DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) -
AKTUELL
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Interview mit Deutschlandradio Kultur vom 11.
Juli 2007
Josef Kraus, Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL):
„Waldorfpädagogik
muss sich von ihrem Gründer distanzieren“
Moderation: Herr Grothe
Grothe: Waldorfschulen sind die besseren Schulen,
da gibt’s keine Noten, keine Sitzenbleiber, es wird dauernd gesungen, gebastelt
und alle sind nett zueinander. So die gängigen Klischees. Nun stehen aber die
Waldorfschulen und die dahinterstehenden Anthroposophen in der Kritik. Unter
anderem die FAZ hat Kritisches über Anthroposophieerfinder Rudolf Steiner
geschrieben, was sich die Anthroposophen so nicht gefallen lassen. Journalisten
des ZDF, die Kritisches berichteten, wurden
sogar verklagt. Josef Kraus ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes
und leitet auch ein Gymnasium und ist jetzt am Telefon. Guten Tag, Herr Kraus.
Kraus: Ich grüße Sie, Herr Grothe.
Grothe: Herr Kraus, Sie haben geschrieben: Keine
pädagogische Bewegung der vergangenen 50 Jahre wurde so überschätzt und in
ihrer Zweifelhaftigkeit so unterschätzt wie die Waldorfpädagogik. Wieso?
Kraus: Das ist natürlich sehr verkürzt, und da
bedarf es einiger Erklärungen. Es vereinigen sich halt in der Waldorfpädagogik
so ein paar Illusionen, ein paar Legenden und daraus ist fast eine Heiligsprechung
von Waldorfpädagogik geworden. Sie haben’s ja einleitend zitiert: eine kreative
Schule, eine Schule ohne Noten, ohne Sitzenbleiben, angeblich mit tollen
Erfolgserlebnissen. Wenn man genauer hinschaut - das muss man, denn auch die
Waldorfschule ist eine Schule in einem offenen Rechtsstaat -, dann wird man
einiges entdecken, was sehr kritikwürdig ist. Ich bin froh darum, nachdem sich
ja öffentliche Schule, staatliche Schule, von PISA-Testung zu Testung der
Kritik stellen muss, dass auch Waldorfschulen etwas kritischer durchleuchtet
werden. Denn sowohl die Schulpraxis wie auch die vermeintliche Erfolgsbilanz
wie auch das weltanschauliche Bild, das dahintersteckt, bedürfen der kritischen
Reflexion.
Grothe: Was stört Sie denn genau an der
Waldorfpädagogik?
Kraus: Wenn man sich die Berichte anguckt, die
viele Eltern veröffentlicht haben, in Leserbriefen, in eigenen Büchern, dann
stimmt es vor Ort zum Teil nicht. Wenn ich beispielsweise lese, dass Kinder –
das macht man seit 30 Jahren in den staatlichen Schulen nicht mehr – , die
Linkshänder sind, gewaltsam auf Rechtshänder umerzogen werden. Wenn in der
Mehrzahl der Waldorfschulen nach wie vor kein Fußball gespielt werden darf - aus
weltanschaulichen, ideologischen Gründen. Wenn ich lese, dass das Ausmaß an
Gewalttätigkeit nach jüngster Studie eines kriminologischen Institutes in Hannover
in den Waldorfschulen genauso - wenn nicht gar höher - ausgeprägt ist wie an
staatlichen Schulen.
Grothe: In bestimmten Bereichen, sagt Herr
Pfeiffer aus Hannover.
Kraus: In bestimmten Bereichen, ja, dann ist das
keine heile Schule, sondern dann ist es eine Schule, wo es mindestens die
gleichen Probleme gibt wie an jeder öffentlichen.
Grothe: Was ist eine Waldorfschule für Sie?
Kraus: Eine Waldorfschule ist zunächst einmal eine
Schule völlig in Übereinstimmung mit dem Grundgesetz, das heißt eine Schule in
freier Trägerschaft mit einem eigenen pädagogischen Anspruch. Ich habe
überhaupt nichts gegen Schulen in freier Trägerschaft; diese leisten in vielen
Teilbereichen Wichtiges und Gutes und haben zum Teil Erziehungsziele, wie wir
sie in den staatlichen Schulen gar nicht verwirklichen können. Aber
Waldorfschulen sind schon etwas Besonderes in ihrem Anspruch, weil sie auf
einem Menschenbild aufbauen, das ich für nicht unproblematisch halte. Es ist
ein Menschenbild, ein Bild auch von Ethnien auf der ganzen Welt, das durchaus
rassistische Terminologien beinhaltet: etwa was über Indianer gesagt wird, was
über Malaien gesagt wird, was über Jupiterrasse und Saturnrasse gesagt wird.
Ich glaube, das passt nicht mehr so ganz in die Zeit.
Grothe: Wird das denn heute tatsächlich noch
gesagt? Denn die Aussagen, die Sie zitieren, sind alte Aussagen von Herrn
Steiner, die er vor über 100 Jahren getätigt hat.
Kraus: Steiner ist natürlich nach wie vor für die
ganze Anthroposophenbewegung, ja der Säulenheilige, sozusagen der Bezugspunkt.
Und wenn man aktuelle Veröffentlichungen, Interviews, Darstellungen von
Anthroposophieanhängern liest oder Vorträge hört, man beruft sich ja dort immer
wieder auf Steiner. So ein typischer Einleitungssatz ist in einem
15-Minuten-Statement möglicherweise 10 bis 20 mal „Steiner hat gesagt“ und „wie
Steiner gesagt hat“. Es wird zwar immer behauptet von den Waldorfpädagogen,
Steiner und seine Anthroposophie und seine Theorie würden im Unterricht keine
Rolle spielen, aber wenn ich mir wiederum anschaue, was eine sehr große Rolle
spielt in der Lehrerausbildung, dann hinterlässt das natürlich seine Wirkung. Entsprechendes
findet sich in den Schulheften von Waldorfschülern: etwa die ganze
Atlantistheorie und die Rassentheorie. Aber ich komme noch einmal zurück zur
Lehrerausbildung. Wir haben vor nicht allzu langer Zeit, im Jahr 2000, Bücher gehabt
in der Waldorf-Lehrerausbildung, wo Steiner explizit gelehrt wurde und gelernt
werden musste.
Grothe: Waldorfschulen in der Kritik,
Deutschlandradio Kultur dazu im Gespräch mit Josef Kraus, Präsident des
Deutschen Lehrerverbandes. Noch mal zurück zum Rassismus an Waldorfschulen. Sie
sagen, das liegt daran, dass Rudolf Steiner, also der Begründer der
Anthroposophie, dass die Waldorfianer sozusagen nicht mit ihm brechen würden.
Ist das tatsächlich so?
Kraus: Zumindest
gilt das für die Anthroposophen
in Deutschland. In den Niederlanden ist man sehr auf Distanz zum
Gründungsvater
dieser Bewegung gegangen. Das vermisse ich in Deutschland. Ich hoffe,
dass
jetzt ein Prüfverfahren, das in Gang gekommen ist, da vielleicht
auch zu einer
gewissen Selbstreflexion führt. Mit Prüfverfahren meine ich,
dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien
den Auftrag bekommen hat,
explizit zwei Steiner-Schriften von den über 350 Steiner-Schriften
zu
überprüfen, konkret ob diese Schriften nicht sozial
desorientierend wirken, zum
Beispiel aufgrund ihrer rassistischen Aussagen.
Grothe: Sie reden aber, wie gesagt, von der
Überprüfung, da ist noch nichts erwiesen.
Kraus: Da ist natürlich noch nichts erwiesen. Das
ist ein sauberes rechtsstaatliches Verfahren, das sich übrigens auch, soviel
ich mitgekriegt habe, in die Länge zieht, weil diese Bewegung auch reichlich
klagefreudig ist und man natürlich auch mit allen Möglichkeiten und Tricks des
Rechtsstaates arbeitet. Es ist für mich zum Beispiel eines bezeichnend gewesen:
Es gab schon einmal einen solchen Prüfauftrag im Jahr 2000 über ein Buch eines
Steiner-Adepten, Uehli hieß er. Sein Buch „Atlantis“ wurde in der
Lehrerausbildung der Waldorfpädagogik verwendet. Als dieser Prüfantrag damals
kam, wurde dieses Buch von der Waldorfbewegung sofort aus dem Verkehr gezogen.
Also, da hat man dann doch schon gemerkt: Oh, das könnte brenzlig werden. Aber
jetzt geht’s original an Steiner ran, und ich bin sehr gespannt auf den
Ausgang. Es liegen sehr namhafte und sehr differenzierte Expertisen vor,
Zitatesammlungen, Synopsen, sodass im Grunde genommen die Bundesprüfstelle fast
nicht umhin kann zu sagen, solche Schriften kollidieren mit dem Jugendschutz.
Grothe: Wenn man sich die Internetseiten der
Anthroposophen anschaut, dann muss man auch feststellen, die gehen
außerordentlich kritisch damit um. Also, da passiert auch eine Menge von denen
selbst.
Kraus: Ja gut, aber kritisch damit umzugehen muss
auch heißen, die Ausbildungskataloge in der Lehrerausbildung und die Lehrpläne,
soweit es sie gibt, die müssen ab sofort und zukünftig auf Distanz gehen zu
Steiner. Dann darf Steiner nicht mehr der Dreh- und Angelpunkt der ganzen
Anthroposophiebewegung der Waldorfpädagogik sein.
Grothe: Fakt ist aber auch, die Waldorfschulen
haben aber nach wie vor einen hervorragenden Ruf in Deutschland, einen besseren
zumindest als die meisten staatlichen Schulen. Warum bekommen das die
staatlichen Schulen nicht hin?
Kraus: Ja nun, die staatlichen Schulen haben eine
völlig andere Klientel. Solche Vergleiche zu ziehen ist, wie wenn ich Äpfel mit
Birnen vergleichen würde. Die Waldorfschulen haben zum Beispiel im Grunde
genommen überhaupt keine schwierige Sozialklientel in der eigenen
Schülerschaft, haben einen äußerst geringen, in Richtung gegen Null
tendierenden Migrantenanteil. Von daher ist der Vergleich schon mal völlig
schief. Ich kann nicht die Waldorfschule mit einer normalen Großstadtschule des
öffentlichen, des kommunalen Bereichs vergleichen. Wenn ich mir dann auch anschaue,
was die Erfolgsbilanz ist. Es wird zwar gern gesagt, es würden da hohe
Prozentsätze zum Abitur kommen. Ja gut, aber da muss man erst einmal sehen, von
denjenigen die von Waldorf erst mal überhaupt ins Abitur hineingeschickt
werden. Es wird aber vorher schon knallhart selektiert, um – ich unterstelle
mal – eine schöne Bilanz zu haben. Wenn ich nur die Gymnasiasten hernehme, die
zur Abiturprüfung antreten, dann habe ich eine Erfolgsbilanz von 98 bis 99
Prozent an den staatlichen Gymnasien. Waldorf erreicht das nie und nimmer. Es
ist ja wirklich bezeichnend, dass im Zuge der ganzen PISA-Testeritis – ich
sag’s mal durchaus kritisch – alle möglichen Ergebnisse über staatliche Schulen
verbreitet wurden, über Waldorfschulen findet man keine Ergebnisse. Man findet
sie beispielsweise über die Waldorfschulen in Österreich. Da ist die Bilanz –
ich nehme mal an, die österreichischen Waldorfschulen sind nicht viel anders
konstruiert als deutsche Waldorfschulen – nicht sehr positiv. Die österreichischen
Waldorfschulen erreichen gerade in etwa
das Hauptschulergebnis der süddeutschen Länder.
Grothe: Wenn das so negativ ist, wie ist es dann
zu erklären, dass die Anmeldungen an den Waldorfschulen seit 2004 um fast die
Hälfte gestiegen sind?
Kraus: Nun, es gibt halt doch eine stattliche Zahl
von Eltern, die sich von illusionären Vorstellungen etwas blenden lassen, es
gibt übrigens eine genauso stattliche Zahlen von Eltern, die nach relativ
kurzer Zeit Abstand nehmen und sagen – und das übrigens auch in den letzten
Wochen deutlich gemacht haben in Leserbriefen renommierter Zeitungen: Es war
ein Irrweg, nach zwei, drei Jahren ist Schluss damit. Wir tun unseren Kindern
das nicht mehr an, weil hier Erziehungspraktiken vorherrschen, die nicht mehr
ins Jahr 2007 passen.
Grothe: Ich persönlich glaube ja nicht, dass sich
die Anthroposophen von Steiner lösen werden. Wie also weiter? Die Waldorfschule
wie eine Sekte verbieten?
Kraus: Ich glaube nicht, dass die Waldorfschule
eine Sekte ist, und der Rechtsstaat kann auch nicht einfach Sekten verbieten. Er
kann ihnen möglicherweise den Gemeinnützigkeitsstatus entziehen, und er kann
sagen, wir lassen das nicht mehr als Privatschule zu oder wir erkennen gewisse
Abschlüsse nicht mehr an. Nein, ich wünsche mir eine öffentliche, kritische,
differenzierte Auseinandersetzung, die erreichen soll, dass Elternschaft mit
schulpflichtigen Kindern darüber aufgeklärt wird und weiß, worauf sie sich
einlässt, wenn sie Waldorfschule wählt.
Grothe: Waldorfschulen in der Kritik,
Deutschlandradio Kultur dazu im Gespräch mit Josef Kraus, Präsident des
Deutschen Lehrerverbandes. Vielen Dank für dieses Gespräch.
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