DEUTSCHER
LEHRERVERBAND (DL) -
AKTUELL
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Aus "BILD.de" vom 8.
März 2011
Zwanzig
Wahrheiten über Schule in Deutschland
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes
(DL)
Exklusiv
zur großen BILD-Umfrage "Was sagen Sie zum Bildungssystem in
Deutschland" hat Lehrer-Chef Kraus zwanzig
Wahrheiten über Schule in Deutschland aufgeschrieben.
So
steht es um Deutschlands Schul-System:
1. Die
um sich greifende Erleichterungs- und
Wohlfühlpädagogik bringt nichts. Schule ohne Leistung und
Anstrengung geht nicht. Wir müssen unseren Kindern etwas mehr zutrauen
und auch etwas mehr zumuten.
Wer
Leistung und Anstrengung zu Missgunst-Vokabeln macht, versündigt sich
an der Zukunft unserer Kinder und unserer Gesellschaft. Leider aber hat
man so lange über schulischen Leistungsstress geredet, bis die meisten
ihn subjektiv empfanden. In der Folge wurde die Notengebung immer und
immer wieder liberalisiert oder gar abgeschafft, schwere Schulfächer
konnten durch leichte ersetzt werden, und überhaupt wurde eine
Pädagogik gepredigt, derzufolge Schule Spaß und Unterhaltung
garantieren soll. Wer aber das Leistungsprinzip bereits in der Schule
untergräbt, setzt eines der revolutionärsten demokratischen Prinzipien
außer Kraft. In unfreien Gesellschaften sind Geldbeutel, Geburtsadel,
Gesinnung, Geschlecht Kriterien zur Positionierung eines Menschen in
der Gesellschaft. Freie Gesellschaften haben an deren Stelle das
Kriterium Leistung vor Erfolg und Aufstieg gesetzt. Das ist die große
Chance zur Emanzipation für jeden Einzelnen! Ganz zu schweigen davon,
dass der Sozialstaat nur dann funktioniert, wenn er von der Leistung
von Millionen von Menschen getragen wird.
2. Chancen
sind Chancen, aber keine Garantien.
Natürlich
sollen alle Kinder gleiche Startchancen haben. Aber
Chancen sind Chancen, jedoch keine Vollkasko-Garantien, zu
Erfolgsaussichten können sie erst durch eigene Anstrengung werden. Der
Staat hat dabei eine Bringschuld, das heißt, er muss ein möglichst
leistungsfähiges Bildungswesen vorhalten, die Adressaten haben aber
auch eine Holschuld! Das gilt auch für Kinder aus sozial schwächeren
und aus Migranten-Familien.
3. Wir
sollten froh sein, wenn wir
Spitzenschüler für zukünftige Eliten haben.
Demokratie
in Deutschland darf nicht zum Diktat des
Durchschnitts werden. Eine zur Gleichheit verurteilte Gesellschaft wäre
zur Stagnation verurteilt. Wer Elite legitimerweise sein kann, darüber
gilt es zu streiten. Bloße Macht-Elite oder blanker Geldadel kann es
nicht sein. Eine Leistungs- und Verantwortungselite muss es sein, die
zugleich Reflexions- und Werte-Elite ist. Vor einem solchen Hintergrund
ist selbst Ungleichheit gerecht – nämlich dann, wenn Elite allen nützt,
wenn das Handeln von Eliten quasi zu einem “inequality surplus”, zu
einem Mehrwert führt. Die Schulbildung kann dazu einen wichtigen
Beitrag leisten.
4. Wir
brauchen schulische Vielfalt statt
integrierte Einfalt. Die Einheitsschule in Deutschland ist gescheitert.
Als Gesamtschule hat sie Jahrzehnte durchschlagender Erfolglosigkeit
hinter sich. Deshalb gibt es keinen Grund, sie jetzt im Gewande der
Gemeinschaftsschule neu aufzulegen.
Gesamtschulen
in Deutschland sind trotz weit
überdurchschnittlicher personeller Ausstattung bei Leistungstests stets
weit hinter den Realschulen gelandet. Zudem sind die Süddeutschen inkl.
Sachsen eben ohne Gesamtschulen die einzigen deutschen Länder, die bei
PISA international ganz vorne mithalten können. Die Behauptung, durch
die Gesamtschule könne ein sozialer Ausgleich stattfinden, ist falsch.
Langzeitstudien haben nachgewiesen: Der Besuch einer Gesamtschule
schafft keineswegs bessere soziale Aufstiegsmöglichkeiten. Nichts ist
im Übrigen so ungerecht wie die gleiche – hier: schulische – Behandlung
Ungleicher. Leistung und Auslese sind ansonsten die beiden Seiten ein
und derselben Medaille. Auslese und Differenzierung sind die
notwendigen Voraussetzungen für individuelle Förderung von Kindern. Die
Parole „Fördern statt Auslese“ ist falsch. Es
muss heißen: Fördern durch Differenzierung! Außerdem erzielt eine von
Gleichmacherei geprägte Schulpolitik vermeintliche Gleichheit
allenfalls durch Absenkung des Anspruchsniveaus. Das Ergebnis wären ein
irreparabler gesellschaftlicher Flurschaden und politisch allenfalls
vorübergehend ein Stück gefühlte Gerechtigkeit.
5. Längeres
gemeinsames Lernen in einer
verlängerten Grundschule bringt nichts.
Deutsche
Länder mit einer längeren gemeinsamen Schulzeit wie
Berlin und Brandenburg mit einer sechsjährigen Grundschule gehören zu
den PISA-Verlierern. Der Lernrückstand von Grundschülern in Berlin nach
der 6. Klasse gegenüber Schülern, die grundständige weiterführende
Schulen besuchen konnten, beträgt bis zu einem Lernjahr. Es
gibt keine belastbare Studie, die bestätigen könne, dass ein längeres
gemeinsames Lernen sinnvoll sei. Die Differenzierung nach der 4.
Grundschulklasse ist im übrigen nicht nur notwendig,sondern auch möglich,
denn es ist zu diesem Zeitpunkt auf der Grundlage der Leistungen eines
Kindes in den Fächern Deutsch und Mathematik eine zuverlässige Prognose
möglich.
6. Die
Hauptschule ist keine Restschule,
Hauptschüler sind keine Restschüler.
Die
Hauptschule hat – wiewohl sie in einigen deutschen Ländern
abgeschafft wurde – deutschlandweit nach wie vor einen Schüleranteil
von 25 Prozent, in den vier größten deutschen Ländern 26 bis 36
Prozent. Wer eine solche Schule als Restschule bezeichnet, bedient sich
des Wortbuches des Unmenschen. Manche deutsche Partei, die sich als
Volkspartei versteht, rangiert bei Wahlen unter 30 Prozent, ohne sich
das Etikett der Rest-Partei gefallen zu lassen. Mit der Abschaffung der
Hauptschule sind die Hauptschüler mit ihren spezifischen Fähigkeiten
und Förderansprüchen nicht abgeschafft. Hauptschule hat dann eine
Chance, wenn man sie politisch will und wenn die Wirtschaft ihren
Absolventen Chancen bietet. Mit einer Umetikettierung ihrer Schüler ist
auf Dauer niemandem geholfen.
7. Die
Debatte um Bildungsgerechtigkeit bzw. um
unser angeblich ungerechtes Schulwesen ist nichts anderes als der
sozialromantisch kaschierte Versuch, über die Schule Gleichmacherei zu
betreiben.
Weltweit
gibt es einen Zusammenhang von Schulleistung und
sozialer Herkunft. In Deutschland sind die Möglichkeiten des sozialen
Aufstiegs mittels Bildung so gut wie kaum in einem anderen Land der
Welt. Wir haben inkl. Berufsschulpflicht eine zwölfjährige
Schulpflicht, das ist eine große soziale Errungenschaft. Wir haben an
die fünfzig verschiedene Wege zu einer Hochschulreife. Je nach
Bundesland erwerben zwischen 40 und 50 Prozent der Studierberechtigten
ihren Hochschulzugang, ohne jemals ein Gymnasium besucht zu haben.
Nutznießer dieser Vielfalt an Wegen sind vor allem Kinder aus
sogenannten bildungsfernen Schichten. Da PISA Fünfzehnjährige testet,
werden diese Wege der vertikalen Durchlässigkeit mit PISA nicht
erfasst. Wenn gesagt wird, dass die Bildungssysteme anderer Staaten
sozial durchlässiger seien, dann ist das eine Legendenbildung.
Schließlich haben diese Staaten oft höchste Quoten arbeitsloser
Jugendlicher (in Finnland über 20 Prozent, in Deutschland unter 10
Prozent).
8. Es
muss Schluss sein mit dem dümmlichen
Abitur-Quoten-Wettrüsten. Der Mensch beginnt nicht mit dem Abitur. Die
internationalen „Abitur”-Vergleiche sind grundfalsch.
Unser
berufliches Bildungswesen ist für Millionen junger
Menschen Basis für Aufstieg und Beschäftigung. Auch in Zukunft wird der
Großteil der jungen Menschen über die berufliche Bildung den Einstieg
in einen Beruf finden. Diese jungen Menschen dürfen nicht als
Außenseiter betrachtet werden. Außerdem darf man annehmen, dass das,
was andere Länder als „Abitur“ oder als „Studium“ deklarieren, bei uns
nicht einmal einer Fachschulausbildung entspräche. Die
Akademiker-Quoten sind international nicht vergleichbar, in Finnland
und in den USA gelten auch Krankenschwestern oder
Kindergartenerzieherinnen als Akademiker/innen. Da kann man leicht auf
hohe Akademikerquoten kommen. Eine „Verhochschulung” unserer
Gesellschaft wird der Forderung nach Höherqualifizierung jedenfalls
nicht gerecht. Interessant ist zudem: Dort wo man in Europa die
niedrigsten Abiturienten-Quoten hat, hat man zugleich die besten
Wirtschaftsdaten: nämlich in Österreich, in der Schweiz sowie in
Bayern.
9. Mit
PISA wird viel Schindluder getrieben.
Gerade
wir Deutsche wollen immer die Besten sein. Wenn uns
dies wie bei PISA nicht gelingt, dann wollen wir wenigsten die Spitze
im Negativen sein. Und so rechnen wir unsere Testergebnisse so hin,
dass wir wenigsten in Sack und Asche gehen können. Solche
Testgläubigkeit ist in anderen Ländern der Welt gottlob nicht
vorhanden. Dabei schaut es doch gar nicht so schlecht aus. Die meisten
der schulisch vielgerühmten skandinavischen Länder liegen hinter uns.
Und auch vom finnischen PISA-Ergebnis sollte man sich nicht blenden
lassen. Finnland hat nämlich eine ethnisch sehr homogene Bevölkerung,
also keine Probleme mit der schulischen Integration von
Migrantenkindern: Von den finnischen Schülern haben nur 1,2 Prozent
Eltern, die beide im Ausland geboren sind. Bekannt ist auch, dass
Finnland eine der international höchsten Quoten an jugendlichen
Arbeitslosen, an Alkoholikern und an Suizidanten hat. Auf die Tatsache,
dass Finnland in Physik, Chemie, Medizin bislang einen einzigen
Nobelpreisträger (nämlich 1945 in Chemie) hervorgebracht hat, während
es in diesen Fächern in Deutschland bislang 79 (Stand 2008) waren, sei
ebenfalls hingewiesen.
10. Wir
brauchen Bildung statt PISA.
Es
ist ein ärmliches Verständnis zu glauben, PISA bilde
Bildung ab. Nein: PISA misst nur einen kleinen Sektor aus dem
Lerngeschehen. Ausgeblendet bleiben bei PISA weite Bereiche schulischer
Bildung: Fremdsprachen, Literatur, Religion/Ethik, Geschichte, Kunst,
Musik, Sport. Wir brauchen eine Schule jenseits von PISA. Wir müssen
uns wieder auf den Eigenwert des Nicht-Messbaren besinnen. Wir sind mit
dem Grundsatz, dass unsere Schulen Allgemeinbildung und nicht nur
Messbares leisten sollen, gut gefahren. Wenn es um Bildung geht, dann
müssen wir außerdem auf den Eigenwert des Nicht-Ökonomischen setzen.
Schule kann nicht nach Rentabilitäts-Gesichtspunkten geführt werden. In
einem Unternehmen – das ist klar – muss man alles wegrationalisieren,
was sich nicht lohnt. Alltag in Schule aber ist es, dass sich hier bei
einem Teil der Schüler nichts zu lohnen scheint. Hier nach
Rentabilitätsgesichtspunkten zu arbeiten, das liefe aber auf
eine unsoziale Vorstellung von Schule hinaus.
11. Wir
lassen unsere Muttersprache bereits in
der Schule verkommen.
Das
Beherrschen der Mutter- und Landessprache ist das A und O
jeder Bildung. Tatsache ist aber: Schule in Deutschland schafft es
nicht, den Nachwuchs solide in der Mutter- und Landessprache zu
schulen. Hier gab und gibt es Fehlentwicklungen: die geringe
Stundenausstattung des Faches Deutsch als Schulfach zwischen der ersten
und zehnten Klasse: nur ganze 16 Prozent der Wochenstunden; das
Herunterfahren des Grundwortschatzes auf nur noch 700 Wörter aktiven
Wortschatzes am Ende der 4. Grundschulklasse; die selbst in gymnasialen
Klassenstufen oft nur üblichen drei Deutschstunden pro Woche; der
Verzicht auf das Auswendiglernen von Gedichten; die mikrochirurgische
Analyse kopierter Textauszüge; das Zustöpseln von Lückentexten anstelle
des Verfassens von zusammenhängenden Antworten; die Abschaffung eines
Lektürekanons und die damit verbundene Preisgabe kultureller Tradition.
Schule muss dem entgegensteuern. Sie muss der sprachlichen und
literarischen Schulung wieder mehr Aufmerksamkeit widmen.
12. Wir
verzichten immer mehr darauf, von
unseren Schülern konkretes Wissen einzufordern. Stattdessen schwafeln
wir von Methoden-, Basis-, Horizontal-, Sozial- und
Handlungskompetenzen.
Es
gibt aber keine Bildung ohne Inhalte. Schüler qua
„Methodentraining” nur im Gebrauch des Textmarkers zu schulen, ist
Firlefanz. Wir brauchen wieder einen Primat der Inhalte vor den
Methoden. Die blanke Forderung nach einer bloßen,
inhaltsleeren
Vermittlung von Kompetenzen wäre wie der Vorschlag, ohne Wolle Stricken
zu lernen. Es ist eine Renaissance des konkreten Wissens angesagt. Wir
brauchen einen Grundbestand an Literaturkenntnis, an Wissen in den
Fächern Geschichte, Geographie, Religion, Kunst und
Musik. Dies ist
auch deshalb wichtig, weil kanonisches Wissen Verlässlichkeit bietet,
weil es eine wichtige Kommunikationsgrundlage ist und weil wir schon
viel zu viel “Wissen unter aller Kanone” haben. Wer aber nichts weiß,
muss alles glauben. Er ist damit kein mündiger Staatsbürger, denn er
ist dann verführbar für jeden Demagogen und für jede politische
Emotionalisierung
13. Falsch
ist die Behauptung, es komme nicht
auf Schulstrukturen, sondern ausschließlich auf die Art des Unterrichts
an – nämlich auf einen projektorientierten, lehrermoderierten und
schülerzentrierten.
Nein,
die Verteufelung eines straff von den Lehrern
gesteuerten Unterrichts ist falsch. Der Unterricht darf nicht zum
entspannten Sozial-Event und der Lehrer darf nicht zum Fremdkörper im
Unterricht werden. Es ist eine Utopie anzunehmen, alle zwölf Millionen
Schüler in Deutschland seien alle rund um die Uhr und das ganze Jahr
hindurch begierig auf das Schöne, Wahre, Gute - und nur eine überholte
Unterrichtsmethodik sei schuld daran, wenn Schüler „de-motiviert”
seien. Nein, Unterricht ist eine wechselseitige Angelegenheit; Lehrer
können noch so viel einbringen, wenn Schüler nicht ein Minimum an
Interesse und an Anstrengung aufwenden, ist alles für die Katz. Unsere
Schüler brauchen einen strukturierten und ergebnisorientiertn (nicht
nur erlebnisorierntiertn) Unterricht. Übrigens: Gerade
leistungsschwächere und jüngere Kinder profitieren von
einem klar strukturiertem Unterricht.
14. Wir
jagen unsere Schulen von einem
Durchlauferhitzer in den nächsten und pflegen den Wahn, alles sei mit
immer neuen Ideen von Schule machbar.
Goethe
würde zu solcher Reformitis sagen: „Es gibt nichts
Entsetzlicheres als tätige Unwissenheit.“ Jedenfalls muss Schluss sein
mit dem ständigen Herumexperimentieren an jungen Menschen. Jeder junge
Mensch hat nureine Bildungsbiographie. Das
unterscheidet junge Menschen von Werkstücken. Mit Werkstücken kann man
experimentieren: Misslingen sie, kann man sie einschmelzen, recyceln
oder erneut auf eine Fertigungsstraße bringen. Mit jungen Menschen geht
das nicht. Deshalb brauchen wir wieder mehr Behutsamkeit und mehr
Umsicht in der Bildungspolitik. Wir brauchen eine gesunde Skepsis gegen
blinden pädagogischen Optimismus und gegen den Dogmatismus
pädagogischer Scharlatane. Und damit sich unsere Schulen mal wieder
konsolidieren können: Mal keine Reform, das wäre doch mal eine Reform!
15. Unser
Schulsystem wird einem unsinnigen
Beschleunigungswahn ausgesetzt.
Bildung
braucht Zeit. Man kann intellektuelle, körperliche und
soziale Reifung nicht beliebig beschleunigen. In Afrika sagt man: Das
Gras wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht. Dieses Bild gilt
auch für das Heranreifen junger Menschen. Immer noch früher einschulen
und das Gymnasium immer noch mehr beschleunigen ist Unsinn. Die in
manchen deutschen Ländern reichlich verkorkste Einführung des
achtjährigen Gymnasiums beweist, dass bei solcher Beschleunigung viel
auf der Strecke bleibt: neben der Persönlichkeitsbildung auch Schul-
und Freizeitkultur.
16. Unsere Schulen sind mit
einer
fortschreitenden Verstaatlichung von Erziehung überfordert.
Was
laut Grundgesetz Pflicht der Eltern ist, wird mehr und
mehr an die Schulen delegiert, von der Medien- und Freizeiterziehung
bis hin zur Umwelt- und Gesundheitserziehung. Überhaupt werden unsere
Schulen wie gesellschaftliche Problem-Müllkippen behandelt. Alles was
sich an Problemen anhäuft, wird den Schulen zur Erledigung
überantwortet: Gewalttätigkeit, Extremismus, Fettleibigkeit …. Man
lässt die Schulen aber im Regen stehen, wenn sie mit extrem schwierigen
Schülern zu tun haben, denn man gibt den Schulen keine Instrumente in
die Hand, zum Beispiel die Möglichkeit, bei Schülern bei extremem
Fehlverhalten soziale Dienste anzuordnen.
17. Die
Politik versagt den Schulen notwendige
Fördermöglichkeiten.
Wir
brauchen mehr Möglichkeiten der individuellen Förderung in
unseren Schulen. Das gilt für die Förderung von schwachen wie auch von
Spitzen-Schülern. Was wir bräuchten? Gebt den Schulen über eine volle
(wirklich 100prozentige!) Lehrerversorgung hinaus einen Topf an zehn
Prozent Lehrerstunden. Mit diesen zehn Prozent kann man in
Krankheitszeiten Unterrichtsausfall vermeiden; in den anderen Wochen
Förderkurse für Spitzen- und für Risikoschüler einrichten.
18. Die
Schulpolitik hat in Sachen
Personalplanung versagt.
Dabei
wäre es gar nicht schwer, den Lehrerbedarf solide zu
prognostizieren und entsprechende Anwerbemaßnahmen zu starten. Man
kennt die Altersstruktur der Lehrerschaft genau und damit den
Ersatzbedarf, und auch die Schülerzahlen schlagen keine Kapriolen. Alle
Schüler der weiterführenden Schulen des Jahres 2021 und die
Berufsschüler des Jahres 2027 sind schon geboren. Nun stehen wir vor
einem Mangel an Lehrern der Fächer Mathematik, Physik, Chemie, Latein,
ferner in den beruflichen Schulen der Elektrotechnik, Metalltechnik,
Informationstechnik sowie der wirtschaftlichen Fächer. Überhaupt muss
es gelingen, den Lehrerberuf wieder attraktiver zu machen, damit ein
Lehramtsstudium auch für hochmotivierte und hochbegabte Abiturienten
interessant ist. Und wir brauchen – vor allem in den Grundschulen –
endlich wieder mehr Männer, die diesen Beruf ergreifen.
19.
Es gibt keine Bildungsoffensive ohne
Erziehungsoffensive.
Wenn
es zu Hause nicht klappt, dann klappt es in der Schule
nicht. Das heißt: Es ist die Eigenverantwortung der Familien wieder
stärker gefordert. Am einfachen Beispiel der Leseförderung wird dies
deutlich. Das Leseverständnis ist die wichtigste Fertigkeit, die
Menschen brauchen. Die Leseförderung muss in den Familien beginnen:
Wenn die Eltern zu Hause nicht für Bücher, Zeitschriften und Zeitungen
sorgen und in deren Nutzung Vorbild sind, dann lesen die Kinder eben
kaum. Eltern aber, die bevorzugt Erdnuss mampfend vor der Glotze
sitzen, können schlecht ins Kinderzimmer rufen: Nun lies aber mal ein
Buch!
20.
Die Autorität von Schule und Lehrern wird
ständig madig gemacht.
In
Deutschland ist es wie in keinem zweiten Land Volkssport geworden,
dumm über Schule und Lehrer daherzureden. Nicht wenige Politiker, nicht
wenige Medien und Heerscharen von Eltern-Ratgebern und
Eltern-Zeitschriften haben den Lehrer zum „natürlichen Feind der
Eltern“ erklärt. Vor einem solchen Hintergrund braucht man sich nicht
zu wundern, wenn junge Leute die Schule nicht ernst nehmen. Überhaupt
ist es ein großes Problem von Schule, dass hier – ähnlich wie im
Fußball – jeder glaubt mitreden zu können. Gewiss sind nicht alle
800 000 Lehrer in Deutschland Helden und Heilige, aber etwas
mehr Zutrauen in die Institution Schule muss sein.
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