Wir brauchen eine schulische Offensive für die deutsche Sprache
Thesen von DL-Präsident Josef Kraus zum Internationalen Tag der Muttersprache am 21. Februar 2006
Die
Bedeutung der Sprache für die Entwicklung und für die Bildungsbiographie eines
heranwachsenden Menschen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Vor allem
die Muttersprache ist die „via regia“ zur Kultur, zur Persönlichkeitsbildung
und zum Denken. Die Sprache ist Bindeglied für ein Gemeinwesen und eine Nation,
über die Sprache erwirbt der Mensch seine kulturelle bzw. nationale Identität;
er nimmt mittels Sprache zudem Anteil an kulturellen und zivilisatorischen
Errungenschaften. Sprache ist überhaupt Vehikel zur Aneignung von Welt und zur
Teilhabe an Welt sowie das wichtigste Werkzeug des Menschen, um Kultur zu
schaffen. Sprache beinhaltet zudem die Chance, Kreativität oder zumindest ein
Gespür für künstlerische Leistung zu entwickeln. Mittels Sprache erwirbt sodann
gerade der junge Mensch seine individuelle Identität, mittels Sprache entfalten
sich nämlich seine Innerlichkeit und seine kommunikative Kompetenz. Und
schließlich bietet Sprache die friedlichste Möglichkeit, Konflikte zu lösen.
Kulturnationen legen deshalb zu Recht großen Wert auf die
Pflege ihrer Sprache bzw. ihrer Sprachen. Demgegenüber hat sich in der
Gesellschaft und im Bildungswesen Deutschlands eher ein nachlässiger
Sprachgebrauch breit gemacht. Diese Tendenzen beeinträchtigen die Entwicklung
junger Menschen und leisten zudem einer allgemeinen Dekultivierung Vorschub.
1. These
Das Beherrschen der Muttersprache
ist die zentrale Schlüsselqualifikation, das Fach Deutsch ist damit das
schulische Basis- und Querschnittsfach schlechthin. Dies muss sich in der Ausstattung
des Faches Deutsch mit Unterrichtsstunden niederschlagen. Bedauerlicherweise
aber ist der Anteil des
Unterrichts in der Muttersprache in kaum einem Land der Welt so niedrig wie in
Deutschland: ca. 16 Prozent in den Jahrgangsstufen 1 mit 10. Zum Vergleich:
Polen 22, Schweden 23, Dänemark 25, Norwegen 24, Frankreich 26, China 26
Prozent. Diese Fehlentwicklung ist abzustellen: Drei Deutschstunden pro Woche
an allgemeinbildenden Schulen sind schlicht zu wenig.
2. These
Das Beherrschen der Mutter- bzw. Landessprache ist das
entscheidende Fundament für das Erlernen
von Fremdsprachen. Das Fach Deutsch ist somit maßgebliche Grundlage für
einen erfolgreichen Fremdsprachenunterricht. Der sich mehr und mehr
etablierende Fremdsprachenunterricht in der Grundschule darf deshalb nicht zu
Lasten des Deutschunterrichts gehen. Schüler, die mutter- bzw.
unterrichtssprachliche Defizite haben, müssen möglichst früh im Fach Deutsch
zusätzlich gefördert werden.
3. These
Ein solider Deutschunterricht nutzt allen Fächern. Er vermittelt
propädeutische Arbeitsmethoden (Protokollieren, Exzerpieren, Bibliographieren
usw.). Umgekehrt haben alle Fächer
der allgemeinbildenden und der berufsbildenden Schulen die Aufgabe, einen korrekten und differenzierten Gebrauch der deutschen
Sprache einzufordern. Deutschunterricht ist zudem implizit Medienerziehung. Denn das Lesen bleibt auch in Zeiten neuer
Informationstechniken und in Zeiten einer fortschreitenden Verbildlichung von
Informationen die wichtigste Kulturtechnik.
4. These
Die Schule muss der sprachlichen
und literarischen Bildung wieder mehr Aufmerksamkeit widmen. Sie muss dabei
verstärkt unterstützt werden von den Elternhäusern
und von den Kindergärten, indem
diese die für den Spracherwerb sensiblen Phasen intensiv für sprachliches
Lernen nach dem Nachahmungsprinzip nutzen. Der Deutschunterricht muss gestärkt
werden: durch das verstärkte Erlernen und Einüben von formal-sprachlichen
Fertigkeiten (richtiger Gebrauch von Orthographie, Grammatik und Syntax) sowie
durch die Vermittlung eines umfassenden und differenzierten deutschen
Wortschatzes. Die Begegnung mit Literatur fördert zudem das Verständnis für
kulturelle Entwicklungen, und sie schafft zwischenmenschliche
Kommunikationschancen. 5. These
Sprachschulung
muss den richtigen Mittelweg finden zwischen puristischer
Abschottung gegenüber global bzw. medial bedingten Einflüssen
und Offenheit für
die Lebendigkeit der Entwicklung einer jeden Sprache. Dabei darf die
Schule
einer fortschreitenden Simplifizierung und einer kritiklosen
Anglisierung des Deutschen nicht tatenlos zusehen. Die Übernahme
von
Anglizismen kann das Deutsche bzw. einzelne Fachsprachen bereichern,
als kritiklose
Übernahme hat sie jedoch nichts zu tun mit Globalität oder
Modernität. Für das
im Zuge der Globalisierung weltweit sich verbreitende Pidgin-Englisch,
das
übrigens das Englische als Kultursprache erheblich belastet, gilt
das
nicht.