| DEUTSCHER LEHRERVERBAND
(DL) - AKTUELL |
ZUM UNESCO-TAG DER MUTTERSPRACHE
AM 21. FEBRUAR
Aus
der BAYERISCHEN STAATSZEITUNG vom 20. Februar 2004
Trendy wie die
neueste Mode
Josef Kraus: Wie die Sprache der Pädagogik auf den Hund kommt
Jeder in Sachen Sprache
halbwegs sensible Deutsche regt sich auf über die Bahn-AG, die Bundesagentur
für Arbeit, die Parteien, die Telekom oder die Werbewirtschaft mit
ihrem permanenten Kniefall vor Anglizismen: Ohne Meeting Point, Ticket Office,
Job Center, City Call, Headquarter, Sales Presenter oder Bratwurst-Point
scheint es nicht mehr zu gehen. Über die Sprache der Bildung freilich
oder das, was für die Sprache der Bildung gehalten wird, über die
Sprache der Bildungspolitik und der „modernen“ Pädagogik herrscht indes
kaum Verwunderung. Dabei ist dieser Teil unserer Sprachkultur und Kultursprache
dabei, sich restlos einer Amerikanisierung zu unterwerfen.
Die Beispiele sind Legion, sie ergäben mittlerweile ein stattliches
Wörterbuch. Dabei ist die Frage nach den Fundstellen solcher Sprachprodukte
müßig; man muss sie nicht suchen, sie quellen einem entgegen.
Man findet die Beispiele zuhauf auf Bildungsmessen, in Bildungsmemoranden,
in der Fachliteratur, in Katalogen der Lehrerfortbildung - und auch in kultusministeriellen
Produkten.
Angesagt sind jetzt - wohlgemerkt für „Bildung“: Quality Management,
Marketing, Best Practice, Benchmarking, Just-in-time-Knowledge usw. Fehlt
nur noch ein „Last Minute Learning“, wenn dieses Schüler nicht schon
längst erfunden hätten. Ansonsten gibt es nicht nur Laptop, Beamer,
Presenter und PPP1 (Power Point Presentation), sondern Edutainment, Educ@tion,
Learntec, didaktische Hyperlinks, knowledge-machines, Download-Wissen usw.
Darüber hinaus werden die Schulen tagtäglich bombardiert von allen
möglichen Institutionen und „Experten“, die ihren pädagogischen
Helfer-Komplex entdecken und der Schule „Highlights“ anbieten wie „Cinema
goes School“, „IT works“, „Girls go Tec“. Und: Wohin man guckt, ist Evaluation
angesagt, in verfeinerter Form sogar mittels "ritualisiertem Brainstorming"
oder "Mindmapping". Weil Schule ja keine Schule im Elfenbeinturm sein dürfe,
wird außerdem PPP2 („public private partnership“) propagiert - und
wenn man es noch anspruchsvoller haben will: Corporate Citizenship.
Dass das Diplom und das Staatsexamen bald hopps sind, wissen wir schon;
jetzt nennt man dies Bachelor und Master. Die Bundesbildungsministerin
verspricht ein Brain Up der Hochschulen und Exzellenz-Clusters. Eine Lehrergewerkschaft
möchte endlich weg von einer inputbasierten hin zu einer outcomebasierten
Schulpolitik. Eine andere Ministerin ist nicht mit den PISA-Ergebnissen
aller ihrer Schulen zufrieden; auf die Frage, welche Schulen sie meine, lässt
sie antworten, sie wolle kein „naming and blaming“. Fachzeitschriften, zum
Beispiel für Schulleiter, schwärmen von Leadership Challenge und
Leadership Practices Inventory. Lehrgangskataloge bieten pädagogischen
Führungskräften „Orientierungskurse mit Assessment-Übungen“
und Fachbetreuern ein „Train the Trainer“. Bildungsmessen locken mit Innovation
in Education, mit Online-Community, mit Blended Learning, mit Monitoring
und – last but not least – mit dem „Lehrer Online“. (Ob damit wohl der Lehrer
gemeint ist, wie ihn Kultusminister/innen gern an der Leine hätten?)
Computer- und Softwarefirmen machen ebenfalls auf „Bildung“ und erfinden
Notebooks for Education (abgekürzt: NO4ED). Ein Schelm, wer Schlechtes
dabei denkt! Und wenn diese Global Player besonders bildungsbeflissen sein
wollen, dann gründen sie nicht etwa einen Bildungsbeirat, sondern einen
Adviser Council, der sich – wohlgemerkt geleitet vom Firmenbereich “Public”
– mit Innovative Teachers oder mit Accessibility to E-Learning befassen
soll. Leibhaftige Professoren aus dem Fachbereich Pädagogik treten
dann als Council Member auf und meinen: „Die ganze Schule muss sich bezüglich
E-Learning endlich committen“. Zuvor aber lässt eine charmante Public-Referentin
(„Hallo erst mal von meiner Seite!“) die Adviser nach dem Get Together
brainstormen und den dann entstandenen Ideen-Pool clustern, um bald zum
eigentlichen Konsens-Meeting zu kommen.
Kultusministerielle Sünden
Wer glaubt, mit einer solchen Protzsprache habe wenigstens die offizielle
Schulpolitik nichts zu tun, der irrt. Quer durch die Republik übertreffen
sich die kultusministeriellen Organe gegenseitig im „Bildungs-Denglisch“.
Nehmen wir als nächstliegende Beispiele die „EZ – Elternzeitschrift“
und die „Lehrer-Info“ des bayerischen Kultusministeriums. Dort wimmelt es
nur so von: Best-Practice, Chat-Forum, Corporate Culture (CC), E-Learning-Sequenzen,
Elterntalk, European Foundation of Quality Management (EFQM), Events, Feedback,
“Fit for Europe”, Flip-Charts, Flow-Gefühlen beim Lesen, Girls Days,
Groupware-Technologie, Internet-Portals, Inputs/Outcomes, Know-how, Life-Long-Learning,
Meetings, Netkids, Notebook, Parlament live, Powertraining Persönlichkeit,
Public Private Partnership, Science Days, Technik-Camp für Mädchen,
Workshops u.a.m.
Ist die Decke damit schon erreicht? Nein, noch lange nicht. Wir wollen
der sprachlich nach unten offenen Richterskala nicht vorgreifen, aber „in“
sind wir schon auch selbst und das sprachliche Trendscouting beherrschen
wir ebenfalls; auch wir wissen um das Handling von Schule, wissen also,
wie man Schule „handelt“ (sprich: hääändelt): Wie wäre
es mit New School? Oder Lean School? Wir gründen einfach eine Task Force
und geben den Grundsatz aus: Simplify Your School! Zu den Must Haves einer
solchen Schule gehören gewiss: Inhouse-Seminare (anstelle Pädagogischer
Konferenzen), Brain Food (anstelle von gesunder Pausenernährung), Crashkurs
(anstelle der Schnellbleiche vor einem Extemporale), Clubwear (anstelle
von Schuluniform), Fanzine (Fan Magazin anstelle von Schülerzeitung),
Lifeskills (anstelle von lebenspraktischen Schlüsselqualifikationen).
Der Unterricht wird zum Workshop mit einem kurzen einleitenden Briefing,
Freiarbeit wird zum Freestyle Learning; letzteres aber wird ge-cancelt, wenn
die Kids nicht smart und cool genug sind. Schulkonzerte werden zu Top Acts,
Weihnachtsbasare zu Charity Events, zu denen Eltern, Opas, Omas, Tanten und
Onkel mit CI-Flyers empfangen werden (CI = Corporate Identity); finanziert
wird das Ganze mittels Sponsoring und Fundraising. Am Wochenende dann öffnet
sich die Schule für LAN-Parties (Local Area Net Parties), weil die Eltern
ja „Time for Kids“ nicht haben. Und für das achtjährige Qualitätsgymnasium
wird geworben mit „Anti-Aging by G8“ (sprich: tschiii äjt).
Verpackung statt Inhalt?
Was ist von einer solchen schieren Sucht an Neologismen zu halten? Nun,
sprachanalytisch ist der Gebrauch dieser Kult-, Prunk-, Imponier-, Fahnen-,
und Gesinnungsbegriffe sowie dieser Euphemismen banal und nichts anderes
als eine Produktion von Platitüden; diese sind platt, flach, ja Fladen
- Wortfladen im wortgeschichtlichen Sinn. Ihre Erfinder und Adepten sind
Verbal-Pyrotechniker, die sich als pädagogische Pop-Corn-Maschinisten
verstehen. Was zählt, ist offenbar nur die verbale Verpackung, nicht
aber der Inhalt.
Tiefenpsychologisch handelt es sich um eine verbalerotische Hyperventilation
zwischen Imponiergehabe und infantil staunender Gläubigkeit. Der Begriff
wird zum Fetisch, zum Verbalfetisch, zur Zaubermacht, die aber sofort durch
eine neue ersetzt wird, falls sie – wie zu erwarten – versagt. Wahrscheinlich
aber hat die schulpolitische Verbalerotik im Volk der Dichter, Denker und
großen Pädagogen auch mit Selbstaggression zu tun, nämlich
mit Selbstverleugnung. Und sie hat zu tun mit Wunschdenken. Man kann mit
Hilfe sprachlicher Narkotika ruhig schlafen, man braucht die schulische Realität
nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen, weil man ja die semantisch geschönte
Realität hat. Damit wäre man wieder beim Phänomen der Infantilisierung,
beim kindlichen Animismus: Nicht die Realität zählt, sondern
die halluzinatorische Wunscherfüllung und der Glaube an die magische
Wirkung von Vokabeln.
Auch philosophisch ist die aktuelle schulpolitische Windmaschine
höchst bedenklich. Die Dialektik von Sein und Schein ist damit aufgehoben
zu Gunsten des Scheins und einer Politik des „als ob“. Und die Dialektik
von Zweck und Mittel ist aufgehoben zu Gunsten des Primats des Mittels.
Was auf der Strecke bleibt, ist die Bildung der Persönlichkeit.
Bildungspolitisch verrät sich in dieser Sprache eine bestimmte
„Bildungs“-Ideologie. Diese Sprache signalisiert nämlich den Kotau
vor einem flachen Ökonomismus und vor einem technizistischen Verständnis
von Bildung. Die Versuche, auch im Bereich der Schulpolitik und Schulpädagogik
durch die zitierten Wortneuschöpfungen sowie durch ökonomisch
konstruierte Konnotationen Stimmung zu machen, trägt Früchte:
Shakespeare braucht es nicht mehr, wie immer häufiger Bildungspolitiker
selbst mit Blick auf das Gymnasium verkünden. Eine blanke „economical
correctness“ der deutschen „Bildungs“-Sprache mit ihren Renommier- und Verbrämungs-Euphemismen
presst die Pädagogik statt dessen in ein Schubladen- und Schablonendenken.
Das pädagogische Denken wird uniform, und es gerät unter die Herrschaft
wirtschaftlicher Dogmen.
Soziologisch betrachtet gilt eine solche Sprache als schick und
weltläufig. Die „Schweigespirale“ (Noelle-Neumann) tut ein übriges:
Man neigt dazu, nichts gegen diese Protzsprache zu sagen. Man nimmt schließlich
an, dass man sich sonst außerhalb des pädagogischen und schulpolitischen
"Mainstream" stellt, man fürchtet sich vor dem Verdacht, keine „moderne“,
progressive „Bildung“ haben zu wollen. Die Folge ist so oder so, dass sich
die "veröffentlichte" Diktion unwidersprochen durchsetzt. Und Nietzsche
hat erneut Recht: Die Zukunft und die Macht gehören jenem, der Sprachregelungen
durchsetzt.
Politisch schließlich wird eine solche Sprache zum Politikersatz,
das heißt zu einer Politik, die das Etikettieren bereits für
politisches Handeln hält. Freilich übersieht eine solche Politik,
dass man Substanzverlust nicht mit Sprechblasenproduktion kompensieren kann.
Wer nämlich keine Substanz hat, glaubt auf alles Neue bzw. vermeintlich
Neue sofort aufspringen zu müssen, und er schmeißt damit das Bewährte
und Schützenswerte über Bord.
Was nun tun Legislative und Exekutive in Sachen Sprache konkret? Nun,
Anfang Februar 2004 hat sich immerhin der Petitionsausschuss des Bayerischen
Landtags mit einer Eingabe der Nürnberger Senioren-Initiative „Nein
zu Denglisch“ befasst. Alle Fraktionen stehen dahinter und kritisieren
die Verhunzung der deutschen Sprache. Kultusstaatssekretär Karl Freller
steht ebenfalls zu dieser Initiative, räumt aber ein, dass sein Haus
auf den öffentlichen Sprachgebrauch kaum Einfluss habe. Das ist richtig.
Aber auf den Sprachgebrauch des eigenen Hauses hat man Einfluss, und dieser
Sprachgebrauch ist – siehe oben - alles andere als vorbildlich. Ein kleiner
Lichtblick freilich ist die Bekanntmachung des Kultusministeriums vom 19.
Dezember 2003 (Amtsblatt/Beiblatt Nr. 2/2004). Dort werden die Schulen
darauf aufmerksam gemacht, dass am 21. Februar 2004 zum dritten Mal weltweit
der „Internationale Tag der Muttersprache“ begangen wird. Er geht übrigens
zurück auf einen entsprechenden Beschluss der UNESCO-Generalversammlung
vom November 1999. Das Kultusministerium fordert die Schulen in diesem
Schreiben auf, den Tag zum Anlass zu nehmen, „die Verantwortung für
die aktive Pflege der deutschen Sprache in besonderer Weise wahrzunehmen.“
Sprache sei schließlich eine der höchsten Kulturleistungen, sie
habe große Bedeutung für die individuelle und gemeinschaftliche
Identitätsbildung. Das Deutsche sei aber bedroht durch Verkürzungen;
es drohe ihm zudem eine Verarmung durch falsche Vorbilder und unnötige
Anglizismen. Deshalb brauche die Muttersprache eine behutsame Pflege vor
allem im Bildungsbereich.
Davon sind wir leider weiter als je zuvor entfernt. Vielmehr besteht
Anlass zur Sorge, dass dort, wo die Sprache der Pädagogik verödet,
schließlich auch die Wahrnehmung und das Denken in der Pädagogik
veröden. Nichts anderes als Verödung will ja beispielsweise der
„Big Brother“ in George Orwells Roman "1984". Dort sagt der am Wörterbuch
der "Neusprache" bastelnde Sprachwissenschaftler Syme zu Winston Smith, der
Hauptfigur des Romans: "Siehst du denn nicht, daß die Neusprache kein
anderes Ziel hat, als die Reichweite der Gedanken zu verkürzen? ...
Es ist lediglich eine Frage der Wirklichkeitskontrolle. Aber schließlich
wird das auch nicht mehr nötig sein. Die Revolution ist vollzogen, wenn
die Sprache geschaffen ist." An anderer Stelle wird Winston Smith, in der
Nähe des allgegenwärtigen Televisors stehend, beschrieben: "Er
hatte die ruhige optimistische Miene aufgesetzt, die zur Schau zu tragen
ratsam war." So weit darf es mit der Pädagogik und ihrer Sprache nicht
kommen. Deshalb geben wir die Hoffnung nicht auf, und sei es um den Preis,
dass wir diese Sprache der pädagogischen Verbalerotik so lange der Lächerlichkeit
preisgeben, bis sich auch deren Nutzer der Lächerlichkeit preisgegeben
sehen.
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