DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Interview aus "Neue Osnabrücker Zeitung" vom 19. Januar 2007

"Kein Schulabschluss ohne zentrale Prüfung"


Präsident des Lehrerverbandes fordert von Kultusministern Debatte über einen neuen Bildungskanon

Das Interview, das der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, unserer Zeitung gab, hat folgenden Wortlaut:


Herr Kraus, heute übernimmt der Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner die KMK-Präsidentschaft. Welche Hausaufgaben sollten die Kultusminister unter seiner Leitung in den nächsten Monaten erledigen?

Zunächst wünsche ich ihm viel Kraft, damit er Berlin schulisch wieder auf die Beine bringt. Es ist nicht gut, wenn die Bundeshauptstadt mehr und mehr zum schulpolitischen Sorgenkind Deutschlands wird. Ansonsten hat Zöllner hoffentlich noch so viel freie Energie, dass er alle seine KMK-Kollegen wieder zu einer echten Bildungsdebatte bringt. Mit so genannten Bildungsstandards, die im inhaltlich luftleeren Raum schweben, ist es nicht getan, wenn wir Bildung nicht zur bloß messbaren und verwertbaren Qualifikation verkommen lassen wollen. Wir brauchen in Sachen Bildung dringend wieder eine intellektuelle und inhaltliche Unterkellerung. Bildung hat schließlich einen übernützlichen Wert, bedeutet gerade auch Förderung individueller und Vermittlung kultureller Identität. Also, liebe Kultusminister, lasst euch auf eine Debatte um Kerncurricula etwa in der Literatur, in der Geschichte, in der Kunst, in der Musik ein! Bildung ist erheblich mehr, als PISA misst.

PISA hat aber doch gerade auch gemessen, wie groß die Leistungsdifferenzen zwischen den Schulen von Kiel bis München sind. Reichen die bislang getroffenen Absprachen zwischen den Kultusministern aus, um die Unterschiede anzugleichen?
Nein, denn das Süd-Nord-Gefälle und die damit zusammenhängende Gerechtigkeitslücke sind zu groß. Meine konkrete Forderung hier lautet: Kein Schulabschluss ohne zentrale, landeseinheitliche Abschlussprüfung! Dann wird das alles gerechter und übrigens auch transparenter.

Ende des Jahres veröffentlicht die OECD die neue PISA-Studie. Bislang bekommen wir von dort regelmäßig schlechte Atteste. Wie sollte die KMK damit umgehen?
Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht zu Tode testen und nicht einer hysterischen Quartals-Testeritis aufsitzen. Deshalb erwarte ich, dass die KMK mit einem guten Beispiel an Gelassenheit vorangeht und die Schulen einfach einmal wieder in Ruhe durchatmen lässt. Vor allem aber erwarte ich von der KMK, dass sie die OECD, dieses planwirtschaftliche Büro für Bildungsideologie in Paris, in ihre Schranken verweist. Wir brauchen nicht drei- oder viermal jährlich die künstliche Aufregung durch die OECD mit ihren gebetsmühlenartigen Warnungen vor angeblich zu wenig deutschen Abiturienten und Studenten. Wenn die OECD nicht bereit ist, sich zu mäßigen und zu seriöser Analyse zurückzukehren, dann sollte man das deutsche Personal dort und die deutschen Gelder, die dorthin fließen, infrage stellen.

Die scheidende KMK-Präsidentin Erdsiek-Rave hat Eignungstests für Lehrer gefordert, auch von den Pädagogen selbst gab es massive Kritik an der Ausbildung des Berufsstandes. Brauchen wir einen anderen Lehrernachwuchs?
Ich halte nicht viel von der Kritik mancher Lehrer und Verbandsvertreter in Sachen Lehrerbildung. Dahinter verbirgt sich häufig die Vision von einem einheitlichen Lehrer für ein einheitliches Schulwesen. Bei manchen Romantikern verbirgt sich dahinter auch die etwas größenwahnsinnige Vorstellung, man könne Lehrer so ausbilden, dass sie alle gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, medialen, sozialen und familiären Probleme der Welt lösen. Natürlich ist auch die Ausbildung von Lehrern wie jede andere akademische Ausbildung verbesserungsfähig. Daran ist zu arbeiten. Aber wir müssen in den kommenden zehn Jahren aus Altersgründen deutschlandweit rund 300000 Lehrer durch junge ersetzen. Vor diesem Hintergrund ist es blauäugig zu meinen, man könnte auch noch Eignungstests einführen.



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