DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 Gastkommentar aus DIE WELT vom 1. Februar 2006


Haß auf Lehrer

Zu Unrecht Sündenböcke

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Die Sache ist trivial: Eine Mami schreibt ein Buch, und weil sie davon als Mutter von vier Kindern ja viel versteht, läßt sie ihren Frust über Schule und Lehrer los. So weit so gut. Zum Ärgernis wird ein solches Buch aber, wenn es den Titel "Das Lehrerhasserbuch" trägt. Und zur billigen Geschäftemacherei verkommt es, wenn der Verlag in der Ankündigung schreibt: Die Autorin "zeigt unsere Lehrer, wie sie wirklich sind - unprofessionell, faul, ohne jede Ahnung von Kindern, hilflos, überfordert und total gestreßt". Damit scheint die Sache pauschal klar, und die Pawlowschen Reflexe können kommen, schließlich kennt sich ja jeder aus mit Schule - oder er kennt zumindest jemanden, der Schule besucht hat.

Gewiß gilt: Schule und Lehrerschaft müssen Kritik annehmen können. Aber es muß konstruktive und ehrliche Kritik sein. Wer die Lehrerschaft pauschal durch den Kakao zieht oder gar zum Haßobjekt degradiert, schadet schließlich der Gesamtgesellschaft und zwölf Millionen Schülern. Natürlich sind nicht alle 800 000 deutschen Lehrer die Inkarnation von Humboldt, Pestalozzi, Kerschensteiner und Mutter Teresa in einem. Aber in welchem Beruf gibt es keine schwarzen Schafe? Dagegen anzugehen, das ist die Verantwortung von Schulleitung und -aufsicht sowie - hinsichtlich der Eltern - auch eine Frage der Zivilcourage. Gehässige Rundumschläge helfen hier nicht weiter. Sonst gibt es Verhärtungen und auch die vielen guten engagierten Lehrer schalten auf "bockig".

Auffällig ist, daß es solche Haßtitel in keinem anderen Land der Welt gibt, und daß es auch in Deutschland keine vergleichbaren Buchtitel über andere Berufsgruppen gibt. Woher kommt das? Es sei die These gewagt: Wahrscheinlich haben die Deutschen - anerzogen in den Jahren 1945 bis 1968 - ein Problem mit Autoritäten, auch mit sinnvollen und notwendigen. Den Nährboden für Bücher der Machart "Lehrerhasser" freilich bereiteten auch Politiker, die meinten, sich mit Sprüchen über Lehrer als "faule Säcke" und "faule Hunde" profilieren zu müssen. Führende Bildungsnationen - Deutschland war früher eine solche - handeln anders. Dort gilt der Grundsatz: Wer sich flegelhaft über Schule und Lehrerberuf ausläßt, wird beim nächsten Mal nicht wiedergewählt.

Selber schuld, werden viele den Lehrern jetzt sagen. Aber das ist zu  einfach. Lehrer ist nach wie vor einer der bereicherndsten Berufe, und kaum ein anderer ist so zukunftsorientiert, weil er eben mit zukünftigen Generationen zu tun hat. Er ist aber auch zu einem Knochenjob geworden. Jeder weiß das, wenn er ehrlich ist. Wer nicht so ehrlich ist, der möge sich einmal überlegen, wie gestreßt er ist, wenn er mit zwei oder drei Kindern eine Einkaufstour durch die Stadt hinter sich hat; und er möge sich überlegen, wie es ihm erginge, wenn er tagtäglich dreißig junge Menschen zu bändigen hat.

Schon junge Menschen wissen das, denn sie wählen den Lehrerberuf in immer geringerer Zahl. Daß damit auf das deutsche Schulwesen ein ernsthaftes Nachwuchsproblem zukommt, hat sich nur noch nicht bis in die Politik herumgesprochen. Aber junge potentielle Lehramtskandidaten meiden das Lehramt unter anderem, weil die Gesellschaft diesen Beruf teilweise zum Sündenbock und die Schule zur gesellschaftlichen Reparaturanstalt hat verkommen lassen. Das spricht sich unter Studienanfängern herum. Und damit steht Deutschland vor einem Problem, das die tatsächlich oder vermeintlich schlimmen Pisa-Dimensionen in den Schatten stellt.

Nein, wir brauchen in der Bildungsdebatte alles andere als eine weitere Verwilderung der Sitten. Den Titel des Buches vergessen und sich ernsthaft mit dessen Inhalt auseinandersetzen, das funktioniert  hier nicht. Das entspricht nicht mitteleuropäischen  Kommunikationsregeln, und das wäre wie eine Pädagogik, die eine Kommunikation mit einer Ohrfeige anfängt. Es sollte reichen, was sich Lehrer in den vergangenen Jahren haben gefallen lassen müssen. Eine Gesellschaft, die binnen weniger Jahre die Ermordung von zwanzig Lehrern zu beklagen hatte, sollte es nicht dulden, daß gegen diesen Beruf Haß inszeniert wird. Solche Titel mögen Ausdruck von Hilflosigkeit sein. Im Endeffekt aber schlägt man damit Türen zu und diskreditiert einen Berufsstand, von dessen Leistungsbereitschaft und Leistungsvermögen die Zukunft dieses Gemeinwesens in erheblichem Maße mit abhängt. Der Philosoph Karl Jaspers hat dies 1966 in seiner Schrift "Wohin geht die Bundesrepublik" sehr eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht: "Es ist ein Schicksal des Volkes, welche Lehrer es hervorbringt und wie es seine Lehrer achtet."


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