In wenigen Tagen werden die Ergebnisse einer neuen Pisa-Studie
veröffentlicht.
Warum ein Lehrer die Untersuchung schon jetzt für
"Täuschung" und "reine Propaganda" hält.
Von Christine Burtscheidt
So richtig hat es sich noch nicht herumgesprochen. Kommende Woche, am 14.
Juli, wird das "Kieler Institut für Pädagogik der Naturwissenschaft"
einen neuen nationalen Ländervergleich vorlegen - also Pisa-E, die
Zweite. Es wird zweifellos wieder großen Wirbel um die Studie geben,
obgleich sich Pädagogen und Politiker wenig Neues erwarten.
International, das wurde ja bereits im Dezember 2004 bekannt, sprang
Deutschland fünf Ränge nach vorne auf Platz 16 - vor allem dank der
deutschen Gymnasiasten. National wird wohl wieder der Süden vorne
liegen, Bayern und Baden-Württemberg. Einer wie Josef Kraus
könnte also in aller Vorfreude auf das Ereignis schon einmal Sekt im
Kühlschrank kalt stellen. Doch was dem Direktor des Vilsbiburger
Gymnasiums und Vorsitzenden des deutschen Lehrerverbands zu Pisa
einfällt, sind nur Begriffe wie "Täuschung" und "Taumel". Die Gründe
dafür finden sich in seinem neuen Buch, der "Pisa-Schwindel. Unsere
Kinder sind besser als ihr Ruf."
Josef Kraus ist jemand, der Bayern liebt und das Schulsystem schätzt, trotz dessen
Schwächen wie der hohen Selektivität. So kämpft Kraus vehement für mehr
Lehrer, mehr Stunden und ein höheres Leistungsniveau. Auch könnte er
täglich das bayerische G 8 verfluchen. Bei weitem schlimmer ist für ihn
jedoch das, was Pisa losgetreten hat. "Reine Propaganda" schimpft er
und sagt: "Ich tue mich schwer, Pisa ohne Zynismus zu betrachten."Mit so einigen Legendenbildungen hofft er nun in seinem Buch aufräumen zu
können. Zuallererst mit der Repräsentativität solch internationaler
Vergleiche. Wenn Tschechien, Neuseeland oder Frankreich mal abwechselnd
sehr gut und dann wieder schlecht abschnitten, müsse man doch Zweifel
an diesen Erhebungen haben, sagt er. Auch treibt Kraus die Frage um:
Lässt sich aus einem 120-minütigen Test ableiten, ob 15-Jährige auf die
Herausforderungen einer Wissensgesellschaft gut vorbereitet sind? Kraus
meint nein. Wohl auch deshalb, weil er selbst Lehrer ist, und aus einer
einzigen Prüfung nicht auf die Leistung eines Schülers schließen kann.
Hinzu kommt: Die Pisa-Aufgaben deckten sich bestenfalls zu 55 Prozent
mit dem Stoff bayerischer Lehrpläne.
Ist die Studie nicht ernst
zu nehmen, sind logischerweise auch die Ergebnisse zu verwerfen. So
weit geht Kraus nun wieder nicht. Dass der Süden in allen Schularten
und über alle Fächer gesehen im Vergleich zu den anderen Bundesländern
bei Pisa-E 2002 besonders gut abgeschnitten hat, hätten auch andere
Erhebungen in den vergangenen sieben Jahren ergeben: der IQ-Test der
Bundeswehr, jährliche Mathematik-Wettbewerbe oder Rankings der
Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.
Was ihn besonders ärgert
Selbst Migranten-Kinder erzielten im Süden durch die Bank bessere Noten, weist
der Autor anhand der statistischen Auswertung von Pisa-E nach. Daraus
zogen andere Länder auch ihre Lehren und führten unter anderem zentrale
Abschlussprüfungen ein. Doch es galt ihnen nicht als erstrebenswert,
das bayerische oder baden-württembergische Schulsystem zu kopieren. Furore machte stattdessen der Pisa-Sieger, die finnische Gesamtschule. Und das
ärgert Kraus besonders. Denn Finnland habe bei einem Ausländeranteil
von gerade mal 1,2 Prozent keine schulische Integration von Kindern zu
leisten, sagt er. In Deutschland sei das bei 15 Prozent Migranten aber
die eigentliche bildungspolitische Herausforderung. Darüber hinaus
punkte die finnische Schule mit vorbildlichen Klassenstärken von
durchschnittlich 18,2 Schüler und einem guten Fördersystem für
leistungsschwache Kinder. Da zeige sich halt, dass selbst Bayern mit
1,98 Prozent der Bildungsausgaben bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt
zu wenig in die Schule investiere.
Die Entwicklung hin zu einer Gesamt- oder Einheitsschule lehnt Kraus wie viele Real- und
Gymnasiallehrer in Bayern ab. Auch deshalb, weil die deutsche Version
an ihr finnisches Vorbild nicht annähernd herankommt. Nicht nur Pisa-E,
auch andere Studien hätten deutlich gemacht: Die deutsche Gesamtschule
hinke leistungsmäßig und auch hinsichtlich des sozialen Lernens zwei
Jahre hinter der Realschule her, sagt Kraus. In England, Frankreich
oder den USA würden Eltern, die es sich leisten könnten, ihre Kinder
lieber in Privatschulen schicken. Nichtsdestotrotz bleibt der
Makel des dreigliedrigen Schulsystems, der da lautet: ein hohes Niveau
zum Preis strikter Selektion. Den Vorwurf kann der Schuldirektor in
seinem Buch auch nicht entkräften. Vielleicht will er das auch gar
nicht, weil er die Begabungsreserven des Landes mit einer Abiturquote
von 19 Prozent bereits für ausgeschöpft hält. Dass es in Finnland
Studierquoten von beinahe 50 Prozent eines Jahrgangs gibt, führt er
darauf zurück, dass dort auch in einem Studium beinhaltet ist, was
hierzulande mit einer Lehre abgegolten wird.
Auf den 250 Seiten
"Pisa-Schwindel" wird klar, dass hier ein konservativer
Bildungspolitiker schreibt, der eine Renaissance des Leistungsprinzips
will. Mit seinen linken Gegnern von der GEW trifft er sich letztlich in
der Einsicht, dass vor allem für die Migrantenkinder im deutschen
Schulsystem etwas getan werden müsse, weshalb er eine "sprachliche
Offensive" fordert. Nicht zuletzt stimmt das Buch auf die kommende
Woche ein, denn der Autor bringt hinreichend Gründe, mit den
Pisa-Ergebnissen etwas unaufgeregter umzugehen.