DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

  Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 28. April 2004

SITZENBLEIBEN / Jedes Jahr verpassen zirka 200 000 Jugendliche das Klassenziel

Angst vor der Ehrenrunde

Die Alternative zwischen Durchfallen und dessen Abschaffen ist falsch. Es gibt keine einfachen Regeln dafür, wann eine Versetzung richtig ist.

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Man nennt sie „Durchfaller“, „Sitzenbleiber“ oder „Wiederholer“. Gemeint sind Schüler, die ein Schuljahr oder eine Abschlussprüfung nicht erfolgreich absolvieren. Doch nicht jeder Durchfaller beziehungsweise Sitzenbleiber ist ein Wiederholer, dreht also eine „Ehrenrunde“. Viele erreichen zwar das Klassenziel an einer bestimmten Schulform nicht, wechseln aber ohne Ehrenrunde an eine andere. Etliche Schüler, die die 7. oder 8. Klasse der Realschule nicht bestehen, gehen ohne Zeitverlust an die Hauptschule. Andere wechseln vom Gymnasium zur Realschule.

Für viele Generationen waren Sitzenbleiber wie selbstverständlich Teil schulischer Realität. Dann, in den siebziger Jahren, wurden sie zum Streitthema. Mit der Gesamtschule wurde damals eine Schulform erfunden, in der es nach dem Vorbild alternativer Schulen keine Ehrenrunden mehr geben sollte. Es folgten Jahre, in denen es wieder ruhiger um die Sitzenbleiber wurde, bis die Pisa-Studien die schulpolitische Debatte anheizten. Gerade in Landtagswahlkämpfen wird die Einheitsschule ohne Sitzenbleiben zum Streitthema.

Überhitzt muten die Diagnosen an. Dieses Versagen von Schülern sei ein Versagen des ganzen deutschen Schulsystems, das „Absteiger“ geradezu produziere. Besonders Beflissene instrumentalisieren sogar Gewaltvorfälle – etwa das Massaker vom 26. April 2002 in Erfurt – für ihre Forderung, das Sitzenbleiben abzuschaffen. Zumindest aber wird behauptet, dass es nichts bringe, eine Klasse zu wiederholen.

Trotz so viel Herzblut ist etwas mehr Realitätssinn nötig. Die Fakten geben jedenfalls keine schulpolitische Generaldebatte her. Das gilt bereits für die Zahlen: Alarmisten sprechen von 200 000 Schülern pro Jahr, die durchrasseln. Das ist eine stolze Zahl. Sie relativiert sich aber erheblich, wenn man berücksichtigt, dass ein gutes Drittel dieser Schülerinnen und Schüler an eine andere Schulform wechselt, ohne die Jahrgangsstufe zu wiederholen. Die Zahl relativiert sich auch dann, wenn man sie in Beziehung zur Gesamtschülerschaft in Deutschland setzt: 200 000 von zwölf Millionen Schülerinnen und Schülern sind 1,7 Prozent.

Meist erwischt es Jungen

Übrigens bildet auch diese Prozentzahl die Wirklichkeit nur ungenau ab, denn der Prozentsatz an Sitzenbleibern ist je nach Altersstufe, Schulform und Geschlecht sehr unterschiedlich. Sehr gering ist die Wiederholerquote in den Grund-, Haupt- und Gesamtschulen; ebenfalls sehr gering ist sie bei Mädchen der untersten und der obersten Klassen der Realschulen und Gymnasien.

Der statistisch typische Durchfaller-Homunkulus ist der pubertierende Realschüler und Gymnasiast. Etwa jeden zwölften bis fünfzehnten „erwischt“ es einmal in den Klassen sieben, acht oder neun – und zwar keineswegs nur aus der Schicht der sozial Benachteiligten.

Aber helfen solche Zahlenspiele weiter? Nein. Denn ginge es nur um Zahlen, dann könnten sich die Deutschen etwa im Vergleich mit ihren westlichen Nachbarn, den Franzosen, ruhig zurücklehnen. In Frankreich nämlich drehen etwa zwei Drittel aller Schüler irgendwann eine Ehrenrunde. Die Durchfallerstatistik taugt auch nicht für die Berechnung von Einspareffekten, die man hätte, wenn es keine Sitzenbleiber gäbe. Es mag ja sein, dass der Durchschnittsschüler pro Jahr etwa 4500 Euro kostet, man laut Milchmädchenrechnung also pro Wiederholerjahr ebendiesen Betrag sparen könnte. Aber das stimmt bei vielen gymnasialen Sitzenbleibern schon deshalb nicht, weil sie über kurz oder lang in einem nach Jahren erheblich kürzeren Bildungsgang landen.

Wenn man das Thema wirklich von der Kostenseite her aufziehen möchte, dann müsste die Konsequenz heißen: Man spare in jedem Bildungsgang für jeden Schüler ein Jahr ein, dann blieben uns deutschlandweit pro Jahr vier Milliarden übrig.

Lassen wir diese Spekulationen. Viel wichtiger ist eine Analyse der Gründe für das Sitzenbleiben. Vier Typen lassen sich erkennen. Jeder hat eine eigene Lern- und Schulgeschichte; und für jeden dieser Typen stellt sich die Frage nach dem Für und Wider des Wiederholens einer Klasse anders.

Typ 1 sind die für die jeweilige Schulform geeigneten Schüler, die sich vorübergehend oder dauerhaft nicht recht anstrengen mögen. Nennen wir sie „die Fähigen, aber allzu Coolen“. Sie könnten, aber wollen nicht. Die Gründe dafür sind weder psycho- noch familientherapeutisch relevant. Diesen Schülern (überwiegend männlich) ist die Schule eine Zeitlang schnuppe, alles andere – von den Medien bis zum anderen Geschlecht – ist wichtiger. Sie erleben das Durchfallen nicht als narzisstische Kränkung; eher ist es eine sportliche Niederlage, weil man cool sein und auf den letzten Drücker das Ruder noch herumreißen wollte, man sich aber in der Notenarithmetik vertan hatte. Sorge machen diese Schüler nicht, solange das Durchfallen die Alarmglocken schrillen lässt und im Wiederholungsjahr genug getan wird, die Lücken zu schließen.

Die Durchfallerquote dieses Typs zu reduzieren dürfte schwer sein: Ihm helfen keine liberalen Regeln, weil er diese für sich dann noch weiter ausdehnt; es hilft ihm auch kein Schulwechsel an eine andere Schulform, weil er sich dort womöglich noch mehr ausruht; und es helfen ihm auch keine zusätzlichen Förderkurse, weil er in diese cool wie eh und je startet. Helfen kann hier allenfalls eine vereinte Überzeugungsarbeit von Schule und Elternhaus. Oder eben die Klugheit, die aus Erfahrung kommt.

Typ 2 sind die ebenfalls für die jeweilige Schulform geeigneten Schüler, die vorübergehend nicht so recht auf einen grünen Zweig kommen. Nennen wir sie „die Fähigen, aber Blockierten“. Sie könnten, möchten auch, aber psychische oder gesundheitliche Probleme, besondere Lebensumstände – etwa die Scheidung der Eltern, der Tod eines Familienmitglieds, ein Umzug zwischen zwei Bundesländern – hindern sie daran, in der Schule besser zu sein. Diese Schüler empfinden Sitzenbleiben oft als ungerechte Niederlage. Die Schule kann ihnen das Vorrücken auf Probe zugestehen, falls die Noten nicht in mehreren Kernfächern zu schlecht sind. Sie sollte ihnen dann mit zusätzlichen Kursen helfen, wieder Anschluss an den Klassenstand zu bekommen.

Typ 3 sind die in ihrer Entwicklung verzögerten jungen Menschen, die durchaus fähig sind, eine bestimmte Schullaufbahn einzuschlagen, aber noch ein wenig Zeit brauchen. Nennen wir sie „die Spätstarter“. Die Schule wird Schülern dieser Kategorie, falls sie sitzen bleiben, das Wiederholen einer Klasse empfehlen, nicht aber den Wechsel an eine andere Schulform. Wenn ein Kind die Klasse nur knapp besteht, wird man im Einzelfall sogar das freiwillige Wiederholen nahe legen. Im Wiederholen liegt für sie eine Chance. Dagegen bringt ein Hinaufpuschen in die nächste Klasse wenig, denn die Rückstände kumulieren dann.

Typ 4 sind die für eine bestimmte Schullaufbahn ungeeigneten Schüler. Sie strengen sich an, doch der Erfolg bleibt aus. Nennen wir sie „die Überforderten“. Sie haben mehrere Fünfen und Sechsen in zentralen Fächern. Ihnen helfen keine noch so liberalen Versetzungsbestimmungen, auch keine noch so gut gemeinten Förderkurse. Ihnen hilft in den seltensten Fällen ein Wiederholen, weil die Schulprobleme spätestens nach einem Jahr wieder auftreten. Solche Schüler sind am besten aufgehoben an einer Schulform, die weniger Fremdsprachen oder eine weniger abstrakte Mathematik und Physik verlangt. In der richtigen Schulform verbessern sie ihre Noten oft um zwei bis drei Stufen.

Förderstunden fehlen

Angesichts der vier Sitzenbleiber-Typen wird klar, dass es nicht um die Alternative Durchfallen oder dessen radikale Abschaffung gehen kann. Sondern es geht darum, im konkreten Einzelfall zu klären, ob eine Klassenwiederholung hilfreich ist oder nicht. Es geht darum, inwieweit liberalere Versetzungsbestimmungen sinnvoll sind. Zweifellos könnten die Spielräume für die Schulen ausgeweitet werden, dass sie unter bestimmten Bedingungen Nachprüfungen zum möglichen Vorrücken in die nächste Klasse ansetzen oder Kinder auf Probe vorrücken lassen.

Im Kern geht es um die Frage, wie eine drohende Klassenwiederholung im Vorfeld aufgefangen werden kann. Dazu gehört auf jeden Fall eine intensivere Beratung der Schüler und Eltern, sobald erstmals Leistungsprobleme auftreten. Dazu gehört aber auch die intensive Beratung bei der Wahl der Schullaufbahn. Darüber hinaus könnten die Schulen viel Gutes tun, wenn sie einen Stunden-Pool zusätzlich zu ihren regulären Stunden bekämen, um in dieser Zeit schwächere Schüler gezielt zu fördern.

Die Durchfallerquote lässt sich senken, vermutlich halbieren, wenn alle Hilfen und Ratschläge genutzt beziehungsweise umgesetzt würden. Darüber hinaus muss klar sein, dass ein Sitzenbleiben kein Stigma ist. Es gibt Beispiele genug, dass man es damit in höchste Ränge der Politik, Wirtschaft und sogar Wissenschaft bringen kann. Auch unterhalb dieser Promi-Schwelle kann das Wiederholen einer Klasse etwas bringen: Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat kürzlich in einer Untersuchung von 2500 ehemaligen Schülern der Geburtsjahrgänge 1961 bis 1973 festgestellt, dass die meisten Schüler von einer Ehrenrunde profitieren.



© 2005 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24  DL-Home Seitenanfang