DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

  Aus "neue bildpost"  vom 6. März 2003

Wertevermittlung in Familie und Schule

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Wer sich heute mit Blick auf die Jugend mit Werten befaßt, beginnt gerne mit einem Lamento: "So schlecht war die Jugend noch nie!" Diese Melodie relativiert sich aber in der historischen Perspektive; es ist dies nämlich eine Klage, die sich bereits auf einem babylonischen Tonziegel vor 5000 Jahren fand. Dort heißt es: "Diese Jugend ist von Grund aus verdorben, böse, gottlos und faul. Sie wird nie mehr so werden wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten." Statt dessen darf man auch heute festhalten: Die "vergammelten" und "verkorksten" Jungen gibt es nicht, das zeigen die Alltagserfahrungen und alle jüngeren Jugendstudien. Im Gegenteil, Millionen junger Leute gehen selbstverständlich ihren Pflichten nach. Sie sind familiär, schulisch, beruflich, kirchlich, sportlich, sozial und ökologisch engagiert. Die Notstandsbilder trügen: Wenn hundert Jugendliche randalieren, dann steht es in den Zeitungen. Von den Millionen, die ihren Eltern und Lehrern Freude machen, schreibt und sendet leider kaum jemand, die "Sensation des Positiven" bleibt uns vorenthalten.

Ein zufriedenstellender Blick auf das Ganze darf den Blick nicht verstellen für Negativentwicklungen im Jugendbereich. So sind in wachsendem Maße zu beobachten: Egoismus, Süchte, Gewaltbereitschaft, Verdruß an Staat und Politik. Das ist ein besorgniserregendes Tableau, das gleichwohl ein Umfeld hat. Sorgen macht vor allem der schleichende Funktionsverlust der Familien und ihrer Vorbildfunktion. Dort wurde Erziehung teilweise zum vernachlässigten Geschäft. Die Ursachen dafür sind vielschichtig: jährlich 140.000 neue "Scheidungswaisen" in Deutschland; eine fortschreitende Delegation von Erziehung "außer Haus", an Schule und Gesellschaft; die zunehmende Inanspruchnahme unheimlicher Miterzieher als "Babysitter".

Sorgen macht so manche gesellschaftliche Entwicklung, für die die Erwachsenen die Verantwortung tragen: ein medial und bisweilen gerichtlich gepflegter Vorrang hedonistischer Werte vor Pflicht-, Verzichts- und Akzeptanzwerten ("Grundrechtssubjektivismus"); eine fortschreitende Erosion des Unrechtsbewußtseins und der Rechtstreue; eine endlose Verrohung der Medienlandschaft, die "Hackfleischfilme" - höchstrichterlich genehmigt - unter dem Mäntelchen des informationellen Selbstbestimmungsrechts und der Kunstfreiheit verkaufen darf; ein sog. Sofortismus" und ein Jugendwahn, der immer alles sofort haben will. Kernproblem scheint vor allem ein als absolut gesetzter Pluralismus zu sein, der im Zuge gleicher Gültigkeit aller Bezüge zur Gleichgültigkeit, zur Beliebigkeit, zum „anything goes“ verkommt und gezielt dekonstruktivistisch sein soll. Reif und erwachsen ist das nicht, vermutlich weil die heutige Welt der Erwachsenen oft gar keine Welt der Erwachsenen, sondern allenfalls eine Welt der Postadoleszenten ist. Selbst der „Spiegel“ – im Zertrümmern von Werten und Tabus sonst ja nicht kleinlich – jammert 1999 in einem Sonderheft bereits im Titel über das „Volk ohne Moral“.

Angesichts solcher Umstände hat Eduard Spranger heute mehr denn je recht, wenn er in den 60er Jahren sagt: Die hauptsächliche Ursache negativer Prägungen unserer Kinder ist die innere Unwahrhaftigkeit der Gesellschaft, da erziehen zu wollen, wo echte Erziehungsresultate eigentlich nicht gewollt werden. In manchen Bundesländern war Wertorientierung ab 1968 sogar regierungsamtlich nicht erwünscht. Im damals SPD-regierten Hessen hieß es noch 1992 in einem Papier des Kultusministeriums mit dem Titel "Schule im Wandel“: "Die kulturelle Vielfalt und die soziale Differenzierung der Gesellschaft verbieten es (sic!), bestimmte Moralvorstellungen in Schulen zu etablieren oder verbindlich zu machen."

Die Schulen kommen gegen so gezielte Desorientierung nicht an. Vor allem reichen die Anstrengungen der Schule nicht an die vielfältigen familiären, gesellschaftlichen und medialen Ursachen defizitärer Entwicklungen heran. Insofern ist es utopisch und ein bequemes Ablenkungsmanöver zu glauben, institutionalisierte Bildung könnte gesellschaftliche Wertereparaturwerkstatt sein. Auch die Inflation an schulischen Komposita-Erziehungen führt nicht weiter - diese ständig neu erfundenen Bindestrich- und Segment-Pädagogiken von Medien- und Konsumerziehung über Freizeit- und Gesundheitserziehung bis hin zu Umwelt-, Friedens- Sexualerziehung usw. All diese Forderungen sind nicht Ausdruck wachen pädagogischen Bewußtseins, sondern diese Atomisierung des Erzieherischen ist Symptom eines Verlustes an Orientierung überhaupt. Die Bundesfamilienministerin Renate Schmidt läßt sich gleichwohl im November 2002 mit der Forderung nach Einrichtung eines Schulfaches Familienkunde vernehmen und begründet dies so: Wir müßten lernen, was Liebe ist - und: „Da kann der Staat helfen.“ Man fühlt sich fast beim Gedanken an eine „DDR light“ ertappt.

Was wir vor allem brauchen, ist eine Stärkung der elterlichen Erziehung. Die Schule kann hier gemäß Subsidiaritätsprinzip nur unterstützend tätig sein. Ansonsten wäre zu wünschen, die Gesellschaft würde mit dem gleichen Engagement wie die anderen Bürger- und Menschenrechte auch die Erziehungsrechte und -pflichten (vgl. GG Artikel 6) sowie eine Erziehung im Interesse des Kindeswohls (vgl. BGB 1627) einfordern. Gerade für die Ansprüche des Artikels 6 des Grundgesetzes, demzufolge Pflege und Erziehung der Kinder "das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht" sind, ist trotz wachsender Freizeit und abnehmender Kinderzahl oft kein Platz in der Familie.

Überfällig ist sodann ein gesellschaftlicher Konsens in Fragen der Erziehungsziele und damit ein Konsens an Werten. Dabei muß klar sein, daß Wertevermittlung im kleinen beginnt. Das gilt auch für eines der wichtigsten Erziehungsziele, für die Achtung der Würde des Menschen (GG Art. 1)! Diese Achtung hat ihren Anfang bei entsprechenden Würdeformen im Umgang. Würdeloses scheint sich indes einzuschleichen - in Parlamenten, in Talkshows und in Schulen. Wir sehen hier zu oft weg. Deshalb kann die Alternative nur heißen: Dulden wir keine entwürdigenden Schimpfnamen und obszöne Gesten! Vermitteln wir, daß die Achtung der Würde des Menschen auch Achtung der Würde des Reinigungspersonals bedeutet und mit der Vermeidung von weggeworfenem Abfall zu tun hat! Und machen wir klar, daß das Auflehnen gegen Würdeloses eine Frage der Zivilcourage ist!

Ein Werte- und Erziehungskonsens ist auch deshalb wieder vonnöten, weil er durch eine Politisierung (siehe „emanzipatorische Erziehung“) und Pseudo-Psychologisierung ( siehe "Schwarze Pädagogik", „Patient Familie") der Erziehung brüchig geworden. Erziehung ist nicht Vergewaltigung oder Herrschaftsausübung, Erziehung kann auch nicht in Gefälligkeitspädagogik bestehen. Erziehen heißt: wachsenlassen und befreien sowie zugleich führen und binden (Theodor Litt). Jede einseitige Betonung eines dieser beiden Pole ist falsch. Allerdings wurde zuletzt wohl das Gewährenlassen überbetont. Deshalb brauchen wir vermehrt eine Erziehung durch ein In-Anspruch-Nehmen junger Menschen (Eduard Spranger), in PISA-Zeiten auch hinsichtlich Leistungsbereitschaft. Zu wünschen ist zudem eine Erziehung zur Toleranz, die darin besteht, daß Erwachsene und Erzieher nicht alles tolerieren. Und eines braucht Erziehung besonders: ein Ende der Diskriminierung der Werte Fleiß, Disziplin, Zuverlässigkeit, Ordnung, Pünktlichkeit, Verzicht, Treue und Leistung sowie eine Relativierung der „Werte“ Autonomie, Ungebundenheit, Eigennützigkeit, Distanz und Ausleben.

Was wir ferner brauchen, ist eine Rückbesinnung auf das, was unsere Landesverfassungen als Erziehungsziele vorgeben: eine Erziehung zur Verantwortung, zur Wahrhaftigkeit, zur Brüderlichkeit, zur Duldsamkeit und zur Selbstbeherrschung. Bei solchen Zielen geht es um die Existenz des demokratischen Rechtsstaates. Gesetzesgehorsam ist eine republikanische Tugend (im Sinne von "res publica"). Ohne diese Tugend kann ein Rechtsstaat nicht existieren. Überhaupt wäre es Zeit, über eine Rehabilitierung von Tugenden insgesamt zu sprechen. Tugenden sind nicht Ausweis des Verklemmten, sondern unerläßliche Voraussetzung für jedes Zusammenleben - auch und gerade in sog. pluralistischen und multikulturellen Gesellschaften. Selbst solche Gesellschaften leben davon, ob ihre Mitglieder einen verbindlichen Kodex akzeptieren und ob sie sich damit wechselseitig vertrauen können; sie leben beispielsweise davon, ob sie die vier Kardinaltugenden der Weisheit, der Gerechtigkeit, der Tapferkeit und der Mäßigung leben.

Schließlich müssen wir - durchaus gegen den Zeitgeist - sprechen über unser Bild vom Menschen und seinen Gesellschaften. Das ist wichtiger als ein Bildungsoperationalismus, der meint, Bildung sei das, was PISA mißt. Nein, wir müssen Bildung als Wertebildung verstehen. Dazu gehört, daß wir nachdenken über das Wechselspiel eines mehrfachen Dualismus von Freiheit und Gleichheit, Freiheit und Verantwortung sowie Rechten und Pflichten. Statt dessen habe viele den unausrottbaren Glauben, daß Gleichheit und Freiheit zugleich "gehen". Dabei hatte bereits Alexis de Tocqueville (1805 - 1859) die Gefährdungen der Freiheit erahnt: Die Freiheit erliege der Gleichheit, weil Freiheit mit Opfern erkauft werden müsse und weil Gleichheit ihre Genüsse von selbst darbiete, schreibt Tocqueville in seinem Buch "Die Demokratie in Amerika" von 1835. Zudem brauchen wir eine Antenne für das Wechselspiel von Freiheit und Verantwortung, von Rechten und Pflichten. Grundrechte sind keine Gratisware, sondern sie wollen immer wieder erarbeitet und erdient werden. Eigenverantwortung und Pflichtbewußtsein sind der Preis der Freiheit. Alles aber zu dürfen und nichts zu sollen, das funktioniert nicht.
 
Leider wissen immer weniger Leute, was unser Gemeinwesen zum freiheitlichsten und wohlhabendsten gemacht hat, das wir je auf diesem Boden hatten. Es sind christlich-abendländische Werte, die auch das Grundgesetz konstituierten. Wir müssen diesen Hintergrund unseres Verfassungskonsenses wieder hochhalten (quasi als unsere Rückbindung = "religio")! Daß hier nicht mehr viel da ist, zeigt die Tatsache, daß im Dezember 2002 laut Studie 40 Prozent der Sechs- bis Zwölfjährigen keine Ahnung hatten, warum Weihnachten gefeiert wird. Wir sollten unseren jungen Leuten wieder bewußt machen, was die Konstanten unseres "geistigen Besitzes" sind: das Bild von der Einmaligkeit und der Würde des Einzelnen (als Ausdruck der Gottesebenbildlichkeit); das Prinzip Eigenverantwortung, entstanden aus der Verantwortung gegenüber Gott; das Gebot der Nächstenliebe (Solidarität) und das Prinzip der Subsidiarität (vgl. die Katholische Soziallehre) und das Prinzip Arbeit als Lebensaufgabe. Die freien Gesellschaften, übrigens auch das Wirtschaftssystem der Sozialen Marktwirtschaft, leben schließlich selbst als säkularisierte Rechts- und Sozialstaaten von Werten und von einer Substanz, die die Trias Antike/Christentum/Judentum geschaffen hat.


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