SWR-Dokumentation "Wie gut sind Waldorfschulen?"

(ausgestrahlt am 6. November 2006 und am 12. Februar 2007)


Rezension von Prof. Dr. Wolfgang Schwark

(Prof. Schwark ist Rektor der Pädagogischen Hochschule Freiburg)


Mit einer 45-minütigen Dokumentation versucht Dietrich Krauß, Redakteur und Autor beim SWR, diese Frage zu beantworten. Präsentiert wird eine Recherche in angelsächsischer Tradition. Das meint: Nicht nur Ergebnisse werden dargestellt, sondern auch die Prozesse, die dazu geführt haben. Beispielsweise wird der Drehverlauf mit seinen erfreulichen und bedenklichen Seiten verdeutlicht. Die Verknüpfung von Ergebnis- und Prozessorientierung erzeugt beim Zuschauer eine besondere Spannung und steigert den Erkenntnisgewinn; Aufklärung im besten Sinne!
 
Der Film stellt drei Waldorfschulen und das Lehrerseminar, die „Freie Hochschule“, in Stuttgart vor.
 
Es beginnt mit einem kurzen Blick auf die Waldorfschule Stuttgart-Sillenbuch, die sich in der Gründungsphase befindet. Zu Wort kommen begeisterte Mitmach-Eltern, die in ihrem Projekt eine wünschenswerte Alternative zur Staatsschule sehen.
 
Danach wird ausschnittweise ein Tag an der Waldorfschule Schwäbisch Hall dokumentiert, die vor 20 Jahren gegründet wurde.
 
Als Drittes wird die Waldorfschule auf der Uhlandshöhe Stuttgart vorgestellt.
 
Die Sendung schließt mit Einblicken in die Arbeit der „Freien Hochschule“.
 
Das alternative Modell der Waldorfschule, 1919 in Stuttgart auf den Weg gebracht, polarisiert bis zum heutigen Tag. Auf der einen Seite stehen deren vehemente Verfechter, auf der anderen Seite deren entschiedene Kritiker. Eine Vermittlung zwischen den Positionen, wie sie Ende der 80er bis Mitte der 90er versucht wurde, etwa in einem Gesprächskreis zwischen der etablierten Erziehungswissenschaft und der Waldorfpädagogik, scheint gegenwärtig keine Chance mehr zu haben. Die Zeiten, in denen Fritz Bohnsack, als Vertreter der Universitätspädagogik, und Ernst-Michael Kranich sowie Stefan Leber, als entschiedene Hüter der Waldorf-Schulbewegung, mit anderen an einem Tisch saßen und mit Empathie um Positionen rangen, scheinen vorbei zu sein.
 
In der Dokumentation kommen sowohl die Befürworter als auch die Kritiker pointiert zu Wort.
 
Bei den Befürwortern haben zwei Ehepaare, zwei Waldorfschul-Lehrer, eine Mutter, eine Schülerin, eine Studentin, ein Dozent der „Freien Hochschule“ und der Sprecher des Waldorfverbandes Gelegenheit, ihre Auffassungen ausführlich zu vertreten. Auch der amtierende Staatssekretär des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport tritt für die Waldorfschulen ein. Dem gegenüber stehen auf der Seite der Kritiker zwei Professoren, zwei ehemalige Waldorflehrer, zwei Schüler und eine Mutter. Was die Anzahl der Personen anbelangt – ein leichtes Übergewicht für die Pro-Anwälte.
 
Die persönlichen Auffassungen der Anhänger und Kritiker werden ergänzt durch allgemeine Informationen, die notwendig sind, um einerseits die Organisation der Waldorfschulen, andererseits deren pädagogisches Konzept zu verstehen. Die beeindruckenden Merkmale, die in der Öffentlichkeit für die Beurteilung von Waldorfschulen eine Rolle spielen, werden klar herausgearbeitet. Aus der Sicht befürwortender Eltern handelt es sich dabei um eine Schulart, in der Lernen und Leben in idealer Weise zusammen finden, in der eine Erziehung und Bildung von Kopf, Herz und Hand geleistet wird, die auf das Konkurrenz- und Leistungsprinzip verzichtet, statt dessen auf die Individualisierung des Lernprozesses baut und den Eltern eine engagierte Mitbeteiligung abverlangt. Sie ist eine Gesamtschule, die auf Sozialerziehung im Sozialverfall setzt und darüber hinaus die ästhetische Dimension persönlicher Entfaltung in hohem Maße berücksichtigt.
 
Die Bilder und der begleitende Kommentar geben dies überzeugend wieder. Daneben wird auch anderes, das heißt Widersprüchliches sichtbar. Eltern und Experten der Bildungswissenschaften legen höchst unterschiedliche Kriterien bei der Beurteilung der Waldorfschulen an. Die Eltern befürworten eine Schule, die eine optimierte Lebenswelt abbildet und in der sich Kinder zuallererst wohl fühlen. Unterrichtskonzepte stehen nicht im Mittelpunkt des Interesses. Bei den Fachleuten ist das genau umgekehrt. Sie betrachten hauptsächlich den Unterricht an Waldorfschulen, heben auf dessen didaktische und methodische Struktur ab.
 
Das Urteil ist einhellig: Es herrscht Frontalunterricht vor, das mechanische Lernen dominiert. Selbstorganisiertes und aufgabenorientiertes Lernen, das auf Verstehen abzielt, findet zu selten statt. Die Individualisierung des Unterrichts ist Anspruch und nicht Wirklichkeit, was bei 40 Kindern pro Klasse auch kaum überrascht.
 
Der Epochenunterricht, ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal der Waldorfschulen, scheint in der Praxis den selbst gesetzten Anspruch auch nur bedingt einzulösen. Epochenunterricht meint: Zu Beginn eines jeden Unterrichtstages wird mit einem Stundenvolumen von 100 Minuten über 3 bis 4 Wochen ein Thema behandelt. Damit will man den so genannten Fetzenstundenplan und den Unterricht im 45-Minutentakt überwinden. Wegen der fehlenden Wiederholung im Anschluss an die Epochen, scheinen die Schülerinnen und Schüler sehr vieles rasch zu vergessen und eine beträchtliche Anzahl von Lehrerinnen und Lehrern ist vermutlich damit überfordert, ein Thema über mehrere Wochen gut vorbereitet und spannend zu unterrichten. Der weitgehende Verzicht auf Schulbücher, die im herkömmlichen Unterricht die notwendige inhaltliche Orientierung gewährleisten und der Rückzug auf das Anfertigen von Epochenheften kompliziert die Situation. Kenner und Protagonisten der Waldorfbewegung, wie der verstorbene Christoph Lindenberg, haben das an anderer Stelle in selbstkritischer Absicht höchst überzeugend offen gelegt. Auf dieser Ebene könnten sich Befürworter und Gegner des Waldorf-Schulsystems noch auf einer rationalen Ebene begegnen, beispielsweise wenn es darum ginge, die Ergebnisse des Epochenunterrichts zu evaluieren, das heißt, die Wirksamkeit dieses Konzepts empirisch zu überprüfen.
 
Schwieriger wird es im Kernbereich, den „betrifft“ nicht ausspart, allerdings nur verkürzt darstellen kann. Es handelt sich dabei um ein entwicklungspsychologisches Phasenmodell, das abseits der Begrifflichkeit und Denkweise der etablierten pädagogischen Psychologie operiert. Sowohl die Entwicklungsvorstellungen als auch die gesamte Anthropologie Steiners bezeichnen renommierte Wissenschaftler als rationalisierte Mystik. Vergleichbares gilt für die Abstammungslehre Steiners, für seine phylogenetischen und ontogenetischen Konstruktionen, für seine Reinkarnationsvorstellungen und anderes mehr. All das hat einen bedenklichen Grad an Exklusivität, also von Ausschließlichkeit. Um es deutlicher zu sagen: Kritikerinnen und Kritiker, die sich von der Waldorfbewegung abgewandt haben, verweisen im Film auf deren sektiererischen Charakter.
 
Auch wenn die Befürworter der Waldorfschulen in der Dokumentation zahlenmäßig überwiegen, wirken sie in der Präsentation und Argumentation gehemmt, seltsam defensiv, eher verdruckst als inspirierend. Sie relativieren ihren Selbstanspruch, ohne dass sie dies müssten. Beispielsweise wird Anthroposophie von einer persönlichen Überzeugung und Lebensart auf eine Betrachtungsweise reduziert. Hoch problematische Texte, die zum Kernbestand der Waldpädagogik gehören, werden bagatellisiert, ihre Leitfunktion wird dementiert.
 
Die Kommentierung des Films, die wie anfangs gesagt, nicht nur Ergebnisse sondern auch Prozesse abbildet, verstärkt diesen Eindruck. So wird von Terminabsagen, Verzögerungen, Umdispositionen gesprochen, es ist die Rede von einem zweiten Aufnahmetermin beim zuständigen Staatssekretär etc. Man weist darauf hin, dass der Film verhindert werden sollte; ein Anwalt sei schriftlich beim Landessenderdirektor vorstellig geworden. Der Zuschauer hätte gern gewusst, was in dem Brief steht. Das erfährt er leider nicht. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass sich die Waldorfschulen trotz ihres unbestreitbaren äußeren Erfolges in einer Selbstdeutungskrise befinden und der Rückzug hinter die eigenen Mauern stattfindet. Das steht in einem deutlichen Kontrast zu der Situation der staatlichen Schulen, sie machen eine nie gekannte Phase der Öffnung und Offenheit durch. Derzeit wird das gesamte System auf den Prüfstand gestellt. Mehr und mehr müssen die Lehrpersonen Rechenschaft über ihre Arbeit ablegen. Anders gesagt: Evaluation wird eingefordert. Solche Prozesse der Offenlegung sind, wenn man es nicht gewohnt ist, anfangs außerordentlich schmerzhaft, aber auch heilsam, wenn man lernt, mit Kritik offensiv umzugehen. Das scheint Staatsschulen mehr und mehr zu gelingen, Waldorfschulen hingegen außerordentlich schwer zu fallen.
 
Die Dokumentation „Wie gut sind Waldorfschulen?“ macht den Betrachter und Steuerzahler nachdenklich. Eine Schulart, die in Baden-Württemberg zu 74 % mit Steuergeldern gefördert wird, sollte sich ähnlich wie das staatliche Schulsystem einer Qualitätskontrolle stellen und offensiv mit berechtigten Anfragen umgehen. Intellektuellen Bestandsschutz darf es in einer Zivilgesellschaft für keine Seite geben.
 
Darüber hinaus ist eine Wiederaufnahme des Dialogs zwischen freien und staatlichen Schulen überfällig. Dabei darf es aber nicht nur beim Austausch von Argumenten bleiben. Um es noch einmal zu bekräftigen: Eine solide Qualitätskontrolle, meinetwegen der besonderen Art, ist in den Zeiten einer empirischen Wende und Wirksamkeitsforschung in der Erziehungswissenschaft auch für Waldorfschulen angezeigt. Das hat nichts damit zu tun, dass man mit kalter technischer Rationalität nach einem sich ganz anders verstehenden System greifen will, sondern es geht darum, den Anspruch auf intellektuelle Redlichkeit in einem überfälligen öffentlichen Diskurs einzulösen. Der Film, betrifft: „Wie gut sind Waldorfschulen?“, ist ein bemerkenswerter und hervorragender Anstoß und Beitrag des Südwestrundfunks zu dieser notwendigen Debatte. Er hat eine Wiederholung verdient; dann aber auf einem besseren Sendeplatz.
 
 
(Hinweis: Ein Beitrag zur Waldorfpädagogik von DL-Präsident Josef Kraus ist zu finden unter: http://www.lehrerverband.de/waldorfs.htm )