DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

ZDF.DE - WISO-Sendung vom 3. September 2007

DL-Präsident zum Schulsponsoring



Schüler sind eine beliebte Zielgruppe der Werbung: Sie verfügen über beträchtliche Summen an Taschengeld, haben Einfluss auf die Kaufentscheidungen ihrer Eltern und werden bald erwachsene Konsumenten sein. Viele Unternehmen sind deshalb gerne bereit, Schulen mit Geld, kostenlosen Produkten oder Unterrichtsmaterialien unter die Arme zu greifen. Einige Schulen freuen sich über den Geldsegen der Konzerne, andere wehren sich dagegen. In der Pause treffen sich die Schüler der Theißtalschule im hessischen Niedernhausen im "Café Kranich". Die Fluglinie sponsert die komplette Einrichtung der Schülerlounge zum Treffen und Hausaufgaben machen. Als Gegenleistung darf die Lufthansa an der Schule werben.



"Café Kranich" - sponsored by Lufthansa

Werbung und Schule: Das ist für Direktor Hajo Brühl kein Tabu. Ohne das Geld von Unternehmen könnte er viele Projekte an seiner Schule nicht finanzieren. "An unseren Beispielen wie der Schulbibliothek, an dem Café Kranich, an der Außengestaltung des Schulhofes, an der Einrichtung des Medienraums kann man sehr gut erkennen, dass es ohne diese Unterstützergelder heutzutage in der Schule nicht unbedingt zukunftsweisend vorangehen kann."

Auch Josef Kraus wird von Unternehmen umworben. Er ist Direktor am Gymnasium im bayerischen Vilsbiburg. Unternehmen bieten ihm sogenannte Sponsoringprämien, wie zum Beispiel kostenlose Computer und Fernseher für den Unterricht, wenn sie dafür an der Schule für ihre Produkte werben dürfen. Für den Direktor kommen solche Deals nicht in Frage. "Unsere Aufgabe ist es Kinder zu mündigen Wirtschaftsbürgern zu erziehen und da kann ich als Schulleiter und als Lehrer nicht zulassen, dass die Kinder mit Werbung zugeschüttet werden."


"Kaugummi-Propaganda"

Besonders ärgert es den Pädagogen, wenn Werbung als Unterrichtsmaterial getarnt daher kommt. Eine Broschüre vom weltgrößten Kaugummihersteller Wrigley gibt beispielsweise Tipps zu psychologischen Vorgängen beim Denken und Konzentrationsübungen für die Schule. Die Publikation ist angeblich werbefrei - zwischendrin kommt dann doch der Hinweis auf "überraschende Zusammenhänge beispielsweise zwischen Konzentrationssteigerung und Kaugummi" - frei nach dem Motto "Kau dich schlau".

Oberstudiendirektor Josef Kraus kann darüber nur mit dem Kopf schütteln. "Ich bedaure die Schulen, die hier diesen plumpen Versuchen Werbung zu betreiben auf den Leim gegangen sind. Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass man sich mit Kaugummi schlau kauen kann."


Wettbewerb ums Taschengeld
 
Bei Wrigley will man von plumpen Werbeversuchen nichts wissen. Man wolle nur den Unterricht unterstützen und die Schüler informieren. Jutta Reitmeier von Wrigley Deutschland erklärt: "Diese Mappe ist Ausdruck unseres gesellschaftlichen Engagements. Sie ist kein Ausdruck von Werbung und auch keine Sponsoringmaßnahme, denn es geht uns darum, zu Themenkreisen, die von gesellschaftlicher Relevanz sind, zu informieren und Lehrern Denkanstöße für guten Unterricht zu bieten."

André Mücke ist da ehrlicher. Mit seiner Werbeagentur Deutsche Schulmarketing-Agentur DSA youngstar verspricht er Unternehmen "Mit uns gehen ihre Produkte zur Schule". Es geht um das Taschengeld der Schüler - 20 Milliarden Euro vermuten die Werbestrategen in den Spardosen. Und an die kommt man offenbar leichter, wenn man es mit der Werbung bis ans Schwarze Brett der Schule schafft. "Wenn Unternehmen normalerweise Marketingstrategien umsetzten, in Form von TV-Spots oder Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften, dann bekommt man normalerweise keinen Dialog mit den Jugendlichen hin. Direkt in den Schulen und Bildungseinrichtungen hat man aber die Möglichkeiten, wenn man wirklich gute, innovative Konzepte anbietet, ein direktes Feedback auf die eigenen Marketingstrategien zu erhalten," erklärt André Mücke die Strategie.


Kellogs verlor Gerichtsverfahren

Sportmaterialen für Schulen versprach die Firma Kelloggs , wenn die Schüler eifrig die goldenen Tony Taler sammeln. Dazu sollte eine Klasse 555 Päckchen Frühstücksflocken futtern. Damit sich das für das Unternehmen auch rechnet, steht auch gleich der Hinweis "Sag es Deinem Sportlehrer" auf der Packung.

Für den Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) waren damit Grenzen überschritten. Gegen Kelloggs zog man vor Gericht. Christian Fronczak, Sprecher des vzbv, erklärt: "Hier ging es darum, dass ein Gruppenzwang aufgebaut werden sollte, dass die Unerfahrenheit von Kindern und Jugendlichen im Umgang mit diesen Produkten und auch mit Werbung ausgenutzt werden sollte, um hier eine Marketingstrategie zu betreiben, und das haben wir zum Glück jetzt mit Hilfe des Bundesgerichtshofes definitiv einfangen können."

Das Urteil des Bundesgerichtshof (Aktenzeichen I ZR 82/05) hält Unternehmen offenbar nicht davon ab, Schuldirektoren weiterhin mit fragwürdigen Offerten zu umgarnen. Oberstudiendirektor Josef Kraus macht sich Sorgen für die Zukunft: "Meine Horrorvision ist eine Schule, die sich zu erheblichen Teilen über Sponsorenmittel finanzieren muss und sich an den Verwertungsinteressen und Werbeinteressen irgendwelcher Getränkeketten oder irgendwelcher nahegelegener Burger-Ketten orientiert." Den Kampf gegen die Werbeflut an den Schulen will Josef Kraus nicht aufgeben - damit weder Schulpause noch Unterricht zur Werbepause werden.


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