DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 6. Oktober 2000

SCHULE / Pädagogen üben viele Berufe aus. Doch ihre Leistungen werden selten anerkannt

Alleskönner in Not

Von Josef   K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Den Kollegien fehlt der Nachwuchs - kein Wunder, denn oft wird die Arbeit diffamiert. Eine Bestandsaufnahme zum "Tag des Lehrers".

Karl Jaspers schrieb in seinem 1966 erschienen Buch  „Wohin treibt die Bundesrepublik?":  „Es ist das Schicksal eines Volkes, welche Lehrer es hervorbringt und wie es seine Lehrer achtet". Diese Mahnung ist aktueller denn je. Denn sowohl die Frage, welche - und wie viele - Lehrer Deutschland hervorbringt, als auch die Frage, wie es seine Lehrer achtet, harren immer noch einer Antwort.

Dass es in Deutschland durch anspruchsvolle Ausbildung eine qualifizierte Lehrerschaft gibt, ist unbestritten, das weiß sogar das Magazin „Newsweek“, das den Deutschen als einen bildungspolitischen Standortvorteil neben anderen deren System der Lehrerbildung attestierte.

Was die „hervorgebrachten“ Lehrerpersönlichkeiten betrifft, so lässt sich die Frage schwerer beantworten, denn die Motive, Lehrer zu werden, sind differenzierter als beispielsweise die Motive, Politiker zu werden. Beide – Politiker und Lehrer - werden hier kurz verglichen, weil es kaum zwei andere Berufe gibt, die in so hohem Maße öffentliche sind. Bei Politikern freilich dreht sich die Motivation – völlig legitim - um Macht. Lehrer mit solcher Motivlage würden scheitern.
 

Wichtig: stabile Nerven

Deshalb ist es bei Lehrern anders. Die einen werden Lehrer, weil sie ihre späteren Unterrichtsfächer als wissenschaftlich attraktiv empfinden. Daraus können gute Lehrer werden, wenn Schüler ihnen die Liebe zum Fach anmerken. Die anderen wählen diesen Beruf, weil sie gerne mit jungen Leuten zu tun haben. Auch daraus können gute Lehrer werden. Wieder andere werden/wurden Lehrer, weil sie via Schule Gesellschaft verändern wollten. Das sind die politischen, oft guten und später nicht selten frustrierten Lehrer. Manche ergreifen den Lehrberuf, weil sie von ihm Statussicherheit erwarten. Auch das ist legitim, denn es gibt wohl keinen Beruf, bei dem Materielles keine Bedeutung hätte.

Zwei andere Motive dürften keine Rolle spielen. Die Erwartung, eine ruhige Kugel schieben zu können, und das gesellschaftliche Ansehen des Lehrerberufes werden keinen Abiturienten in den Lehrerberuf locken. Und dass hier auch keine Reichtümer verdient werden können, hat sich herumgesprochen, wiewohl niemand sagt, man könnte mit einem Lehrergehalt - so es denn ein volles ist - nicht auskommen.

Dennoch macht die Rekrutierung von jungen Lehrern in Deutschland fortschreitende Probleme. Den berufsbildenden Schulen fehlt es an Zehntausenden von Lehrern im kaufmännischen, gewerblich-technischen und informationstechnischen Bereich. Den Gymnasien gehen die Lehrer - nach Bundesländern unterschiedlich - in den Fächern Mathematik und Physik sowie in Musik, Kunst und Sport  aus. Ähnliches gilt für die Realschulen, und selbst den Hauptschulen fehlt der Nachwuchs.

Die Gründe für diesen Mangel sind vielschichtig. Eine besondere Rolle spielt ein zweifacher demografischer Faktor. Zumindest in den alten Bundesländern steigen die Schülerzahlen in den weiterführenden Schulen teilweise noch bis zum Jahr 2008. Und überall in Deutschland steigt die Zahl der beim Ruhestand angelangten Lehrer dramatisch an. Von insgesamt 700.000 Lehrern werden in den kommenden zehn Jahren gut 250.000 pensioniert. So viele nämlich sind derzeit jenseits der fünfzig.

Zudem fehlt der Nachwuchs, weil der Lehrerberuf oft nicht in die Wertehierarchie junger Leute passt. Berufsschullehrer fehlen, weil für viele von ihnen die Arbeit in der Wirtschaft attraktiver ist. Entsprechendes gilt für angehende Mathematik- und Physiklehrer. Dass den Hauptschulen der Nachwuchs ausgeht, ist ohnehin nicht verwunderlich, hat eine Politik bestimmter Provenienz die Hauptschule doch bewusst zur Restschule zu degradieren versucht.

Weitere Gründe kommen hinzu, warum sich Abiturienten kein Dasein als  „Pauker" vorstellen können.  „Sich mit fremder Leute frechen Kindern herumschlagen?“ „Da hätte ich es ja mit Leuten zu tun, wie wir es waren!“ Das sind nur zwei der häufigsten Antworten, die man erhält, wenn man Studienaspiranten fragt, ob sie sich ein Lehramtsstudium vorstellen könnten.

Hier schwingt mit, was Lehrer heutzutage erleben: dass das Erziehen Heranwachsender schwieriger wurde. Dies gilt ebenso für elterliche Erziehung, aber die Flüchtigkeit, die Ablenkbarkeit, die Hyperaktivität, die gesunkenen Hemmschwellen kommen in der Schule gehäuft und verdichtet an. Wer weiß, wie geschafft Eltern nach einer Stunde Einkauf mit den Jüngsten sind, ahnt etwas von dem, was dreißig solcher „Exemplare“ in vollen sechs Unterrichtsstunden bedeuten bedeuten können.

Natürlich gibt es auch unter Pädagogen die Larmoyanten. Aber selbst Lehrer mit stabilem Nervenkostüm gestehen ein, wie schwierig es ist, in einer Klasse tagtäglich erst einmal ein Klima zu schaffen, das halbwegs zielführenden Unterricht ermöglicht. Dieses Problem ist für die meisten Schulleute erträglich, weil es mit Heranwachsenden zu tun hat. Schwerer tun sich die Lehrer damit, dass ein wachsender Teil der Elternschaft nicht nur berechtigte Ansprüche an die Benotung ihrer Kinder stellt, sondern Noten oder erzieherische Maßnahmen der Schule in manchmal blindem Glauben an Begabung, Fleiß und Rechtschaffenheit ihrer Kinder anficht oder gar mit dem Anwalt droht.
 

Mehr Zuspruch

Von dort ist es nicht weit zur Wut, wenn Politik und Gesellschaft wieder einmal die Lehrerschaft als den Hauptschuldigen ausmachen für alle möglichen Missstände: Wenn Glatzköpfe Ausländer angreifen, dann hat die Schule zu wenig über Nationalsozialismus aufgeklärt. Wenn die Heranwachsenden gewalttätiger werden, dann ist schulische Werteerziehung defizitär.

Wenn Computerspezialisten fehlen, dann haben die Schulen geschlafen und die Lehrer sich nicht genügend mit Informationstechniken vertraut gemacht. Wenn sich Kinder zu viele Videos reinziehen, dann hat die schulische Medienpädagogik versagt. Wenn Kinder an Haltungsschäden oder Übergewicht leiden, sich mit Fast Food oder Süßigkeiten ernähren, dann hat die Schule zu wenig Gesundheitserziehung betrieben. Wenn internationale Leistungstests den deutschen Schülern mittleres Niveau bestätigen, dann unterrichten die deutschen Lehrer falsch. Und wenn Kinder auf Grund veränderter Familienstrukturen zu Straßenwaisen werden, dann ist Schule schuld, weil sie sich nachmittags nicht um die Kinder kümmert.

Die Lehrer müssten sich geschmeichelt vorkommen ob solchen Zutrauens in ihre scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten. Aber es ist anders, denn Lehrer merken es, sobald sie zum Feigenblatt einer sich forsch gebenden, gleichwohl ratlosen Gesellschaftspolitik werden. Und sie bekommen obendrein laufend gesagt, wie gut – angeblich zu gut – es ihnen gehe.

Wenn ein Ministerpräsident und späterer Bundeskanzler sich bei Redakteuren einer Schülerzeitung lieb Kind zu machen meint, indem er Lehrer als „faule Säcke“ bezeichnet; wenn ein anderer Ministerpräsident ins bereits eingeschaltete Mikrofon schwadroniert, dass er das, was Lehrer an Wochenarbeit leisten, bereits am Dienstagmittag hinter sich habe; wenn ein Arbeitgeberfunktionär Lehrern ein Vierteljahr bezahlten Urlaubs attestiert; wenn der Lehrerberuf fortschreitend entprofessionalisiert wird, indem schulische Gremien unter dem Mäntelchen der Demokratisierung zu paritätisch besetzten Debattierclubs werden – dann braucht man sich nicht wundern, wenn junge Leute diesen Beruf meiden.

Wenn zudem die Wirtschaft jungen, „ausgelernten“ Lehrern vieler Fächer Stellen mit einem anfänglichen Jahresgehalt von 80.000 Mark aufwärts bietet, dann muss man sich ebenfalls nicht wundern, dass diese es ablehnen, für weniger als 25.000 Mark Jahreseinkommen zwei Jahre Referendariat zu absolvieren, um anschließend gerade eben eine befristete Zweidrittelstelle zu ergattern.

Die Politik lenkt vom eigenen Versagen ab, wenn sie jetzt jammert, dass die Lehrer fehlten, weil die Wirtschaft sie abwerbe. Politik hätte dafür zu sorgen, dass der Lehrerberuf von einer Attraktivität ist, die motivierte und leistungsorientierte Abiturienten anlockt. Und die Politik müsste nach dem Hin und Her von Lehrermangel und Lehrerüberschuss, von Schülerberg und Schülertal endlich kapiert haben, dass Nachwuchswerbung antizyklisch geschehen sollte.
 

Reich wird man nicht

Ansonsten: Was brauchen Lehrer? Lehrer brauchen Leistungsanreize. Mit dreißig Jahren in eine Gehaltsgruppe einzusteigen, die man mit 60 immer noch hat, ist nicht gut. Also bedarf es eines Systems an Beförderungen. Und es sollte Prämien und Zulagen geben. Die 1000 oder 2000 Mark, die ein Lehrer dafür vor Steuern erhält, machen ihn nicht reich, aber sie signalisieren, dass da ein Vorgesetzter das besondere Engagement oder die besondere Belastung eines Lehrers registriert hat.

Aber das Materielle ist nicht unbedingt das Wichtigste. Lehrer wollen vor allem Anerkennung. Dann und wann spricht ein Bundespräsident diese aus. Aber solches wird selten über die Medien transportiert, weil diese sich lieber zum fünfzigsten Mal mit dem „faulsten Lehrer“ Deutschlands beschäftigen. Lehrer brauchen sodann Chefs, die sich vor sie stellen, wenn Eltern oder Öffentlichkeit überziehen.

Karl Jaspers hat Recht: „Es ist das Schicksal eines Volkes, welche Lehrer es hervorbringt und wie es seine Lehrer achtet.“ So, wie manche in Deutschland mit Lehrern umgehen, darf man zurückfragen: Ob Jaspers dergleichen auch über jeden Wirtschaftsfunktionär, jeden Politiker oder jeden Bildungsplaner sagen würde?


© 2000 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24  DL-HomeSeitenanfang