Das Interview, das der Präsident des
Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, unserer Zeitung gab, hat folgenden
Wortlaut:
Herr Kraus, heute
übernimmt der Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner die KMK-Präsidentschaft.
Welche Hausaufgaben sollten die Kultusminister unter seiner Leitung in den
nächsten Monaten erledigen?
Zunächst wünsche ich ihm viel
Kraft, damit er Berlin schulisch wieder auf die Beine bringt. Es ist nicht gut,
wenn die Bundeshauptstadt mehr und mehr zum schulpolitischen Sorgenkind
Deutschlands wird. Ansonsten hat Zöllner hoffentlich noch so viel freie Energie,
dass er alle seine KMK-Kollegen wieder zu einer echten Bildungsdebatte bringt.
Mit so genannten Bildungsstandards, die im inhaltlich luftleeren Raum schweben,
ist es nicht getan, wenn wir Bildung nicht zur bloß messbaren und verwertbaren
Qualifikation verkommen lassen wollen. Wir brauchen in Sachen Bildung dringend
wieder eine intellektuelle und inhaltliche Unterkellerung. Bildung hat
schließlich einen übernützlichen Wert, bedeutet gerade auch Förderung
individueller und Vermittlung kultureller Identität. Also, liebe Kultusminister,
lasst euch auf eine Debatte um Kerncurricula etwa in der Literatur, in der
Geschichte, in der Kunst, in der Musik ein! Bildung ist erheblich mehr, als PISA
misst.
PISA hat aber doch gerade auch
gemessen, wie groß die Leistungsdifferenzen zwischen den Schulen von Kiel bis
München sind. Reichen die bislang getroffenen Absprachen zwischen den
Kultusministern aus, um die Unterschiede anzugleichen?
Nein, denn
das Süd-Nord-Gefälle und die damit zusammenhängende Gerechtigkeitslücke sind zu
groß. Meine konkrete Forderung hier lautet: Kein Schulabschluss ohne
zentrale, landeseinheitliche Abschlussprüfung! Dann
wird das alles gerechter und übrigens auch transparenter.
Ende des Jahres veröffentlicht die OECD die neue
PISA-Studie. Bislang bekommen wir von dort regelmäßig schlechte Atteste. Wie
sollte die KMK damit umgehen?
Wir müssen aufpassen, dass wir uns
nicht zu Tode testen und nicht einer hysterischen Quartals-Testeritis aufsitzen.
Deshalb erwarte ich, dass die KMK mit einem guten Beispiel an Gelassenheit
vorangeht und die Schulen einfach einmal wieder in Ruhe durchatmen lässt. Vor
allem aber erwarte ich von der KMK, dass sie die OECD, dieses
planwirtschaftliche Büro für Bildungsideologie in Paris, in ihre Schranken
verweist. Wir brauchen nicht drei- oder viermal jährlich die künstliche
Aufregung durch die OECD mit ihren gebetsmühlenartigen Warnungen vor angeblich
zu wenig deutschen Abiturienten und Studenten. Wenn die OECD nicht bereit ist,
sich zu mäßigen und zu seriöser Analyse zurückzukehren, dann sollte man das
deutsche Personal dort und die deutschen Gelder, die dorthin fließen, infrage
stellen.
Die scheidende
KMK-Präsidentin Erdsiek-Rave hat Eignungstests für Lehrer gefordert, auch von
den Pädagogen selbst gab es massive Kritik an der Ausbildung des Berufsstandes.
Brauchen wir einen anderen Lehrernachwuchs?
Ich halte nicht viel
von der Kritik mancher Lehrer und Verbandsvertreter in Sachen
Lehrerbildung.
Dahinter verbirgt sich häufig die Vision von einem einheitlichen Lehrer für ein
einheitliches Schulwesen. Bei manchen Romantikern
verbirgt sich dahinter auch die etwas größenwahnsinnige Vorstellung, man könne
Lehrer so ausbilden, dass sie alle gesellschaftlichen, wirtschaftlichen,
medialen, sozialen und familiären Probleme der Welt lösen. Natürlich ist auch
die Ausbildung von Lehrern wie jede andere akademische Ausbildung
verbesserungsfähig. Daran ist zu arbeiten. Aber wir müssen in den kommenden zehn
Jahren aus Altersgründen deutschlandweit rund 300000 Lehrer durch junge
ersetzen. Vor diesem Hintergrund ist es blauäugig zu meinen, man könnte auch
noch Eignungstests einführen.
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