DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

 Zur Diskussion um " T I M S S  I I I ":

Apokalyptische Inszenierung und dilettantischer Leichtsinn

Josef   K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
  • Was ist TIMSS III?
  • Bislang vorliegende TIMSS-III-Ergebnisse
  • Wann TIMSS wirklich interessant wird
  • Gelassenheit und Offenheit sind angesagt
  • Wohl in allen Gegenden Deutschlands kennt man die - zugegebenermaßen derbe Redensart: Hier wird ständig eine neue Sau durchs Dorf getrieben. An diesen Spruch fühlt man sich durch die jüngste öffentliche Diskussion um die sogenannte TIMSS III erinnert. Was aber im Sinne des zitierten Spruches auf den ersten Blick nur wie Gier nach Aufmerksamkeit aussieht, entpuppt sich zwischenzeitlich - je nach Motivlage und (Un-)Kenntnisstand - als apokalyptische Inszenierung bundesdeutscher Bildungspolitik, zumindest aber als dilettantischer Leichtsinn.
     
    Was ist TIMSS III?  
    Bislang vorliegende TIMSS-III-Ergebnisse
    Bei TIMMS III handelt es sich um den dritten Teil der sog. Third International Mathematics and Science Study. Diese TIMMS wurde 1993 unter dem Dach der "International Association for the Evaluation of Educational Achievement" (IEA) eingeleitet. Ihr waren in den 60er Jahren die FIMS (First International Mathematics Study) und Anfang der 80er Jahre die SIMS (Second International Mathematics Study) vorausgegangen. Die TIMSS ist angelegt als Untersuchung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Leistungen der Schüler in bis zu 45 Ländern, und zwar in drei Altersgruppen: unter neunjährigen Schülern der Grund- bzw. Primarschule (TIMMS I), unter Schülern der 7. und 8. Jahrgangsstufe (TIMSS II) und unter Schülern der gymnasialen Oberstufe sowie der beruflichen Voll- und Teilzeitschulen (TIMMS III).

    An der TIMMS I nahm Deutschland nicht teil. Leider, wird man im nachhinein sagen, denn mögliche Defizitanalysen im Grundschulbereich wären sehr hilfreich für die Interpretation der deutschen TIMSS-II-Ergebnisse gewesen. An der Untersuchung in der "Mittelstufe" TIMSS II waren 15 Bundesländer (ohne Baden-Württemberg) beteiligt, an der Oberstufenstudie alle 16. An der TIMSS III übrigens beteiligten sich die fernöstlichen TIMSS-II-Spitzenreiter nicht. Die Untersuchung der Mittelstufe fand in den Schuljahren 1993/94 und 1994/95 statt, die Untersuchung in den beruflichen Schulen sowie in den 12. Gymnasialjahrgängen im Jahr 1995 und die Untersuchung in den 13. Gymnasialjahrgängen 1996. Die TIMSS steht ansonsten im Zusammenhang mit der Studie "Bildung auf einen Blick - OECD- Indikatoren" bzw. "Bildung auf einen Blick: Analyse" der Organisation for Economic Cooperation and Development (OECD).
     
    Bislang vorliegende TIMSS-III-Ergebnisse
    Wann TIMSS wirklich interessant wirdSeitenanfang
    Am 24. Februar 1998 ging folgende Meldung der Agence France Presse (AFP), Büro Washington, über den Atlantik: "Schwedische und niederländische Gymnasiasten sind im internationalen Vergleich am besten in Mathematik und den Naturwissenschaften. Die deutschen Schüler landeten in den beiden Kategorien dagegen auf dem 13. und auf dem 12. Platz, hieß es in einer Rangliste, die am Dienstag (24. Februar; d.V.) vom US-Bildungsministerium in Washington veröffentlicht wurde ..." Die Deutsche Presseagentur (dpa) ergänzte am folgenden Tag unter anderem: "Die deutschen Schüler lagen in Mathematik/Wissenschaft (gemeint ist
    "science", also Naturwissenschaften; d.V.) im unteren Mittelfeld, in höherer Mathematik auf dem drittletzten Platz von 16 Ländern .... Es handelt sich um den größten internationalen Leistungsvergleich dieser Art."

    Wie nicht anders zu erwarten, übertraf sich tags darauf trotz dünnster Datenlage alles, was in der Bildungs- und Fachszene glaubt, Rang und Namen zu haben, gegenseitig: "Radikale Untersuchungen des gesamten deutschen Schulsystems" und anderes mehr waren angesagt. Die GEW überschlug sich mit der Behauptung, es werde jetzt deutlich, daß die gymnasiale Oberstufe die zentrale Schwachstelle des deutschen Schulsystems sei. Na, dann hätten wir ja wieder einmal von der Gesamtschule abgelenkt, der in der TIMSS II reichlich defizitäres Leistungsniveau attestiert worden war!

    Damit eines klar ist: Hier werden Schülerpopulationen und Leistungen miteinander verglichen, die nicht vergleichbar sind.

    Faktum ist: Zur deutschen Untersuchungspopulation gehörte die ganze Bandbreite der unterschiedlich vorgebildeten Achtzehnjährigen; das heißt, es wurden teilweise Oberstufengymnasiasten getestet, in der Mehrzahl aber Berufsschüler mit größtenteils nichtgymnasialer Vorbildung. In der TIMSS III ist bei den Leistungen in fortgeschrittener Mathematik die Rede von einem gymnasialen deutschen "Coverage Index" von 25,3 Prozent. Das heißt, in Deutschland kommt nur rund ein Viertel der in "advanced mathematics" getesteten Schüler aus der gymnasialen Oberstufe, die anderen drei Viertel haben eine andere Vorbildung. Diese Bandbreite wurde in mehreren anderen Ländern nicht getestet. Dort fand zum Teil eine hochkarätige positive Vorselektion statt, so daß übergewichtig Schüler aus vorakademischen Einrichtungen getestet wurden, So stammen beispielsweise in den Niederlanden (Platz 1 in "Mathematics and Science Literacy") 43 Prozent, in Schweden 66 Prozent (hier Platz 2) und in Island (hier Platz 3) 82 Prozent der getesteten Schüler aus der akademisch orientierten Oberstufe. Oder ein anderes Beispiel: In Rußland (Platz 2 in "advanced mathematics") sind Schüler der beruflichen Bildungsprogramme gänzlich aus der Untersuchung ausgeschlossen geblieben.

    Faktum ist: Einzelne Länder ließen nur die Population einer ganz bestimmten, spezialisiertenSchulform untersuchen. Das gilt im besonderen für Frankreich. Dort gibt es auf der "Lycée"-Ebene eine Vielzahl an unterschiedlichen Schulprofilen, unter anderem das Lycée C (mathématique et sciences physiques), quasi eine Art hochspezialisierte Oberstufe mit sehr breitem Unterricht in Mathematik und in den Naturwissenschaften. Die Franzosen haben nur Schüler dieser Schulform in den Test geschickt und in "advanced mathematics" dementsprechend Platz 1 erreicht. Das ist so, als hätten die Deutschen nur Schüler des Leitungskurses Mathematik testen lassen, nicht aber auch Schüler anderer Kurse und vor allem auch nicht Schüler nichtgymnasialer Bildungseinrichtungen. Andererseits haben die Deutschen in gymnasialer Physik ("Physics - Students in Their Final Year of Secondary School") nur 8,3 Prozent des Jahrgangs in den Test geschickt und dabei Platz 6 erreicht, während sich die Franzosen hier mit 19,9 Prozent der Schüler beteiligten und Platz 13 erzielten.

    Faktum ist: Im Gegensatz zur TIMSS II sind die in der TIMSS III getesteten Leistungen curricular nicht valide. Das heißt: Es wurde nicht überprüft, ob das hier Getestete überhaupt Gegenstand der jeweiligen nationalen Curricula ist. Daß bundesdeutsche Oberstufengymnasiasten beispielsweise recht umfangreich Wahrscheinlichkeitsrechnung und Stochastik lernen, kommt überhaupt nicht zum Tragen, weil TIMSS entsprechende Aufgaben nicht enthält. Umgekehrt wurden bundesdeutschen Berufsschülern aber Aufgaben gestellt, denen sie im Unterricht nie begegnet sind und denen sie aufgrund ihres anderen Bildungsweges auch nicht begegnen mußten.

    Angesichts dieser Fakten ist man versucht, dpa zu ergänzen. "Es handelt sich um den größten internationalen Leistungsvergleich dieser Art", so hatte es dpa verkündet. Man sollte hinzusagen .... und um den bislang dümmsten Vergleich dieser Art! So jedenfalls ist zumindest die internationale TIMSS III nichts wert. Man sollte sie zu den Akten legen. Sonst läuft man Gefahr, Wettbewerbe zu veranstalten, die keine Wettbewerbe sind. Das wäre das gleiche, wie wenn man einen Zahnkämpfer in der Disziplin Kugelstoßen gegen einen Kugelstoßer antreten ließe: Natürlich gewinnt der Kugelstoßer. Fragt sich nur, wie der Kugelstoßer aussieht, wenn er es in den anderen neun Disziplinen mit dem Zehnkämpfer aufnehmen müßte.
     
    Wann TIMSS III wirklich interessant wird  
    Gelassenheit und Offenheit sind angesagtSeitenanfang
    Dennoch darf man gespannt sein auf TIMSS III, jedenfalls auf die für Juni 1998 angekündigte deutsche Fassung. Dann wird TIMSS III so richtig interessant. Denn: In der Vorab-Veröffentlichung der deutschen TIMSS zur Mittelstufe für die Kultusminister hatte es im Januar 1997 geheißen: "Allerdings sprechen die TIMSS-Befunde aus der Untersuchung der gymnasialen Oberstufe, die einen späteren Bericht vorbehalten sind (gemeint ist TIMSS III; d.V.), für die Stabilität der in Abbildung D.2 dargestellten Ergebnisse." Mit der Abbildung D.2 ist ein Landesgefälle von eineinhalb Jahren Lernfortschritt zwischen Land A und Land B gemeint. Wie sich später herausstellte, war mit Land A Bayern und mit dem Land B Nordrhein-Westfalen gemeint. Darüber hinaus war in den vergangenen Monaten vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, dem für die deutsche TIMSS federführenden Institut, wiederholt betont worden, daß sich die Schere von bereits in der Mittelstufe bestehenden eineinhalb Jahren Leistungsunterschieden zur Oberstufe hin noch weiter öffnen werde. Das heißt nichts anderes, als daß wir vor einer hochinteressanten innerdeutschen Debatte stehen. Dies um so mehr, als sich an der TIMSS III auch Baden-Württemberg beteiligte und dieses Bundesland dem Vernehmen nach sogar noch vor Bayern liegen wird. Jedenfalls ist Anfang März 1998 durchgesickert, daß im Leistungskurs Mathematik NRW-Schüler im Test durchschnittlich 113, bayerische Schüler 126 und baden-württembergische Schüler 133 Punkte erreichten. Man geht ferner davon aus, daß eine Differenz von 10 Punkten etwa einem Schuljahr entspricht. ( Am Rande sei vermerkt: In Baden-Württemberg ist Mathematik Pflicht-Abiturfach!) Durchgesickert ist ferner die Aussage des deutschen TIMSS-III-Gutachtens, daß die Noten 3 und 4 in NRW "leichter erteilt" werden als in den süddeutschen Bundesländern (vgl. dazu DIE WELT vom 6. März 1998).
     
    Gelassenheit und Offenheit sind angesagt
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    Das in Sachen TIMSS-Deutschland federführende Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) hat sich bislang sehr zurückgehalten und gegenüber anfragenden Journalisten deutlich gemacht, daß unmittelbare internationale Vergleiche der nationalen TIMSS-III-Ergebnisse absolut nicht zulässig seien. Für diese Besonnenheit gebührt dem MPIB Anerkennung; somit ist zu erwarten, daß die für Juni 1998 angekündigte deutsche TIMSS-III-Buchfassung so manche Verzerrung zurechtrücken und so manche Frage, die spontan entstand, beantworten wird. Beispielsweise ist im Moment überhaupt nicht nachvollziehbar, warum etwa Österreich in der TIMSS II deutlich vor Deutschland, in der TIMSS III jedoch teilweise weit hinter Deutschland liegt oder warum Tschechien in der TIMSS II zu den Spitzenreitern gehört, in der TIMMS III aber teilweise ganz hinten rangiert. Diese Messungen sprechen nicht für die Reliabilität - wie man in der Testtheorie zum Kriterium Zuverlässigkeit sagt - der Messungen bzw. der Stichprobenziehung. Angesagt bleibt aber vor allem - hoffentlich auch in der KMK, die sich diesbezüglich zu zieren beginnt - die offene Auseinandersetzung mit innerdeutschen TIMSS-III-Vergleichen. Hier wird Vergleichbares, Interessantes und womöglich Schmerzliches zutage gefördert werden. Hoffentlich werden dann die Konsequenzen gezogen in einer Schulpolitik, die bis zum heutigen Tag und bis hinein in die KMK wider besseres Wissen weismachen will, die tiefgreifenden Liberalisierungen und Vereinheitlichungen in den Schulsystemen mehrerer Bundesländer hätten keinerlei negative Auswirkungen auf das Leistungsvermögen und auf die Leistungsbereitschaft junger Menschen. Hier gilt es anzusetzen. Aus dem Internet inszenierte - typisch deutsche - Bildungsapokalypsen, denen zufolge die Deutschen weit hinter Russen und anderen rangierten, helfen nicht weiter. Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung aber würde sich sehr verdient machen, wenn es mit der Veröffentlichung der deutschen TIMSS-III nicht mehr lange auf sich warten ließ. Schließlich ist zur TIMSS III - nicht ohne schulpolitischen Schaden - schon viel zu viel Dilettantisches und Leichtsinniges vom Stapel gelassen worden.


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