Beherrsche ein Mensch seine Muttersprache nur schlecht, sei fraglich, wie es
um seine politische und staatsbürgerliche Mündigkeit bestellt sei, betonte
der Lehrerverbands-Präsident. Denn er sei
möglicherweise gar nicht in der Lage, komplexe Zusammenhänge, wie unter anderem
auch den politischen Diskurs, zu begreifen.
Immer mehr Kinder kämen mit erheblichen Sprachdefiziten in die Schule, sagte
Kraus. Sie könnten keine vollständigen Sätze bilden und hätten Probleme mit der
Ausdrucksfähigkeit.
Wenn Kinder ihre Muttersprache nur radebrechend beherrschten, trügen die die
Eltern die Schuld: «Sie sprechen zu wenig mit ihren Kindern. Auch Erzählen,
Vorlesen oder Singen sind in vielen Familien out - würden aber die
Sprachfähigkeit erheblich fördern.» Zugleich seien auch immer weniger Eltern in
punkto Lesen ein Vorbild: «Wer Erdnuss mampfend vor dem Fernseher sitzt, kann
nicht zum Kind sagen, es solle sich mal ein Buch nehmen», betonte der Rektor
eines Gymnasiums.
Kraus kritisierte zugleich, dass sich die Schulpolitik in ihrem
Leistungsanspruch an das Defizit angepasst habe, anstatt entgegenzuwirken.
«Wurde den Kindern vor zehn Jahren noch am Ende der vierten Klasse ein
Grundwortschatz von 1100 Wörtern abverlangt, so sind es heute nur doch 700
Wörter.»
Allein in Berlin kann der Untersuchung «Deutsch Plus» aus dem Jahr 2006
zufolge rund jedes vierte angehende Schulkind nicht richtig sprechen.
(ddp)
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