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DeutschlandRadio Berlin - Politisches Feuilleton - 2. Oktober 1999
Eine Renaissance des Wissens ist überfällig
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Wenn sich Schulabsolventen von ihrer Schule verabschieden, dann verabschieden sie sich auch von manchem Wissen, das sie sich oft nur flüchtig angelernt haben. Hilfestellung bei dieser Vergeßlichkeit liefert die "moderne" Schulpädagogik: Faktenwissen sei Stoffhuberei; Schlüsselqualifikationen hätten Vorrang vor konkreten Inhalte; das Fachübergreifende sei wichtiger als die einzelfachliche Qualifikation; es reiche zu wissen, wo man etwas nachschlagen bzw. "downloaden" kann.
Diese Vorstellungen aber gehören zu den großen Irrtümern aktueller Bildungstheorie. Überhaupt fällt auf, daß "Wissen" nicht zu einem Grundbegriff der Pädagogik und der Psychologie geworden ist. Man schaue sich Nachschlagewerke dieser Fachgebiete an: Das Stichwort "Wissen" findet man selten - ein Armutszeugnis. Man findet es eher noch in einem politischen bzw. Staatslexikon.
Angesichts dieser Vergessenheit ist eine Renaissance des Wissens, auch des konkreten Faktenwissens überfällig. Diese Forderung hat zunächst einen ganz konkreten Anlaß: Unsere jungen Leute wissen heutzutage von vielem ein bißchen, vom Wichtigen aber zu wenig.
Zu Beginn des Jahres 1999
ließ ein großes deutsches Magazin vom Ifep-Institut Schüler
im Alter von 14 bis 16 befragen. Hier eine Auswahl der Fragen und der Anteile
richtiger Antworten: Welche zwei Flüsse bilden die natürliche
Grenze zwischen Deutschland und Polen? Nur 28 Prozent der Gymnasiasten
wußten, daß das Oder und Neiße sind. Was ist ein Lichtjahr?
Nur 27 Prozent der Gymnasiasten wußten, daß das die Strecke
ist, die Licht in einem Jahr zurücklegt. Welches Ereignis wird in
Deutschland am 3. Oktober gefeiert und in welchem Jahr fand das Ereignis
statt? Nur 23 Prozent der Gymnasiasten wußten, daß es hier
um die Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 geht. Seit wann
gibt es in Deutschland keinen Kaiser mehr? Nur 20 Prozent der Gymnasiasten
wußten, daß dies seit
1918 der Fall ist. Welches
Land hatte im Zweiten Weltkrieg die meisten Toten zu beklagen? Ganze 11
Prozent der Gymnasiasten wußten, daß es die Sowjetunion war.
Aber: 81 Prozent der Gymnasiasten wissen, daß der Song "Thriller"
von Michael Jackson stammt.
Wissen: Ist es überflüssig geworden? Hemmt es Innovation? Elf Zwischenrufe dazu!
Erstens: Unsere Gesellschaft wird heute vielfach als Informationsgesellschaft bezeichnet. Das ist eine zu enge Beschreibung. Man sollte besser von einer Wissensgesellschaft sprechen. Denn Wissen besteht zwar aus Informationen, aber Informationen ergeben noch lange kein Wissen. Information, das ist das Sterile, das Flüchtige. Wissen, das ist das Lebendige, das Beständige, das Gewichtete, das Bewertete. Wissen, das ist mehr als die Summe der zugrunde liegenden Informationen. Das bedeutet immer zugleich Synergie-Gewinn. Deshalb brauchen wir keine bloß informierten Menschen, sondern wissende.
Zweitens: Wir lassen uns leicht erschrecken von immer kürzeren sog. Halbwertszeiten des Wissens. Es mag ja eindrucksvoll sein, daß wir derzeit in der Computertechnik Halbwertszeiten von drei Jahren haben, das heißt, daß das Wissen des Jahres 1999 im Jahr 2002 zur Hälfte überholt ist. Es mag auch beeindrucken, daß die Naturwissenschaften nahezu in jeder Minute eine neue chemische Formel und alle fünf Minuten eine neue medizinische Erkenntnis finden. Und es mag Staunen erregen, daß in den nächsten zehn Jahren mehr gedruckt wird als in den fünfeinhalb Jahrhunderten seit der Erfindung des Buchdrucks (um 1440) zusammen. Aber: Es gibt sehr viel, ja unendlich viel Wissen, das sich nicht überholt. Das kleine und das große Einmaleins hat eine unendliche Halbwertszeit. Das gleiche gilt für historische Fakten, für naturwissenschaftliche Grundgesetze, für die große Literatur, für anthropologische Grundtatsachen. Und auch Englischvokabeln haben eine Halbwertszeit von ein paar hundert Jahren. Lateinische ohnehin. Auf solche Dinge müssen wir uns konzentrieren in Bildung und Erziehung. Ansonsten ist eine Lanze für das schulisch vermittelte Wissen zu brechen: Am längsten frisch hält sich tatsächlich das Schulwissen. Es hat eine Halbwertszeit von gewiß dreißig Jahren, das heißt, der Fünfzigjährige kann die Hälfte dessen, was er beim Abitur kannte und konnte, immer noch verwenden.
Drittens: Wenn man einen Begriff, einen Sachverhalt klären will, dann tut man oft gut daran, sich der Weisheit der Sprache zu erinnern, denn in der Sprache bildet sich der Erfahrungsschatz von Hunderten von Generationen ab. Was "Wissen" betrifft, lohnt sich ganz besonders eine sprachgeschichtliche Betrachtung. "Wissen" - das geht zurück auf die indogermanische Wortwurzel "weid", was so viel bedeutet wie "erblicken, sehen". Diese Semantik setzt sich fort im griechischen "idein" und im lateinischen "videre" (jeweils "sehen"), ebenso im gotischen "witan" (sehen). Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als daß Wissen sehr viel zu tun hat mit genauem Hinsehen. Man denke nur an das Wort Einsicht, die höchste Stufe des Wissenserwerbs; "Einsicht" - das hat zu tun mit genauem Hinschauen.
Viertens: Aber auch Unwissen und Dilettantismus verraten sich in der Sprache. Das gilt für manche Schüler und nicht weniger für manche Politiker. "a + b = c2; a2 + b = c; oder so ungefähr lautet der Satz von Pyromanoras - oder so ähnlich", sagt der Schüler, der etwas nicht verstanden oder nicht gelernt hat. "Ich denke mal und gehe ein Stück weit davon aus, daß unsere Reformen perspektivisch wirken." Da könnte man gleich sagen: Ich habe keine Ahnung. Aber so reden diejenigen, die mehr schwadronieren als wissen. Wissen beugt einem solchen Ungefähr, einer solchen Bläh-Sprache vor.
Fünftens: Breites Wissen ist die unerläßliche Voraussetzung für die Fähigkeit zur Zusammenschau und zur Interdisziplinarität. Das gilt auch für kreative Leistungen. Edison sagte einmal: Zehn Prozent von Kreativität sind Inspiration, neunzig Prozent sind Transpiration. Wer also erfinderisch und innovativ sein möchte, der möge erst einmal viel, viel wissen. Professor Franz. E. Weinert, bis 1998 Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts für psychologische Forschung bringt es anders auf den Punkt: Breites Wissen ist die Voraussetzung für anspruchsvolles und zielführendes Denken, Urteilen und Handeln. Und breites Wissen in konkreten "Wissensdomänen" ist die unbedingte Voraussetzung auch für die fachübergreifende Zusammenschau. Ist ja auch klar: Mit dem fachübergreifenden Wissen und Können ist es wie mit dem Bauen eines Hauses. Das konkrete Wissen, das ist das Fundament und das Kellergeschoß, in fortgeschrittenem Stadium das erste Stockwerk. Erst dann kommt das Übergreifende, das Dach darauf. Und was für den Bau eines Hauses gilt, das gilt auch für den Erwerb von Wissen und von Interdisziplinarität: Man kann den Bau nicht mit dem Dach beginnen. Sonst wird daraus ein Luftschloß oder die Überdachung einer Nullmenge. Im übrigen: Je mehr ich weiß, desto mehr ergibt das eine Struktur, in die Neues mit immer weniger Lernaufwand eingefügt werden kann.
Sechstens: Wissen ist das Erkennen von etwas Abwesendem. Das erhebt den Menschen weit über das Tier. Während das Tier den konkreten Auslösemechanismus braucht, um "Gelerntes" (Konditioniertes) abzurufen und um zu reagieren, kann der Mensch sein Erinnern, sein Wissen selbst abrufen. Der Mensch ist aufgrund dieser Fähigkeit zum Erkennen von etwas Abwesendem eben auch fähig zur Abstraktion, zur Theoriebildung, zum philosophischen Höhenflug, zum Moral-Kodex. Er ist damit befreit vom Augenblick, vom "hic et nunc", von Hier und Jetzt. Der andere, der im Augenblick Gefangene, das wäre der Sklave des Zufalls, der Laune, seiner Subjektivität. Das ist auch einem neueren Spleen entgegenzuhalten, der sich Konstruktivismus nennt und besagt: Es gibt keine Wirklichkeit, sondern es gibt nur die individuell vom einzelnen in seinem Kopf konstruierte Wirklichkeit. Wenn es so wäre, dann gäbe es tatsächlich kein Wissen als gemeinsamen Besitz mehr. Dann wäre der Mensch eingekerkert in ewiger Gegenwart.
Siebtens: Wer nichts weiß, muß alles glauben! Man stelle sich - im Gedankenexperiment - einen zwar intelligenten Menschen, aber einen Menschen ohne Wissensfundus vor. Er wäre das Lieblingsobjekt eines jeden Diktators oder Demagogen. Denn er wäre nicht mündig, weil er verführbar für jede Lüge und für jede Halbwahrheit wäre; er wäre anfällig für jedes Angstmachen und für jedes Propagieren von Vorurteilen. Deshalb ist der unwissende, der mit Halbwissen oder gar Lügen manipulierte, der indoktrinierte Mensch das Ziel totalitärer Systeme - totalitärer Systeme, die alles mögliche weismachen wollen und die alles - total - vorgeben und reglementieren wollen: eben auch Vorurteile. Frei nach dem Motto: "Ich weiß, daß du ein Linker/Rechter, ein Mann/eine Frau, ein Weißer/Schwarzer bist. Das reicht mir, dann weiß ich den Rest auch." Nicht umsonst nennt Orwell in seiner düsteren, totalitären Vision "1984" folgende drei Wahlsprüche des Wahrheitsministeriums (des "Miniwahr"). Sie lauten: Krieg bedeutet Frieden; Freiheit ist Sklaverei; Unwissenheit ist Stärke! Und ebenso eindrucksvoll kennzeichnet Reiner Kunze in seinem "Selbstgespräch für andere" Indoktrination aus leidvoller DDR-Erfahrung, wenn er dichtet: "Unwissende - damit ihr unwissend bleibt - werden wir euch schulen." Solche Menschen, für die andere denken und die von anderen manipuliert werden, wissen objektiv kaum etwas, deshalb sind sie ausschließlich auf das Glauben und auf das Meinen verwiesen - zwei Phänomene, die sich von der Objektivität des Wissens durch ihre Interessenleitung, ihre Außensteuerung unterscheiden. Deshalb sind Glauben und Meinen ausgerichtet auf die Kategorien gut/schlecht, ohne daß zuvor die Kategorien richtig/falsch, also die Kategorien des Wissens, mitbedacht worden wären.
Achtens: Der Inhalt des Wissens ist neutral - er ist im ungünstigen Fall falsch, aber dann ist es kein Wissen, sondern ein Irren. Zu wissen, wie man ein Messer herstellt und benutzt, ist für sich ein neutrales Wissen. Gut oder schlecht wird dieses Wissen erst durch die Anwendung. Ich kann es als Schnitzmesser für die Herstellung eines Kunstwerkes verwenden, als Skalpell zur Rettung eines Menschenlebens oder zum Töten eines Menschen. Ein anderes Beispiel: Es kann sein, daß ich weiß, welche Gebrechen ein Mensch hat oder wie zerstritten es in seiner Familie zugeht. Solches Wissen kann wichtig sein, um diesem Menschen helfen zu können. Aber: Es ist dies nie ein Wissen, das für die Allgemeinheit bestimmt ist, sondern dessen Geheimhaltung mit der Achtung vor der Würde eines Menschen zu tun hat. Alles andere wäre Voyeurismus, wäre schmuddelige Sensationsgier. Warum sonst - außer aus Gründen der Sensationsgier - müßte ich "wissen", wie eine Prinzessin X aus England oder Monaco ohne Hüllen aussieht? Wissen verlangt somit nach höchst verantwortlichem Umgang mit ihm. Ich muß immer auch fragen, welches Wissen ist wichtig, welches bedarf der Weitergabe, welches Wissen bedarf der Anwendung, welches Wissen verbietet seine Verbreitung.
Neuntens: Es reicht nicht zu wissen, wo man etwas nachschlagen oder - im Internet surfend - "herunterladen" kann. Natürlich ist es wichtig zu wissen, wo man etwas findet. Deshalb ist es wichtiger Bestandteil schulischer Bildung, den jungen Leuten zu demonstrieren, wo man was nachlesen kann. Aber dann ist es wie bei Tränken von Pferden. Von ihren Pflegern werden sie zur Tränke geführt, aber saufen müssen sie schon selber. Ansonsten: Man stelle sich ein politische, eine naturwissenschaftliche oder eine ökonomische Live-Debatte vor, in der auch nur drei Debattenpartner zwar wissen, wo man was findet, in der diese drei aber ständig zum Bücherregal rennen oder sich in Internet einklinken, um sich Fakten und Argumente zu suchen. Eine solche Download-Gesellschaft mit ihrem Häppchen- und Just-in-time-Wissen wäre eine Gesellschaft ohne Vorrat, eine Gesellschaft der Mini-Kommunikation. Dieses "downloaden" kommt einem vor wie der kleine, zierliche Anton, der sich Mut und anderen Angst machen möchte mit der Ankündigung, gleich seinen großen, starken Bruder zu holen.
Zehntens: Was Wissen betrifft, so ist es heutzutage weitestgehend demokratisiert und zu Recht kostenlos zu erwerben. Es entscheiden nicht Geburt, Geld, Geschlecht oder Gesinnung darüber, ob ich ein Wissender sein kann oder nicht. Wissen ist aber - was Anstrengung betrifft - in den seltensten Fällen zum Nulltarif zu haben. Psychologisch ausgedrückt: Ich muß schon Energie investieren, damit die flüchtige Speicherung im Kurzzeitgedächtnis zum dauerhaften Wissen im Langzeitgedächtnis wird. Kurz: Wissenserwerb kostet Anstrengung. Aber diese ist es wert, denn am Ende winkt dauerhafter Besitz.
Elftens: Wenn es keine Arroganz der Macht geben soll, dann darf es auch eine Arroganz des Wissens geben. Und dann darf es auch keine Arroganz der Absolventen einer bestimmten Schulform geben. Ein Mensch beginnt nicht mit dem Abitur, und die Würde eines Menschen hängt nicht von seinem Wissen ab. Deshalb gibt es auch keine Halbgötter des Katheders oder keine Halbgötter in Weiß. Menschen mit großem Wissen neigen zu Bescheidenheit. Denn diese Menschen sind sich bewußt: Je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich, daß ich wenig weiß. Wissen, großes Wissen, darf deshalb auch Anlaß zur Demut sein, Demut vor dem Wissen von 20.000 Vorgänger-Generationen, die seit der Erfindung der Keilschrift bei den Sumerern ihr Wissen aufzeichnen; vor dem Wissensschatz vieler Hochkulturen; vor dem eigenen Gewissen (Ge-Wissen als Inbegriff des Wissens um Maßstäbe). Das wußten die Römer längst: "Quo sapientior, eo modestior." (Je weiser einer ist, desto bescheidener wird er.) Und schließlich hat Wissen - bereits sprachgeschichtlich - mit "Witz" zu tun. Ich kann zwar mit Wissen brillieren, aber ich kann noch mehr brillieren, wenn ich das mit Witz und zum Beispiel mit einem Schuß Selbstironie tue. Dann erst bin ich wirklich souverän.
Alles in allem: Es ist eine Renaissance des Wissens angesagt. Das versteht sich außer als Appell an die Schulpädagogik vor allem auch als Appell an die jungen Leute, über den Tag hinaus neugierig zu sein, immer mehr wissen zu wollen und sich nie mit dem erworbenen Wissen zufriedenzugeben.
Der Aufsatz erschien in
leicht veränderter Fassung am 16.07.99 im RHEINISCHEN MERKUR.
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