| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL)
- AKTUELL |
Interview aus "Heilbronner Stimme"
vom 10. Mai 2004 (zugleich "STERN" vom 15. April 2004)
"Die Sponsoren wollen etwas für ihr
Geld"
Der Deutsche Lehrerverband sieht das
zunehmende Sponsoring von Schulen durch Unternehmen als problematisch an.
Während sich der Staat aus seiner finanziellen Verantwortung zurückziehe,
gerieten die Schulen in Abhängigkeit von Unternehmen, sagte Verbands-Präsident
Josef Kraus im AP-Gespräch.
Befürworten
Sie das Sponsoring von Schulen?
Kraus: Ich sehe das mit größter
Skepsis. Die Schulen geraten dadurch in Abhängigkeiten, und irgendwann
kann der Tag kommen, wo ein Sponsor sagt: Jetzt möchte ich auch etwas
haben für mein Geld. Das kann sowohl inhaltlich als auch personell
sein. Zudem befürchten wir, dass sich die öffentliche Hand mehr
und mehr vor ihrer Aufgabe der Bildungsfinanzierung davonstiehlt. Und es
besteht die Gefahr, dass das Gefälle zwischen den Schulen noch verstärkt
wird. Ein Gymnasium ist für einen Sponsor attraktiver als eine Sonderschule
in einem sozialen Brennpunkt.
Schließen Sie jede Form von Bildungssponsoring generell
aus?
Kraus: Für mich käme eine
Kompromisslösung in Frage, bei der die Zuwendungen über
einen neutralisierten Förderverein gefiltert werden. Wenn die Unternehmen
tatsächlich ein Interesse daran haben, die Bildung zu fördern,
wie sie das ja sagen, dann können sie das auch über eine solche
neutrale Stelle tun. Akzeptabel sind auch beispielsweise gebündelte
Inserate am Ende des Jahresberichts einer Schule, bei denen niemand gezwungen
wird, sie zu lesen, mit denen aber gleichzeitig die Kosten gesenkt werden
können. Völlig inakzeptabel sind dagegen Entwicklungen wie in Holland,
wo sich die Pausengestaltung einzelner Schulen nach den Bedürfnissen
des benachbarten McDonald's richtet.
Sind zwischen Sponsoring und reiner Produktwerbung tatsächlich
klare Grenzen zu ziehen?
Kraus: Die Sponsoren erwarten ja etwas für
ihr Geld, insofern ist das immer irgendeine Form von Product Placement.
Wenn - wie geschehen - eine Schule das Logo einer Firma in den Briefkkopf
aufnimmt, dann beißt sich das natürlich mit den pädagogischen
Zielen der Schule. "Werbeflächen" in der Schule wie in Berlin kommen
für mich nicht in Frage. Und ich möchte auch nicht so weit kommen,
dass es am Ende einer Physikstunde heißt: "Diese Stunde wurde gesponsert
von Sony."
Befürworter von Sponsoring und Werbung in der Schule argumentieren,
dass Kinder und Jugendliche, die außerhalb der Schule ohnehin von
Werbung überflutet werden, so den verantwortlichen Umgang damit lernen.
Kraus: Mir kommen die Tränen über
die Selbstlosigkeit der Unternehmen. Die Aufgabe der Schule ist es, junge
Menschen zu kritischem Konsumverhalten zu erziehen. Wir werden unglaubwürdig,
wenn wir Schüler einerseits auffordern, die Tricks der Werbung zu
entlarven, und sie gleichzeitig selbst mit Werbung konfrontieren.
Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung?
Kraus:
Ich hoffe nach wie vor,
dass sich dieser Trend stoppen lässt. Das ist eine Aufgabe der Politik:
Sie muss einerseits die Schulen auffordern, diese Entwicklung zu stoppen.
Vor allem muss sie aber auch sagen: Wir statten euch so aus, dass ihr das
nicht nötig habt. Die Politik muss hier Flagge zeigen und darf sich
nicht aus der Finanzierung der Schulen zurückziehen, sonst haben wir
bald ein Zwei-Klassen-System.
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