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Interview aus der "tz München" vom 7. September 2009
"Schule nicht in Euro & Cent aufrechenbar"
Herr Kraus sind Sie selbst einmal sitzengeblieben?
Josef Kraus: Nein. Aber
wenn ich sitzengeblieben wäre, wäre ich nicht gebrandmarkt
gewesen. Wir wissen ja, dass auch Sitzenbleiber bis in höchste
Staatsämter aufsteigen können. Es gibt Studien, die zeigen,
dass das Sitzenbleiben nicht unbedingt die Karriere bremst.
Man kann aus dem Scheitern auch lernen?
Kraus: Unsere
jungen Leute müssen lernen mit Niederlagen umzugehen. Eine
Pädagogik, die immer nur den Erfolg programmiert, verweigert den
jungen Menschen wichtige Lebenserfahrungen.
Laut der Bertelsmann-Studie ist Sitzenbleiben teuer und bringt wenig. Trotzdem sind Sie gegen die Abschaffung. Warum?
Kraus: Man kann Schule
nicht in Cent und Euro aufrechnen. Wenn ein Schüler eine
Jahrgangsstufe wiederholen soll und muss, sollte es uns wert sein, ihm
diese Chance zur Konsolidierung zu geben und große Lücken
auszugleichen.
Sie haben mal gesagt, manche Schüler bräuchten einen Warnschuss.
Kraus: Wir
dürfen nicht von einem Idealschüler ausgehen. Es sind nicht
alle Schüler motiviert und aufgeschlossen. Wir haben je nach
Schulform und Region einen Anteil von zehn bis 30 Prozent, denen alles
ziemlich egal ist. Wenn Schulerfolg nicht mit persönlichem Risiko
und Einsatz verbunden ist, werden sich diese Schüler noch mehr
ausruhen. Und das Niveau in unseren Schulen würde sinken.
Wann bleiben denn die meisten sitzen?
Kraus: Es kommt
selten in der Grundschule, relativ selten in der fünften und
sechsten Klasse der weiterführenden Schulen und in der Oberstufe
vor. Der statistische Schwerpunkt der Durchfallerquote liegt im Bereich
der siebten bis neunten Jahrgangsstufe.
Strengen sich Wiederholer mehr an?
Kraus: Sehr
unterschiedlich. Es gibt ja auch nicht den Durchfaller schlechthin. Es
gibt mindestens drei Typen: Die Schüler, die aufgrund von
pubertären oder familiären Problemen wie Scheidung der Eltern
oder Todesfall in der Familien einen Durchhänger haben. Für
sie gibt es das Instrument des Vorrückens auf Probe und
Nachprüfungen. Dann gibt es Schüler, die könnten, aber
nicht wollen. Mit sportlichem Ehrgeiz tüfteln sie ihre Noten aus
und verrechnen sich. Und es gibt Schüler, die einfach
überfordert sind. Diesen Schülern hilft nur, in einem
Wiederholungsjahr Lücken aufzufüllen oder doch an einen
Schulwechsel zu denken.
Gäbe es
kein Sitzenbleiben, könnten Schulen in Versuchung geraten, die
schwächsten Schüler auf nachrangige Schulen abzuschieben.
Kraus: Das
wäre eine etwas plumpe Lösung, die ich nicht befürworte.
Die Lehrerkonferenz muss bei jedem Schüler dessen Probleme
ernsthaft abwägen, ob das Kind für die jeweilige Schulform
geeignet ist und ob ihm zugetraut wird, die nächste Jahrgangsstufe
zu schaffen.
Wie könnte die Durchfallerquote weiter gesenkt werden?
Kraus: Ich
würde mir wünschen, dass man den Schulen 105 Prozent
Lehrerstunden gibt. 100 Prozent, um den Lehrbetrieb abzudecken und
fünf Prozent, das entspricht an meinem Gymnasium in Vilsbiburg
etwa 70 Stunden oder drei zusätzlichen Lehrerplanstellen, um
Förderkurse einzurichten. Zwei Drittel für schwächere
Schüler, ein Drittel für die Förderung von
Spitzenschülern. Meine Prognose: So könnte man die
Durchfallerquote halbieren.
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