Gastkommentar aus "BILD am Sonntag" vom 5. September 2009
Sitzenbleiben muss bleiben
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Die
Forderung nach Abschaffung des Sitzenbleibens ist pädagogischer Unsinn.
Zunächst einmal wird das Ausmaß des Sitzenbleibens gewaltig
überschätzt. Über alle Schularten, Jahrgangsstufen und Bundesländer
hinweg erreichen pro Jahr weniger als zwei Prozent der Schüler ihr
Klassenziel nicht.
Viele von ihnen werden durch die mittlerweile recht großzügigen
Möglichkeiten wie Nachprüfungen oder Vorrücken auf Probe doch noch
versetzt. Die Durchfallerquote könnte halbiert werden, wenn man den
Schulen zusätzliche Förderstunden für schwächere Schüler zur Verfügung
stellte.
Für Schüler aber, die am Ende des Schuljahres in
mehreren Kernfächern mangelhafte Leistungen haben, wäre ein Aufstieg in
die nächste Klasse eine krasse Fehlinvestition für die ganze
Gesellschaft. Für diese Schüler ist nämlich das Wiederholen eine Chance
zur Konsolidierung. Diese Chance dürfen wir ihnen nicht nehmen.
Gäbe
es gar kein Durchfallen mehr, würde sich ein noch größerer Anteil von
Schülern überhaupt nicht mehr anstrengen wollen, und das
Leistungsniveau vieler Klassen würde sinken. Eine Abschaffung des
Sitzenbleibens käme einem Recht auf Wohlfühlschule mit
Abiturvollkaskoanspruch gleich.