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Aus STRAUBINGER TAGBLATT / LANDSHUTER ZEITUNG vom 10. Dezember 2004
Die
aktuelle deutsche Pisa-Diskussion scheint eine alte Bosheit zu
bestätigen:
Schulpolitische Debatte in Deutschland ist ein Friedhof, auf dem
beständig
Auferstehung gefeiert wird. So jedenfalls muten so manche schlauen
Ratschläge
an, die im Zuge von PISA vor allem aus der roten, grünen,
gewerkschaftlichen
und pädagogisch besonders bewegten Ecke zur Reform des deutschen
Schulwesens
gemacht werden. Die Gesamt-, Einheits- und Gemeinschaftsschule solle
gefälligst
das bisherige gegliederte Schulsystem ersetzen, so tönt es –
assistiert von
einem selbsternannten OECD-„Bildungsexperten“ – aus bestimmten Ecken.
Man
vergegenwärtige sich: Gesamtschule in Deutschland konnte seit
nunmehr drei
Jahrzehnten in den Stadtstaaten, in Nordrhein-Westfalen, in
Niedersachsen und
in der DDR erprobt werden. Ihre Bilanz ist – gelinde ausgedrückt -
nicht gut.
Es gibt keine einzige wissenschaftliche Studie, die dieser Gesamtschule
auch
nur in einem einzigen Bereich einen Gleichstand mit den Schulen des
gegliederten Schulwesens, geschweige denn einen Vorsprung attestiert.
Vielmehr
kommen sämtliche Untersuchungen des Max-Planck-Instituts für
Bildungsforschung
(MPIB), der Humboldt-Universität Berlin, der
Ludwig-Maximilians-Universität
München und vieler weiterer renommierter Forschergruppen unisono
zu einem
Ergebnis: Gesamtschule in Deutschland liegt am Ende der 10. Klasse
hinsichtlich
Lernleistung und hinsichtlich sozialer Entwicklung ihrer Schüler
drei Jahre
hinter dem Gymnasium und zwei Jahre hinter der Realschule. Beispiel:
Die im
Herbst 1998 aufgelegte sog. BIJU-Studie des MPIB (Titel:
Bildungsverläufe und
psychosoziale Entwicklung im Jugendalter) attestiert der Gesamtschule
in NRW
diesen Rückstand sogar trotz vergleichbarer sozialer Provenienz
der
Schülerschaft. Auch die aktuelle PISA-Studie weist aus:
Gesamtschule in
Deutschland rangiert mit PISA-Werten bei 480 weit hinter dem Gymnasium
(588 bis
606; der PISA-Sieger Finnland hat übrigens 544) und auch hinter
der Realschule
(501 bis 510). Diese Befunde sind deshalb so vernichtend, weil
Gesamtschule
etwa in Nordrhein-Westfalen und Hamburg finanziell und sächlich
luxuriös mit
Steuergeldern, nämlich um rund dreißig Prozent besser
ausgestattet ist als die
Schulen des gegliederten Schulwesens.
Es kommt
hinzu: Aus der ersten PISA-Studie 2000 wissen wir, dass die einzigen
Bundesländer, die damals schon international im PISA-Konzert
mithalten konnten,
die Länder Baden-Württemberg und Bayern waren. Beide
erreichten ohne
Gesamtschulen ein Ergebnis, das auf der Höhe des von
Gesamtschulbefürwortern
hochgerühmten Schweden rangierte. Demgegenüber fielen gerade
west- und
norddeutsche Bundesländer mit großer Vorliebe für die
Gesamtschule weit ab.
Anders ausgedrückt: Hätten alle Bundesländer
vergleichbare Ergebnisse wie die
Baden-Württemberger und die Bayern erzielt, dann wären wir
bei PISA trotz eines
schulisch problematischen Migrantenanteils in beiden PISA-Studien weit
vorne.
Auch
der von den Gesamtschul-Euphorikern immer wieder krampfhaft
bemühte Vergleich mit
Gesamtschulen in anderen OECD-Ländern zieht nicht, oder er ist
recht einäugig.
Einäugig ist er dann, wenn er vernachlässigt, dass auch die
PISA-Schlusslichter
Brasilien und Mexiko ein Gesamtschulsystem haben. Und wenig
zugkräftig ist er,
wenn er Japan, Finnland, England oder die USA zum Maßstab nimmt.
Wer nämlich
glaubt, die dortigen Gesamtschulsysteme seien leistungsfähig, der
verdrängt,
was der Preis und der Kollateralschaden dabei ist: In Japan etwa
besuchen zwei
Drittel der Schüler – von den Eltern umgerechnet für tausende
von Dollar
erkauft – eine private „juku“, also eine organisierte Nachhilfeschule;
das ist
kein gutes Zeugnis für das öffentliche Einheitsschulsystem.
In Finnland gibt es
eine viel homogenere Schülerschaft – nahezu ohne Migranten;
außerdem werden in
Finnland rund zwanzig Prozent der Kinder aus der Regelklasse
herausgenommen und
differenziert beschult. In England und in den USA laufen der
Regelgesamtschule
die Schüler und die Eltern davon – sofern sie für diesen
Schulbesuch ihres Kindes
Jahresgebühren von 10.000 bis 20.000 Euro Privatschule aufbringen
können.
Tatsache also ist: Wo immer es sich die Eltern leisten können,
findet eine
Abstimmung mit den Füßen gegen Einheitsschule statt. Dass
damit eine
hochgradige soziale Selektion in Gang kommt, das sollten sich
diejenigen, die
Gesamtschule aus Gründen des angeblichen Chancenausgleichs haben
möchten,
ebenfalls einmal vergegenwärtigen.
Die Lösung deutscher Schulprobleme kann also nicht ein Ladenhüter-Rezept sein, mit dem so manche deutschen Landesregierungen ihr eigenes Schulsystem an die Wand gefahren haben. Die Bundesbildungsministerin etwa, die jetzt vollmundig die Überwindung des gegliederten Schulwesens fordert, mag sich vielleicht in einer nachdenklichen Stunde doch einmal vergegenwärtigen, was sie als damalige SPD-Vorsitzende in Niedersachsen mit zu verantworten hat, nämlich dass dieses Schulsystem mit seiner sog. integrierten Orientierungsstufe und seinen brachial durchgesetzten Gesamtschulgründungen bei PISA I unter allen deutschen Flächenländern den letzten Platz errang. Die Rezepte, die damals zum Niedergang eines Schulsystems geführt haben, können ja wohl nicht diejenigen sein, mit denen man jetzt Schule in ganz Deutschland meint reformieren zu können. Was wir vielmehr brauchen, das ist noch mehr individuelle Förderung in den Schulen des gegliederten Schulwesens. Dafür brauchen wir einen zusätzlichen Pool an Unterrichtsstunden von fünf bis zehn Prozent. Damit etwa könnte man noch viel mehr tun für die Förderung von Spitzenschülern und für die Förderung von Langsameren.
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