| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
Vorfahrt für berufliche Bildung
Berufliche Bildung als Standortfaktor
Das Berufsbildungssystem in Deutschland als integraler Bestandteil der sozioökonomischen Grundlagen unseres Rechts- und Sozialstaates hat sich bewährt. Es leistet gerade als dual-kooperatives System im Miteinander zweier Lernorte den entscheidenden Beitrag zur beruflichen Qualifizierung sowie zur Sozialisation und gesellschaftlichen Integration der nachwachsenden Generation in das Gemeinwesen. Die Bildungs- und Lernangebote im deutschen Berufsbildungssystem sind auf Polyvalenz angelegt: Sie sind berufsbildend, und sie sind aufgrund ihrer ausgewogenen Verbindung von Arbeiten und Lernen sowie von Handeln und Reflexion zugleich allgemein- und persönlichkeitsbildend.
Das Berufsbildungssystem in Deutschland erleichtert den Übergang vom Bildungssystem ins Beschäftigungssystem erheblich. Die Jugendarbeitslosigkeit ist im internationalen Vergleich in Deutschland nicht zuletzt wegen des dualen Berufsbildungssystems gering. Während in Deutschland im Jahr 1996 von den jungen Leuten unter 25 Jahren 8,0 Prozent arbeitslos waren, betrug diese Quote beispielsweise in den USA 12.0, in Großbritannien 14.7, in Frankreich 26.3 und in Spanien 42.0 Prozent.
Die große Zahl qualifiziert ausgebildeter Kaufleute und Facharbeiter trägt wesentlich zum hohen Leistungsstand der deutschen Wirtschaft bei. Berufliche Bildung ist damit ein Eckpfeiler für die internationale Konkurrenzfähigkeit Deutschlands. Das duale Ausbildungssystem Deutschlands ist ein Standortvorteil, weil es die Jugendlichen sowohl im Ausbildungsbetrieb als auch in der Berufsschule auf die spätere berufliche Tätigkeit vorbereitet.
Die einseitige Ausrichtung der Bildungs- und Schulpolitik indes auf alles, was mit Abitur und Studium zu tun hat, ließ Öffentlichkeit, Politik und viele Eltern vergessen, daß die berufliche Bildung eine tragende Säule des Bildungssystems und der gesamten Volkswirtschaft ist. Praktisches politisches Handeln freilich sah und sieht häufig anders aus: Milliardenprogramme für Hochschulen, hohe Abiturientenquoten, ein unaufhaltsamer Zustrom zu den Hochschulen - all das sind Symptome dafür, daß sich das Bildungssystem vom Beschäftigungssystem abgekoppelt hat.
Ein solches Mißverhältnis und das Zuwenig an Facharbeitern werden die Wachstums- und Wohlstandsbremse der Zukunft sein. Deshalb wird es Zeit, die Akademisierungseuphorie zu überwinden und mehr dafür zu tun, daß die berufliche Bildung im öffentlichen Bewußtsein den gleichen Rang bekommt wie der allgemeinbildende und der akademische Bereich. Äußerungen von Politikern und Wissenschaftlern, die unvermindert einen erheblichen Mehrbedarf an Akademikern in Deutschland prognostiziert, ist zu widersprechen.
Eine "Verhochschulung" des Bildungssystems wird den zukünftigen Herausforderungen nicht gerecht. Auch in Zukunft werden zwei Drittel der jungen Menschen über die berufliche Bildung den Einstieg in einen Beruf finden. Diese jungen Menschen dürfen nicht als Außenseiter betrachtet und bildungspolitisch vernachlässigt werden.
Die
Aufwertung der beruflichen Bildung ist insgesamt eine Frage der gesellschaftlichen
Wertschätzung, das heißt des Ansehens, des Einkommens und der
Arbeitsbedingungen. Es ist an der Zeit, den Absolventen der beruflichen
Bildung im privatwirtschaftlichen - und im öffentlichen - Beschäftigungssektor
vermehrt Aufstiegsmöglichkeiten zu eröffnen.
Maßnahmen zur Entspannung der Lehrstellensituation
Der aktuelle Lehrstellenmarkt ist angespannt, die einschlägigen Lehrstellenstatistiken bieten aber kein zuverlässiges Bild von der tatsächlichen Situation. Dieses Bild stellt sich regional und branchenspezifisch sehr unterschiedlich dar. Während beispielsweise im Jahr 1997 die Arbeitslosigkeit junger Leute unter 20 Jahren in Bayern 7.5 und in Baden-Württemberg 8.3 Prozent betrug, machte sie in Berlin 19.5 und in Sachsen-Anhalt 20.1 Prozent aus.
Zugleich liefern Zahlen, die im Frühjahr eines Jahres zur Lehrstellensituation veröffentlicht werden, teilweise ein Zerrbild: Viele Lehrstellen (es wird ein Anteil von zehn Prozent geschätzt) werden nicht gemeldet, aber dennoch besetzt. Viele Jugendliche melden sich prophylaktisch beim Arbeitsamt, ohne eine Stelle zu suchen. Zuletzt haben 14.000 Jugendliche ihre Lehrstellen nicht angetreten. In einzelnen Branchen - wie im Maschinenbau - gibt es einen erheblichen Bewerbermangel.
Die Unternehmen sind gefordert. Einerseits warnen sie vor einer weiter fortschreitenden Akademisierung, andererseits stellen vor allem die Großunternehmen immer weniger Lehrstellen zur Verfügung. Sie steigern damit die Staatsquote im Bildungsbereich: Firmen bilden nicht mehr aus und holen sich die Berufsanfänger aus den Hochschulen - selbst in Berufen, in denen kein Hochschulabschluß erforderlich wäre. Deshalb müssen auch die Großunternehmen mehr junge Menschen als zuletzt ausbilden. Der Rückgang der Ausbildungsstellen im Industriebereich betrug Mitte der 90er Jahre zehn Prozent. Die Großunternehmen dürfen sich nicht aus der Ausbildungsverantwortung zurückziehen bzw. diese nicht überwiegend den kleinen und mittelständischen Betrieben überlassen. Die bisweilen mangelhafte Vorqualifikation eines kleinen - und immer wieder bewußt überschätzten - Anteils von Lehrstellenbewerbern darf auch nicht als Alibi benutzt werden, daß sich Betriebe aus der Ausbildungsverantwortung zurückziehen. Die Ausbildungsverantwortung der Wirtschaft ist gesetzliche Verantwortung und "patriotische Pflicht".
Die Förderung der beruflichen Bildung ist vor allem als Teil einer Mittelstandsoffensive zu sehen. Die Ausbildungsleistung des Mittelstandes ist zu stärken. Die Wirtschaft muß die Auszubildenden intensiver betreuen können, damit auch über diesen Weg die Quote der Ausbildungsabbrecher von derzeit rund 25 Prozent gesenkt werden kann.
Ungeeignet für die Schaffung von mehr Lehrstellen ist eine Finanzierung der beruflichen Bildung durch eine Ausbildungsabgabe nichtausbildender Betriebe. Es ist zwar wichtig, daß zwischen den ausbildenden und nichtausbildenden Unternehmen ein finanzieller Lastenausgleich stattfinden muß. Eine Ausbildungsabgabe aber schafft erheblichen bürokratischen Aufwand, und ausbildungsabstinente Betriebe würden sich allzu leicht aus der Ausbildungsverantwortung freikaufen. Das Beispiel Frankreich mit seiner Ausbildungsabgabe und mit einer Arbeitslosenquote unter jungen Leuten bis 25 Jahren von 28.9 Prozent (Deutschland 9.6 Prozent) zeigt, daß sich dieses Instrument nicht bewährt hat.
Subsidiär,
temporär und regionalspezifisch sind alle flexiblen Lösungen
zur Schaffung zusätzlicher Ausbildungsplätze zu unterstützen,
soweit sie mit Prüfungen nach dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) abschließen.
Dazu gehört unter anderem der Ausbau der vollschulischen Berufsfachschulen,
die Einrichtung von Berufsausbildungsgängen in schulischer Trägerschaft
und die Ausbildung im Verbund, die in Verbindung mit den beruflichen Schulen
erfolgen soll. Weitere Lernorte sind nicht notwendig. Das gilt insbesondere
für Träger, die privatwirtschaftlich ausgerichtet sind und gewinnorientiert
arbeiten. Die dorthin fehlgeleiteten öffentlichen Gelder müssen
den beruflichen Schule zugute kommen. Ansonsten ist zu prüfen, inwieweit
in sich abgeschlossene, nicht-modulare Ausbildungsordnungen bzw. berufsvorbereitende
Programme zu erstellen sind, die schwer vermittelbaren Jugendlichen einen
berufsbefähigenden Abschluß und eine tarif- sowie sozialpolitisch
abgesicherte Beschäftigung erlauben.
Maßnahmen zur Aufwertung der beruflichen Bildung
Darüber hinaus sind weitere konkrete Maßnahmen zur Aufwertung der beruflichen Bildung und zur Verbesserung ihrer Rahmenbedingungen angezeigt. Diese müssen, so sie wirksam sein sollen, zugleich in mehreren Bereichen ansetzen.
Erstens:
Es
muß die Bildungsberatung intensiviert
werden. Dabei muß klargemacht werden, daß berufliche Bildung
keine Rang- und Wertigkeitsskala zu scheuen braucht, daß sie fachliche
Spezialbildung, Allgemeinbildung und Persönlichkeitsbildung umfaßt
und daß ein beruflicher Abschluß zugleich Anschluß an
vielfältige Bildungsmöglichkeiten, an verantwortungsvolle Tätigkeit
und an angesehenen Status ist. In diesem Sinne muß die Information
bzw. Beratung über den eigenständigen und erfolgversprechenden
Weg der beruflichen Bildung verstärkt werden, beginnend bereits bei
den Informationsveranstaltungen der Grundschulen zur Beratung der Eltern.
Im Interesse ihrer Entscheidungsfähigkeit ist in den allgemeinbildenden
Schulformen die berufliche Orientierung der
Schüler zu fördern. Dies soll keine vorgezogene Berufsbildung
sein. Vielmehr sollen Schüler vor allem im fachübergreifenden
Ansatz Wissen um berufliche Realitäten und die Fähigkeit zur
beruflichen Entscheidung vermittelt bekommen.
Zweitens:
Die
in den allgemeinbildenden Schulen vermittelte
Ausgangsqualifikation
für die Aufnahme einer beruflichen Ausbildung muß mit einem
aussagekräftigen Zeugnis ausgewiesen sein. Ein Zeugnis auf der Basis
einer schulformspezifischen, zentralen schulischen Abschlußprüfung
an den sog. abgebenden Schulen bietet dafür die beste Gewähr.
Drittens:
Im
Interesse zeitgemäßer und anspruchsvoller beruflicher Bildung
müssen die Ausbildungsordnungenund
die Rahmenlehrpläne
der berufsbildenden Schulen kontinu- ierlich
an die dynamische Entwicklung der Wirtschaft angepaßt werden. Ein
Unterrichtsumfang von neun Wochenstunden in der Berufsschule ist - zumal
wenn diese Stunden an nur einem Berufsschultag stattfinden - ineffizient
und unpädagogisch; in allen Bundesländern sind in der Berufsschule
die von der Kultusministerkonferenz (KMK) empfohlenen
mindestens zwölf
Wochenstunden sicherzustellen. Die Ausstattungder beruflichen Schulen
muß mit den modernen technischen und wirtschaftlichen Erfordernissen
Schritt halten können. Zu einer modernen beruflichen Schule gehört
es ferner, daß sie Fremdsprachenunterrichtet;
der Anteil an Berufsschülern, der Unterricht in einer Fremdsprache
erhält, ist viel zu gering und deshalb deutlich zu erhöhen. Ferner
müssen die beruflichen Schulen in die Lage versetzt werden, in einem
austarierten Verhältnis von Disziplinarität und Interdisziplinarität
die Vorzüge des fachgebundenen Unterrichts mit den Stärken fachübergreifender
Lernsequenzen zu verbinden.
Viertens:
Die
Berufsschulen müssen gleichberechtigte Partner bei den Abschlußprüfungen
im dualen System sein. Die bei beiden Dual-Partnern, also in Schule und
Betrieb, erbrachten Leistungen sollten in die Abschlußqualifikation
aufgenommen werden. Konkret sollten die Prüfungsleistungen, die während
der betrieblichen Ausbildung erbrachten Leistungen sowie die Leistungen
aus der Berufsschule drittelparitätisch in die Gesamtnote einbezogen
werden. Das würde die Zeugnisse aufwerten und die Anstrengungsbereitschaft
der Auszubildenden fördern. Die in Ausbildungsgängen in schulischer
Trägerschaft erworbenen staatlichen Abschlüsse müssen den
Abschlüssen des dualen Systems gleichgestellt sein. Es müssen
außerdem Mindeststandards für die Abschlußprüfungen
in den verschiedenen berufsbildenden Schulformen definiert werden. Der
in manchen Ländern geplante Wegfall der Abschlußprüfung
an beruflichen Vollzeitschulen, etwa an Berufsfachschulen, darf nicht erfolgen.
Fünftens:
Die
Berufsschule braucht unterrichtliche
Differenzierungsmöglichkeiten,
um ihre heterogene Schülerschaft mit ihrer von der Sonderschule
bis zum Gymnasium reichenden Vorbildung individuell fördern zu können.
Dazu gehören sonderpädagogische berufsschulische Maßnahmen
für Behinderte und Benachteiligte; Stütz- und Förderkurse
vor allem in Deutsch und Mathematik; Differenzierungsangebote für
Schüler unterschiedlicher Vorbildung bzw. für besonders Leistungsfähige.
Sechstens:
Die
beruflichen Schulen leiden in manchen Fachbereichen, derzeit vor allem
in den Berufsfeldern Wirtschaft und Verwaltung, Metalltechnik, Elektrotechnik
sowie Bautechnik, unter einem erheblichen Lehrermangel. Dieser Lehrermangel
wird voraussichtlich bis zum Jahr 2010 weiter wachsen. Deshalb ist Vorsorge
zu treffen, daß der Lehrernachwuchs gesichert
wird. Dazu gehören: die gezielte Werbung für das berufliche Lehramt
unter Abiturienten; die Zulassung aller Bewerber in das Referendariat;
die Einstellung aller geeigneten Bewerber auf volle Stelle. Das berufliche
Lehramt muß insgesamt attraktiver werden. Dazu gehört ein klares
Bekenntnis der politisch Verantwortlichen zur universitären Ausbildung
der Lehrer an beruflichen Schulen. Die Fortbildung der Lehrer an beruflichen
Schulen ist zu intensivieren, vor allem in Kooperation mit der Wirtschaft.
Siebtens:
Einen
maßgeblichen und zukünftig noch bedeutsameren Anteil bei der
Höherqualifizierung hat die Weiterbildung. Deshalb ist eine aufstiegs-
und anpassungsbezogene Weiterbildung notwendig. Hier bieten sich
zahlreiche Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen dual organisierter Bildungsangebote
an, für die die Berufsschule als dual-kooperativ verfaßte Institution
über beträchtliches Know-how verfügt. Naheliegend ist ferner
die Verbindung mit Fach- und Meisterschulen. Erstausbildungs- und Weiterbildungsgänge
sind aufeinander abzustimmen und als eigenständige und gleichwertige
berufliche Bildungswege neben der Hochschulausbildung weiter auszubauen.
Darüber hinaus sollen neben den traditionellen Lernorten der Weiterbildung,
also neben den Betrieben und überbetrieblichen Einrichtungen, zukünftig
verstärkt die Berufsschulen als Träger der Weiterbildung einbezogen
werden. Ferner ist die Einrichtung von Beratungsstellen für Fragen
der Weiterbildung zu fördern.
Achtens:
Im
europäischen
Wettbewerb muß das deutsche Berufsbildungssystem seine Stärken
durch stetige Modernisierung beweisen. Das Zusammenwachsen Europas erfordert
bei der nachfolgenden Generation solide Kenntnisse über die ökonomischen
Rahmenbedingungen in anderen europäischen Ländern, Kenntnisse
der europäischen Institutionen und des europäischen Rechts, die
Beschäftigung mit anderen Kulturen und Mentalitäten sowie gute
Fremdsprachenkenntnisse. Die beruflichen Schulen sind hier der geeignete
Ort für den Erwerb entsprechender Qualifikationen und Haltungen, sie
sind über Schüleraustauschprogramme und Schulpartnerschaften
zugleich der geeignete Ort für die unmittelbare Begegnung mit Gleichaltrigen
anderer Nationen. Eine Harmonisierung der Bildungspolitik der Mitgliedsstaaten
der Europäischen Union (EU) mit dem Ziel einer Angleichung der Berufsbildungssysteme
kann kein sinnvolles Ziel europäischer Politik sein. Die Berufsbildungspolitik
des Bundes und der deutschen Länder sollte deshalb die Stärken
des deutschen Berufsbildungswesens im europäischen Rahmen nachhaltig
und offensiv vertreten. Zugleich sind die im deutschen Berufsbildungssystem
erworbenen hohen Qualifikationen im Rahmen europäischer Anerkennungsverfahren
und Rankings angemessen einzustufen.
| © 1999 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24 |