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DeutschlandRadio Berlin - Politisches Feuilleton - 28. Juli 2000
Schule
total -
Und Deutschland
ein Erziehungsstaat ?
Von
Josef K r a u s
Präsident
des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Deutschland nähert sich der totalen Schule. Kaum eine Woche vergeht, in der man nicht Forderungen nach stets neuen Fächern und Nebenlehrplänen vernimmt. Schule solle vermitteln: Zähneputzen, Körperpflege, Auto- und Mofafahren, Selbstverteidigung für Mädchen, Ernährungslehre, Verbraucherkunde. Der Kondom-Automat dürfe in der Schule ebenfalls nicht fehlen, so ranghohe Kultuspolitiker. Manch ewig-morgiger Erziehungswissenschaftler schwärmt gar von einem Lehrer, der sich als 'Gemeinwesenarbeiter' und 'Interaktionsanwalt' versteht. Da fehlt eigentlich nur noch ein Fach Liebeskunde, das sich die holländischen Grünen für die Wahlen im Frühjahr 1998 als Schulfach – 'möglichst vom ersten Schuljahr an' - in ihr Wahlkampfprogramm geschrieben hatten. Und so ganz nebenbei sollen Deutsch, drei Fremdsprachen, Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte, Erdkunde, Sozialkunde usw. nicht zu kurz kommen.
Am Ende haben wir gigantische pädagogische Schulhaus-Bauchladenkataloge - und mit Medien-, Freizeit-, Konsum-,Umwelt-,Gesundheits- und Anti-Gewalt-Erziehung schier eine Inflation an schulischen Segment- und Bindestrich-Erziehungen. Eine solche Atomisierung, ja Metastasierung der Pädagogik ist jedoch nicht Ausdruck wachen pädagogischen Bewusstseins, sondern Symptom eines Verlustes an Erziehung. Um das Pädagogische wiederzugewinnen, müsste man deshalb eigentlich seine Auswüchse operativ entfernen.
Es ist leichtsinnig und überheblich anzunehmen, Schule könne alle Jugend- und Gesellschaftsprobleme auffangen. Karl Jaspers schreibt im Jahr 1960 von Erziehung als 'begrenzt planbarem Geschehen' und warnt vor einer 'unheilvollen Totalplanung'. Recht hat er – gerade aus heutiger Sicht. Auch in Fragen der Erziehung muss das Prinzip der Subsidiarität gelten. Das heißt: Was Eltern und Gemeinschaft allein nicht leisten können, im besonderen eine anspruchsvolle Bildung, das hat der Staat zu leisten. Ansonsten ist auf die eigenen Kräfte der Menschen, hier der Eltern, zu bauen. Das steht vollkommen im Einklang mit unserer Verfassung. 'Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht', heißt es im Grundgesetz, Artikel 6. Mit anderen Worten: Schule ist kein Ersatz-Elternhaus. Erziehung in der Schule darf keinen Funktionsverlust des elterlichen Erziehungssouveräns befördern. Erziehungsrechte und Erziehungspflichten sollten von unserer Öffentlichkeit ansonsten mit demselben Engagement und Nachdruck verfolgt werden wie alle anderen Bürger- und Menschenrechte.
Natürlich soll Schule erziehen, beraten und betreuen. Aber die Folie schulischer Erziehung muss hauptsächlich der Unterricht bleiben. Dabei sollte man nicht vergessen: Der Unterricht selbst ist schon auf Grund seiner Inhalte immer zugleich ein erziehender Unterricht – man denke nur an Fächer wie Geschichte oder Religion/Ethik. Und Unterricht ist zugleich immer soziales Lernen, weil er nur auf der Basis bestimmter Kommunikationsregeln und sozialer Einstellungen funktioniert.
Wir werden Schule auch niemals zur gesellschaftlichen Feuerwehr, zur gesellschaftlichen Problem-Müllkippe machen können, und sie wird niemals reparieren können, was nachlässige elterliche Erziehung versäumt bzw. was (un)heimliche Miterzieher verbocken.
Deshalb ist es höchst bedenklich, wenn Eltern zum Lehrer kommen und ihn händeringend um Hilfe bei der Durchsetzung ihrer Erwartung bitten, dass die zehnjährige Susanne doch ihr Zimmer gelegentlich aufräumen möge. Nicht minder erschreckend ist es, wenn andere Eltern vom Schulpsychologen erwarten, er solle ihrem zwölfjährigen Sohnemann beibringen, sich nicht jedes Wochenende zwölf Horrorvideos reinzuziehen.
Nein: Das Kind morgens um halb acht in der Schule abzuliefern und um 17 Uhr – natürlich erkennbar abiturtauglich, vokabelabgefragt und konfliktgelöst - zum Kuscheln nach Hause abholen zu wollen, das kann es nicht sein. Dafür ist Schule nicht da. Wenn Eltern nur noch außer Haus erziehen lassen, wenn elterliche Erziehung ihre Ohnmacht geradezu kultiviert, dann kann Schule nicht mehr helfen.
Und Deutschlands 700.000 Lehrer müssen ihr Leitbild auch nicht aus schlauen Fernsehserien beziehen. Wir brauchen in Deutschland nicht 700.000mal einen Studienrat 'Dr. Specht' aus der gleichnamigen ZDF-Fernsehserie, der so recht dem Idealbild des schulischen Beziehungskisten- und Sozial-Ingenieurs entspricht. Wir brauchen auch keine 700.000 pädagogischen Schimanskis.
Totale Schule ist falsch. Es gibt ein Leben außerhalb der Schule, und es gibt genügend und wichtige Bezugspersonen, die keine Lehrer sein müssen. Nur Schule und nichts anderes - das wäre eine Verarmung der Entwicklung unserer Kinder. Denn was das Leben sowieso bietet, muss Schule nicht wiederholen. Wer das Außerschulische, den ganz normalen Alltag der Kinder restlos verschult, der raubt ihnen enorm wichtige Erprobungsfelder.
Ansonsten ist es eine abgrundtiefe Verlogenheit der Gesellschaft, wenn sie gerade im Zusammenhang mit gewalttätigen Heranwachsenden mehr schulische Erziehung zur Friedfertigkeit verlangt. Das ist deshalb verlogen, weil dieselbe Gesellschaft es zulässt, dass auf unsere Kinder und Jugendlichen tagtäglich ein mediales Bombardement an Gewalt herunterprasselt – und leider auch eine Inflation von schlechten (Politiker-)Vorbildern an mangelndem Unrechtsbewusstsein
Totale Schule kann und darf es nicht geben. Eine solche Schule mag sozialrevolutionäres Gewissen beruhigen, aber eine von der Gesellschaft zur Omnipotenz verurteilte Schule wäre nichts anderes als ein Feigenblatt für das sogar bei Progressiven gelegentlich aufkeimende Gefühl, dass Sozialutopien eben nicht aufgehen. Ein freiheitlicher Rechtsstaat zumal kann kein umfassender Betreuungsstaat sein. Deutschland kann kein Erziehungsstaat sein. Mit restlos verstaatlichter Erziehung hat man zu allen Zeiten der Geschichte keine guten Erfahrungen gemacht. Deshalb muss es uns nicht zuletzt als Demokraten und Staatsbürger Sorge bereiten, wenn eine erzieherische Gefräßigkeit von Schule um sich greift.
Ansonsten ist es eine abgrundtiefe Verlogenheit der Gesellschaft, wenn sie gerade im Zusammenhang mit gewalttätigen Heranwachsenden mehr schulische Erziehung zur Friedfertigkeit verlangt. Das ist deshalb verlogen, weil dieselbe Gesellschaft es zulässt, dass auf unsere Kinder und Jugendlichen tagtäglich ein mediales Bombardement an Gewalt herunterprasselt – und leider auch eine Inflation von schlechten (Politiker-)Vorbildern an mangelndem Unrechtsbewusstsein
Totale Schule kann und darf
es nicht geben. Eine solche Schule mag sozialrevolutionäres Gewissen
beruhigen, aber eine von der Gesellschaft zur Omnipotenz verurteilte Schule
wäre nichts anderes als ein Feigenblatt für das sogar bei Progressiven
gelegentlich aufkeimende Gefühl, dass Sozialutopien eben nicht aufgehen.
Ein freiheitlicher Rechtsstaat zumal kann kein umfassender Betreuungsstaat
sein. Deutschland kann kein Erziehungsstaat sein. Mit restlos verstaatlichter
Erziehung hat man zu allen Zeiten der Geschichte keine guten Erfahrungen
gemacht. Deshalb muss es uns nicht zuletzt als Demokraten und Staatsbürger
Sorge bereiten, wenn eine erzieherische Gefräßigkeit von Schule
um sich greift.
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