DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG vom 7. Juli 2005


Die Entzauberung von PISA

In wenigen Tagen werden die Ergebnisse einer neuen Pisa-Studie veröffentlicht.
Warum ein Lehrer die Untersuchung schon jetzt für "Täuschung" und "reine Propaganda" hält.


Von Christine Burtscheidt




So richtig hat es sich noch nicht herumgesprochen. Kommende Woche, am 14. Juli, wird das "Kieler Institut für Pädagogik der Naturwissenschaft" einen neuen nationalen Ländervergleich vorlegen - also Pisa-E, die Zweite. Es wird zweifellos wieder großen Wirbel um die Studie geben, obgleich sich Pädagogen und Politiker wenig Neues erwarten. International, das wurde ja bereits im Dezember 2004 bekannt, sprang Deutschland fünf Ränge nach vorne auf Platz 16 - vor allem dank der deutschen Gymnasiasten. National wird wohl wieder der Süden vorne liegen, Bayern und Baden-Württemberg. Einer wie Josef Kraus könnte also in aller Vorfreude auf das Ereignis schon einmal Sekt im Kühlschrank kalt stellen. Doch was dem Direktor des Vilsbiburger Gymnasiums und Vorsitzenden des deutschen Lehrerverbands zu Pisa einfällt, sind nur Begriffe wie "Täuschung" und "Taumel". Die Gründe dafür finden sich in seinem neuen Buch, der "Pisa-Schwindel. Unsere Kinder sind besser als ihr Ruf."

Josef Kraus ist jemand, der Bayern liebt und das Schulsystem schätzt, trotz dessen Schwächen wie der hohen Selektivität. So kämpft Kraus vehement für mehr Lehrer, mehr Stunden und ein höheres Leistungsniveau. Auch könnte er täglich das bayerische G 8 verfluchen. Bei weitem schlimmer ist für ihn jedoch das, was Pisa losgetreten hat. "Reine Propaganda" schimpft er und sagt: "Ich tue mich schwer, Pisa ohne Zynismus zu betrachten."  Mit so einigen Legendenbildungen hofft er nun in seinem Buch aufräumen zu können. Zuallererst mit der Repräsentativität solch internationaler Vergleiche. Wenn Tschechien, Neuseeland oder Frankreich mal abwechselnd sehr gut und dann wieder schlecht abschnitten, müsse man doch Zweifel an diesen Erhebungen haben, sagt er. Auch treibt Kraus die Frage um: Lässt sich aus einem 120-minütigen Test ableiten, ob 15-Jährige auf die Herausforderungen einer Wissensgesellschaft gut vorbereitet sind? Kraus meint nein. Wohl auch deshalb, weil er selbst Lehrer ist, und aus einer einzigen Prüfung nicht auf die Leistung eines Schülers schließen kann. Hinzu kommt: Die Pisa-Aufgaben deckten sich bestenfalls zu 55 Prozent mit dem Stoff bayerischer Lehrpläne.

Ist die Studie nicht ernst zu nehmen, sind logischerweise auch die Ergebnisse zu verwerfen. So weit geht Kraus nun wieder nicht. Dass der Süden in allen Schularten und über alle Fächer gesehen im Vergleich zu den anderen Bundesländern bei Pisa-E 2002 besonders gut abgeschnitten hat, hätten auch andere Erhebungen in den vergangenen sieben Jahren ergeben: der IQ-Test der Bundeswehr, jährliche Mathematik-Wettbewerbe oder Rankings der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.


Was ihn besonders ärgert

Selbst Migranten-Kinder erzielten im Süden durch die Bank bessere Noten, weist der Autor anhand der statistischen Auswertung von Pisa-E nach. Daraus zogen andere Länder auch ihre Lehren und führten unter anderem zentrale Abschlussprüfungen ein. Doch es galt ihnen nicht als erstrebenswert, das bayerische oder baden-württembergische Schulsystem zu kopieren. Furore machte stattdessen der Pisa-Sieger, die finnische Gesamtschule. Und das ärgert Kraus besonders. Denn Finnland habe bei einem Ausländeranteil von gerade mal 1,2 Prozent keine schulische Integration von Kindern zu leisten, sagt er. In Deutschland sei das bei 15 Prozent Migranten aber die eigentliche bildungspolitische Herausforderung. Darüber hinaus punkte die finnische Schule mit vorbildlichen Klassenstärken von durchschnittlich 18,2 Schüler und einem guten Fördersystem für leistungsschwache Kinder. Da zeige sich halt, dass selbst Bayern mit 1,98 Prozent der Bildungsausgaben bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt zu wenig in die Schule investiere.

Die Entwicklung hin zu einer Gesamt- oder Einheitsschule lehnt Kraus wie viele Real- und Gymnasiallehrer in Bayern ab. Auch deshalb, weil die deutsche Version an ihr finnisches Vorbild nicht annähernd herankommt. Nicht nur Pisa-E, auch andere Studien hätten deutlich gemacht: Die deutsche Gesamtschule hinke leistungsmäßig und auch hinsichtlich des sozialen Lernens zwei Jahre hinter der Realschule her, sagt Kraus. In England, Frankreich oder den USA würden Eltern, die es sich leisten könnten, ihre Kinder lieber in Privatschulen schicken. Nichtsdestotrotz bleibt der Makel des dreigliedrigen Schulsystems, der da lautet: ein hohes Niveau zum Preis strikter Selektion. Den Vorwurf kann der Schuldirektor in seinem Buch auch nicht entkräften. Vielleicht will er das auch gar nicht, weil er die Begabungsreserven des Landes mit einer Abiturquote von 19 Prozent bereits für ausgeschöpft hält. Dass es in Finnland Studierquoten von beinahe 50 Prozent eines Jahrgangs gibt, führt er darauf zurück, dass dort auch in einem Studium beinhaltet ist, was hierzulande mit einer Lehre abgegolten wird.

Auf den 250 Seiten "Pisa-Schwindel" wird klar, dass hier ein konservativer Bildungspolitiker schreibt, der eine Renaissance des Leistungsprinzips will. Mit seinen linken Gegnern von der GEW trifft er sich letztlich in der Einsicht, dass vor allem für die Migrantenkinder im deutschen Schulsystem etwas getan werden müsse, weshalb er eine "sprachliche Offensive" fordert. Nicht zuletzt stimmt das Buch auf die kommende Woche ein, denn der Autor bringt hinreichend Gründe, mit den Pisa-Ergebnissen etwas unaufgeregter umzugehen.

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