DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL
 Januar 1999
MEMORANDUM

Vorfahrt für berufliche Bildung

Berufliche Bildung als Standortfaktor

Das Berufsbildungssystem in Deutschland als integraler Bestandteil der sozioökonomischen Grundlagen unseres Rechts- und Sozialstaates hat sich bewährt. Es leistet gerade als dual-kooperatives System im Miteinander zweier Lernorte den entscheidenden Beitrag zur beruflichen Qualifizierung sowie zur Sozialisation und gesellschaftlichen Integration der nachwachsenden Generation in das Gemeinwesen. Die Bildungs- und Lernangebote im deutschen Berufsbildungssystem sind auf Polyvalenz angelegt: Sie sind berufsbildend, und sie sind aufgrund ihrer ausgewogenen Verbindung von Arbeiten und Lernen sowie von Handeln und Reflexion zugleich allgemein- und persönlichkeitsbildend.

Das Berufsbildungssystem in Deutschland erleichtert den Übergang vom Bildungssystem ins Beschäftigungssystem erheblich. Die Jugendarbeitslosigkeit ist im internationalen Vergleich in Deutschland nicht zuletzt wegen des dualen Berufsbildungssystems gering. Während in Deutschland im Jahr 1996 von den jungen Leuten unter 25 Jahren 8,0 Prozent arbeitslos waren, betrug diese Quote beispielsweise in den USA 12.0, in Großbritannien  14.7, in Frankreich 26.3 und in Spanien 42.0 Prozent.

Die große Zahl qualifiziert ausgebildeter Kaufleute und Facharbeiter trägt wesentlich zum hohen Leistungsstand der deutschen Wirtschaft bei. Berufliche Bildung ist damit ein Eckpfeiler für die internationale Konkurrenzfähigkeit Deutschlands. Das duale Ausbildungssystem Deutschlands ist ein Standortvorteil, weil es die Jugendlichen sowohl im Ausbildungsbetrieb als auch in der Berufsschule auf die spätere berufliche Tätigkeit vorbereitet.

Die einseitige Ausrichtung der Bildungs- und Schulpolitik indes auf alles, was mit Abitur und Studium zu tun hat, ließ Öffentlichkeit, Politik und viele Eltern vergessen, daß die berufliche Bildung eine tragende Säule des Bildungssystems und der gesamten Volkswirtschaft ist. Praktisches politisches Handeln freilich sah und sieht häufig anders aus: Milliardenprogramme für Hochschulen, hohe Abiturientenquoten, ein unaufhaltsamer Zustrom zu den Hochschulen - all das sind Symptome dafür, daß sich das Bildungssystem vom Beschäftigungssystem abgekoppelt hat.

Ein solches Mißverhältnis und das Zuwenig an Facharbeitern werden die Wachstums- und Wohlstandsbremse der Zukunft sein. Deshalb wird es Zeit, die Akademisierungseuphorie zu überwinden und mehr dafür zu tun, daß die berufliche Bildung im öffentlichen Bewußtsein den gleichen Rang bekommt wie der allgemeinbildende und der akademische Bereich. Äußerungen von Politikern und Wissenschaftlern, die unvermindert einen erheblichen Mehrbedarf an Akademikern in Deutschland prognostiziert, ist zu widersprechen.

Eine "Verhochschulung" des Bildungssystems wird den zukünftigen Herausforderungen nicht gerecht. Auch in Zukunft werden zwei Drittel der jungen Menschen über die berufliche Bildung den Einstieg in einen Beruf finden. Diese jungen Menschen dürfen nicht als Außenseiter betrachtet und bildungspolitisch vernachlässigt werden.

Die Aufwertung der beruflichen Bildung ist insgesamt eine Frage der gesellschaftlichen Wertschätzung, das heißt des Ansehens, des Einkommens und der  Arbeitsbedingungen. Es ist an der Zeit, den Absolventen der beruflichen Bildung im privatwirtschaftlichen - und im öffentlichen - Beschäftigungssektor vermehrt Aufstiegsmöglichkeiten zu eröffnen.
 

Maßnahmen zur Entspannung der Lehrstellensituation

Der aktuelle Lehrstellenmarkt ist angespannt, die einschlägigen Lehrstellenstatistiken bieten aber kein zuverlässiges Bild von der tatsächlichen Situation. Dieses Bild stellt sich regional und branchenspezifisch sehr unterschiedlich dar. Während beispielsweise im Jahr 1997 die Arbeitslosigkeit junger Leute unter 20 Jahren in Bayern 7.5 und in Baden-Württemberg 8.3 Prozent betrug, machte sie in Berlin 19.5 und in Sachsen-Anhalt 20.1 Prozent aus.

Zugleich liefern Zahlen, die im Frühjahr eines Jahres zur Lehrstellensituation veröffentlicht werden, teilweise ein Zerrbild: Viele Lehrstellen (es wird ein Anteil von zehn Prozent geschätzt) werden nicht gemeldet, aber dennoch besetzt. Viele Jugendliche melden sich prophylaktisch beim Arbeitsamt, ohne eine Stelle zu suchen. Zuletzt haben 14.000 Jugendliche ihre Lehrstellen nicht angetreten. In einzelnen Branchen - wie im Maschinenbau - gibt es einen erheblichen Bewerbermangel.

Die Unternehmen sind gefordert. Einerseits warnen sie vor einer weiter fortschreitenden Akademisierung, andererseits stellen vor allem die Großunternehmen immer weniger Lehrstellen zur Verfügung. Sie steigern damit die Staatsquote im Bildungsbereich: Firmen bilden nicht mehr aus und holen sich die Berufsanfänger aus den Hochschulen - selbst in Berufen, in denen kein Hochschulabschluß erforderlich wäre. Deshalb müssen auch die Großunternehmen mehr junge Menschen als zuletzt ausbilden. Der Rückgang der Ausbildungsstellen im Industriebereich  betrug Mitte der 90er Jahre zehn Prozent. Die Großunternehmen dürfen sich nicht aus der Ausbildungsverantwortung zurückziehen bzw. diese nicht überwiegend den kleinen und mittelständischen Betrieben überlassen. Die bisweilen mangelhafte Vorqualifikation eines kleinen - und immer wieder bewußt überschätzten - Anteils von Lehrstellenbewerbern darf auch nicht als Alibi benutzt werden, daß sich Betriebe aus der Ausbildungsverantwortung zurückziehen. Die Ausbildungsverantwortung der Wirtschaft ist gesetzliche Verantwortung und "patriotische Pflicht".

Die Förderung der beruflichen Bildung ist vor allem als Teil einer Mittelstandsoffensive zu sehen. Die Ausbildungsleistung des Mittelstandes ist zu stärken. Die Wirtschaft muß die Auszubildenden intensiver betreuen können, damit auch über diesen Weg die Quote der Ausbildungsabbrecher von derzeit rund 25 Prozent gesenkt werden kann.

Ungeeignet für die Schaffung von mehr Lehrstellen ist eine Finanzierung der beruflichen Bildung durch eine Ausbildungsabgabe nichtausbildender Betriebe. Es ist zwar wichtig, daß zwischen den ausbildenden und nichtausbildenden Unternehmen ein finanzieller Lastenausgleich stattfinden muß. Eine Ausbildungsabgabe aber schafft erheblichen bürokratischen Aufwand, und ausbildungsabstinente Betriebe würden sich allzu leicht aus der Ausbildungsverantwortung freikaufen. Das Beispiel Frankreich mit seiner Ausbildungsabgabe und mit einer Arbeitslosenquote unter jungen Leuten bis 25 Jahren von 28.9 Prozent (Deutschland 9.6 Prozent) zeigt, daß sich dieses Instrument nicht bewährt hat.

Subsidiär, temporär und regionalspezifisch sind alle flexiblen Lösungen zur Schaffung zusätzlicher Ausbildungsplätze zu unterstützen, soweit sie mit Prüfungen nach dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) abschließen. Dazu gehört unter anderem der Ausbau der vollschulischen Berufsfachschulen, die Einrichtung von Berufsausbildungsgängen in schulischer Trägerschaft und die Ausbildung im Verbund, die in Verbindung mit den beruflichen Schulen erfolgen soll. Weitere Lernorte sind nicht notwendig. Das gilt insbesondere für Träger, die privatwirtschaftlich ausgerichtet sind und gewinnorientiert arbeiten. Die dorthin fehlgeleiteten öffentlichen Gelder müssen den beruflichen Schule zugute kommen. Ansonsten ist zu prüfen, inwieweit in sich abgeschlossene, nicht-modulare Ausbildungsordnungen bzw. berufsvorbereitende Programme zu erstellen sind, die schwer vermittelbaren Jugendlichen einen berufsbefähigenden Abschluß und eine tarif- sowie sozialpolitisch abgesicherte Beschäftigung erlauben.
 

Maßnahmen zur Aufwertung der beruflichen Bildung

Darüber hinaus sind weitere konkrete Maßnahmen zur Aufwertung der beruflichen Bildung und zur Verbesserung ihrer Rahmenbedingungen angezeigt. Diese müssen, so sie wirksam sein sollen, zugleich in mehreren Bereichen ansetzen.

Erstens:
Es muß die Bildungsberatung intensiviert werden. Dabei muß klargemacht werden, daß berufliche Bildung keine Rang- und Wertigkeitsskala zu scheuen braucht, daß sie fachliche Spezialbildung, Allgemeinbildung und Persönlichkeitsbildung umfaßt und daß ein beruflicher Abschluß zugleich Anschluß an vielfältige Bildungsmöglichkeiten, an verantwortungsvolle Tätigkeit und an angesehenen Status ist. In diesem Sinne muß die Information bzw. Beratung über den eigenständigen und erfolgversprechenden Weg der beruflichen Bildung verstärkt werden, beginnend bereits bei den Informationsveranstaltungen der Grundschulen zur Beratung der Eltern. Im Interesse ihrer Entscheidungsfähigkeit ist in den allgemeinbildenden Schulformen die berufliche Orientierung der Schüler zu fördern. Dies soll keine vorgezogene Berufsbildung sein. Vielmehr sollen Schüler vor allem im fachübergreifenden Ansatz Wissen um berufliche Realitäten und die Fähigkeit zur beruflichen Entscheidung vermittelt bekommen.

Zweitens:
Die in den allgemeinbildenden Schulen vermittelte Ausgangsqualifikation für die Aufnahme einer beruflichen Ausbildung muß mit einem aussagekräftigen Zeugnis ausgewiesen sein. Ein Zeugnis auf der Basis einer schulformspezifischen, zentralen schulischen Abschlußprüfung an den sog. abgebenden Schulen bietet dafür die beste Gewähr.

Drittens:
Im Interesse zeitgemäßer und anspruchsvoller beruflicher Bildung müssen die Ausbildungsordnungenund die Rahmenlehrpläne der berufsbildenden Schulen kontinu- ierlich an die dynamische Entwicklung der Wirtschaft angepaßt werden. Ein Unterrichtsumfang von neun Wochenstunden in der Berufsschule ist - zumal wenn diese Stunden an nur einem Berufsschultag stattfinden - ineffizient und unpädagogisch; in allen Bundesländern sind in der Berufsschule die von der Kultusministerkonferenz (KMK) empfohlenen mindestens zwölf Wochenstunden sicherzustellen. Die Ausstattungder beruflichen Schulen muß mit den modernen technischen und wirtschaftlichen Erfordernissen Schritt halten können. Zu einer modernen beruflichen Schule gehört es ferner, daß sie Fremdsprachenunterrichtet; der Anteil an Berufsschülern, der Unterricht in einer Fremdsprache erhält, ist viel zu gering und deshalb deutlich zu erhöhen. Ferner müssen die beruflichen Schulen in die Lage versetzt werden, in einem austarierten Verhältnis von Disziplinarität und Interdisziplinarität die Vorzüge des fachgebundenen Unterrichts mit den Stärken fachübergreifender Lernsequenzen zu verbinden.

Viertens:
Die Berufsschulen müssen gleichberechtigte Partner bei den Abschlußprüfungen im dualen System sein. Die bei beiden Dual-Partnern, also in Schule und Betrieb, erbrachten Leistungen sollten in die Abschlußqualifikation aufgenommen werden. Konkret sollten die Prüfungsleistungen, die während der betrieblichen Ausbildung erbrachten Leistungen sowie die Leistungen aus der Berufsschule drittelparitätisch in die Gesamtnote einbezogen werden. Das würde die Zeugnisse aufwerten und die Anstrengungsbereitschaft der Auszubildenden fördern. Die in Ausbildungsgängen in schulischer Trägerschaft erworbenen staatlichen Abschlüsse müssen den Abschlüssen des dualen Systems gleichgestellt sein.  Es müssen außerdem Mindeststandards für die Abschlußprüfungen in den verschiedenen berufsbildenden Schulformen definiert werden. Der in manchen Ländern geplante Wegfall der Abschlußprüfung an beruflichen Vollzeitschulen, etwa an Berufsfachschulen, darf nicht erfolgen.

Fünftens:
Die Berufsschule braucht unterrichtliche Differenzierungsmöglichkeiten, um ihre heterogene  Schülerschaft mit ihrer von der Sonderschule bis zum Gymnasium reichenden Vorbildung individuell fördern zu können. Dazu gehören sonderpädagogische berufsschulische Maßnahmen für Behinderte und Benachteiligte; Stütz- und Förderkurse vor allem in Deutsch und Mathematik; Differenzierungsangebote für Schüler unterschiedlicher Vorbildung bzw. für besonders Leistungsfähige.

Sechstens:
Die beruflichen Schulen leiden in manchen Fachbereichen, derzeit vor allem in den Berufsfeldern Wirtschaft und Verwaltung, Metalltechnik, Elektrotechnik sowie Bautechnik, unter einem erheblichen Lehrermangel. Dieser Lehrermangel wird voraussichtlich bis zum Jahr 2010 weiter wachsen. Deshalb ist Vorsorge zu treffen, daß der Lehrernachwuchs gesichert wird. Dazu gehören: die gezielte Werbung für das berufliche Lehramt unter Abiturienten; die Zulassung aller Bewerber in das Referendariat; die Einstellung aller geeigneten Bewerber auf volle Stelle. Das berufliche Lehramt muß insgesamt attraktiver werden. Dazu gehört ein klares Bekenntnis der politisch Verantwortlichen zur universitären Ausbildung der Lehrer an beruflichen Schulen. Die Fortbildung der Lehrer an beruflichen Schulen ist zu intensivieren, vor allem in Kooperation mit der Wirtschaft.

Siebtens:
Einen maßgeblichen und zukünftig noch bedeutsameren Anteil bei der Höherqualifizierung hat die Weiterbildung. Deshalb ist eine aufstiegs- und anpassungsbezogene Weiterbildung notwendig. Hier bieten sich zahlreiche Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen dual organisierter Bildungsangebote an, für die die Berufsschule als dual-kooperativ verfaßte Institution über beträchtliches Know-how verfügt. Naheliegend ist ferner die Verbindung mit Fach- und Meisterschulen. Erstausbildungs- und Weiterbildungsgänge sind aufeinander abzustimmen und als eigenständige und gleichwertige berufliche Bildungswege neben der Hochschulausbildung weiter auszubauen. Darüber hinaus sollen neben den traditionellen Lernorten der Weiterbildung, also neben den Betrieben und überbetrieblichen Einrichtungen, zukünftig verstärkt die Berufsschulen als Träger der Weiterbildung einbezogen werden. Ferner ist die Einrichtung von Beratungsstellen für Fragen der Weiterbildung zu fördern.

Achtens:
Im europäischen Wettbewerb muß das deutsche Berufsbildungssystem seine Stärken durch stetige Modernisierung beweisen. Das Zusammenwachsen Europas erfordert bei der nachfolgenden Generation solide Kenntnisse über die ökonomischen Rahmenbedingungen in anderen europäischen Ländern, Kenntnisse der europäischen Institutionen und des europäischen Rechts, die Beschäftigung mit anderen Kulturen und Mentalitäten sowie gute Fremdsprachenkenntnisse. Die beruflichen Schulen sind hier der geeignete Ort für den Erwerb entsprechender Qualifikationen und Haltungen, sie sind über Schüleraustauschprogramme und Schulpartnerschaften zugleich der geeignete Ort für die unmittelbare Begegnung mit Gleichaltrigen anderer Nationen. Eine Harmonisierung der Bildungspolitik der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) mit dem Ziel einer Angleichung der Berufsbildungssysteme kann kein sinnvolles Ziel europäischer Politik sein. Die Berufsbildungspolitik des Bundes und der deutschen Länder sollte deshalb die Stärken des deutschen Berufsbildungswesens im europäischen Rahmen nachhaltig und offensiv vertreten. Zugleich sind die im deutschen Berufsbildungssystem erworbenen hohen Qualifikationen im Rahmen europäischer Anerkennungsverfahren und Rankings angemessen einzustufen.


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