DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der Zeitschrift "Universitas"  - Februar 2002

PISA und die Tiefenpsychologie

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


PISA hat zumindest in Deutschland eine Menge mit Tiefenpsychologie zu tun. Nicht daß in dieser OECD-Studie psychoanalytisches Wissen abgefragt worden wäre. Nein, aber die Reaktionen der Deutschen auf PISA und auf das für die Deutschen wenig schmeichelhafte Ergebnis haben mit Tiefenpsychologie zu tun. Während andere Länder weniger deprimiert über PISA grübeln und PISA als das sehen, was sie ist, nämlich eine Statistik, könnte Sigmund Freud am Umgang der Deutschen mit ihrem PISA-Ergebnis nahezu sein ganzes Theoriegebäude verifizieren.
 
PISA-Deutschland liegt sozusagen auf der Couch. Und so manches fördert der Bildungspatient dort zutage. Da ist zum einen der Hang der Deutschen zur Autoaggression, zumindest zur Selbstbezichtigung. Kurz: Wir sind mal wieder die Schlechtesten. Bei einer früheren Studie, bei der TIMSS (Third International Mathematics and Science Study), waren wir in den Jahren 1996 und 1997 Mittelfeld. Das war langweilig. Deutsche wollen die Besten und Stärksten oder eben die Schlechtesten und Hintersten zu sein. Bei PISA kann man sich letzteres hinrechnen. Platz 20 oder 21 unter 32 - na ja, das reicht zur marternden Selbstverteufelung.

Zum zweiten ist Projektion im Spiel - und zwar in zweifacher Form. PISA-Projektion Nr. 1 findet statt, indem das Volk der Dichter, Denker und der großen Pädagogen die wahre und richtige Pädagogik nun in weiter Ferne oder gar im Fernen Osten zu entdecken glaubt. Japan und Korea haben schließlich in PISA exzellent abgeschnitten. Und PISA-Projektion Nr. 2 findet statt, indem diese unsere „erwachsene“ Spaß- und Freizeitgesellschaft ihre eigene seichte Bequemlichkeit in die Heranwachsenden hineinprojiziert, sie damit selbst los ist und nun ihren Nachwuchs kritisieren kann, weil er in Sachen Lesen, Rechnen und Naturwissenschaften zu schwach auf der Brust sei. Garniert wird das ganze noch durch einen aufbrechenden ödipalen Komplex samt kaum maskierter latenter Tötungsphantasie; schließlich ist die Autoritätsfigur Lehrer am PISA-Desaster ja mitschuldig.

Tiefenpsychologie hin - Tiefenpsychologie her: Die Ergebnisse der internationalen Schulleistungsstudie PISA sind für die Deutschen alles andere als erfreulich. In der Noten-Sprache der Schule wäre das eine schwache „Vier“. Dabei kommen die Ergebnisse der PISA-Studie nicht unerwartet. Denn seit einigen Jahren spielt sich in den Schulen genau das ab, was PISA jetzt bestätigt: Die Schüler können in zunehmendem Maße nur stockend vorlesen, sich nicht konzentrieren, und sie sind immer weniger zu häuslichen Arbeiten für die Schule bereit. Daß immer weniger Schüler den Dingen auf den Grund gehen und sich immer mehr Schüler lieber unterhalten lassen wollen, muß uns freilich nicht wundern: Die Deutschen arbeiten mit knapp über 1.600 Stunden pro Jahr weniger als alle anderen - 200 Stunden weniger als die Amerikaner, 600 Stunden weniger als die Japaner. Wie können die jungen Deutschen da plötzlich die Inkarnation von Fleiß und Gründlichkeit sein?

Auch diese Klage führt natürlich nicht weiter. Aber sie beleuchtet, woran es eben auch krankt. Deshalb sind die PISA-Ergebnisse nicht nur ein Attest für die Schulen, sondern ein Attest für die ganze Nation und deren Bildungsgesellschaft. Dementsprechend kann es keine einseitigen Maßnahmen oder gar Patentrezepte geben.

Die Schulen und die Lehrer müssen jetzt eben doch Konsequenzen ziehen und ihren Schülern mehr zutrauen, ihnen auch mehr abverlangen, wenngleich es für die Erzieher in der Schule - ebenso wie im Elternhaus - bequemer ist, Kindern nachzugeben und Spaß zu bereiten. Aber schulische Bildung geht nicht ohne Anstrengung. Heranwachsende müssen - und wollen! - in Anspruch genommen werden. Das hat wiederum mit Tiefenpsychologie zu tun. Schließlich gibt es weder bei alt noch bei jung intellektuelle Höhenflüge ohne Sublimierung, ohne Bedürfnis- und Triebaufschub. Anders ausgedrückt: Nur immer den aktuellen Regungen nach Erfüllung von Spaßgelüsten nachzugeben - damit kommen weder die Alten noch die Jungen auf einen grünen Zweig.

Es kann vor allem keine Bildungsoffensive ohne Erziehungsoffensive geben. Die Eltern müssen mehr Anteil nehmen am Lern- und Arbeitsverhalten ihrer Kinder. Die Schulen kommen nicht voran, wenn die Eltern in Sachen Hausaufgaben, Medienkonsum, Zubettgehzeiten und Ernährung die Zügel schleifen lassen und Versuchen der Schule, auf Leistung und Disziplin zu bestehen, zunehmend mit Mißtrauen begegnen. Etwas hilflos wirkt dagegen der Vorschlag, es nun mit Ganztagsschule zu versuchen. Diese Lösung verbietet sich schon deshalb, weil der Zusammenhang zwischen Ganztagsschule und schulischer Leistung überhaupt nicht erwiesen wird. Und sie verbietet sich, weil „Schule total“ den Schülern die große und wichtige Bandbreite außerschulischer Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten nähme. Es sollte schließlich auch ein Leben außerhalb der Schule geben; auch das ist Lernen.

Kritische Fragen muß sich die Schulpolitik stellen lassen, zum Beispiel ob sie mit hyperaktiver Innovationsrhetorik und mit fortschreitenden Liberalisierungen im Schulbereich nicht den falschen Weg eingeschlagen hat. Die Liberalisierungen einer Freigabe der Fächer, der Inhalte und der Notengebung scheinen jedenfalls der falsche Weg zu sein. Vielmehr ist es notwendig, in den Lehrplänen die wichtigen Kerninhalte festzulegen und über die Schuljahre hinweg miteinander zu verschränken. Im Zuge einer immer stärkeren Ausrichtung der Schulen auf das Verwertbare wurde über Jahre hinweg zudem übersehen, daß das Lesen die Schlüsselqualifikation schlechthin ist. Wer nicht gut lesen kann, der tut sich eben schwer, komplexere mathematische oder naturwissenschaftliche Sachverhalte zu verstehen und zu erklären. Das Fach Deutsch muß also gestärkt werden, zumal kaum ein anderes Land der Welt so wenig Unterrichtsstunden in der Muttersprache als Schulfach hat wie Deutschland. Womit wir fast wieder bei der Tiefenpsychologie angekommen wären!


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