DL-Präsident
Josef Kraus im Interview mit dem Münchner Merkur vom
3. Dezember 2011
Zehn Jahre PISA-Schock: "Der Frust sitzt noch tief"
Ein
Gespräch mit Josef Kraus, Präsident des
Deutschen Lehrerverbands und Leiter des Gymnasiums in Vilsbiburg, über
den
Pisa-Schock und die Folgen.
Vor
fünf Jahren widmeten Sie ein Buch all jenen, „denen Pisa auf den Geist
geht“.
Immer noch frustriert?
Es
hat sich etwas beruhigt, das Thema wird gelassener und überlegter
diskutiert
als noch vor Jahren. Aber in weiten Kreisen sitzt der Frust noch tief.
Warum?
Weil
die verschiedenen deutschen, letztlich aber doch leistungsfähigen
Bildungssysteme auf Rangplätze und Punktwerte reduziert wurden. Das
deutsche
Schulwesen wurde schlecht gerechnet. Ein übler Missbrauch von Pisa.
War
es kein heilsamer Schock? Immerhin war Deutschland anfangs katastrophal
weit
hinten.
Sie
übertreiben. Wir waren im Mittelfeld, 15 oder 16 unter 30 Ländern. Das
ist
nicht katastrophal.
Mag
sein. Aber die Pisa-Ergebnisse haben sich danach kontinuierlich
verbessert.
Das
schon, aber es gibt eine Menge Kollateralschäden. Unser
Bildungsverständnis hat
sich infolge von Pisa verengt. Anfangs waren die deutschen Schulen auf
den von
der OECD vorgelegten Aufgabentypus schlichtweg nicht vorbereitet. Da
wurden
Texte vorgelegt, und aus diesen heraus sollten Fragen beantwortet
werden. Das
war in deutschen Schulen so nicht üblich. Letztlich steht dahinter der
Konflikt
Kompetenzorientierung contra Wissensorientierung. Pisa hat die
Aufgabenkultur
in Deutschland verändert.
Sind
Sie gegen die Kompetenzorientierung?
Ich
halte sie für einen Irrweg, sofern die Kompetenzen im luftleeren Raum
oder
mittels beliebiger Inhalte vermittelt werden sollen. Letztlich ist viel
Wissen,
die Verbindlichkeit von Lehrplänen, über Bord gegangen. Konkrete
Wissensinhalte
sind unabdingbar, das ist mein Credo.
Was
meinen Sie?
Das
Wissen und Können der Schüler im sprachlichen Ausdrucksvermögen, in
Literatur,
Fremdsprachen, Geschichte, Kunst, Musik – das wurde nicht getestet.
Sehen Sie:
Was bei den 15-jährigen Schülern beim Pisa-Test im Jahr 2000 abgefragt
wurde,
war Literacy, zu Deutsch also das Leseverständnis. Geprüft wird das vor
allem
anhand von Multiple-choice-Aufgaben. Das hat mit der Pflege des
Ausdrucksvermögens nichts zu tun. Leider hat sich diese Aufgabenkultur
auch in
Bayern breit gemacht, wie man an den Jahrgangsstufentests in Deutsch an
der 6.
und 8. Klasse Gymnasium sieht. Da geht es nur noch ums Ankreuzen und
Zustöpseln
von Lückentexten.
Häufig
wird den Pisa-Tests zugute gehalten, auf die soziale Schieflage des
Schulwesens
in Deutschland aufmerksam gemacht zu haben.
Tut
mir leid, auch da muss ich widersprechen. Die Leistungstests finden
unter
15-Jährigen statt, deren Bildungslaufbahn nicht abgeschlossen ist. Auch
wer
einen Mittel- oder Realschulabschluss hat, dem ist der Weg zur Uni
nicht
versperrt. 43 Prozent der Studienberechtigten in Bayern haben kein
gymnasiales
Abitur, sogenannte bildungsferne Schichten sind dort stark vertreten.
Und
was ist mit der Schulstruktur? Seit Pisa wird darum erneut erbittert
gestritten.
Hier
waren die Ergänzungsstudien von Pisa in der Tat aufschlussreich, denn
der
Bundesländervergleich erbrachte das, was viele vorher nicht laut zu
sagen
wagten: ein starkes Süd-Nord-Gefälle mit Bayern und Baden-Württemberg
in der
Spitzengruppe. Beide Bundesländer haben ja ein differenziertes
Schulsystem. Für
eine Legende halte ich demgegenüber, dass uns ständig der zeitweilige
Pisa-Sieger Finnland vorgehalten wird. Finnland hat einen
Migrantenanteil von
zwei Prozent, Deutschland von 18 bis 30 Prozent. Und in Finnland gibt
es unter
Jugendlichen eine Arbeitslosenquote von 20 Prozent.
Sind
Pisa-Tests auch weiterhin unverzichtbar, wie der Pisa-Koordinator
Andreas
Schleicher meint?
Ach,
das ist ein Beschäftigungsprogramm für die OECD. Pisa hat vielleicht
einen
heilsamen Schock gebracht, aber heute wissen wir alles, was wir wissen
müssen.
Nur in Deutschland und Österreich wird Pisa so hoch gehängt.
Das
Interview führte Dirk Walter