DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus STRAUBINGER TAGBLATT / LANDSHUTER ZEITUNG vom 10. Dezember 2004

Ladenhüter Gesamtschule

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Die aktuelle deutsche Pisa-Diskussion scheint eine alte Bosheit zu bestätigen: Schulpolitische Debatte in Deutschland ist ein Friedhof, auf dem beständig Auferstehung gefeiert wird. So jedenfalls muten so manche schlauen Ratschläge an, die im Zuge von PISA vor allem aus der roten, grünen, gewerkschaftlichen und pädagogisch besonders bewegten Ecke zur Reform des deutschen Schulwesens gemacht werden. Die Gesamt-, Einheits- und Gemeinschaftsschule solle gefälligst das bisherige gegliederte Schulsystem ersetzen, so tönt es – assistiert von einem selbsternannten OECD-„Bildungsexperten“ – aus bestimmten Ecken.

Man vergegenwärtige sich: Gesamtschule in Deutschland konnte seit nunmehr drei Jahrzehnten in den Stadtstaaten, in Nordrhein-Westfalen, in Niedersachsen und in der DDR erprobt werden. Ihre Bilanz ist – gelinde ausgedrückt - nicht gut. Es gibt keine einzige wissenschaftliche Studie, die dieser Gesamtschule auch nur in einem einzigen Bereich einen Gleichstand mit den Schulen des gegliederten Schulwesens, geschweige denn einen Vorsprung attestiert. Vielmehr kommen sämtliche Untersuchungen des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB), der Humboldt-Universität Berlin, der Ludwig-Maximilians-Universität München und vieler weiterer renommierter Forschergruppen unisono zu einem Ergebnis: Gesamtschule in Deutschland liegt am Ende der 10. Klasse hinsichtlich Lernleistung und hinsichtlich sozialer Entwicklung ihrer Schüler drei Jahre hinter dem Gymnasium und zwei Jahre hinter der Realschule. Beispiel: Die im Herbst 1998 aufgelegte sog. BIJU-Studie des MPIB (Titel: Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter) attestiert der Gesamtschule in NRW diesen Rückstand sogar trotz vergleichbarer sozialer Provenienz der Schülerschaft. Auch die aktuelle PISA-Studie weist aus: Gesamtschule in Deutschland rangiert mit PISA-Werten bei 480 weit hinter dem Gymnasium (588 bis 606; der PISA-Sieger Finnland hat übrigens 544) und auch hinter der Realschule (501 bis 510). Diese Befunde sind deshalb so vernichtend, weil Gesamtschule etwa in Nordrhein-Westfalen und Hamburg finanziell und sächlich luxuriös mit Steuergeldern, nämlich um rund dreißig Prozent besser ausgestattet ist als die Schulen des gegliederten Schulwesens.

Es kommt hinzu: Aus der ersten PISA-Studie 2000 wissen wir, dass die einzigen Bundesländer, die damals schon international im PISA-Konzert mithalten konnten, die Länder Baden-Württemberg und Bayern waren. Beide erreichten ohne Gesamtschulen ein Ergebnis, das auf der Höhe des von Gesamtschulbefürwortern hochgerühmten Schweden rangierte. Demgegenüber fielen gerade west- und norddeutsche Bundesländer mit großer Vorliebe für die Gesamtschule weit ab. Anders ausgedrückt: Hätten alle Bundesländer vergleichbare Ergebnisse wie die Baden-Württemberger und die Bayern erzielt, dann wären wir bei PISA trotz eines schulisch problematischen Migrantenanteils in beiden PISA-Studien weit vorne.

Auch der von den Gesamtschul-Euphorikern immer wieder krampfhaft bemühte Vergleich mit Gesamtschulen in anderen OECD-Ländern zieht nicht, oder er ist recht einäugig. Einäugig ist er dann, wenn er vernachlässigt, dass auch die PISA-Schlusslichter Brasilien und Mexiko ein Gesamtschulsystem haben. Und wenig zugkräftig ist er, wenn er Japan, Finnland, England oder die USA zum Maßstab nimmt. Wer nämlich glaubt, die dortigen Gesamtschulsysteme seien leistungsfähig, der verdrängt, was der Preis und der Kollateralschaden dabei ist: In Japan etwa besuchen zwei Drittel der Schüler – von den Eltern umgerechnet für tausende von Dollar erkauft – eine private „juku“, also eine organisierte Nachhilfeschule; das ist kein gutes Zeugnis für das öffentliche Einheitsschulsystem. In Finnland gibt es eine viel homogenere Schülerschaft – nahezu ohne Migranten; außerdem werden in Finnland rund zwanzig Prozent der Kinder aus der Regelklasse herausgenommen und differenziert beschult. In England und in den USA laufen der Regelgesamtschule die Schüler und die Eltern davon – sofern sie für diesen Schulbesuch ihres Kindes Jahresgebühren von 10.000 bis 20.000 Euro Privatschule aufbringen können. Tatsache also ist: Wo immer es sich die Eltern leisten können, findet eine Abstimmung mit den Füßen gegen Einheitsschule statt. Dass damit eine hochgradige soziale Selektion in Gang kommt, das sollten sich diejenigen, die Gesamtschule aus Gründen des angeblichen Chancenausgleichs haben möchten, ebenfalls einmal vergegenwärtigen.

Die Lösung deutscher Schulprobleme kann also nicht ein Ladenhüter-Rezept sein, mit dem so manche deutschen Landesregierungen ihr eigenes Schulsystem an die Wand gefahren haben. Die Bundesbildungsministerin etwa, die jetzt vollmundig die Überwindung des gegliederten Schulwesens fordert, mag sich vielleicht in einer nachdenklichen Stunde doch einmal vergegenwärtigen, was sie als damalige SPD-Vorsitzende in Niedersachsen mit zu verantworten hat, nämlich dass dieses Schulsystem mit seiner sog. integrierten Orientierungsstufe und seinen brachial durchgesetzten Gesamtschulgründungen bei PISA I unter allen deutschen Flächenländern den letzten Platz errang. Die Rezepte, die damals zum Niedergang eines Schulsystems geführt haben, können ja wohl nicht diejenigen sein, mit denen man jetzt Schule in ganz Deutschland meint reformieren zu können. Was wir vielmehr brauchen, das ist noch mehr individuelle Förderung in den Schulen des gegliederten Schulwesens. Dafür brauchen wir einen zusätzlichen Pool an Unterrichtsstunden von fünf bis zehn Prozent. Damit etwa könnte man noch viel mehr tun für die Förderung von Spitzenschülern und für die Förderung von Langsameren.


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