DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) -
AKTUELL
|
Aus Landshuter Zeitung / Straubinger Tagblatt vom 2. April 2008
"Es geht jetzt an die Substanz"
Lehrerverbands-Präsident Josef Kraus kritisiert Lehrplan- und Stundenkürzungen für G8
Während sich Elternvertreter über die von Kultusminister
Siegfried Schneider (CSU) angekündigten Lehrplan- und Stundenkürzungen für das
achtstufige Gymnasium (G8) freuen, hält der Deutsche Lehrerverband nichts davon.
Präsident Josef Kraus, Leiter des Maximilian-von-Montgelas-Gymnasiums in
Vilsbiburg, sieht die Qualität des bayerischen Abiturs gefährdet. Im Gespräch
mit unserer Zeitung mahnt er vor dem geistigen Verfall im einstigen
Vorzeigebildungsland.
Landshuter
Zeitung: Der Deutsche Lehrerverband lehnt die Lehrplankürzungen in Fächern wie
Geschichte, Biologie, Physik und Geografie ab.
Warum?
Josef Kraus: Bei
den Einschnitten stellt sich die Frage, ob man das gewohnte Niveau
bayerischer Gymnasialbildung aufrechterhalten kann. Ich bin da sehr in
Sorge, denn für das G8 sind die Lehrpläne zum Teil schon
deutlich verkürzt worden. Die Frage ist jedoch, was wir der Jugend
aus traditionellem bayerischen Bildungsverständnis heraus mitgeben
sollen, um sie auf die Herausforderungen im Studium und in der
globalisierten Welt vorzubereiten. Und durch den Pisa-Wahn sind
wichtige, aber nicht messbare Dinge wie kulturelle, ethische oder
historische Grundbildung leider an den Rand gedrängt worden. Darum
ist es mir ein Greuel, wenn die Entrümpelung der Lehrpläne
gefordert wird. Reicht etwa ein Weltkrieg statt zwei, reichen zwei
Grundrechenarten statt vier? Es geht jetzt an die Substanz. Und wenn
Thomas Lillig, der Vorsitzende der Landes-Elternvereinigung, fragt, ob
die Kinder heute noch Shakespeare und Goethe lesen müssen, dann
stellt er sich das Gymnasium als Drillschule zum Abrichten für den
Beruf vor.
Was
sagen Sie zur Reduzierung der Jahreswochenstunden im G8 von 266 auf
260?
Zu Beginn des G8 vor vier Jahren lag die Zahl der
Jahreswochenstunden in Bayern bei mehr als 270. Dann wurde sie auf 266
reduziert, jetzt ist man bei 260. Damit ist man bereits hinter Sachsen
zurückgefallen. Und gegenüber dem neunjährigen Gymnasium haben die G8-Schüler
unter dem Strich je nach Schulzweig in ihrer gesamten Schullaufbahn zwischen 550
und 600 Unterrichtsstunden weniger. Und das in einer Zeit, in der es heißt,
junge Menschen brauchen mehr Kenntnisse in Fremdsprachen, Naturwissenschaft,
Politik, Geografie und Geschichte.
Dass
die Schüler am G8 überfordert sind, ist ja gerade das Argument der
Kürzungsbefürworter. Trifft das aus Ihrer Sicht
zu?
Nein, so kann man es nicht sagen. Ich wandle mich jetzt
nicht zum G8-Befürworter, aber den Gymnasiasten an sich gibt es ja nicht. Sorgen
macht mir das Drittel der Schüler, das etwas mehr Zeit zum Lernen, Üben,
Verstehen und Hausaufgabenmachen bräuchte. Diese Schüler werden unter den
Stundenkürzungen am meisten leiden. Vor allem, weil es nun offensichtlich an die
Intensivierungsstunden geht, die das Kultusministerium noch im November 2007 als
„das Herzstück“ des G8 bezeichnet hat. Bislang gab es 14 Jahreswochenstunden, in
denen Inhalte auf diese Weise vertieft werden konnten. Die sollen nun zum
Großteil freiwillige Stunden werden. Das heißt, die Schulen entscheiden, ob sie
das Angebot machen, und die Schüler entscheiden, ob sie die Stunden besuchen.
Laut Kultusministerium sollten die
Intensivierungsstunden ein Ausgleich zum erhöhten Zeitdruck im G8 sein. Und
genau das wird jetzt geopfert.
Was
wäre Ihr Vorschlag, um den schwächeren Schülern zu
helfen?
Wir bräuchten mehr Intensivierungsstunden. Die würde ich
mir in allen Kernfächern wünschen. Logischerweise steigt die Zahl der Kernfächer
von Jahrgang zu Jahrgang, die Zahl der Intensivierungsstunden aber sinkt. Mit
solchen Stunden aber könnte man Druck und Beschleunigung
auffangen.
Doch
das würde insgesamt mehr Unterrichtsstunden und wohl große Aufregung
bedeuten.
Wenn man eine gute Mensa hat, auf lange Schultage nicht
nur Volldampffächer legt und die Lehrer an solchen Tagen wenig Hausaufgaben
geben, dürfte das kein Problem sein. Außerdem müsste das nicht mehr Unterricht
für die Schüler bedeuten: Man sollte den Schulen so viele Lehrerstunden geben,
dass sie in jedem Kernfach einmal pro Woche die Klasse halbieren können. Dann
könnten abwechselnd neuer Stoff oder Übungen auf dem Programm stehen. Allerdings
würden dann mehr Lehrer gebraucht.
Das
Gespräch führte Michael Bragulla.
| © 2008 Deutscher
Lehrerverband (DL) - Burbacher
Straße 8 - 53129 Bonn - Tel.
(02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24 |
|
|