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Es gibt keinen Grund für einen Fächer-Mischmasch
Interview mit PROF. DR. WEINERT vom Max-Planck-Institut für psychologische Forschung
Professor Dr. Franz E. Weinert (67) ist Direktor am Max-Planck-Institut für psychologische Forschung in München. Er hat eine Honorarprofessur mit allen Rechten eines Lehrstuhlinhabers an der Universität Heidelberg und eine Honorarprofessur an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Mit ihm sprach Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.
In
das Bildungssystem in Deutschland werden jährlich rund 80 Milliarden
Mark investiert. Wird der Effekt dieses Inputs hinreichend erforscht? Oder
sind wir in der Schulleistungsforschung gar Entwicklungsland?
Ja, wir liegen zurück.
Das hat zwei Gründe. Erstens achten unsere Bundesländer sehr
darauf, daß sie weitgehend autonome Herren über ihr Schulsystem
sind. Da läßt man sich nicht so ohne weiteres auf Untersuchungen
ein. Und zweitens haben die ununterbrochenen Schulreformen zu einer Erosion
in der Übereinkunft über Ziele und Maßstäbe geführt.
Es besteht kaum ein Konsens, ob stoffgebundenes Können oder allgemeine
Schlüsselqualifikationen oder das noch allgemeinere Kriterium einer
besonderen Lebenstüchtigkeit oder immer noch das Lernziel Emanzipation
das Entscheidende ist. Daß sich die Kultusministerkonferenz jetzt
zu Leistungsvergleichen, auch innerdeutschen, entschlossen hat, ist ein
drastischer Fortschritt. Wir brauchen dazu eine Infrastruktur für
Schulleistungsmessungen, das heißt unter anderem: Meßinstrumente.
Eigentlich hätte man in Deutschland schon vor Jahrzehnten ein Institut
gründen sollen, das solche Meß- und Testverfahren entwickelt,
auch für die Lehrer, damit diese wissen, wo sie mit ihren Klassen
stehen. Die USA haben dergleichen immer gemacht, obwohl sie teilweise ein
miserables öffentliches Schulsystem haben.
Als
Mitglied vieler internationaler Akademien und Forschungsbeiräte können
Sie beurteilen, ob unser deutsches Schulsystem trotz mangelnder Leistungsforschung
international konkurrenzfähig ist?
Unser Schulwesen hat international
nicht nur einen guten Ruf, sondern es ist im internationalen Vergleich
auch tatsächlich gut. Unser großer Vorzug ist das in sich gegliederte
Schulwesen. Damit können wir mit einer heterogenen Schülerschaft
umgehen. Das ist auch notwendig, denn eine Absenkung des Bildungsniveaus
bzw. eine ständige Überforderung von Schülern können
nur durch differenzierende Bildungsziele und Qualifikationen vermieden
werden. Wenn wir in internationalen Vergleichsstudien nicht besser als
mittelmäßig oder gut mittelmäßig abschneiden, dann
deshalb, weil das deutsche System nicht flächendeckend gut ist. Das
muß uns nachdenklich machen. Die Übernahme von Elementen anderer
nationaler Schulsysteme hilft uns nicht weiter.
Wir
erleben derzeit eine Debatte um sogenannte neue Formen des Lernens. Manchmal
hat man den Eindruck, hier werden ständig neue Nürnberger Trichter
erfunden. Gibt es da etwas wirklich Neues?
Was derzeit als neue Lernformen
diskutiert wird, ist so radikal neu nicht. Diese Lernformen wurden von
guten Lehrern zu allen Zeiten angewandt. Das Entscheidende an Lern- und
Lehrformen ist, daß sie Schüler aktivieren. Ein passives Über-sich-Ergehen-Lassen
ist Gift für das Lernen. Unterricht, Lehren und Lernen sind dann gut,
wenn die Schüler dabei aktiv sein können und sein müssen,
wenn sie zur produktiven Verarbeitung des Neuen, zur Verknüpfung des
Bekannten mit dem Neuen sowie zur Verknüpfung des Allgemeinen mit
dem Situativen angehalten werden.
In
mehreren der jüngsten Veröffentlichungen Ihres Instituts heißt
es sinngemäß, zum Entsetzen mancher Reformpädagogen habe
sich die Methode der direkten Instruktion als die effektivste Unterrichtsmethode
herausgestellt. Was ist damit gemeint?
Das ist ein Unterricht,
der wiederum verschiedene Lehrformen - vom Lehrervortrag über die
Gruppenarbeit bis hin zur Stillarbeit - anwendet. Der gemeinsame Nenner
dieser Lehrformen ist das hohe Maß an Lehrersteuerung und Strukturierung
des Unterrichts durch den Lehrer bei einem gleichzeitig hohen Maß
an Schüleraktivierung. 80 Prozent Lehrersteuerung mit Schülerorientierung
und 20 Prozent Unterrichtssteuerung durch die Schüler sind wahrscheinlich
eine gute Mischung. Die Lehrersteuerung des Unterrichts wurde völlig
zu Unrecht verunglimpft. Freilich muß der Lehrer zum Beispiel auch
während der Stillarbeit ein Aktivposten sein. Ungünstig für
das Lernen aber ist außer einem passiven Arbeitsklima ein Methodenmonismus.
Lehrer sollten über verschiedene Lehrformen souverän verfügen,
um sie zur Erreichung unterschiedlicher pädagogischer Ziele im Unterricht
einsetzen zu können.
Manche
glauben eine multimediale Revolution des Unterrichts heraufziehen zu sehen
und fordern "Laptop statt Schulranzen!" Frage: Kann ein elektronisches
Klassenzimmer den Lehrer ersetzen?
Die neuen Medien werden
den Schulunterricht nicht revolutionieren. Aber eine nachhaltige Evolution
findet statt. Bestimmte Lernprozesse können durch den Einsatz wirksamer
Medien verbessert werden, zum Beispiel das festigende Üben. Das interaktive
Lernen zwischen Schüler und Lehrer aber bleibt aus intellektueller
und aus emotionaler Sicht das entscheidende.
Muß
Lernen immer Spaß machen?
Natürlich sollte das
Lernen immer ein motiviertes Lernen sein. Aber es kommt dabei nicht nur
auf die sogenannte intrinsische Motivation, also das reine Interesse an
der Sache an. Es darf auch extrinsische Motivation sein.
Meinen
Sie damit auch Noten?
Natürlich, aber es
sollten zusätzlich auch hinreichend viele individuelle Rückmeldungen
über Lernfortschritte erfolgen, zum Beispiel in der Anlage zum Zeugnis
als Zusatzbemerkung. Ansonsten verstehe ich nicht, warum um die Ziffernbenotung
ständig ein Glaubensstreit entbrennt. Die Schüler können
ganz gut mit Noten umgehen, und sie wissen im übrigen auch ohne Noten,
wo sie stehen.
Welche
Bedeutung haben die fachliche Gliederung des Schulunterrichts und der 45-Minuten-Takt?
Was sagt die Kognitionspsychologie dazu?
Fachlich definierte Disziplinen
sind notwendig als Lerndomänen. Fächer sind als Wissenssysteme
unerläßlich für kognitives Lernen. Aber wir sollten uns
darum kümmern, daß wir verschiedene schulische Wissensdomänen
noch besser miteinander verknüpfen. Ich denke, es sollten im besonderen
in der Oberstufe des Gymnasiums die Erkenntnismethoden in fachübergreifender
Art reflektiert werden. Ein angehender Abiturient muß wissen, was
das Wesen eines Experiments in den verschiedenen Wissenschaften ist. Und
er sollte wissen, was Hermeneutik ist. Diese fachübergreifenden Schnittmengen
müssen erkannt und verstanden werden. Das sollten sich in fächerübergreifender
Weise mehrere Fachlehrer einer Klasse - für die naturwissenschaftlichen,
aber auch für die geisteswissenschaftlichen Fächer zum Beispiel
- zur Aufgabe machen; sie müssen schlicht und einfach mehr miteinander
kooperieren. Aber eines will ich noch einmal klar machen: Es gibt überhaupt
keinen Grund für einen heterogen Fächer-Mischmasch - sieht man
von einem gelegentlich zu praktizierenden Projektunterricht ab, in dem
von realen Phänomenen und/oder Problemen unserer Welt ausgegangen
wird.
Das
provoziert eine kritische Frage nach den sogenannten Schlüsselqualifikationen?
Ist das nicht eine Mode?
Das ist ein weites Feld,
das sehr viel mit Mythenbildung zu tun hat! Aber lassen Sie mich eine Definition
versuchen: Schlüsselqualifikationen sind allgemeine, weitgehend inhaltsunabhängige
Fertigkeiten, Strategien und Einstellungen, die man bei der Lösung
von unterschiedlichen Problemen nutzen kann. Allerdings sage ich gleich
dazu, daß sich mit diesem Begriff völlig illusionäre Hoffnungen
verbinden. Denn je allgemeiner eine solche Fertigkeit ist, desto geringer
ist ihr Beitrag zur Lösung einer anspruchsvollen inhaltsspezifischen
Aufgabe.
Gibt
es eigentlich einen stoffunabhängigen Erwerb von Schlüsselqualifikationen?
Kaum! Es ist weitaus weniger
wirksam, Strategien in separaten Kursen zu lehren als sie im konkreten
Kontext von wichtigem inhaltlichem Wissen zu vermitteln. Freilich unterliegt
man derzeit permanent der Gefahr zu vergessen, daß man auch beim
Erwerb von Schlüsselqualifikationen inhaltlich vielfältig und
hart daran arbeiten muß, um den Schritt vom Wünschbaren zum
Machbaren zu tun.
Kommen
wir noch einmal zum Lehrer: Im Zuge der Etablierung des Computers als zentralem
Unterrichtsmedium wollen verschiedene Erziehungswissenschaftler den Lehrer
zum Sozialpädagogen oder gar zum "Interaktionsanwalt" und "Gemeinwesenarbeiter"
umdefinieren.
Man sollte die Kirche im
Dorf lassen. Lehrer sind keine Tausendsassas. Was sie an Unterrichtung,
Bildung und in diesem Rahmen an Erziehung leisten sollen, verlangt schon
sehr viel. Aber jeder gute Lehrer erfüllt auch ganz selbstverständlich
persönlichkeitspsychologische, sozialpsychologische und psychohygienische
Aufgaben. Wichtiger ist mir vor allem für die weiterführenden
Schulen, daß Lehrer fachlich souverän, unterrichtsmethodisch
variabel und diagnostisch versiert sind.
Themenwechsel:
Tut unser Schulunterricht in Deutschland genügend für Hochbegabte?
Wir haben uns aus ideologischen
Gründen lange sehr schwer getan mit Spitzenbegabungen. Dabei hat schon
Karl Marx Hochbegabte als Geschenke der Natur an die Gesellschaft bezeichnet.
Zur Frage selbst: Unser differenziertes Schulsystem wird den Ansprüchen
Hochbegabter im großen und ganzen gerecht. Ich wehre mich gegen die
Behauptung, Hochbegabte seien zwangsläufig "underachiever". Allerdings
wäre der Staat gut beraten, einen kleinen Teil des in Schulen investierten
Geldes für zusätzliche Bildungsangebote für Hochbegabte
bereitzustellen. Ich meine damit nicht eigene Eliteschulen oder Eliteklassen.
Aber ich wünschte mir mehr additive Angebote auf allen Schulstufen,
auch fördernde Arbeitsgemeinschaften, die zwischen Oberstufe und Universität
angesiedelt sind.
Eine
abschließende Frage an den Schulforscher: Kann man den empirischen
Beweis führen, daß Schüler mit der Rechtschreibreform weniger
Schreibfehler machen?
Ach, du armes Land, das
diese Reform seit zehn Jahren diskutiert! Man hätte es tatsächlich
untersuchen können, ob die neue Schreibweise zu weniger Fehlern führt,
und man hätte es auch untersuchen sollen. Jetzt ist es vermutlich
zu spät dafür. Mögliche Erleichterungen beim Schreiben können
allerdings nicht das einzige Kriterium für eine Rechtschreibreform
sein.
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