DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Interview aus der"Rheinischen Post" vom 8. Mai 2007

Lehrer fordern Strafkatalog für Schüler

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus,
beklagt die Zunahme von Gewalt an Schulen.

Nimmt die Gewalt an Schulen tatsächlich zu?

Kraus Die Anlässe für Gewalt sind nichtiger geworden. Und die Beißhemmung, wenn einer schon unterlegen ist, hat abgenommen. Es ist richtig, dass schon immer auf Schulhöfen gerauft wurde. Aber vor 30 oder 40 Jahren hatte das eher einen sportlichen Charakter, bei dem eine Hackordnung ausgefochten wurde. Heute wird es eher bewusst zu Verletzungen und Demütigungen getrieben. Nach dem Motto: Nochmal drauf, der rührt sich noch.

Lässt sich das auch in Zahlen belegen?

Kraus Die Kriminalitätsziffern für körperliche Gewalt sind in den vergangenen zehn Jahren deutlich gewachsen. Dabei gilt: Je jünger die Jugendlichen sind, desto höher liegen die Zuwachsraten. Etwa zehn Prozent der Jungen müssen als gewaltanfällig gelten und etwa fünf Prozent der Mädchen. Wobei die Zunahme bei den Mädchen rapider ist als bei den Jungs.

Wie zeigt sich die Gewalt bei Mädchen?

Kraus Die weibliche Gewalt ist eher psychische Gewalt, beispielsweise Mobbing. Die Mädchen werden aber anders als vor zehn oder 15 Jahren auch handgreiflich.

Lässt sich die zunehmende Gewalt in den Griff bekommen?

Kraus Wir werden dieses Problems nur Herr werden, wenn alle, die mit Jugendlichen zu tun haben, etwas beitragen: Schule, Eltern, Sportvereine, Medien, Showstars, auch die Politik ist gefordert.

Was können und müssen die Politiker tun?

Kraus Im Bereich des Medienrechts gibt es Handlungsbedarf. Wir debattieren seit einigen Jahren über Sanktionen für Ego-Shooter-Spiele. Obwohl Jugendliche auch nach einem Verbot noch über Internet oder andere Kanäle an solche Spiele herankommen könnten, bin ich überzeugt, dass eine rechtliche Verschärfung den Charakter einer Generalprävention hätte. Das heißt, ein solches Gesetz schafft auch in der Bevölkerung ein neues Rechts- und Unrechtsbewusstsein. Eltern und Lehrer täten sich einfach leichter zu sagen, so etwas kommt mir nicht ins Haus, das spielst du nicht.

Sind denn wirklich die gewalthaltigen Computer-Spiele die Ursache für Gewalt?

Kraus Wenn einer gewalttätig wird, dann bündeln sich bei ihm mehrere Gewalt fördernde Ursachen. Dazu zählt ein Elternhaus, das entweder extrem autoritär oder extrem nachlässig erzieht. Weitere Ursachen sind schlechte Vorbilder, Perspektivlosigkeit, Schulversagen und selbst Opfer von Gewalt zu sein. Wenn dann noch der mediale Faktor dazu kommt, kann die Hemmschwelle überschritten werden. Wenn Kinder relativ stabil aufwachsen und gelegentlich Hackfleisch-Videos oder Killerspiele konsumieren, dann werden sie eher nicht zu Gewalttätern.

Brauchen die Schulen neue und andere Konzepte gegen Gewalt?

Kraus Es ist sicherlich noch nicht alles ausgereift. Das gilt auch für die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund. Sie fallen besonders häufig als Gewalttäter auf. Das mangelnde Sprachvermögen spielt dabei eine große Rolle. So lange man miteinander spricht, bleibt die Faust in der Tasche. Wer seine Ansprüche verbal nicht durchsetzen kann, schlägt eher zu. Das ist auch der Grund, warum wir unter Gymnasiasten weniger körperliche Gewalt haben als an Hauptschulen.

Welche Möglichkeiten haben die Schulen, auf gewalttätige Schüler zu reagieren?

Kraus Das ist von Land zu Land unterschiedlich. Aber grundsätzlich können die Schulen nicht ausreichend Ordnungsmaßnahmen verhängen. In vielen Bundesländern muss erst ein gewaltiger Bürokratismus überwunden werden, bevor überhaupt ein Schulverweis ausgesprochen werden kann. Wir brauchen aber auch unterhalb des Schulverweises eine Handhabung, Schüler zu disziplinieren. Wenn - das ist jetzt ein harmloses Beispiel - ein Schüler die Schultoilette in einen Saustall verwandelt, dann wäre es unverhältnismäßig, ihn der Schule zu verweisen. Es wäre aber richtig, ihn zu einem Sozialdienst, zum Beispiel Reinigungsarbeit, heranzuziehen. Das dürfen Schulen leider nicht.

Eva Quadbeck führte das Interview.


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