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Kolumne aus dem "Handelsblatt" vom 24. Oktober 2008
200 Stunden Ökonomie
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
In der öffentlichen Debatte kehrt regelmäßig die die Forderung nach Einführung eines Schulfaches "Wirtschaft"
wieder. Inwieweit das sinnvoll ist, darüber gehen die Meinungen
selbst in Bundesländern, die dieses Fach haben, auseinander.
Wirtschaft und Wirtschaftspolitik wollen es; Bundeswirtschaftsminister
Michael Glos meinte kürzlich in einer Talkrunde gar, ein solches
Fach könne den Bürger vor den privaten Folgen eines
internationalen Finanzdesasters schützen. Kultusminister und
Lehrer sind da zum Großteil anderer Auffassung.
Wie auch immer: Vor überzogenen Erwartungen an ein Schulfach
Wirtschaft ist zu warnen. Eines aber ist klar: Der junge Mensch muss zu
einem mündigen Wirtschaftsbürger erzogen werden. Das
wirtschaftliche Handeln des Elternhauses spielt dabei - als negatives
oder positives Vorbild - eine prägende Rolle. In welcher Form
ökonomische Bildung schulisch geschieht, ist indes zweitrangig.
Ein eigenes Fach muss es nicht sein. Aber rund 200 Stunden
ökonomische Grundbildung sollte jeder Schulabsolvent schon
mitbekommen haben. Das entspricht in etwa einem wöchentlich
zweistündigen Schulfach über zweieinhalb Jahre hinweg. Diese
200 Stunden können auf verschiedene Fächer verteilt sein: Das
Fach Politik/Sozialkunde bettet Wirtschaftsfragen in politische
Zusammenhänge ein. Das Fach Geschichte stellt die Entstehung
unterschiedlicher Visionen von Ökonomie dar, zum Beispiel die
Leitideen und die Genese der Sozialen Marktwirtschaft.
Die sprachlichen Fächer betonen wirtschaftliche Sachverhalte aus
der Perspektive des betroffenen Bürgers oder im internationalen
Vergleich. In Religionslehre/Ethik können ethische Aspekte der
Ökonomie dargestellt und diskutiert werden. Ein solcher
fachübergreifender Ansatz hat sogar den Vorzug der
Multiperspektivität, er verteilt die wichtige Aufgabe der
ökonomischen Grundbildung auf viele Schultern, und er verhindert,
dass alle anderen Fächer den Auftrag dieser Grundbildung an ein
Fach Wirtschaft delegieren und damit als abgehakt betrachten.
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