DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - PRESSEERKLÄRUNG  

        

Wir brauchen eine schulische Offensive für die deutsche Sprache    
Die Bedeutung der Sprache für die Entwicklung und für die Bildungsbiographie eines heranwachsenden Menschen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Vor allem die Muttersprache ist die „via regia“ zur Kultur, zur Persönlichkeitsbildung und zum Denken. Die Sprache ist Bindeglied für ein Gemeinwesen und eine Nation, über die Sprache erwirbt der Mensch seine kulturelle bzw. nationale Identität; er nimmt mittels Sprache zudem Anteil an kulturellen und zivilisatorischen Errungenschaften. Sprache ist überhaupt Vehikel zur Aneignung von Welt und zur Teilhabe an Welt sowie das wichtigste Werkzeug des Menschen, um Kultur zu schaffen. Sprache beinhaltet zudem die Chance, Kreativität oder zumindest ein Gespür für künstlerische Leistung zu entwickeln. Mittels Sprache erwirbt sodann gerade der junge Mensch seine individuelle Identität, mittels Sprache entfalten sich nämlich seine Innerlichkeit und seine kommunikative Kompetenz. Und schließlich bietet Sprache die friedlichste Möglichkeit, Konflikte zu lösen.
 
Kulturnationen legen deshalb zu Recht großen Wert auf die Pflege ihrer Sprache bzw. ihrer Sprachen. Demgegenüber hat sich in der Gesellschaft und im Bildungswesen Deutschlands eher ein nachlässiger Sprachgebrauch breit gemacht. Diese Tendenzen beeinträchtigen die Entwicklung junger Menschen und leisten zudem einer allgemeinen Dekultivierung Vorschub.
 
1. These
Das Beherrschen der Muttersprache ist die zentrale Schlüsselqualifikation, das Fach Deutsch ist damit das schulische Basis- und Querschnittsfach schlechthin. Dies muss sich in der Ausstattung des Faches Deutsch mit Unterrichtsstunden niederschlagen. Bedauerlicherweise aber ist der Anteil des Unterrichts in der Muttersprache in kaum einem Land der Welt so niedrig wie in Deutschland: ca. 16 Prozent in den Jahrgangsstufen 1 mit 10. Zum Vergleich: Polen 22, Schweden 23, Dänemark 25, Norwegen 24, Frankreich 26, China 26 Prozent. Diese Fehlentwicklung ist abzustellen: Drei Deutschstunden pro Woche an allgemeinbildenden Schulen sind schlicht zu wenig.
 
2. These
Das Beherrschen der Mutter- bzw. Landessprache ist das entscheidende Fundament für das Erlernen von Fremdsprachen. Das Fach Deutsch ist somit maßgebliche Grundlage für einen erfolgreichen Fremdsprachenunterricht. Der sich mehr und mehr etablierende Fremdsprachenunterricht in der Grundschule darf deshalb nicht zu Lasten des Deutschunterrichts gehen. Schüler, die mutter- bzw. unterrichtssprachliche Defizite haben, müssen möglichst früh im Fach Deutsch zusätzlich gefördert werden.

3. These
Ein solider Deutschunterricht nutzt allen Fächern. Er vermittelt propädeutische Arbeitsmethoden (Protokollieren, Exzerpieren, Bibliographieren usw.). Umgekehrt haben alle Fächer der allgemeinbildenden und der berufsbildenden Schulen die Aufgabe, einen korrekten und differenzierten Gebrauch der deutschen Sprache einzufordern. Deutschunterricht ist zudem implizit Medienerziehung. Denn das Lesen bleibt auch in Zeiten neuer Informationstechniken und in Zeiten einer fortschreitenden Verbildlichung von Informationen die wichtigste Kulturtechnik.
 
4. These
Die Schule muss der sprachlichen und literarischen Bildung wieder mehr Aufmerksamkeit widmen. Sie muss dabei verstärkt unterstützt werden von den Elternhäusern und von den Kindergärten, indem diese die für den Spracherwerb sensiblen Phasen intensiv für sprachliches Lernen nach dem Nachahmungsprinzip nutzen. Der Deutschunterricht muss gestärkt werden: durch das verstärkte Erlernen und Einüben von formal-sprachlichen Fertigkeiten (richtiger Gebrauch von Orthographie, Grammatik und Syntax) sowie durch die Vermittlung eines umfassenden und differenzierten deutschen Wortschatzes. Die Begegnung mit Literatur fördert zudem das Verständnis für kulturelle Entwicklungen, und sie schafft zwischenmenschliche Kommunikationschancen.
 
5. These

Sprachschulung muss den richtigen Mittelweg finden zwischen puristischer Abschottung gegenüber global bzw. medial bedingten Einflüssen und Offenheit für die Lebendigkeit der Entwicklung einer jeden Sprache. Dabei darf die Schule einer fortschreitenden Simplifizierung und einer kritiklosen Anglisierung des Deutschen nicht tatenlos zusehen. Die Übernahme von Anglizismen kann das Deutsche bzw. einzelne Fachsprachen bereichern, als kritiklose Übernahme hat sie jedoch nichts zu tun mit Globalität oder Modernität. Für das im Zuge der Globalisierung weltweit sich verbreitende Pidgin-Englisch, das übrigens das Englische als Kultursprache erheblich belastet, gilt das nicht.
   

Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24 DL-Home Seitenanfang