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Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 24. Mai 2007

Schule und Lehrerbildung im Zeichen von Atlantis und Saturn*

WALDORFSCHULEN Die wissenschaftliche Ausbildung der Lehrer steht in der Kritik.
Eltern beschwerden sich auch über "reaktionäre Erziehungsmethoden"

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


An der Pisa-Studie waren Waldorfschulen - aus welchen Gründen auch immer - nicht beteiligt. Dennoch schienen sie bei den nachfolgenden Debatten kurz vor der Heiligsprechung zu stehen: als Schulen ohne Noten und ohne Stundentakt, als Schulen der Ganzheitlichkeit und der Kreativität. Jetzt geraten sie mehr und mehr in die Kritik. Das ist auch verfassungsrechtlich geboten, denn das Grundgesetz gebietet in Artikel 7 unter anderem: Das gesamte Schulwesen - also auch der Sektor privater Schulen - steht unter der Aufsicht des Staates. Die wissenschaftliche Ausbildung der Lehrkräfte privater Schulen darf nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückstehen.

Vor diesem Hintergrund hat die Öffentlichkeit einen Anspruch zu wissen, was sich hinter den Mauern der Waldorfschulen und ihrer Lehrerbildungsinstitute abspielt. Es gibt vieles zu registrieren: In Berlin etwa häufen sich beim Schulsenator die Beschwerdebriefe von ehemaligen Waldorflehrern und Eltern ehemaliger Waldorfschüler oder -kindergartenkinder. Lehreraspiranten berichten in der aktuellen Ausgabe des Magazins "Novo" von "sektenartigen Zuständen" im Seminar für Waldorfpädagogik Berlin und von dem Versuch, angehende Lehrer "einer Gehirnwäsche zu unterziehen". Sie kritisieren, dass die Lehrerausbildung dort nichts anderes sei als "reine ideologische Schulung in Anthroposophie" und dass Seminaristen, die sich von der "Indoktrination esoterischer Inhalte" abgestoßen fühlten, bei kritischen Fragen zu Gesprächen zitiert wurden, die den "Charakter eines Tribunals" hätten. Eltern schreiben, dass unruhigen Kindern der Mund zugeklebt wurde, wenn sie keine Ruhe gaben. Andere attackieren die Waldorfpädagogik wegen ihres "missionierenden Charakters", ihrer "dogmatischen Gläubigkeit" und ihrer "reaktionären Erziehungsmethoden" (Essenszwang, Eckestehen). Der Unmut über die Untätigkeit der Schulaufsicht in Sachen Waldorf wächst.

Auch die rassistischen Ergüsse Rudolf Steiners (1861 - 1925), des Begründers der Waldorfschulen, stehen wieder in der Kritik. Es war ruhig geworden, nachdem der Bund der freien Waldorfschulen vor sieben Jahren ein Buch des Steiner-Adepten Ernst Uehli, in dem er die Rassetheorien Steiners nachplappert, freiwillig aus dem Verkehr gezogen hatte. Uehlis 1936 erstmals erschienenes Buch - es wurde noch 1998 in den von der Pädagogischen Forschungsstelle der Waldorfschulen herausgegebenen "Literaturangaben für die Arbeit des Klassenlehrers" zum Geschichtsunterricht der 5. Klasse empfohlen - war öffentlich kritisiert worden (siehe RM Nr. 31, 4.8.2000); die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) hatte eine Überprüfung angekündigt.

Steiner hatte etwa die Rassen in Schwarze mit "Hinterhirn" und "Triebleben", in Gelbe mit "Mittelhirn" und "Gefühlsleben" und in Weiße mit "Vorderhirn" und "Denkleben" katagolisiert. Gemäß Steiner sei diese Rassengliederung kosmologisch begründet und von den Atlantis-Mysterienführern ins Werk gesetzt.

Jetzt steht erneut ein Verfahren an: Bei der BPjM liegt ein Antrag des Bundesjugendministeriums, zwei Steiner-Werke wegen deren rassistischer Inhalte und sozialethisch desorientierender Wirkung in die Liste jugendgefährdender Schriften aufzunehmen. Über das Verfahren, das im Dezember 2006 angestoßen wurde, soll demnächst entschieden werden.

Ebenfalls höchst fragwürdig ist die Waldorflehrerbildung! So weist der "Studienbegleiter" der Freien Hochschule Stuttgart - Seminar für Waldorfpädagogik in seiner Fassung vom Juli 2005 für die Waldorfseminaristen neben einer Behandlung von Steiners "Geheimwissenschaft im Umriss" einen täglichen Hauptkurs in anthroposophischer Menschenkunde anhand der Steiner-Schrift "Theosophie" aus. Das Studium der ersten beiden "Theosophie"-Kapitel, heißt es, diene "einer geistigen Schulung, die Inhalte nicht kommentiert oder interpretiert, sondern am Beginn des Studiums die Fähigkeit veranlagt zu einem innerlichen Nachvollziehen der Inhalte".

Entsprechend fallen die "Diplomarbeiten" der angehenden Waldorflehrer aus. Im Mai 2005 wurde von der Freien Hochschule Stuttgart beispielsweise eine Arbeit zum Thema "Der Konjunktiv in der Sprachlehreepoche der 6. Klasse" angenommen, die unter anderem von einem Vortrag Steiners vom 6. Februar 1923 ausgeht. Danach wird ein Kind das sich mit Grammatik, mit Indikativ oder Konjunktiv beschäftige, in die Lage versetzt, "dass es dazu sein ganzes Frühstück, von der Seele unbeeinflusst, in seinem Organismus kochen lässt". Und: "Die Gedärmkrankheiten kommen sehr häufig von dem Unterricht in Grammatik." Die "Diplomandin" hat auch entdeckt, "dass die sprachliche Umsetzung und das Begreifen des Modus eng an das Gleichgewichtssystem gebunden ist".

Vom Mai 2006 stammt die Arbeit "Alternative Betrachtungen zum Krankheitsbild AD(H)S", also zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Eine der zentralen Aussagen lautet: "Es geht hier vor allem um kosmische und irdische Einflüsse." Anschließend folgen seitenlang Betrachtungen etwa über den Kalender der Maya, das Wassermann-Zeitalter, die Metamorphose vom Geistigen ins Physische und die in Revolutionsjahren (etwa 1789, 1848 und 1917) ausgeprägten Sonnenfleckenmaxima. Auf Seite 56 folgt immerhin der Satz: "Das klingt im ersten Moment unwissenschaftlich." Und auf Seite 86 heißt es: "Künstlerische Betätigung macht das Kind innerlich reich, wohingegen intellektuelle Betätigung das Gegenteil bewirkt."

"Über das Rauchen - Versuch, ein Massenphänomen zu verstehen"  lautete das Thema einer Abschlussarbeit vom Mai 2005. Darin heißt es unter anderem: "Die Tabakpflanze mutet an wie eine äußere Manifestation des Ringens des Menschen zwischen Materie einerseits und göttlich-geistigen Ursprungs andererseits." Auch biografische Bezüge zu Steiner fehlen nicht: "Die dem Tabak und dem Nikotin innewohnende Nähe sowohl zum höchst Irdischen als auch zum Überirdisch-Göttlichen scheint den Gebrauch von Tabak auch für den Menschen von so außergewöhnlichem Format, wie Steiner es war, attraktiv gemacht zu haben." (Den Anstoß zur Gründung der ersten Waldorfschule gab 1919 der Stuttgarter Unternehmer Emil Molt, Besitzer der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria.)

Mit Wissenschaft und wissenschaftlicher Ausbildung, wie sie das Grundgesetz auch von Lehrern an freien Schulen verlangt, hat das wenig zu tun. Offenbar sind an der "freien Hochschule" die Fortschritte von mindestens einem Jahrhundert naturwissenschaftlicher, psychologischer, didaktischer, pädagogischer Wissenschaft vorbeigezogen. Wissenschaft heißt auch kritische Distanz, undogmatischer Zugang; heißt, dass Erkenntnisse permanent verifizierbar und falsifizierbar sein müssen. An wohl kaum einem Gymnasium in Deutschland würde eine solche Arbeit als Facharbeit für die Oberstufe anerkannt. Und ein Lehrerausbilder im staatlichen Bereich, der dergleichen "Arbeiten" durchgehen ließe, müsste sich bald - und zu Recht - vor seine Chefs zitieren lassen.

Der NRW-Landtagsabgeordnete Michael-Ezzo Solf (CDU) hat am 16. April 2007 eine Kleine Anfrage an seine Landesregierung zu Qualität, Wissenschaftlichkeit und weltanschaulicher Neutralität der Ausbildung der Waldorflehrer gestellt. Vor 15 Jahren, am 20 März 1992 hatte das Oberverwaltungsgericht Münster geurteilt: "Die grundständige Ausbildung zum Klassenlehrer an Waldorfschulen (Klassen 1 bis 8) am Institut für Waldorfpädagogik Annener Berg (Witten) ist der entsprechenden staatlichen Lehrerausbildung nicht gleichwertig."

* mit anderer Überschrift im Rheinischen Merkur erschienen

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