DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus der BAYERISCHEN STAATSZEITUNG vom 4. November 2005

PISA - erneut künstlich skandalisiert

Von Josef   K r a u s

 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Es war einmal mehr das bekannte Spiel: Die Deutsche Presseagentur bemächtigt sich ­ trotz größter Geheimhaltung der Forscher ­ einer aktuellen PISA-Auswertung. An einem Sonntagnachmittag greift sie ein Detail heraus und konstruiert daraus erneut eine überhitzte PISA-Alarmismusdebatte. Das war am 30. Oktober. Am 3. November erst sollte die neue PISA-Studie offiziell vorgestellt werden. Die Ergebnisse: Bayern rangiert in allen Schulbereichen innerdeutsch weit vorne; es ist zugleich das einzige deutsche Land, das in die internationale Spitze vordringt.

Große Teile der Presse glauben aber schon vorher, anderes berichten zu können: Bayern würde hinsichtlich sozialer Gleichheit am schlechtesten abschneiden. Während die Chancen für so genannte Facharbeiterkinder, zum Abitur zu gelangen, in Brandenburg bestens seien, habe ein bayerisches Facharbeiterkind nur geringe Chancen. Was da publizistisch geschah, grenzt an Manipulation: Die so genannte soziale Durchlässigkeit macht in dem 41-seitigen PISA-Bericht nicht einmal zehn Prozent aus ­ - darunter vage Tabellen zu einem nicht näher erläuterten OECD-Index namens ESCS (= Index of Economic, Social und Cultural Status). Obendrein steht in diesem Bericht: „Die günstige Kombination von hohem Kompetenzniveau und niedriger Koppelung mit der sozialen Herkunft wird in Bayern, Sachsen und Thüringen erreicht.” Der Absicht mancher Presseleute, das bayerische PISA-Ergebnis zu skandalisieren, tut das keinen Abbruch.

Damit aber wird eine doppelte Gerechtigkeitslücke vertuscht. Diese besteht einerseits darin, dass Schüler der süddeutschen Länder mehr leisten müssen, um einen formal höheren Schulabschluss zu erwerben, während Schüler in den Stadtstaaten oder in Nordrhein-Westfalen solche Abschlüsse zu Dumpingpreisen erhalten; und sie besteht darin, dass letztere Schüler zwar schöne Zeugnisse haben, aber auf Studium oder Berufsausbildung schlechter vorbereitet sind. Wie krass die Missverhältnisse hier sind, zeigt die neueste PISA-Auswertung: So erreichen die bayerischen Realschüler die gleichen guten Ergebnisse wie die Gymnasiasten der Stadtstaaten und Brandenburgs, und die bayerischen Hauptschulen kommen auf PISA-Punkte, die gleich gut sind wie die Ergebnisse der Gesamtschulen in diesen vier Ländern sowie in Nordrhein-Westfalen und die sogar so gut sind wie die Realschulergebnisse in Bremen und Hamburg. Am Ende aber haben die bayerischen Hauptschüler im Gegensatz zu den genannten Alterskollegen keine Mittlere Reife.

Das sind die Fakten. Wer das entsprechende Leistungsvermögen mitbringt, kann das Abitur machen, egal aus welcher Familie er kommt; es kostet kein Geld, man muss es nur wollen. Tatsache ist auch, dass viele Eltern das Gymnasium bewusst nicht wählen, obwohl ihre Kinder das Zeug dazu hätten. Zahlreiche Eltern handeln so, weil sie eine Schulbildung außerhalb des Gymnasiums als gleichwertig ansehen. Sie wissen zudem, dass es in Deutschland ­ weltweit einmalig ­ über die berufliche Bildung unzählige Aufstiege gibt.

Jedenfalls sollten wir in Deutschland endlich davon wegkommen, das Abitur zum alleinigen Maßstab zu machen. Wer auf Abiturientenquoten fixiert ist, der verwechselt hartnäckig Qualität und Quantität. Und der übersieht, dass viele Eltern gerade in wirtschaftlich leistungsstarken Ländern keine Veranlassung sehen, ihr Kind ins Gymnasium zu boxen. In Ländern wie Brandenburg dagegen meinen viele Eltern, die drohende Arbeitslosigkeit ihrer Kinder durch einen verlängerten Schulbesuch überbrücken zu können. Würde indes der Staat Eltern zwingen, ihr Kind auf ein Gymnasium zu schicken, stünden wir am Beginn einer Erziehungsdikatur.


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