Aus der
BAYERISCHEN STAATSZEITUNG vom 13. April 2006
Sollen Zwischenzeugnisse an
Gymnasien abgeschafft werden?
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen
Lehrerverbandes (DL)
Contra
So ist der Normalfall: Ein
Gymnasiast berichtet zu Hause regelmäßig von seinen Noten. Die korrigierten
Schulaufgaben bekommt er ohnehin, die Stegreifaufgaben auf Antrag mit nach
Hause. Seine Eltern machen sich zusätzlich ein Bild, indem sie halbwegs
regelmäßig die Lehrer aufsuchen. Und das ist der Ausnahmefall: Der Schüler
verschweigt seine Noten, die Eltern gehen doch einmal zu den Lehrern, und es
hagelt Überraschungen. Jetzt hat das Kultusministerium die Idee, wegen der
Ausnahmefälle das gymnasiale Zwischenzeugnis abzuschaffen und durch „mindestens
zwei Informationen über das Notenbild“ zu ersetzen. Phantastisch muten die
ministeriellen Begründungen dafür an: Damit gebe es mehr amtliche Transparenz,
und der Aufwand für die Lehrer werde geringer. Ob freilich ein
computergenerierter Zahlensalat von 100 bis 150 Einzelnoten je Einzelschüler
samt unterschiedlichen Gewichtungsfaktoren transparenter ist, darf bezweifelt
werden. Und der Aufwand für die Lehrer wird keinesfalls geringer, vielmehr droht
ein ausgewachsener Bürokratismus. Der Einzellehrer wird nämlich pro Jahr bis zu
zweitausend Noten zusätzlich einspeisen müssen. Zudem heißt es in der
ministeriellen Begründung: Das Zwischenzeugnis könne auf Antrag nach wie vor
ausgestellt werden. Eines jedenfalls ist nicht im Sinne der Schüler: dass das KM
die Lehrer mit dem Wegfall der bisherigen Februar-Konferenz ködert. Bislang hat
man sich in dieser Konferenz sorgsam Gedanken gemacht, wie es mit einem
Problemschüler weitergehen könnte und daraus Empfehlungen für Lehrer und Eltern
abgeleitet. Das Zwischenzeugnis war damit ein ganzheitlicher Befund. Wenn dieser
fällt, fällt ein Stück Pädagogik. Aber wenn schon, dann sollte man den Weg zu
Ende gehen: Warum stellen wir nicht jede Einzelnote in einen Schul-Server, über
den die Eltern den „Kontostand“ wie beim E-Banking - womöglich täglich - online
abrufen können? Dann wäre der Schüler endlich gläsern.
| © 2006 Deutscher Lehrerverband
(DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 -
FAX 21 12 24 |
|
|