| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
ZDF Berlin direkt vom 5. Dezember 2004
Frage: Sollte man die Kinder nicht länger als zur vierten Klasse gemeinsam unterrichten?
Kraus: Wir haben in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren zahlreiche Studien gehabt, die dieser Option widersprechen. Am Beispiel Berlins und Brandenburgs wurde nachgewiesen, dass Schüler nach einer gemeinsamen sechsjährigen Grundschulzeit schlechter dastehen als nach einer vierjährigen. Im Übrigen schneiden im innerdeutschen Vergleich diejenigen Bundesländer am besten ab, die nach der vierten Klasse eindeutig nach Schulformen differenzieren.
Frage: Wieso braucht man in Deutschland so lange für die Umsetzung von Reformen. Erleben Schüler über zwölf Jahren überhaupt noch entscheidende Verbesserungen?
Kraus: Wir hatten erste vorsichtige Reformen in Mathe und Naturwissenschaften nach der TIMSS-Studie Ende der 90er Jahre. Die PISA-Debatte hatte ihren Höhepunkt 2002, die aus PISA abgeleiteten Reformen begannen erst im Herbst 2003 zu greifen, das heißt zu einem Zeitpunkt als PISA II bereits stattgefunden hatte. Wir konnten aufgrund der Kürze der Zeit keine weitere Verbesserung erwarten. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir bei PISA 2006 in den Naturwissenschaften an das vordere Drittel herankommen.
Frage: Bildung beginnt im Kleinkindalter!
Warum werden nicht schon im Elementarbereich die Rahmenbedingungen für
die Kinder wie auch für die Erzieher verbessert, zum Beispiel durch
kleinere Gruppen, qualifizierteres Personal, keine Einsparungen in diesen
Bereichen?
Kraus: Ich glaube nicht, dass unsere Erzieherinnen schlecht ausgebildet sind, aber wir brauchen eine anderes Verständnis von Kindergartenpädagogik. Im Kindergartenalter sind Kinder vor allem sprachlich unglaublich lernfähig, diese Zeit lassen wir zum Teil ungenutzt verstreichen. Ich würde mir bereits im Kindergarten eine intensive Sprachförderung gerade auch für Emigrantenkinder wünschen.
Frage: Liegt es vielleicht aber
nicht doch zu einem Teil an den Lehrern? Die Ausbildung an den Universitäten
für Lehramtstudenten ist zum Teil miserabel.
Kraus: Dem möchte ich entschieden widersprechen. Es gibt zahlreiche Länder, die den hohen wissenschaftlichen Anspruch an die deutsche Lehrerbildung zu schätzen wissen. Ansonsten haben wir in der Lehrerausbildung und in der Fortbildung einige Veränderungen auf den Weg gebracht, die im Rahmen eines stärker anwendungsorientierten Unterrichts zukünftig bessere Testergebisse erwarten lassen. Ein Beispiel ist das Sinusprojekt im Fach Mathematik.
Frage: Ich stelle fest, dass es in Deutschland sorgfältig vermieden wird zu erwähnen, dass das finnische Schulmodell eine Weiterentwicklung des aus meiner Sicht hervorragenden zweigliedrigen Schulmodells aus Polytechnischer Sekundarschule und Gymnasium (damals EOS) aus der DDR ist. Warum werden die Vorteile des Systems aus ideologischen Gründen so vehement bestritten?
Kraus: Der Vergleich zwischen dem DDR-Schulsystem und dem finnischen Schulsystem ist reichlich weit hergeholt. Finnland hat einige entscheidende Vorzüge was die schulischen Rahmenbedingungen betrifft: Es gibt pro Einzelschüler etwa 50 Prozent mehr Geld aus, es fördert die 20 Prozent schwächsten Schüler in Kleinstgruppen und es hat kein Problem mit der Emigrantenintegration, weil es dort nahezu keine Emigranten gibt. Man sollte das finnische Schulsystem auch einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachten: Laut WHO ist die Zufriedenheit der Schüler mit ihrem Schulsystem in Finnland am schwächsten ausgeprägt.
Frage: Die Politik sollte endlich wieder einsehen, dass für Bildung das nötige Geld zur Verfügung gestellt wird und gleichzeitig das nötige Lehrpersonal. Warum ist eigentlich für Bildung kein Geld da?
Kraus: Geld ist zwar nicht alles, aber im internationalen Vergleich sind deutsche Schulen chronisch unterfinanziert. Gemessen am Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt nehmen wir einen nur knapp mittleren Rangplatz ein. Würde man unseren Schulen auch nur einen fünfprozentigen Stundenpool zugestehen, könnten wir Unterrichtsausfall minimieren und mehr individuelle Förderung betreiben.
Frage: Worin liegen die Unterschiede in der Bildungspolitik zwischen CDU- und SPD-regierten Ländern?
Kraus: Da müsste man die Parteien fragen. Meines Wissen hat die SPD ihre Vorstellungen von einer einheitlichen Schule nicht aufgegeben, während die CDU bundesweit beim hohen Differenzierungsgrad des Schulsystems bleiben möchte. Die Schulerfolge in BW und in Bayern geben der Union Recht.
Frage: In Studien wie IGLU wird gezeigt, in diesem Altersbereich sind wir gut. Warum? Hier wird noch nicht eingeteilt in Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Warum will die Politik nicht endlich wahrnehmen?
Kraus: Das ist ein Fehlurteil.
In PISA liegen wir im Bereich zwischen Platz 15 und 20, bei IGLU um Platz
10. Allerdings: An IGLU waren 10 Länder, die in PISA vor Deutschland
liegen, nicht beteiligt. Unter dem Strich: Wir waren in IGLU nicht besser.
Frage: Warum wird die Dreiteilung unseres Schulsystems nicht auf den Prüfstand gestellt? Es ist doch deutlich zu erkennen, dass die leistungsorientierte Förderung durch ein solches System an der Realität gescheitert ist. Wäre es nicht besser, eine Gesamtschule einzurichten und die Schüler durch unterschiedlich schwere Kurse zu fördern?
Kraus: Der unterschiedliche Schweregrad schulischer Förderung wird eben durch ein mehrgliedriges Schulsystem garantiert. Gesamtschule in Deutschland hat nach allen vorliegenden Untersuchungen der letzten 25 Jahre nicht mit den anderen Schulformen mithalten können, obwohl sie um 30 Prozent besser ausgestattet ist.
Frage: Was halten Sie von Waldorfschulen?
Kraus: Waldorfschulen, wie alle Schulen in privater Trägerschaft, sind eine sinnvolle und interessante Ergänzung des Regelschulsystems. Prinzipien und Strukturen dieser Privatschulen sind kaum auf das Schulsystem insgesamt übertragbar, weil diese Schulen eine ganz spezifische Schülerschaft repräsentieren.
Frage: Warum sind heutzutage viele Pädagogen nicht mehr in der Lage, richtig mit Schülern zu kommunizieren? Liegt es nicht daran, dass dem Staat die guten Pädagogen weglaufen?
Kraus: Der Lehrerberuf hat dramatisch an Attraktivität verloren. In den kommenden zwölf Jahren werden 350.000 Lehrer in den Ruhestand gehen. Ich habe Sorge, dass wir sie mangels Nachwuchs nicht ersetzen können. Damit stehen wir vor einem Bildungsproblem, dass die PISA-Dimension um ein Vielfaches übersteigt.
Frage: Warum diese Zersplitterung in den Lehrplänen und Lehrbüchern und warum nicht ein Schulsystem für ganz Deutschland?
Kraus: In Deutschland haben die 16 Bundesländer durch das Grundgesetz garantiert die Hoheit in Sachen Bildung. Das ist gut so, denn dadurch gibt es zumindest ein Stück Wettbewerb und Konkurrenz. Hätte man in den 70er Jahren deutschlandweit ein einheitliches Schulsystem eingeführt, dann läge Deutschland heute bei PISA nicht einmal in mittleren Rängen, sondern auf der Ebene der Deutschen PISA-Schlusslichter Bremen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt.
Frage: Erklären sie mir bitte mal denn Wettbewerb unter den Ländern durch die verschiedenen Lehrpläne? So erscheint zum Beispiel in Thüringen nicht eine Aufgabe zur Stochastik in der Abschlussprüfung, aber in Sachsen in jeder Prüfung.
Kraus: Natürlich brauchen wir noch mehr Abstimmung zwischen den Bundesländern. Ansonsten könnten sich progressive deutsche Schulpolitiker viele Reisekosten sparen, wenn sie nicht nach Skandinavien pilgerten, sondern in die erfolgreichen deutschen Bundesländer.
Frage: Liegen die Probleme nicht vor allen an den Hauptschulen, an die die schlechtesten Schüler nach unten weitergereicht werden?
Kraus: Ich habe großen Respekt vor der Arbeit der Hauptschullehrer. Es gibt einen Schüleranteil von 20 bis 30 Prozent, für die die Hauptschulpädagogik die richtige ist. Hier lässt sich vieles noch verbessern, Ich möchte, dass die Hauptschule aufgrund der Heterogenität ihrer Schülerschaft noch viel mehr Stunden und pädagogisches Personal zugewiesen bekommt. Eine Abschaffung der Hauptschule ist der falsche Weg, denn die Lehrstellen- und Berufsprobleme unserer Problemschüler werden damit in keiner Weise beseitigt. Ich möchte auch nicht von Restschule sprechen, das wäre ein Ausdruck aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Deutschlandweit 33 Prozent Hauptschüler sind keine Restschüler. Sonst wären 35-Prozent-Parteien keine Volksparteien mehr.
Frage: Wie lässt sich denn Hauptschule verbessern im dreigliedrigen Schulsystem?
Kraus: Gut 20 Prozent unserer Schüler erreichen nur das unterste von sechs PISA-Niveaus. Hier muss uns etwas einfallen - und zwar der Migrationspolitik, der Schulpolitik und den betreffenden Eltern, damit wir Immigranten fürs erste sprachlich besser integrieren können, das ist das A und O für deren berufliche und gesellschaftliche Integration. Die Hauptschulen leisten hier viel, könnten aber unter günstigeren Umständen noch mehr leisten. Unterm Strich: Bildung braucht einen höheren Stellenwert in Deutschland, außerdem kriegen wir keine Bildungsoffensive hin ohne häusliche Erziehungsoffensive.
| © 2004 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24 |