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Aus DIE TAGESPOST vom 16. Februar 2006
Kommentar zum Deutschlandbesuch des UNO-Sonderberichterstatters:
Mit erhobenem Zeigefinger durch Deutschland
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Es
wird immer noch schöner. Diese Killerphrase bemächtigt sich dieser Tage
selbst der Köpfe so mancher kritischer Zeitgenossen. Da kommt doch
tatsächlich für zehn Tage der Sonderberichterstatter der
Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen nach Deutschland, um zu
untersuchen, ob im Bildungswesen die Menschenrechte gewahrt würden.
Vernor Munoz Villalobos heißt der Gast, der ursprünglich aus Costa Rica
stammt und sein in Genf angesiedeltes Amt bei den Vereinten Nationen
seit 2004 ausübt. Aufgefallen ist er bislang allenfalls mit vielen
Reisen und mit dem einen oder anderen Bericht - zum Beispiel mit einer
Statistik vom Dezember 2004 zur Frage, wie oft Lehrer ihren Schülern im
Unterricht die Gelegenheit geben, ihre eigenen Ansichten darzulegen und
wie oft sie das nicht tun. Danach geschieht das in Mexiko bei zwei
Prozent der Lehrer nicht, in Argentinien bei acht Prozent nicht, in
Frankreich und Japan bei zehn Prozent nicht, in Süd-Korea bei 15
Prozent nicht - und in Deutschland bei elf Prozent nicht.
So weit, so
gut. Warum ist Vernor Munoz jetzt in Deutschland? Eingeladen will ihn
zumindest offiziell keiner haben. Das muss auch nicht sein, denn das
Büro des hohen UNO-Kommissars zur Wahrung der Menschenrechte darf ohne
Einladung in jedes Land reisen. Also kommt er aus eigenem Antrieb, um
sich mit der sozialen Ausgewogenheit des deutschen Bildungswesens, mit
der Situation von Migranten, Behinderten und HIV-Infizierten sowie mit
den Bildungschancen der Kinder einkommensschwacher Familien zu
befassen. Dazu will er "Kitas", Schulen und Hochschulen besuchen und
Gespräche mit Behörden, Instituten und Verbänden führen. Alles recht
und schön. Deutschland ist ein offenes Land, jeder darf sich ein Bild
von diesem Land machen und jeder Gast sollte hier mit jedem reden
können.
Zur Posse aber wurde die Angelegenheit bereits im Vorfeld.
Vernor Munoz war noch nicht in Berlin-Tegel, Bonn und München, seinen
drei Zielorten, gelandet, da formierten sich in einer bestimmten
politischen Ecke bereits gigantische Erwartungen an seinen Besuch. In
genießerischer Eintracht breitet die seit Jahrzehnten lustvoll unter
dem deutschen, vor allem dem erfolgreichen bayerischen Bildungswesen
leidende Linke aus, dass die Liste der von Vernor Munoz besuchten
Länder doch bereits Bände spreche: Aus Botswana, Kolumbien und
Indonesien kommend, bereise er jetzt die "BRD". Zeitungen und
Gewerkschaften mit hoher Affinität zu diesem Lager assistieren: "Neues
Deutschland", "junge Welt", "taz" sowie die Gewerkschaft Erziehung und
Wissenschaft erhoffen sich von Munoz gar einen "starken Impuls" gegen
das ab der fünften Klasse nach Schularten ausdifferenzierte Schulwesen.
Die Gewerkschaft will den Kommissar selbstredend reichlich mit
"kritischen Materialien" eindecken. Dass die Kultusministerkonferenz
und die Bundesbildungsministerin den hohen Besuch als Routinebesuch
wieder auf eine rationale Größe herunterbringen, passt den
Gerechtigkeitsbewegten übrigens auch nicht, denn das schade ja
angeblich dem internationalen Ansehen Deutschlands.
Wie auch immer:
Weder der Besuch des Herrn Kommissars noch die
hysterisch-masochistische Begleitmusik bringen uns weiter. Das ist
alles rat- und hilfloses Getue von Leuten, die die Zerstörung ihrer
Illusion von einer alle zum Abitur führenden Einheitsschule nicht
wahrhaben wollen. Es verbleibt aber die Frage, für wie größenwahnsinnig
sich eine Einrichtung der Vereinten Nationen hält - nämlich zu glauben,
mit einem zehntägigen Besuch könne man die nach sechzehn Bundesländern
ausdifferenzierte deutsche Bildungslandschaft mit ihren mehr als zehn
verschiedenen Schulformen und ihren 42 000 Schulen erfassen. Wenn dies
möglich wäre, dann hätten Hunderte von erziehungswissenschaftlichen
Lehrstühlen und zig Forschungsinstitute jahrzehntelang nur für den
Papierkorb gearbeitet oder nur Däumchen gedreht. Nein, ein deutscher
Bildungsmessias wird der Herr Kommissar nicht werden. Aber bei dem
eintägigen Besuch heute beim Amtschef des bayerischen
Kultusministeriums, Josef Erhard, wird er schon erfahren, was nach Pisa
alles auf den Weg gebracht wurde, wozu auch die Integration von
Migrantenkindern gehört. Im übrigen gäbe es für die Vereinten Nationen
weltweit Wichtigeres zu tun. Oder hat sie überschüssige personelle und
finanzielle Ressourcen?
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