DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus dem FOCUS vom 6. August 2001

Gegen die Abschaffung des Sitzenbleibens

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Die Abschaffung des Sitzenbleibens bringt weder pädagogisch noch finanziell etwas. Diese Idee ist vielmehr ein schulpolitischer Ladenhüter von Leuten, die angeblich das Risiko des Scheiterns ausschließen möchten, tatsächlich aber auf kaltem Weg den Grundsatz der Eignung abschaffen, jedem das Abitur ermöglichen und das Schulwesen vereinheitlichen wollen. Das Wiederholen einer Klasse hat einen guten pädagogischen Grund. Deshalb hilft man Schülern nicht, wenn man sie trotz kumulierter Wissensdefizite in den nächsten Jahrgang boxt. Ein Wiederholungsjahr ist vielmehr Chance zum Neuanfang und zur Stabilisierung - oder für Eltern Anlass zu überlegen, ob das Kind überhaupt die richtige Schullaufbahn eingeschlagen hat. Es ist zudem eine Milchmädchenrechnung zu glauben, mit der Abschaffung des Sitzenbleibens könnten Personal und Gelder für schulische Fördermaßnahmen freigesetzt werden. Die Tatsache, dass Schüler eine Klasse wiederholen, bedeutet nicht automatisch, dass mehr Klassen geschaffen werden müssen und dazu mehr Lehrer gebraucht werden. Die betriebswirtschaftliche Betrachtung einer solchen pädagogischen Frage ist grundsätzlich ein Unding. Überhaupt darf man das Sitzenbleiben in seinem Ausmaß nicht dramatisieren. Von den zwölf Millionen Schülern in Deutschland drehen pro Jahr rund 250.000 eine "Ehrenrunde". Das sind zweieinhalb Prozent Sitzenbleiber, in manchen Schulformen bzw. in manchen Jahrgangsstufen weniger oder mehr. Ein Katastrophengeschrei ist allein schon deshalb nicht angebracht. 


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