| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL |
Wohl in allen Gegenden Deutschlands kennt man die - zugegebenermaßen derbe Redensart: Hier wird ständig eine neue Sau durchs Dorf getrieben. An diesen Spruch fühlt man sich durch die jüngste öffentliche Diskussion um die sogenannte TIMSS III erinnert. Was aber im Sinne des zitierten Spruches auf den ersten Blick nur wie Gier nach Aufmerksamkeit aussieht, entpuppt sich zwischenzeitlich - je nach Motivlage und (Un-)Kenntnisstand - als apokalyptische Inszenierung bundesdeutscher Bildungspolitik, zumindest aber als dilettantischer Leichtsinn.Was ist TIMSS III? Bislang vorliegende TIMSS-III-Ergebnisse Wann TIMSS wirklich interessant wird Gelassenheit und Offenheit sind angesagt
| Was ist TIMSS III? |
An der TIMMS I nahm Deutschland
nicht teil. Leider, wird man im nachhinein sagen, denn mögliche Defizitanalysen
im Grundschulbereich wären sehr hilfreich für die Interpretation
der deutschen TIMSS-II-Ergebnisse gewesen. An der Untersuchung in der "Mittelstufe"
TIMSS II waren 15 Bundesländer (ohne Baden-Württemberg) beteiligt,
an der Oberstufenstudie alle 16. An der TIMSS III übrigens beteiligten
sich die fernöstlichen TIMSS-II-Spitzenreiter nicht. Die Untersuchung
der Mittelstufe fand in den Schuljahren 1993/94 und 1994/95 statt, die
Untersuchung in den beruflichen Schulen sowie in den 12. Gymnasialjahrgängen
im Jahr 1995 und die Untersuchung in den 13. Gymnasialjahrgängen 1996.
Die TIMSS steht ansonsten im Zusammenhang mit der Studie "Bildung auf einen
Blick - OECD- Indikatoren" bzw. "Bildung auf einen Blick: Analyse" der
Organisation for Economic Cooperation and Development (OECD).
| Bislang vorliegende TIMSS-III-Ergebnisse |
Wie nicht anders zu erwarten, übertraf sich tags darauf trotz dünnster Datenlage alles, was in der Bildungs- und Fachszene glaubt, Rang und Namen zu haben, gegenseitig: "Radikale Untersuchungen des gesamten deutschen Schulsystems" und anderes mehr waren angesagt. Die GEW überschlug sich mit der Behauptung, es werde jetzt deutlich, daß die gymnasiale Oberstufe die zentrale Schwachstelle des deutschen Schulsystems sei. Na, dann hätten wir ja wieder einmal von der Gesamtschule abgelenkt, der in der TIMSS II reichlich defizitäres Leistungsniveau attestiert worden war!
Damit eines klar ist: Hier werden Schülerpopulationen und Leistungen miteinander verglichen, die nicht vergleichbar sind.
Faktum ist: Zur deutschen Untersuchungspopulation gehörte die ganze Bandbreite der unterschiedlich vorgebildeten Achtzehnjährigen; das heißt, es wurden teilweise Oberstufengymnasiasten getestet, in der Mehrzahl aber Berufsschüler mit größtenteils nichtgymnasialer Vorbildung. In der TIMSS III ist bei den Leistungen in fortgeschrittener Mathematik die Rede von einem gymnasialen deutschen "Coverage Index" von 25,3 Prozent. Das heißt, in Deutschland kommt nur rund ein Viertel der in "advanced mathematics" getesteten Schüler aus der gymnasialen Oberstufe, die anderen drei Viertel haben eine andere Vorbildung. Diese Bandbreite wurde in mehreren anderen Ländern nicht getestet. Dort fand zum Teil eine hochkarätige positive Vorselektion statt, so daß übergewichtig Schüler aus vorakademischen Einrichtungen getestet wurden, So stammen beispielsweise in den Niederlanden (Platz 1 in "Mathematics and Science Literacy") 43 Prozent, in Schweden 66 Prozent (hier Platz 2) und in Island (hier Platz 3) 82 Prozent der getesteten Schüler aus der akademisch orientierten Oberstufe. Oder ein anderes Beispiel: In Rußland (Platz 2 in "advanced mathematics") sind Schüler der beruflichen Bildungsprogramme gänzlich aus der Untersuchung ausgeschlossen geblieben.
Faktum ist: Einzelne Länder ließen nur die Population einer ganz bestimmten, spezialisiertenSchulform untersuchen. Das gilt im besonderen für Frankreich. Dort gibt es auf der "Lycée"-Ebene eine Vielzahl an unterschiedlichen Schulprofilen, unter anderem das Lycée C (mathématique et sciences physiques), quasi eine Art hochspezialisierte Oberstufe mit sehr breitem Unterricht in Mathematik und in den Naturwissenschaften. Die Franzosen haben nur Schüler dieser Schulform in den Test geschickt und in "advanced mathematics" dementsprechend Platz 1 erreicht. Das ist so, als hätten die Deutschen nur Schüler des Leitungskurses Mathematik testen lassen, nicht aber auch Schüler anderer Kurse und vor allem auch nicht Schüler nichtgymnasialer Bildungseinrichtungen. Andererseits haben die Deutschen in gymnasialer Physik ("Physics - Students in Their Final Year of Secondary School") nur 8,3 Prozent des Jahrgangs in den Test geschickt und dabei Platz 6 erreicht, während sich die Franzosen hier mit 19,9 Prozent der Schüler beteiligten und Platz 13 erzielten.
Faktum ist: Im Gegensatz zur TIMSS II sind die in der TIMSS III getesteten Leistungen curricular nicht valide. Das heißt: Es wurde nicht überprüft, ob das hier Getestete überhaupt Gegenstand der jeweiligen nationalen Curricula ist. Daß bundesdeutsche Oberstufengymnasiasten beispielsweise recht umfangreich Wahrscheinlichkeitsrechnung und Stochastik lernen, kommt überhaupt nicht zum Tragen, weil TIMSS entsprechende Aufgaben nicht enthält. Umgekehrt wurden bundesdeutschen Berufsschülern aber Aufgaben gestellt, denen sie im Unterricht nie begegnet sind und denen sie aufgrund ihres anderen Bildungsweges auch nicht begegnen mußten.
Angesichts dieser Fakten
ist man versucht, dpa zu ergänzen. "Es handelt sich um den größten
internationalen Leistungsvergleich dieser Art", so hatte es dpa verkündet.
Man sollte hinzusagen .... und um den bislang dümmsten Vergleich dieser
Art! So jedenfalls ist zumindest die internationale TIMSS III nichts wert.
Man sollte sie zu den Akten legen. Sonst läuft man Gefahr, Wettbewerbe
zu veranstalten, die keine Wettbewerbe sind. Das wäre das gleiche,
wie wenn man einen Zahnkämpfer in der Disziplin Kugelstoßen
gegen einen Kugelstoßer antreten ließe: Natürlich gewinnt
der Kugelstoßer. Fragt sich nur, wie der Kugelstoßer aussieht,
wenn er es in den anderen neun Disziplinen mit dem Zehnkämpfer aufnehmen
müßte.
| Wann TIMSS III wirklich interessant wird |
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