Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Wer sich heute mit
Blick auf die Jugend mit Werten befaßt, beginnt gerne mit einem Lamento:
"So schlecht war die Jugend noch nie!" Diese Melodie relativiert sich aber
in der historischen Perspektive; es ist dies nämlich eine Klage, die
sich bereits auf einem babylonischen Tonziegel vor 5000 Jahren fand. Dort
heißt es: "Diese Jugend ist von Grund aus verdorben, böse, gottlos
und faul. Sie wird nie mehr so werden wie die Jugend vorher, und es wird
ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten." Statt dessen darf man auch
heute festhalten: Die "vergammelten" und "verkorksten" Jungen gibt es nicht,
das zeigen die Alltagserfahrungen und alle jüngeren Jugendstudien. Im
Gegenteil, Millionen junger Leute gehen selbstverständlich ihren Pflichten
nach. Sie sind familiär, schulisch, beruflich, kirchlich, sportlich,
sozial und ökologisch engagiert. Die Notstandsbilder trügen: Wenn
hundert Jugendliche randalieren, dann steht es in den Zeitungen. Von den
Millionen, die ihren Eltern und Lehrern Freude machen, schreibt und sendet
leider kaum jemand, die "Sensation des Positiven" bleibt uns vorenthalten.
Ein zufriedenstellender
Blick auf das Ganze darf den Blick nicht verstellen für Negativentwicklungen
im Jugendbereich. So sind in wachsendem Maße zu beobachten: Egoismus,
Süchte, Gewaltbereitschaft, Verdruß an Staat und Politik. Das
ist ein besorgniserregendes Tableau, das gleichwohl ein Umfeld hat. Sorgen
macht vor allem der schleichende Funktionsverlust der Familien und ihrer
Vorbildfunktion. Dort wurde Erziehung teilweise zum vernachlässigten
Geschäft. Die Ursachen dafür sind vielschichtig: jährlich
140.000 neue "Scheidungswaisen" in Deutschland; eine fortschreitende Delegation
von Erziehung "außer Haus", an Schule und Gesellschaft; die zunehmende
Inanspruchnahme unheimlicher Miterzieher als "Babysitter".
Sorgen macht so manche
gesellschaftliche Entwicklung, für die die Erwachsenen die Verantwortung
tragen: ein medial und bisweilen gerichtlich gepflegter Vorrang hedonistischer
Werte vor Pflicht-, Verzichts- und Akzeptanzwerten ("Grundrechtssubjektivismus");
eine fortschreitende Erosion des Unrechtsbewußtseins und der Rechtstreue;
eine endlose Verrohung der Medienlandschaft, die "Hackfleischfilme" - höchstrichterlich
genehmigt - unter dem Mäntelchen des informationellen Selbstbestimmungsrechts
und der Kunstfreiheit verkaufen darf; ein sog. Sofortismus" und ein Jugendwahn,
der immer alles sofort haben will. Kernproblem scheint vor allem ein als
absolut gesetzter Pluralismus zu sein, der im Zuge gleicher Gültigkeit
aller Bezüge zur Gleichgültigkeit, zur Beliebigkeit, zum „anything
goes“ verkommt und gezielt dekonstruktivistisch sein soll. Reif und erwachsen
ist das nicht, vermutlich weil die heutige Welt der Erwachsenen oft gar keine
Welt der Erwachsenen, sondern allenfalls eine Welt der Postadoleszenten ist.
Selbst der „Spiegel“ – im Zertrümmern von Werten und Tabus sonst ja
nicht kleinlich – jammert 1999 in einem Sonderheft bereits im Titel über
das „Volk ohne Moral“.
Angesichts solcher
Umstände hat Eduard Spranger heute mehr denn je recht, wenn er in den
60er Jahren sagt: Die hauptsächliche Ursache negativer Prägungen
unserer Kinder ist die innere Unwahrhaftigkeit der Gesellschaft, da erziehen
zu wollen, wo echte Erziehungsresultate eigentlich nicht gewollt werden.
In manchen Bundesländern war Wertorientierung ab 1968 sogar regierungsamtlich
nicht erwünscht. Im damals SPD-regierten Hessen hieß es noch 1992
in einem Papier des Kultusministeriums mit dem Titel "Schule im Wandel“:
"Die kulturelle Vielfalt und die soziale Differenzierung der Gesellschaft
verbieten es (sic!), bestimmte Moralvorstellungen in Schulen zu etablieren
oder verbindlich zu machen."
Die Schulen kommen
gegen so gezielte Desorientierung nicht an. Vor allem reichen die Anstrengungen
der Schule nicht an die vielfältigen familiären, gesellschaftlichen
und medialen Ursachen defizitärer Entwicklungen heran. Insofern ist
es utopisch und ein bequemes Ablenkungsmanöver zu glauben, institutionalisierte
Bildung könnte gesellschaftliche Wertereparaturwerkstatt sein. Auch
die Inflation an schulischen Komposita-Erziehungen führt nicht weiter
- diese ständig neu erfundenen Bindestrich- und Segment-Pädagogiken
von Medien- und Konsumerziehung über Freizeit- und Gesundheitserziehung
bis hin zu Umwelt-, Friedens- Sexualerziehung usw. All diese Forderungen
sind nicht Ausdruck wachen pädagogischen Bewußtseins, sondern
diese Atomisierung des Erzieherischen ist Symptom eines Verlustes an Orientierung
überhaupt. Die Bundesfamilienministerin Renate Schmidt läßt
sich gleichwohl im November 2002 mit der Forderung nach Einrichtung eines
Schulfaches Familienkunde vernehmen und begründet dies so: Wir müßten
lernen, was Liebe ist - und: „Da kann der Staat helfen.“ Man fühlt sich
fast beim Gedanken an eine „DDR light“ ertappt.
Was wir vor allem
brauchen, ist eine Stärkung der elterlichen Erziehung. Die Schule kann
hier gemäß Subsidiaritätsprinzip nur unterstützend tätig
sein. Ansonsten wäre zu wünschen, die Gesellschaft würde mit
dem gleichen Engagement wie die anderen Bürger- und Menschenrechte auch
die Erziehungsrechte und -pflichten (vgl. GG Artikel 6) sowie eine Erziehung
im Interesse des Kindeswohls (vgl. BGB 1627) einfordern. Gerade für
die Ansprüche des Artikels 6 des Grundgesetzes, demzufolge Pflege und
Erziehung der Kinder "das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst
ihnen obliegende Pflicht" sind, ist trotz wachsender Freizeit und abnehmender
Kinderzahl oft kein Platz in der Familie.
Überfällig
ist sodann ein gesellschaftlicher Konsens in Fragen der Erziehungsziele und
damit ein Konsens an Werten. Dabei muß klar sein, daß Wertevermittlung
im kleinen beginnt. Das gilt auch für eines der wichtigsten Erziehungsziele,
für die Achtung der Würde des Menschen (GG Art. 1)! Diese Achtung
hat ihren Anfang bei entsprechenden Würdeformen im Umgang. Würdeloses
scheint sich indes einzuschleichen - in Parlamenten, in Talkshows und in
Schulen. Wir sehen hier zu oft weg. Deshalb kann die Alternative nur heißen:
Dulden wir keine entwürdigenden Schimpfnamen und obszöne Gesten!
Vermitteln wir, daß die Achtung der Würde des Menschen auch Achtung
der Würde des Reinigungspersonals bedeutet und mit der Vermeidung von
weggeworfenem Abfall zu tun hat! Und machen wir klar, daß das Auflehnen
gegen Würdeloses eine Frage der Zivilcourage ist!
Ein Werte- und Erziehungskonsens
ist auch deshalb wieder vonnöten, weil er durch eine Politisierung (siehe
„emanzipatorische Erziehung“) und Pseudo-Psychologisierung ( siehe "Schwarze
Pädagogik", „Patient Familie") der Erziehung brüchig geworden.
Erziehung ist nicht Vergewaltigung oder Herrschaftsausübung, Erziehung
kann auch nicht in Gefälligkeitspädagogik bestehen. Erziehen heißt:
wachsenlassen und befreien sowie zugleich führen und binden (Theodor
Litt). Jede einseitige Betonung eines dieser beiden Pole ist falsch. Allerdings
wurde zuletzt wohl das Gewährenlassen überbetont. Deshalb brauchen
wir vermehrt eine Erziehung durch ein In-Anspruch-Nehmen junger Menschen
(Eduard Spranger), in PISA-Zeiten auch hinsichtlich Leistungsbereitschaft.
Zu wünschen ist zudem eine Erziehung zur Toleranz, die darin besteht,
daß Erwachsene und Erzieher nicht alles tolerieren. Und eines braucht
Erziehung besonders: ein Ende der Diskriminierung der Werte Fleiß,
Disziplin, Zuverlässigkeit, Ordnung, Pünktlichkeit, Verzicht, Treue
und Leistung sowie eine Relativierung der „Werte“ Autonomie, Ungebundenheit,
Eigennützigkeit, Distanz und Ausleben.
Was wir ferner brauchen,
ist eine Rückbesinnung auf das, was unsere Landesverfassungen als Erziehungsziele
vorgeben: eine Erziehung zur Verantwortung, zur Wahrhaftigkeit, zur Brüderlichkeit,
zur Duldsamkeit und zur Selbstbeherrschung. Bei solchen Zielen geht es um
die Existenz des demokratischen Rechtsstaates. Gesetzesgehorsam ist eine
republikanische Tugend (im Sinne von "res publica"). Ohne diese Tugend kann
ein Rechtsstaat nicht existieren. Überhaupt wäre es Zeit, über
eine Rehabilitierung von Tugenden insgesamt zu sprechen. Tugenden sind nicht
Ausweis des Verklemmten, sondern unerläßliche Voraussetzung für
jedes Zusammenleben - auch und gerade in sog. pluralistischen und multikulturellen
Gesellschaften. Selbst solche Gesellschaften leben davon, ob ihre Mitglieder
einen verbindlichen Kodex akzeptieren und ob sie sich damit wechselseitig
vertrauen können; sie leben beispielsweise davon, ob sie die vier Kardinaltugenden
der Weisheit, der Gerechtigkeit, der Tapferkeit und der Mäßigung
leben.
Schließlich
müssen wir - durchaus gegen den Zeitgeist - sprechen über unser
Bild vom Menschen und seinen Gesellschaften. Das ist wichtiger als ein Bildungsoperationalismus,
der meint, Bildung sei das, was PISA mißt. Nein, wir müssen Bildung
als Wertebildung verstehen. Dazu gehört, daß wir nachdenken über
das Wechselspiel eines mehrfachen Dualismus von Freiheit und Gleichheit,
Freiheit und Verantwortung sowie Rechten und Pflichten. Statt dessen habe
viele den unausrottbaren Glauben, daß Gleichheit und Freiheit zugleich
"gehen". Dabei hatte bereits Alexis de Tocqueville (1805 - 1859) die Gefährdungen
der Freiheit erahnt: Die Freiheit erliege der Gleichheit, weil Freiheit mit
Opfern erkauft werden müsse und weil Gleichheit ihre Genüsse von
selbst darbiete, schreibt Tocqueville in seinem Buch "Die Demokratie in Amerika"
von 1835. Zudem brauchen wir eine Antenne für das Wechselspiel von Freiheit
und Verantwortung, von Rechten und Pflichten. Grundrechte sind keine Gratisware,
sondern sie wollen immer wieder erarbeitet und erdient werden. Eigenverantwortung
und Pflichtbewußtsein sind der Preis der Freiheit. Alles aber zu dürfen
und nichts zu sollen, das funktioniert nicht. Leider wissen immer
weniger Leute, was unser Gemeinwesen zum freiheitlichsten und wohlhabendsten
gemacht hat, das wir je auf diesem Boden hatten. Es sind christlich-abendländische
Werte, die auch das Grundgesetz konstituierten. Wir müssen diesen Hintergrund
unseres Verfassungskonsenses wieder hochhalten (quasi als unsere Rückbindung
= "religio")! Daß hier nicht mehr viel da ist, zeigt die Tatsache,
daß im Dezember 2002 laut Studie 40 Prozent der Sechs- bis Zwölfjährigen
keine Ahnung hatten, warum Weihnachten gefeiert wird. Wir sollten unseren
jungen Leuten wieder bewußt machen, was die Konstanten unseres "geistigen
Besitzes" sind: das Bild von der Einmaligkeit und der Würde des Einzelnen
(als Ausdruck der Gottesebenbildlichkeit); das Prinzip Eigenverantwortung,
entstanden aus der Verantwortung gegenüber Gott; das Gebot der Nächstenliebe
(Solidarität) und das Prinzip der Subsidiarität (vgl. die Katholische
Soziallehre) und das Prinzip Arbeit als Lebensaufgabe. Die freien Gesellschaften,
übrigens auch das Wirtschaftssystem der Sozialen Marktwirtschaft, leben
schließlich selbst als säkularisierte Rechts- und Sozialstaaten
von Werten und von einer Substanz, die die Trias Antike/Christentum/Judentum
geschaffen hat.