DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 Gastkommentar aus "Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung" vom 25.11.2006


Werte müssen vorgelebt werden

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

 

Der Amoklauf des achtzehnjährigen Sebastian B. vom vergangenen Montag in einer Realschule im nordrhein-westfälischen Emsdetten hat reflexartig und deutschlandweit die uralte Frage nach dem Zustand unserer Jugend ausgelöst. „Diese heutige Jugend ist verdorben, böse, gottlos und faul. Es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten.“ So liest sich die Antwort auf die Eingangsfrage auf einem fünftausend Jahre alten babylonischen Tonziegel. Heute klingt dieses Lamento kaum anders. Aber die Klage ist unberechtigt. Richtig ist vielmehr: Man kann mit der heutigen Jugend etwas anfangen, sie ist ausgesprochen traditionell gebunden, indem ihr, so aktuelle Studien, zu über 85 Prozent Beruf und Familie wichtig sind. Diese Jugend vereint zudem in nicht unsympathischer Weise Optimismus und Pragmatismus. Sie ist damit bodenständiger als manch Erwachsener in der dritten Pubertät. Boshafte Zeitgeistkritiker nennen diese Erwachsenen übrigens nicht einmal Erwachsene, sondern Postadoleszente.

Richtig ist aber auch, dass es einem Teil der Jugendlichen – beziffern wir ihn mit zehn bis zwanzig Prozent – an Maß und Ziel, an Maß und Mitte fehlt. Dieses Defizit aber kommt nicht aus den Jugendlichen selbst, sondern es überträgt sich ihnen aus einer Erwachsenenwelt, die geprägt ist von übler Laune, wechselnden Saisonneurosen, Angst vor dem Verlust der Jugendlichkeit – aus einer Erwachsenenwelt auch, die ideelle und familiäre Bindungen in immer rascherer Folge kappt und sich immer mehr einem flachen Konsumismus hingibt. Der jugendliche Emsdettener Amokläufer hat dies durchaus erkannt, wenn er - zwar hasserfüllt und paranoid verzerrt -  in seinem Abschiedsbrief via Internet schreibt: „Ich war der Konsumgeilheit verfallen ... Aber was bringt dir das dickste Auto, das größte Haus, das neueste Handy, die schönste Frau .....“

So falsch liegt diese Diagnose nicht. Auch die Wissenschaft bestätigt: In den letzten drei Jahrzehnten sind soziale Werte, wie Pflichtgefühl und Treue, immer mehr durch individualistische Werte, wie Autonomie und Genuss, verdrängt worden. Überlagert wird diese Entwicklung von einer materiell und auf Äußerlichkeiten ausgerichteten Gegenwartsorientierung. Das Ergebnis ist bekannt: eine ideelle Leere, ein blanker Nihilismus einer schönfärberisch als Pluralismus verkauften Beliebigkeit, einer gleichen Gültigkeit aller Bezüge, ja einer Gleichgültigkeit – auch dem Mitmenschen, vor allem dem aus der Norm fallenden, gegenüber.

Politik und Publizistik sind eifrig bemüht, gegen dieses Sinnvakuum mit immer neuen Ethiken gegenzusteuern: mit einer Umwelt-, Wirtschafts- Wissenschafts-, Gen- Computer-Ethik sowie mit den verschiedensten Berufsethiken – der Ethik eines Managers, eines Juristen, eines Journalisten usw. Merkt über all dem aber keiner, dass diese Atomisierung des Ethischen in vielerlei Bindestrich-Ethiken kein Beweis für Maß und Mitte, sondern Symptom eines Verlustes an Maß und Mitte ist?

 

Was wir wieder brauchen – auch als Leitbild für unsere jungen Leute – das sind Erwachsene, die die europäisch-abendländisch geprägten Eckwerte vorleben – Werte, die auch unseren modernen freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat und dessen doch recht wohlhabendes Gemeinwesen ausmachen: vor allem der Dualismus von Freiheit und Verantwortung, von Rechten und Pflichten. Alles aber zu dürfen und nichts zu sollen, das funktioniert nicht. Darüber müssen wir nachdenken, das muss unsere Rückbindung (lateinisch „religio“), unsere Leitkultur sein. Der frühere griechische Staatspräsident Konstantinos Karamanlis hat es in die wunderbaren Worte gekleidet: „Europäische Kultur ist die Synthese des griechischen, des römischen und des christlichen Geistes; ist eine Synthese, zu der der griechische Geist die Idee der Freiheit, der Wahrheit und der Schönheit beigetragen hat; der römische Geist die Idee des Staates und des Rechts und das Christentum den Glauben und die Liebe.“ Wer dies nicht spürt und lebt, der bleibt unbehaust, wie Goethe sagen würde. Wer dies aber spürt und lebt, der erlebt etwas, was der Frühscholastiker Bernhard von Chartres vor fast 900 Jahren sagte: „Wir sind zwar alle Zwerge, aber auf den Schultern von Riesen können auch Zwerge weit schauen.“ Diese Bescheidenheit und Zuversicht zugleich brauchen wir.

 

Einer Gesellschaft aber, die sich einem Sofortismus einer vermeintlich ewigen Gegenwart hingibt und die sich medial den ständigen Sieg des Brutalst-Möglichen hereinzieht, fehlt es an Herkunft im Ideellen und damit an Zukunft. Den Erwachsenen in dieser Gesellschaft kann man deshalb nur ans Herz legen: Die auf Gestylten, die Gelifteten, die Berufsjugendlichen sind für eine suchende Jugend hohle Zeitgenossen. Es mag ja zu den uralten menschlichen Sehnsüchten gehören, immer und ewig jung und flott zu sein. Das Gemälde „Jungbrunnen“ von Lucas Cranach dem Älteren aus dem Jahr 1546 ist bildhafter Ausdruck dieser Sehnsucht: Links steigen dort die Alten und Kranken in den Brunnen, rechts steigen die Jungen und Knackigen heraus. Aber da beißt die Maus keinen Faden ab: Das Leben des Einzelnen bleibt endlich, nur über die nachfolgenden Generationen tradiert es sich. Dafür aber brauchen wir ausgewachsene Vorbilder – Vorbilder auch, denen man anmerkt, wofür sie stehen, womit sie Rückschläge überwinden und was ihre geistige Unterkellerung ist.



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