DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der Zeitschrift "Universitas"  - August 2002

Das mehrgliedrige Schulwesen ist aktueller denn je

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Gäbe es weltweit immer noch keine systematische schulische Bildung und wollte man nun endlich eine solche etablieren, so könnte man sich im Gedankenexperiment puristisch zwei unterschiedliche Systemvarianten zurecht legen. Modellvariante 1 wäre die jeweils eigene Schule für jeden Einzelnen; eine solche Schule wäre höchstindividuell, weil vollkommen an der freien Entfaltung der Einzelpersönlichkeit orientiert, und sie wäre – abgesehen von negativen sozialpädagogischen Implikationen – vermutlich im Kognitiven sehr leistungsfähig. Modellvariante 2 wäre die eine und gleiche Schule für alle; eine solche Schule wäre eine Schule der Gleichheit und vermutlich auch der Gleichmacherei, in der die Individualität des Einzelschülers auf der Strecke bliebe.

Auch bei der Gestaltung eines Schulwesens stellt sich damit die uralte Frage: Freiheit oder Gleichheit? Variante 1 - die Schule der Freiheit für jeden Einzelnen - ist finanziell nicht machbar. Sie war es allenfalls im alten Rom, als die Reichen die gebildeten griechischen Sklaven als Lehrer für ihre Kinder hatten. Variante 2 - die Schule der Gleichheit für alle - ist realisiert in Form der integrierten Gesamtschule, die wiederum weltweit sehr unterschiedliche Varianten ausweist; sie mag durchaus in einigen Ländern Europas und der Welt gut funktionieren, in den vergangenen 30 Jahren deutscher Schulgeschichte aber erwies sie sich eher als kränkelnder Dinosaurier.

Nein, wir brauchen keine neue Debatte wie 1990 zur Wiedervereinigung um sog. dritte Wege. Im Schulwesen beschreiten wir mit dem gegliederten Schulwesen längst einen dritten Weg, nämlich den Weg zwischen der Schule der totalen Freiheit und der Schule der totalen Gleichheit. Ein gegliedertes, differenziertes Schulwesen ist der dritte Weg, weil es in gelungener Weise die Vorzüge der beiden Extremvarianten vereint (Individualisierung hier, Gleichbehandlung dort) und deren Nachteile (Vereinzelung hier, Kollektivierung dort) vermeidet. Es ist ein Kompromiss aus den Prinzipien der Chancengerechtigkeit und der Begabungsgerechtigkeit. Vor allem aber realisiert ein gegliedertes Schulsystem Durchlässigkeit - und zwar in vertikaler und in horizontaler Hinsicht. Horizontal durchlässig ist es, weil es einen Wechsel der Schulformen unter entsprechenden Leistungsvoraussetzungen zulässt, und vertikal durchlässig ist es, indem es keine Sackgassen kennt. Auch die Abschlüsse der immer wieder zu Unrecht gescholtenen Hauptschule stellen keine Sackgassen dar, sondern sie sind Anschlüsse an anspruchsvolle berufliche Bildung oder an weiterführende Schulbesuche bis hin zum Erwerb einer Hochschulreife. Schließlich - das wird oft übersehen - besteht das mehrfach gegliederte Schulwesen ja aus mindestens vier allgemein bildenden Schulformen (Sonderschule, Hauptschule, Realschule, Gymnasium), aus mindestens sieben berufsbildenden (Berufsschule, Fachschule, Berufsfachschule, Wirtschaftsschule, Fachakademie, Fachoberschule, Berufsoberschule) und aus einer Reihe von Schulen des Zweiten Bildungsweges (Abendrealschule, Abendgymnasium, Kolleg).

Die Tatsache, dass im internationalen Vergleich Länder mit einheitlichem Schulsystem bei PISA gut abgeschnitten haben, sagt überhaupt nichts aus über das Leistungsvermögen der Gesamtschule in Deutschland. Gesamtschule in Deutschland ist vielmehr „out“, das weiß sogar die SPD, bei der die Gesamtschule nicht einmal mehr als Begriff in den Grundsatzpapieren des Jahres 2001 vorkommt. Auch die Empirie hat eindeutig nachgewiesen, dass deutsche Gesamtschule zu teuer und zu leistungsschwach ist. Die im Herbst 1998 aufgelegte sog. BIJU-Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (BIJU = Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter) weist eindeutig aus: Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen rangiert leistungsmäßig und auch hinsichtlich sozialen Lernens um zwei Jahre hinter der Realschule, und zwar trotz vergleichbarer sozialer Provenienz der Schülerschaft und trotz einer um 30 Prozent besseren personellen und sächlichen Ausstattung.

Wenn politische Kräfte im Zuge der Veröffentlichung der internationalen und der nationalen PISA-Studien jetzt erneut von der Gesamtschule schwärmen, weil sie soziale Selektion vermeide, dann verschweigt sie, dass knallharte soziale Selektion nach dem Geldbeutel der Eltern nicht in Deutschland mit seinem bereit ausdifferenzierten öffentlichen Schulwesen, sondern in Ländern mit Gesamtschulen stattfindet: In England, Frankreich und in den USA laufen die Eltern der öffentlichen Gesamtschule davon, wenn sie es sich leisten können, ihr Kind für Jahresgebühren von bis zu 15.000 Dollar in eine Privatschule zu schicken. Und in Japan, das ebenfalls eine Gesamtschule nach US-Vorbild hat, besuchen für teures Geld 65 Prozent der Schüler regelmäßig eine der 40.000 privaten Nachhilfeschulen („juku“).

Spätestens seit der innerdeutschen PISA-E (E = Erweiterungsstudie) müsste auch klar sein, dass ein gegliedertes Schulwesen zumindest in Deutschland die vernünftigere und die kindgerechtere Variante ist. Sonst hätten Bayern und Baden-Württemberg nicht so eindeutig die beiden nationalen Spitzenplätze eingenommen - Bayern sogar mit einem Wert, der Plätzen der internationalen PISA-Spitzengruppe im vorderen Drittel entspricht. Gegliedertes Schulsystem ist ansonsten kein Wert an sich, seinen Wert entfaltet es - wie die Süddeutschen zeigen konnten - erst im Kontext mit relativ verbindlichen Lehrplänen im inhaltlichen Kernbereich, mit einem transparenten Leistungsprinzip, mit einer frühen Differenzierung nach einer vierjährigen Grundschule sowie mit anspruchsvollen zentralen Abschlussprüfungen.

Die Alternative zu einem gegliederten Schulsystem kann also nicht die integrierte Gesamtschule, sondern nur ein weiter verbessertes gegliedertes Schulsystem sein. Verbesserungen sind auch hier möglich, wenn man etwa bereit ist, die unterrichtliche Differenzierung weiter auszubauen - vor allem zu Gunsten schwächerer Schüler und zu Gunsten von Schülern mit Migrationshintergrund.


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