DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der "Leipziger Volkszeitung" vom 15./16. November 2003

 Sollen schon Vierjährige zur Schule?

- Contra -

Josef Kraus
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Die von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft beim Baseler Prognos-Institut in Auftrag gegebene Bildungsstudie hat sich, auch wenn sie ein paar nachdenkenswerte Impulse enthält, mit einer einzigen Kernforderung selbst diskreditiert, nämlich mit der Forderung nach einer Einschulung der Kinder mit vier Jahren. Eine solche Einschulung ist politisch-staatsbürgerlich, verfassungsrechtlich und pädagogisch höchst bedenklich. Erstens würde damit die Erziehung kleiner Kinder weitgehend verstaatlicht; mit einem so massiven Zugriff des Staates auf die Kindheit ist in der Geschichte noch kein Staatssystem gut gefahren.

Zweitens ist ein solcher Zugriff verfassungsrechtlich höchst bedenklich, denn er entmündigt de facto die Eltern; schließlich ist die Erziehung der Kinder laut Grundgesetz das vornehmste Recht der Eltern. Schule kann zudem gar nicht leisten, was häusliche Erziehung leisten kann.

Drittens sind die Kinder mit vier Jahren nicht schulfähig: Es fehlt ihnen an der physischen und psychischen Belastbarkeit, an Konzentrationsvermögen und an der sozialen Reife für einen Schulbesuch.


Mit der Forderung nach einer Einschulung mit vier Jahren bleibt die Pädagogik endgültig auf der Strecke. Der humane Grundsatz, dass Bildung und Erziehung kindgerecht zu sein haben, wird damit auf dem Altar eines blanken Ökonomismus geopfert. Wenn aber beispielsweise die Rentenpolitik versagt hat, dann kann man das nicht auf dem Rücken von Vierjährigen austragen. Aufgabe von Erziehung und Bildung ist es schließlich nicht, Heranwachsende möglichst rasch auf ihre volkswirtschaftliche Verwertung abzurichten. Völlig hanebüchen wird es, wenn man dieses Konzept hochrechnet, denn dann müssen die Dreizehn- und Vierzehnjährigen in den Beruf und die Sechzehnjährigen an die Universität. Kindheit und Jugend werden damit abgeschafft, für Bildung im weiteren Sinn bleibt dann keine Zeit mehr.

Insgesamt ist diese so genannte Bildungsstudie vom Prognos erneut ein Beleg dafür, dass in Sachen Bildung in Deutschland derzeit die blanke Panik und die Profilierungssucht eines Experten-Unwesens regieren.


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