DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Gastkommentar aus DIE WELT vom 22. Juni 2002

Zentralabitur statt Abitur light

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Das Zentralabitur - jahrzehntelang war es nicht einmal ein Zankapfel deutscher Bildungspolitik, so geschlossen verkrustet war die Front seiner Gegner. Jetzt, nach dem PISA-Schock, wird diese Form schulischer Abschlussprüfung kaum noch aufzuhalten sein. Die bislang rivalisierenden Abiturlager lassen sich gleichwohl bis heute gut lokalisieren: Die SPD ist ebenso wie die Grünen und die FDP dagegen, die Union ist dafür; die Erleichterungspädagogen sind dagegen, die Leistungspädagogen dafür. Und natürlich sind diejenigen dagegen, die meinen, der Mensch beginne erst beim Abitur, oder zumindest glauben, die Abiturientenquote in Deutschland sei viel zu niedrig. Damit ist klar, welches Bundesland einen landeseinheitlichen Gymnasialabschluss hat: Baden-Württemberg, Bayern, Saarland (auch in SPD-Zeiten), Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern - letztere zwei zumindest gleich nach der Wende von 1990 unionsregiert, zugleich aber in einer in diesem Fall guten DDR-Prüfungstradition stehend. Hessen kommt jetzt mit einem „Landesabitur“ hinzu; das ist eigentlich nichts anderes als ein Zentralabitur, es soll aber Landesabitur heißen, damit es der kleinere hessische Koalitionspartner FDP leichter schluckt. Ja, selbst Niedersachsen und Berlin denken urplötzlich über die Einführung eines Zentralabiturs nach.

Ein Zentralabitur wird damit allmählich Standard in Deutschland. International ist es das zumindest bei den PISA-Siegern Finnland und Japan längst. Durch das offenbar gute Abschneiden Baden-Württembergs und Bayerns im innerdeutschen PISA-Vergleich wächst nun zusätzlich der Druck in Richtung Zentralprüfung. Erstens und vor allem bringt eine Zentralprüfung Schwung in eine ganze Schullaufbahn; denn diese Form des Examens verlangt nach breiter Bildung und nach verbindlichen Kerncurricula. Inhaltliche Beliebigkeit würde sich bei einer Zentralprüfung bitter rächen. Zweitens ist ein solches Prüfungsverfahren schlicht und einfach gerecht, weil es an alle Prüflinge eines Bundeslandes die gleichen Anforderungen stellt. Drittens sind zentral geregelte Abschlüsse auch für die „Abnehmer“ von Schulabsolventen transparent; man kann sich darauf verlassen, dass die Schulabgänger die Lerninhalte in ihrer Breite beherrschen und nicht nur eine eng geführte Prüfungsvorbereitung hinter sich haben. Ein vierter Vorteil kommt hinzu: Zentrale Abschlussprüfungen schweißen Schüler und Lehrer zusammen. Beide wissen ja nicht, was „drankommt“; das mobilisiert gemeinsame Motivationen. Dass Lehrer bei der Zentralprüfung selbst mit auf dem Prüfstand stehen und dass eine solche Prüfung gnadenlos eine schwache unterrichtliche Vorbereitung aufdeckt, halten Lehrer aus. Ganz abgesehen davon, dass eine Zentralprüfung Tausende von Lehrern von der Pflicht entbindet, eigenhändig und höchst zeitaufwändig Aufgaben erstellen zu müssen.

Es bleiben eigentlich nur zwei - letztlich irrige - Annahmen contra Zentralabitur. Annahme eins besagt, dass etwa ein Abiturient aus Bremen mit Haus-Abitur locker das Kafka-Thema des zentralen bayerischen Deutsch-Abiturs bearbeiten könne. Das stimmt - allerdings nur unter der Prämisse, dass Kafka in Bayern gerade dran ist. Das Wahrscheinlichere ist, dass er sich nur auf Kafka spezialisiert hat, dass Kafka dann nicht dran ist, dass der Kandidat vor, hinter und neben Kafka nichts kennt und dass er dann „alt“ aussieht. Falsch ist auch Annahme, dass eine eine Zentralprüfung angeblich den pädagogischen Freiraum der Lehrer als Unterrichtende und als Prüfende einenge. Dagegen steht, dass eine Zentralprüfung den Prüflingen in den meisten Fächern eine gewisse Aufgabenauswahl zugesteht. Und auch die so genannten Erwartungshorizonte für die Korrektoren sind keine sklavisch einzuhaltenden Vorhaben, vielmehr bieten sie gerade in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern vertretbare Spielräume.

Es wird also Zeit, dass die Auseinanderentwicklung von Studierberechtigung und Studierbefähigung gestoppt wird.Zentralprüfungen sind ein Schritt in diese Richtung; sie sind auch deshalb überfällig, um etwas anderes zu verhindern, was im Endeffekt die Gymnasien schwächte, nämlich die Einführung von Hochschulzugangsprüfungen, das Ersetzen des Abiturs also durch ein Aditur. Keine Zugangsprüfung erreicht hinsichtlich Validitätdie Aussagekraft eines Zentralabiturs. Überfällig ist sodann eine Verpflichtung auf einen Kranz an Prüfungsfächern. Fünf sollten es eigentlich am Gymnasium sein: Deutsch, eine Fremdsprache, Mathematik, eine Naturwissenschaft sowie Geschichte oder ein gesellschaftswissenschaftliches Fach. Wäre doch gelacht, wenn sich mit einem solchen Abitur die hohe Quote von 30 Prozent Studienabbrechern nicht zumindest etwas senken ließe!

Zentralprüfungen sollte man aber auch - wie in Baden-Württemberg und Bayern - den Realschulen bzw. Gesamtschulen in den zentralen Fächern verbindlich abverlangen und den Hauptschulen fakultativ zugestehen. Gerade für die Hauptschulen wäre dies die große Chance, ihr Ansehen entgegen dem dümmlichen Gerede von ihr als „Restschule“ aufzuwerten und ihre Schüler attraktiver für den Lehrstellenmarkt zu machen. Der „qualifizierte“, zentrale Hauptschulabschluss, den in Süddeutschland rund 60 Prozent der Hauptschüler zusätzlich erwerben, ist jedenfalls eine Erfolgsgeschichte.

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