Tora, wurde Israel von Terroristen der radikal-islamischen palästinensischen Hamas überfallen. Seitdem erleben Israel und die jüdische Gemeinschaft weltweit zahlreiche Anfeindungen und offenen Judenhass – auch hier in Deutschland. Die Meldestelle RIAS verzeichnet für 2024 einen drastischen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr.

Der Verein „DEIN – Demokratie und Information“ (www.dein-ak.com) hat deshalb für den 10. Juli 2025 zum Tag der Solidarität mit Juden und Israel aufgerufen.

Auch der Deutsche Lehrerverband unterstützt diesen Tag gemeinsam mit vielen Organisationen und Institutionen aus Politik und Gesellschaft. Die Unterstützerliste für 2024 ist unter https://www.dein-ak.com/unterst%C3%BCtzer einsehbar.

„Der Bildungsauftrag der Schulen beinhaltet auch, zu Toleranz und zu demokratischem Verhalten zu erziehen“, betont Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. „Dazu gehört, im Schulalltag klar Stellung gegen Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus zu beziehen. Angesichts der deutschen Geschichte ist es unerträglich, dass das Unsicherheitsgefühl jüdischer Schülerinnen, Schüler und ihrer Familien in Deutschland wächst – verstärkt seit dem 7. Oktober 2023. Nie wieder ist jetzt! Deshalb sind wir alle aufgerufen, jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern unsere Solidarität zu zeigen, nicht nur am 10. Juli.“

Stefan Düll weist auch auf die verdienstvolle Arbeit der Zeitzeugen hin: „Ihre Arbeit ist unschätzbar, um Kindern und Jugendlichen die deutsche Vergangenheit und die daraus resultierende Verantwortung Deutschlands zu vermitteln. Das Engagement und die Kraft dieser Persönlichkeiten, die das Gespräch mit der jungen Generation über ihre schwierigen und traumatisierenden Erlebnisse suchen, kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Doch es gibt immer weniger Zeitzeugen. Umso wichtiger ist es, Wege zu finden, das Wissen um den Holocaust und die Judenverfolgung weiterhin mit Authentizität und Betroffenheit zu vermitteln.

Gedenkstätten und Museen sind Orte, die Schulen in der Vermittlung dieser Themen unterstützen, ebenso ist die Arbeit der Organisationen sehr wertvoll, die für Workshops und Projekttage an die Schulen kommen und die Lehrkräfte unterstützen. Gleichzeitig brauchen die Schulen die Unterstützung der Gesellschaft bei dieser Aufgabe – Eltern, Vereine, Institutionen, Vertreterinnen und Vertreter von Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport. Zusätzlich braucht es Fort- und Weiterbildungen, die Lehrkräfte helfen, Strategien für den Schulalltag zu entwickeln, um auf antisemitische, rassistische, homophobe und andere diskriminierende Aussagen und Verhaltensweisen pädagogisch zu reagieren.

Im Unterricht muss eine kompetente Auseinandersetzung mit den geschichtlichen Hintergründen und der aktuellen Lage des Nahost-Konflikts, vor allem seit dem 7. Oktober 2023, stattfinden, die das unbedingte Existenzrecht des demokratischen Staates Israels genauso im Blick hat wie die Leiden der palästinensischen Zivilbevölkerung und die Hoffnung auf eine Zwei-Staaten-Lösung.“

Foto: D A V I D S O N L U N A auf Unsplash

Heranwachsen und Leben in der digitalen Welt

Überlegungen des Deutschen Lehrerverbands zu Verantwortlichkeiten von Gesellschaft, Politik, Eltern und Schule

Als Gesellschaft, als Schulen, als Familien und als Einzelpersonen stehen wir angesichts der Entwicklungen im digitalen Bereich der letzten Jahrzehnte vor vielen Fragen. Neben übermäßiger Handynutzung oder Social-Media-Abhängigkeit und Problemen auf diesen Plattformen wie Sucht- und Mobbingverhalten hat vor wenigen Jahren auch der Bereich KI, Chatbots und Large Language Models an Bedeutung gewonnen, deren Entwicklung erst ganz am Anfang steht und rasant an Fahrt aufnimmt.

Deutlich ist: Das Rad lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Die Kinder und Jugendlichen, die heute und morgen aufwachsen, werden keine „analoge“ Kindheit wie bis zu den 80er-Jahren mehr haben. Ihr Alltag in jedem Lebensalter wird von digitalen Anwendungen wie selbstverständlich geprägt sein, in den Bereichen Kommunikation mit Familie und Freunden, Information, Lernen, Alltagsbewältigung, vom digitalen Bibliothekskonto über die Verbindungssuche beim ÖPNV hin zu allen möglichen Freizeitangeboten und -planungen.

Auch Erwachsene, die vielleicht noch nur mit einem Festnetzanschluss pro Familie aufgewachsen sind, zeigen problematisches Nutzungsverhalten online – von Suchtverhalten bei Online-Spielen und Netzwerken über verkürzte Aufmerksamkeitsspannen und Abkehr von traditionellen Medien wie Büchern und Zeitungen bis hin zu abwertenden Äußerungen jenseits jeder erlernten Höflichkeit und Mobbingverhalten auf Sozialen Netzwerken und in den Kommentarspalten von Online-Medien. Eine „analoge“ Kindheit ist also kein automatischer Schutz. Die Lösung kann daher nicht sein, den Zugang für Heranwachsende rigoros und komplett zu beschränken und ihnen dann zu einem bestimmten Zeitpunkt – z.B. mit 16 Jahren – komplett ohne Erfahrung den Zugang zu Social Media zu ermöglichen.

Die heutigen Kinder und Jugendlichen werden in einer digitalen Welt leben und arbeiten und im Lauf ihres Lebens eine Durchdringung des Alltags durch Digitalität erfahren, wie wir sie uns heute wahrscheinlich noch gar nicht vorstellen können. Es ist entscheidend, dass wir ihnen das Wissen über digitale Programme, Algorithmen, KI und Chatbots vermitteln und die Zeit zum Lernen und Üben geben, die einen mündigen Gebrauch dieser Werkzeuge ermöglicht – und auch, wie sie sich in sozialen Netzwerken bewegen. Die aktuellen Netzwerke werden möglicherweise wieder aus der Mode kommen – aber es wird neue geben, so wie auch Snapchat und Tiktok irgendwann neu waren. Verbote sind dabei eine Ausweichbewegung, um Investitionen von Zeit, Mühe und an den Schulen und Jugendeinrichtungen von Geld und Personal zu vermeiden, die dafür notwendig wären. 

Stellen wir uns vor, Jugendliche wären erst mit 16 das erste Mal unbegleitet außerhalb des Hauses unterwegs. Jeder versteht, wie wenig sinnvoll das wäre – und wie unmöglich in der Umsetzung. (Ganz abgesehen davon, dass die Jugendlichen dagegen rebellieren würden.) Stattdessen lassen wir unsere Kindergartenkinder auch mal bis zum Park oder Spielplatz an der nächsten Ecke vorauslaufen, viele Grundschulkinder gehen alleine zur Schule, teilweise sogar mit dem Fahrrad oder mit dem ÖPNV, oder besuchen ihre Freunde. Die älteren Kinder und Teenager bewegen sich immer selbstständiger in ihrer Umgebung und fahren sogar selbständig in andere Städte. Eine ähnliche zunehmende Sicherheit und Selbständigkeit braucht es auch bei der Bewegung in der Online-Welt, kein plötzliches Hineinwerfen.

Die Lösung muss sein, dass Eltern und Familie und die Gesellschaft und ihre Institutionen Verantwortung übernehmen, den Kindern und Jugendlichen einen verantwortungsvollen altersgemäßen Umgang mit der Online-Welt allgemein – dazu zählt auch Social Media – und im Umgang mit den verschiedenen digitalen Endgeräten vermitteln. Für unterschiedliche Altersstufen bedeutet das ein unterschiedliches Maß an Kommunikation und Kontrolle durch Eltern, Erziehungsfachkräfte und Lehrkräfte. Z.B. wird für jüngere Teenager empfohlen, dass die Eltern Nutzungszeiten festlegen und nach wie vor einen vollumfänglichen Zugang zu den Handys und Laptops ihrer Kinder haben, den sie – idealerweise in vertrauensvoller Kommunikation mit ihren Kindern – in Abständen nutzen, um zu schauen, wie die Online-Welt und das Online-Verhalten ihrer Kinder aussieht.

Für alle in Erziehungsverantwortung wirkt es natürlich einfacher, wenn Social-Media-Plattformen für Jugendliche schlicht verboten sind, als die Aufgabe zu übernehmen, je nach Altersstufe intensiv oder weniger intensiv sich damit auseinanderzusetzen, was der Nachwuchs online so treibt. Im Gespräch und Diskussion mit den Kindern und Jugendlichen – und mit der letztlichen Entscheidungsgewalt der Erwachsenen – können gemeinsame Regelungen für Online-Zeiten und Handynutzungen gefunden werden. Das setzt voraus, dass die Eltern und anderen Erwachsenen in ihrer Umgebung selbst in ihrer Online-Nutzung ein Vorbild sind. Viele Kinder und Jugendliche sind durchaus bereit, sich an Regeln zu halten, wenn sie den Eindruck haben, dass diese sinnvoll, fair und angemessen sind.

Die Gefahren von Social Media sind vorhanden – aber ihre Vorteile auch. Jugendliche kommunizieren und schließen Freundschaften über ihre Region hinaus, ggfs. auch international, z.B. auch in Bezug auf ihnen wichtige Themen, für die sie vor Ort keine Ansprechpartner finden. Kinder und Jugendliche kommunizieren über Social Media und Messengern (zwischen beiden ist die Trennlinie gar nicht so genau) mit ihren Verwandten – z. B. Großeltern, die vielleicht 30, eventuell 300 oder sogar 3000 km oder weiter entfernt wohnen. Neben vielen problematischen Trends erhalten sie auch Inspiration und Anleitungen für Kunst, Handwerk und diverse Hobbies. Auch über politische und gesellschaftliche Nachrichten informieren sich Jugendliche heute auf Social Media, sie werden nicht zu den Angeboten von Online-Zeitungen oder linearem Fernsehen zurückkehren. Um problematischen Inhalten auf Social Media entgegenzuwirken, braucht es dort die Präsenz der demokratischen Parteien und Institutionen, der Medienhäuser, der gesellschaftlichen Initiativen.

Australien ist bisher der einzige Staat, der ein Verbot von Social-Media-Plattformen gesetzlich beschlossen hat – es ist allerdings noch nicht in Kraft getreten, bisher nutzen Jugendliche unter 16 dort weiterhin die sozialen Netzwerke, daher gibt es auch noch keine Erfahrungswerte zur praktischen Umsetzung. Aktuell werden dort Umsetzungsmöglichkeiten für die Altersverifikation geprüft, einen ersten Bericht soll es diesen Sommer geben. Die technische Umsetzung eines Social-Media-Verbots – im Einklang mit Datenschutzbestimmungen – ist also noch gar nicht entwickelt. Zudem ist zu erwarten, dass es verschiedene Umgehungsverhalten von Verboten geben würde – bei Jugendlichen und bei einigen Eltern, die ihren Kindern doch Zugang ermöglichen würden. Es gibt Maßnahmen, die Social-Media-Plattformen für alle Nutzerinnen und Nutzer sicherer machen würden – wenn Plattformen verpflichtet wären, diese umzusetzen, käme das auch dem Jugendschutz zugute.

Ein allgemeines Handyverbot für alle Altersstufen an den Schulen ist genauso kurz gegriffen wie ein generelles Social-Media-Verbot. Bildschirmfreie Zeiten – sowohl in der Schule wie auch in der Familie – sind auf jeden Fall zu empfehlen. Aber auch hier gilt: Je nach Altersstufen sollten unterschiedliche Regeln gelten und ein allmählicher Gebrauch dieser ziemlich allumfassenden Werkzeuge gelernt werden, von denen wir vor 30 Jahren noch nicht gedacht hätten, dass wir sie heute in der Hosentasche herumtragen. Jede Schule sollte für sich und ihre Situation und Schülerschaft entsprechende Regelungen finden. Das Ausschalten von Handys im Unterricht ist grundsätzlich sinnvoll, um Ablenkung zu vermeiden – in anderen Unterrichtssituationen kann die Nutzung des Handys aber sogar sinnvoll sein.

Statt Verbote braucht es Angebote – wenn wir wollen, dass unsere Kinder sich weniger online aufhalten, müssen wir ihnen Angebote in der analogen Welt machen: Bibliotheken, Schwimmbäder, Sportplätze, Vereine und AGs, Jugendclubs. Damit sie lernen, sich im digitalen Raum zu bewegen und dort wie im analogen Raum als mündige Bürgerinnen und Bürger ihr Leben zu gestalten, statt in Zukunft ohne Durchblick von Algorithmen überwacht und getrieben zu werden, müssen wir sie schrittweise an den eigenverantwortlichen Gebrauch heranführen.

 

 

Thesenpapier des Deutschen Lehrerverbandes und seiner Mitgliedsverbände DPhV, VDR, BvLB, KEG

 

Bild: Christian/Pixelio.de

Die Bedeutung von Demokratie- und Wertebildung in Schulen

Demokratie will verteidigt werden. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung bildet das Fundament unserer Gesellschaft. Sie garantiert Rechte und Freiheiten, die wir heute als selbstverständlich ansehen – doch diese Werte müssen jeder neuen Generation bewusst gemacht und vermittelt werden. Angesichts aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen ist es wichtiger denn je, sich aktiv gegen Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus und jede Form von Diskriminierung zu stellen. Solidarität, respektvolles Miteinander und persönliches Engagement sind Grundpfeiler einer lebendigen Demokratie. Es liegt in der Verantwortung der Bildungseinrichtungen, diese Haltungen und Werte zu fördern.

Schulen übernehmen dabei eine zentrale Rolle: Neben der Vermittlung von Wissen sind sie Orte der Persönlichkeitsentwicklung und der Förderung gesellschaftlicher Teilhabe. Sie bieten den Raum, in dem Kinder und Jugendliche lernen, Verantwortung zu übernehmen, verschiedene Perspektiven zu verstehen und demokratische Prozesse aktiv mitzugestalten. Demokratie- und Wertebildung sind daher nicht nur wichtige Bildungsinhalte, sondern auch essenzielle Grundlagen für ein friedliches und respektvolles Miteinander.

Forderungen zur Stärkung der Demokratie- und Wertebildung

Wir, der Deutsche Lehrerverband und seine Mitgliedsverbände DPhV, VDR, BvLB und KEG, fordern die Umsetzung klarer Maßnahmen, um die Demokratiebildung an Schulen nachhaltig zu stärken. Zentral ist dabei die Stärkung des Fachunterrichts in den Fächern Politik, Geschichte und Sozialkunde. Die Inhalte und Kenntnisse dieser Fächer bilden die Basis für eine fundierte Auseinandersetzung mit politischen Prozessen und gesellschaftlichen Konflikten. Stundenkürzungen in diesem Bereich beeinträchtigen nicht nur die Qualität der Bildung, sondern schwächen auch den demokratischen Diskurs. Ergänzend dazu sollte für die Kinder und Jugendlichen der Besuch von Religions- oder Ethikunterricht verpflichtend sein, um eine werteorientierte Auseinandersetzung mit verschiedenen Weltanschauungen zu ermöglichen.

Demokratiebildung sollte jedoch nicht auf einzelne Fächer beschränkt bleiben – sie muss als fächerübergreifende Querschnittsaufgabe verstanden werden. Lehrkräfte aller Fächer sollten die Möglichkeit erhalten, demokratische Werte und Fragen in ihren Unterricht einzubetten. Dies erfordert eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Grundgesetz und seinen Werten im Rahmen der Lehrkräfteausbildung und gezielte Aus- und Weiterbildungsangebote, in welchen Formen diese Kompetenzen im Schulalltag umgesetzt werden können. Außerdem brauchen Lehrkräfte Lernräume, in denen sie ausprobieren und üben können, wie sie auf extremistische Äußerungen im Unterricht reagieren und Diskussionen zu kontroversen Themen sicher moderieren können. Ebenso wichtig ist es, Lehrkräfte zu unterstützen, wenn sie sich gegen Hass, Gewalt und Diskriminierung an ihren Schulen einsetzen. Sie verdienen die uneingeschränkte Rückendeckung der Schulleitungen sowie der Verantwortlichen in Bildungsverwaltung und Politik.

Darüber hinaus sollte die praktische Erfahrung demokratischer Prozesse gefördert werden. Projekte wie Schülerparlamente oder Debattierclubs bieten Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, demokratische Entscheidungsprozesse aktiv zu erleben. Langfristige Kooperationen mit gesellschaftlichen Initiativen gegen Diskriminierung und für Wertevermittlung erweitern den Horizont der Jugendlichen und stärken ihr Verantwortungsbewusstsein. Auch die schulische Sozialarbeit und Schulpsychologie spielen hierbei eine wichtige Rolle, indem sie die Schülerinnen und Schüler in ihrer persönlichen Entwicklung begleiten und unterstützen.

Medienbildung als integraler Bestandteil der Demokratiebildung

In einer Zeit, in der Fake News und Künstliche Intelligenz die Informationslandschaft zunehmend prägen, ist Demokratiebildung ohne Medienbildung undenkbar. Schülerinnen und Schüler müssen lernen, Informationen kritisch zu hinterfragen, Quellen zu prüfen und zwischen Fakten und Meinungen zu unterscheiden. Dafür braucht es ausreichend qualifizierte Lehrkräfte im Bereich Informatik sowie eine umfassende Aus- und Weiterbildung aller Lehrkräfte, um Medienbildung als fächerübergreifendes Thema vermitteln zu können.

Eine zeitgemäße digitale Ausstattung der Schulen ist hierbei unerlässlich. Neben Hardware und einer stabilen IT-Infrastruktur sind Fachkräfte nötig, die Schulen im Umgang mit digitalen Medien unterstützen. Dazu gehört der praktische Umgang mit Medien, der es den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, selbst journalistisch tätig zu werden. Kooperationen mit ausgewählten Initiativen aus dem Medienbereich tragen ebenfalls dazu bei, dass Kinder und Jugendliche die Mechanismen der Medienwelt verstehen und kritisch hinterfragen lernen.

Schulen brauchen gesellschaftliche Unterstützung

Die Vermittlung demokratischer Werte und die Förderung eines kritischen Bewusstseins sind zentrale Aufgaben der Schulen – heute mehr denn je. Demokratie- und Wertebildung stärken nicht nur den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern befähigen junge Menschen, verantwortungsvoll und engagiert an der Gestaltung unserer Zukunft mitzuwirken. Damit dies gelingt, brauchen die Schulen bei dieser Aufgabe die Unterstützung der Gesellschaft, die Unterstützung der gesellschaftlichen Akteure und Institutionen in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Zu diesem Netzwerk gehören Eltern, Vereine, Ausbildungsbetriebe, gesellschaftliche Institutionen, Kirchen und andere religiösen Gemeinschaften. Nur so kann unsere demokratische Grundordnung auch für kommende Generationen erhalten werden.

 Bild: christian  / pixelio.de

Respektlosigkeit in der Gesellschaft – Auswirkungen in den Schulen

Foto Stefan Düll: Andreas Gebert, Screenshot Überschrift BILD.de vom untenstehenden Link

Auf Anfrage der Bild am Sonntag hatte sich DL-Präsident Stefan Düll bereits im November zur Problematik von Respektlosigkeit und allgemeiner Verrohung der Gesellschaft und zu den Auswirkungen auf den Schulbereich geäußert – Aussagen, die im Zusammenhang mit den Vorkommnissen zu Silvester eine besondere Aktualität haben.

Stefan Düll trifft folgende ausführliche Einschätzungen:

„Insgesamt gibt es gesellschaftlich – in den sogenannten sozialen Medien, in den Kommentarspalten der Online-Medien, im Straßenverkehr, im Diskurs öffentlicher Personen z.B. in Talkshows, Comedy-Formaten oder in sogenannten Reality-TV-Formaten – eine Tendenz zu Gereiztheit, Unhöflichkeit, Pöbelei, Fäkalsprache und teilweise auch zu Beschimpfung und Eskalation zu körperlicher Gewalt. Der Missbrauch digitaler Plattformen für Hass, Hetze, Mobbing, Sexting trägt zu einem Klima der Aggression bei. Dadurch nehmen auch manche Kinder und Jugendliche Gewalt als Strategie wahr und wenden sie an.

Bei der Gewalt – verbal und psychisch – gegenüber Lehrkräften spielt ein Respektverlust gegenüber Autoritätspersonen eine Rolle, wie wir ihn auch gegenüber Personal von Rettungsdiensten oder gegenüber der Polizei sehen. Im gesellschaftlichen Diskurs nehmen wir eine Zunahme der Respektlosigkeit gegenüber dem Berufsstand der Lehrkräfte wahr, jeder glaubt, die Situation an den Schulen und im Unterricht durch die Erfahrung aus der eigenen Schulzeit einschätzen zu können, aber – wie wir beim aktuellen Lehrkräftemangel sehen – immer weniger wollen die Arbeit machen. Respektlose Äußerungen einiger Politiker gegenüber Lehrkräften waren dabei nicht hilfreich.

Zudem haben wir in den Schulen junge Menschen, die von klein auf Misserfolge erleben, deswegen frustriert sind und diesen Frust in Form von Gewalt rauslassen. Wir haben auch Schülerinnen und Schüler mit Fluchterfahrungen, die Gewalt erleben mussten und aus einer Situation des Überlebenskampfes kommen. Das hat bei einzelnen von ihnen zur Wahrnehmung von Gewalt als Strategie geführt. Wir bekommen Berichte über Respektlosigkeit gegenüber Lehrkräften, insbesondere Lehrerinnen, aber nicht nur, die auf patriarchaler Erziehung mancher junger Menschen mit Migrationshintergrund beruht. Respektlosigkeit und Gewalt gegenüber Lehrkräften, auch aus misogynen Gründen, kommen allerdings in allen gesellschaftlichen Gruppen vor. 

Ein zusätzlicher Grund für den Anstieg in Umfragen und Statistiken ist, dass allgemein ein höheres Bewusstsein in der Gesellschaft für Grenzüberschreitungen vorhanden ist, darüber mehr gesprochen wird und Gewaltvorfälle häufiger gemeldet werden. Es werden mehr statistische Daten zu Gewalt in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft systematischer erfasst, so auch im Schulbereich. Unterschiede zwischen Bundesländern können teilweise auch auf unterschiedliche Richtlinien zurückgehen, welche Art von Vorfällen auf welche Weise differenziert gemeldet und statistisch ausgewertet werden. 

Die oben beschriebene gesellschaftliche Verrohung zeigt sich auch bei einem Teil der Eltern, nicht aber bei der Mehrheit. Manche Eltern sehen nicht, dass Schule und Eltern eine Erziehungspartnerschaft eingehen müssen – sie werfen der Schule sehr schnell unpädagogisches Verhalten, Versagen oder Unfähigkeit vor oder fehlendes Einfühlungsvermögen. Selbst bei erheblichen Disziplinarverstößen ihrer Kinder sehen sie jede erzieherische Reaktion der Schule und der Lehrkräfte als unverhältnismäßig an. Bei dieser Minderheit der Eltern kommt es auch zu Beschimpfungen von Lehrkräften und im Ausnahmefall zu körperlicher Gewalt.“

Teile der Aussagen wurden in der Bild am Sonntag vom 05.01.2025 zitiert: https://m.bild.de/news/inland/gewalt-statt-respekt-die-enthemmte-gesellschaft-673df07bb1787a186e12e9fd.

Kindergesundheitsbericht – Stellungnahme des Deutschen Lehrerverbands

Im November 2024 hat die Stiftung Kindergesundheit ihren diesjährigen Kindergesundheitsbericht vorgelegt. Die Stiftung sieht dabei einen dringenden Handlungsbedarf, Schulen als Lebensräume der Kinder und Jugendlichen so zu gestalten, dass Prävention, Gesundheitsförderung und psychisches Wohlbefinden eine zentrale Rolle spielen.

Der Deutsche Lehrerverband schließt sich der Forderung an, allen Kindern und Jugendlichen den flächendeckenden Zugang zu Schulsozialarbeit und Schulpsychologie zu ermöglichen und bundesweit Schulgesundheitsfachkräfte zu etablieren.

Kinder und Jugendliche verbringen einen Großteil ihres Alltags in der Schule – und bringen ihre gesundheitlichen Probleme mit: Übergewicht und Bewegungsmangel, ungünstige Ernährungsmuster, chronische Krankheiten und verschiedene Formen der Behinderung sowie unterschiedliche Formen psychischer Belastungen. Lehrkräfte können diese Probleme nicht in der Unterrichtszeit lösen, wobei schon zahlreiche Aspekte der Gesundheitsbildung und Prävention als Querschnittsinhalte in vielen Unterrichtsfächern thematisiert werden. Lehrkräfte können nicht die notwendige medizinische Betreuung oder Unterstützung bei chronisch kranken Kindern leisten, z.B. bei Diabetes Hilfe bei der Blutzuckermessung und Insulingabe. Daher sollte es pro Schule eine Schulgesundheitsfachkraft geben: Gesundheitsfachkräfte unterstützen chronisch kranke Kinder und leisten erste Hilfe bei akuten gesundheitlichen Problemen und sie sind eine wichtige Anlaufstelle für Gesundheitsfragen, Prävention und Aufklärung.

Immer mehr Studien stellen eine hohe psychische Belastung bei Kindern und Jugendlichen aus unterschiedlichen Gründen fest. Konflikte, Mobbing, Aggression und fehlende Konfliktlösungsfähigkeit nehmen in der Gesellschaft zu und finden auch in der Schule statt. Mehr Fachkräfte in den Bereichen Schulpsychologie und Schulsozialarbeit an jeder Schule bieten die Möglichkeit für verschiedene Formen des Konfliktmanagements und für zeitnahe Hilfe und Beratung bei akuten Problemen und die Vermittlung an weitere Hilfesysteme. Hier geht es auch um Prävention und die Etablierung von Strukturen für ein förderliches Schulklima für die gesamte Schulfamilie.

Bei der Präsentation des Berichtes wurde auch zurecht auf die Problematik des Lehrkräftemangels und die hohe Belastung des Lehrkräfteberufs hingewiesen: Während der Beruf immer komplexer mit unterschiedlichen Belastungen und immer mehr Herausforderungen wird, gibt es andererseits zu wenig Lehrkräfte, um alle Schulen ausreichend auszustatten. 10-30 % der vorhandenen Lehrkräfte zeigen Erschöpfungssymptome, und die Belastung führt bei einem höheren Anteil als in anderen Berufen zu psychischen Erkrankungen wie Depression und Burn-Out. Eine bessere Ausstattung der Schulen in den Bereichen Schulsozialarbeit, Schulpsychologie und Schulgesundheitsfachkräfte kommt auch den Lehrkräften zugute, die dadurch mehr Zeit und Kraft für ihre pädagogischen Aufgaben haben.