Nimmt die Gewalt an Schulen tatsächlich zu?
Kraus Die Anlässe für Gewalt sind
nichtiger geworden. Und die Beißhemmung, wenn einer schon unterlegen
ist, hat abgenommen. Es ist richtig, dass schon immer auf Schulhöfen
gerauft wurde. Aber vor 30 oder 40 Jahren hatte das eher einen
sportlichen Charakter, bei dem eine Hackordnung ausgefochten wurde.
Heute wird es eher bewusst zu Verletzungen und Demütigungen getrieben.
Nach dem Motto: Nochmal drauf, der rührt sich noch.
Lässt sich das auch in Zahlen belegen?
Kraus
Die Kriminalitätsziffern für körperliche Gewalt sind in den vergangenen
zehn Jahren deutlich gewachsen. Dabei gilt: Je jünger die Jugendlichen
sind, desto höher liegen die Zuwachsraten. Etwa zehn Prozent der Jungen
müssen als gewaltanfällig gelten und etwa fünf Prozent der Mädchen.
Wobei die Zunahme bei den Mädchen rapider ist als bei den Jungs.
Wie zeigt sich die Gewalt bei Mädchen?
Kraus
Die weibliche Gewalt ist eher psychische Gewalt, beispielsweise
Mobbing. Die Mädchen werden aber anders als vor zehn oder 15 Jahren
auch handgreiflich.
Lässt sich die zunehmende Gewalt in den Griff bekommen?
Kraus Wir werden dieses Problems nur
Herr werden, wenn alle, die mit Jugendlichen zu tun haben, etwas
beitragen: Schule, Eltern, Sportvereine, Medien, Showstars, auch die
Politik ist gefordert.
Was können und müssen die Politiker tun?
Kraus Im Bereich des Medienrechts
gibt es Handlungsbedarf. Wir debattieren seit einigen Jahren über
Sanktionen für Ego-Shooter-Spiele. Obwohl Jugendliche auch nach einem
Verbot noch über Internet oder andere Kanäle an solche Spiele
herankommen könnten, bin ich überzeugt, dass eine rechtliche
Verschärfung den Charakter einer Generalprävention hätte. Das heißt,
ein solches Gesetz schafft auch in der Bevölkerung ein neues Rechts-
und Unrechtsbewusstsein. Eltern und Lehrer täten sich einfach leichter
zu sagen, so etwas kommt mir nicht ins Haus, das spielst du nicht.
Sind denn wirklich die gewalthaltigen Computer-Spiele die Ursache für Gewalt?
Kraus Wenn einer gewalttätig wird,
dann bündeln sich bei ihm mehrere Gewalt fördernde Ursachen. Dazu zählt
ein Elternhaus, das entweder extrem autoritär oder extrem nachlässig
erzieht. Weitere Ursachen sind schlechte Vorbilder,
Perspektivlosigkeit, Schulversagen und selbst Opfer von Gewalt zu sein.
Wenn dann noch der mediale Faktor dazu kommt, kann die Hemmschwelle
überschritten werden. Wenn Kinder relativ stabil aufwachsen und
gelegentlich Hackfleisch-Videos oder Killerspiele konsumieren, dann
werden sie eher nicht zu Gewalttätern.
Brauchen die Schulen neue und andere Konzepte gegen Gewalt?
Kraus Es ist sicherlich noch nicht
alles ausgereift. Das gilt auch für die Integration von Kindern mit
Migrationshintergrund. Sie fallen besonders häufig als Gewalttäter auf.
Das mangelnde Sprachvermögen spielt dabei eine große Rolle. So lange
man miteinander spricht, bleibt die Faust in der Tasche. Wer seine
Ansprüche verbal nicht durchsetzen kann, schlägt eher zu. Das ist auch
der Grund, warum wir unter Gymnasiasten weniger körperliche Gewalt
haben als an Hauptschulen.
Welche Möglichkeiten haben die Schulen, auf gewalttätige Schüler zu reagieren?
Kraus Das ist von Land zu Land
unterschiedlich. Aber grundsätzlich können die Schulen nicht
ausreichend Ordnungsmaßnahmen verhängen. In vielen Bundesländern muss
erst ein gewaltiger Bürokratismus überwunden werden, bevor überhaupt
ein Schulverweis ausgesprochen werden kann. Wir brauchen aber auch
unterhalb des Schulverweises eine Handhabung, Schüler zu
disziplinieren. Wenn - das ist jetzt ein harmloses Beispiel - ein
Schüler die Schultoilette in einen Saustall verwandelt, dann wäre es
unverhältnismäßig, ihn der Schule zu verweisen. Es wäre aber richtig,
ihn zu einem Sozialdienst, zum Beispiel Reinigungsarbeit,
heranzuziehen. Das dürfen Schulen leider nicht.
Eva Quadbeck führte das Interview.