Sisyphos – das ist bekanntermaßen ein Held der griechischen
Mythologie. Wir kennen ihn als rastlosen Seefahrer,
als listigen Herrscher von Korinth,
ja, so will es manche Sagenversion, als unehelichen
Vater des nicht minder listenreichen Odysseus. Vor allem aber kennen wir
Sisyphos als gerissenen und zugleich tragischen Helden.
Sympathischerweise hatte er den Todesgott Thanatos für ein
paar Tage zu fesseln gewusst, so dass während dieser Zeit niemand mehr sterben
musste. Da die Götterwelt solche menschliche List aber nicht dulden mochte,
wurde Sisyphos in die Unterwelt
verdonnert. Von dort entkam er mit einem Trick – allerdings nur vorübergehend.
Seine zweite Einweisung in den Hades
ist dann mit einer heftigen Strafe verbunden, die Sisyphos als Unterweltler und
als Mythos unsterblich macht: Er muss einen riesigen Felsblock einen steilen
Berg hinaufwälzen. Hat er ihn keuchend endlich zum Gipfel gebracht, rollt der
Brocken unaufhaltsam wieder hinab in die Tiefe und die Plackerei beginnt von
neuem.
So oder so ähnlich sehen sich heutzutage Tausende von Lehrerinnen und Lehrern: Ihr Jahres-
und ihr Tagesgeschäft beginnt immer wieder von vorne. Wenn sie eine
Abschlussklasse mit mehr oder weniger Erfolg ins sogenannte Leben entlassen
haben, kommt ein neuer, womöglich noch schwieriger Jahrgang.
Das ist der Lauf der Welt, das ist auch das Bereichernde am Lehrerberuf. Mancher
Lehrer mag sich das nicht gerne bewusst machen, denn womöglich erinnert das
ständige Kommen und Gehen von Jahrgängen mehr als in fast allen anderen Berufen
an die Endlichkeit der eigenen beruflichen Vita.
Zum wahrhaft Felsen bzw. Probleme wälzenden Sisyphos aber werden
Lehrer,
- wenn sie Zeit, Engagement und Energie in Klassen oder Einzelschüler
investieren, dies aber mangels Motivation der Schüler- und/oder Elternschaft
keinerlei Spuren hinterlässt und
- wenn solchermaßen das Hickhack am nächsten Tag von vorne
beginnen muss.
Natürlich ist ein solcher Dienst am Gemeinwesen bzw. an der
nachwachsenden Generation nicht zu verwechseln mit dem Abbüßen einer Strafe in der Unterwelt. Aber
schulische Pädagogik wird doch oft genug zum nervtötenden Bohren verdammt dicker Bretter. Es gehört manchmal viel
pädagogisches Ethos und viel
pädagogisch-konstruktive Dickschädeligkeit
dazu, ein solches dickes Brett zu bohren bzw. einen solchen dicken Stein immer
neu anzupacken.
Die meisten Lehrer tun dies gern und selbstverständlich. Sie
wissen, dass auch einem Arzt oder einem Bauarbeiter oder einer Bankangestellten
nicht immer alles Berufliche Spaß und Freude bereitet.
Aber die Öffentlichkeit, genauer gesagt: die öffentliche
bzw. die veröffentlichte Meinung, hat ein oft genug verzerrtes oder zumindest
einseitiges Bild vom Lehrerberuf.
Das müsste eigentlich nicht sein, denn mit dem Lehrerberuf hat man allein schon
aufgrund der Zahl seiner Vertreter eigentlich immer oder zumindest längere
Phasen zu tun – üblicherweise sogar regelmäßiger und direkter als mit anderen
Berufen: Weniger oder zumindest nicht direkt und nicht alltäglich hat man zu
tun mit den deutschlandweit
-
150.000 Publizisten und Journalisten,
-
unseren 200.000 Juristen
-
den gut 500.000 Ärzten und Apothekern,
- den 650.000 Ingenieuren und fast 400.000 Diplomkaufleuten.
Von der Regelmäßigkeit der Kontakte mit unseren etwa 30.000
deutschen Pfarrern beider großen Kirchen wollen wir gar nicht reden, haben
diese doch immer weniger Kundschaft. Und den Kontakt mit unseren etwa 10.000
berufsmäßigen Politikern in Deutschland halten viele Menschen ohnehin für
überflüssig.
Lehrer gibt es aber 800.000
in Deutschland. Daran kommt man nicht vorbei, diese 800.000 sind
Alltagserfahrung. Das bedeutet: Für schätzungsweise 40 Millionen Schüler,
Schüler-Eltern und Schüler-Großeltern in diesem Lande spielen Lehrer tagtäglich
eine mehr oder weniger wichtige Rolle. Denn: Diese 800.000 Lehrer in
Deutschland unterrichten an 42.000 Schulen 12 Millionen Schüler; pro Tag ergibt
das gut 3 Millionen, pro Jahr fast 600 Millionen Unterrichtsstunden und an die
1,5 Milliarden Einzel- und Zeugnis-Noten.
Allein damit erklärt sich recht gut, dass das Verhältnis der
breiten Bevölkerung zum Berufsstand der Lehrer gar kein anderes als ein zwiespältiges sein kann. Ohne diese Ambivalenz geht es – realistisch
betrachtet – nicht. Schließlich können 800.000 Lehrer in Deutschland nicht alle
pädagogische Heilige und Helden zugleich sein. Und jedem halbwegs kritischen
Schulleiter fallen sofort zwei oder drei oder vier Namen ein, wenn ihm eine Zauberfee anböte, er könne ein paar seiner
Lehrer auf den Mond befördern.
Aber insgesamt ist der Anteil der Heiligen und Helden hier und dort der Anteil Nieten und Bremser im
Lehrerberuf gewiss nicht größer oder kleiner als in anderen Berufen. So ist nun
einmal das Leben. Der Unterschied ist nur: In anderen Berufen fällt es nicht so
flächendeckend auf, wenn einer kein Vorbild ist oder einen miserablen Tag hat.
Ein Lehrer aber, ein Musik- oder Kunstlehrer etwa, der pro
Woche 28 Stunden in bis zu 15 verschiedenen Klassen an die 400 verschiedene
junge Menschen unterrichtet, multipliziert seine Leistung oder auch seine
Durchhänger wöchentlich bis zu 400mal. Will sagen: Es gibt kaum einen Beruf,
der in einem so hohen Maße öffentlichen Charakter hat. Manch parlamentarischer
Hinterbänkler wäre froh darüber, er würde wöchentlich – auf welchem Wege auch
immer – 400 Menschen samt deren Familien erreichen.
Diese Zwiespältigkeit, mit der man dem Lehrerstand begegnet,
erweist sich übrigens auch in der Meinungsforschung:
-
Einerseits rangieren die Lehrer in den gängigen empirisch erfassten
Sympathieskalen meist weit hinten –
oft nur knapp vor Journalisten und Politikern.
-
Andererseits liegen sie wieder ganz oben auf Platz zwei hinter
den Ärzten, wenn es um die Frage geht, zu welchen Berufen man in der
Bevölkerung am meisten Vertrauen hat
(oder haben muss).
-
Zugleich ergeben repräsentative Umfragen, dass man sich Lehrer
wieder etwas strenger wünscht und
dass man das Lehrerdasein heute angesichts einer veränderten Kindheit und
Jugend als verdammt schwierig einschätzt.
Meinungsumfragen, widersprüchliche Einzelerfahrungen sind
das eine. Der ganz konkrete Lehreralltag
ist das andere.
Gehen wir den Lehrerberuf also ganz realistisch an. Wir
werden feststellen, dass es den Lehrer, die Lehrerin schlechthin nicht gibt. Der Lehrer hier und die
Lehrerin dort haben oft weniger miteinander gemein als der Facharzt für
Dermatologie hier und der Facharzt für Kieferorthopädie dort, als der Ingenieur
für Luft- und Raumfahrttechnik hier und der Ingenieur für Holztechnik dort.
Welche Lehrer also haben wir, und was tun sie – rein
äußerlich betrachtet?
-
Da gibt es den Gymnasiallehrer
der Fächer Deutsch und Englisch, der pro Woche in sieben verschiedenen Klassen
und in 25 Unterrichtsstunden über 220 Schüler – vom Elf- bis zum
Zwanzigjährigen – unterrichtet und nebenher pro Schuljahr rund 1000
Arbeitsstunden aufbringt, um mehr als zweitausend Aufsätze, Diktate, Testate zu
korrigieren und zu bewerten.
-
Da gibt es den Hauptschullehrer,
der in seiner Stammklasse Schüler aus zwanzig verschiedenen Ethnien mit
entsprechend heterogenen sprachlichen Fertigkeiten und entsprechend disparaten
familiären Hintergründen unterrichten, betreuen und für den Lehrstellenmarkt
vermittelbar machen möchte.
-
Da gibt es die Lehrerin der Fächer Chemie und Biologie, die an
ihrer Realschule so manchen Abend und so manches Wochenende in ihrer Realschule verbringt, um die
anstehenden Schülerexperimente vorzubereiten.
-
Da gibt es die teilzeitbeschäftigte Grundschullehrerin, die es bei einem Elternabend mit einer
Elternschaft vom kurdischen Vater bis zur Arztgattin zu tun hat.
-
Da gibt es den Leiter
eines beruflichen Schulzentrums mit 4.000 Schülern, 200 Lehrern, 50
verschiedenen Ausbildungsberufen und allen Schulabschlüssen vom nachgeholten
Hauptschulabschluss bis zur Allgemeinen Hochschulreife.
-
Da gibt es zugleich die Lehrerin,
die während ihrer Elternzeit mit vier Wochenstunden eine Englischklasse
übernommen hat, dementsprechend selten in der Schule ist, aber ihrer Schule
trotz zweier eigener Kleinkinder aus der Patsche personeller Engpässe hilft.
Für sich sind dies alles kalkulierbare Umstände und
Herausforderungen, die Lehrerinnen und Lehrer üblicherweise mit einer gesunden
Mischung aus Routine und Flexibilität
packen. Langweilig wird es im Geschäft mit jungen Leuten jedenfalls nie.
Trotzdem gibt es auch für Lehrer Belastungen und auch „Aufreger“,
die mit noch so viel Routine nicht von einer Minute auf die andere weggesteckt
werden können. Vier mit ganz unterschiedlichen Hintergründen will ich allgemein
oder auch anekdotisch skizzieren.
Aufreger Nummer 1
Schier inflationär werden spätestens seit PISA schlaue
programmatische Schriften zur Schule im 21. Jahrhundert aufgelegt. In diesen
Schriften gibt es offenbar ausschließlich motivierte und kluge Schüler. Solchen
Visionen stehen allerdings Realitäten
gegenüber, die keine Raritäten sind:
-
Zehnjährige, die morgens mit nichts außer Cola im Bauch in die
Schule kommen;
-
Zwölfjährige, die wöchentlich fünfmal die Hausaufgabe „vergessen“;
-
Vierzehnjährige, die keinen Werktag vor Mitternacht zu Hause
sind;
-
Sechzehnjährige, die zur Finanzierung von Handy und Designerjacke
mehr Zeit beim Jobben an der Tankstelle verbringen als am häuslichen
Schreibtisch;
-
Achtzehnjährige, die ihre Volljährigkeit dazu nutzen, sich pro
Quartal per eigene Unterschrift an die sechzig Freistunden zu gönnen;
Aufreger Nummer 2
An den Nerv geht vor allem eine in Teilen immer
gewaltbereiter und schusseliger gewordene Schülerschaft.
Allerdings ist nicht jede der 42.000 Schulen in Deutschland eine Berliner Rütli-Schule,
die ja im Frühjahr 2006 bundesweit Schlagzeilen machte, als die Lehrer diese
Schule für nicht mehr führbar erklärten. Tatsächlich aber hat die Gewaltbereitschaft unter jungen Leuten
zugenommen. Das nagt an vielen Lehrern, auch wenn man verdrängt hat, dass in
Deutschlands Schulen seit 1999 zwanzig Lehrer gewaltsam ums Leben gekommen
sind. Tagtäglich aber erleben Lehrer, dass - so die Forschung - zehn Prozent
der Jungen und drei Prozent der Mädchen – bei steigender Tendenz – als
gewaltbereit gelten müssen. Die Gewalttätigkeit hat quantitativ zugenommen, und
sie hat sich qualitativ verändert. Will sagen: Es wird heutzutage häufiger
zugeschlagen, und es geht brutaler zu.
Neue, medial verfügbare Möglichkeiten der Gewalttätigkeit
kommen hinzu. Lehrer kommen dabei zwar nicht körperlich zu Schaden, aber sie
werden im World Wide Web schlicht und einfach brutal gemobbt, zum Beispiel indem man sie in pornographische Fotos oder
Filme hineinmontiert oder im Bild ihre Hinrichtung inszeniert. Nicht in diesem
Maße brutal, aber zumindest gewöhnungsbedürftig ist es, wenn Lehrer von ein
paar Schülern - gerichtlich genehmigt - im Internet Zeugnisse ausgestellt
bekommen – bis vor kurzem auch in den Kategorie „Ist sexy“. Das ist ärgerlich,
es ist aber gleichwohl nicht die Masse der Schüler, die solchen Schrott
produziert.
Aber all dies zeigt doch etwas auf, was der berühmte
Pädagoge und Psychologe Eduard Spranger
bereits in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts monierte.
Spranger
kritisierte damals, dass die hauptsächliche Ursache
negativer Prägungen unserer Kinder und Jugendlichen "die innere
Unwahrhaftigkeit der Gesellschaft ist, nämlich da erziehen zu sollen, wo echte
Erziehungsresultate eigentlich nicht gewollt, zumindest nicht geschätzt
werden."
Wie recht Spranger doch gerade auch im Blick auf heute hat! Man denke nur an
den Schrott, den uns diese Gesellschaft medial zumutet, den wir zugleich als
Ausdruck von Informationsvielfalt, Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit akzeptieren
sollen, gegen den wir aber zugleich in Elternhaus und Schule erziehen sollen!
Aufreger Nummer 3
Wieder ein anderes Szenario spielt sich ab, wenn ein Elternpaar beim Elternsprechtag eine
einzelne Lehrkraft 40 Minuten wegen der Note 3 in einer Stegreifaufgabe mit
Vorwürfen überhäuft, während vor der Tür bereits fünf oder acht andere Eltern
wegen anderer, harmloserer Anliegen warten; wenn diese Eltern dann unzufrieden
nach Hause gehen und am Tag darauf einen rechtsanwaltlich ausgewiesenen Widerspruch
gegen diese Drei in die Schule faxen.
Überhaupt kommt es immer häufiger vor, dass Eltern so tun, als sei ein Lehrer das
einzige Hindernis für ein Kind auf dem Weg zum Abitur und als sei das Abitur
des eigenen Kindes die selbstverständliche Bringschuld von Schule und
Lehrerschaft.
Und noch mehr nervt es, wenn sich Eltern gelegentlich
schlechter als ihre Kinder zu benehmen wissen.
So richtig zum Kochen kommt die Lehrerseele, wenn Eltern die
Schule in der vorletzten Woche der Sommerferien gleich dreimal besetzen, weil
ihre Tochter im nachfolgenden Schuljahr wegen einer anderen Folge ihrer Fremdsprachenwahl nicht mit der
Freundin in einer Klasse zusammen sein kann.
Getoppt wird dieses Anliegen dann nur noch, wenn Eltern ihre
Kinder auf dem schulischen Anrufbeantworter für die ersten drei Tage nach den
Osterferien krankmelden, diese
Kinder dann am vierten Tag gebräunt und quietschfidel wieder auftauchen und
längst alle Klassenkameraden wissen, dass hier offenbar ein Flug in die Karibik
um ein paar hundert Euro billiger war, weil man ja außerhalb der Ferienzeiten
gebucht hatte.
Überhaupt die Eltern:
Im Gros sind sie gewiss kooperativ, einsichtig und vernünftig. Eine pauschale
Schelte von Lehrern gegen Eltern geht insofern ebenso daneben wie eine
pauschale Schelte von Eltern gegen Lehrer. Aber tatsächlich versagen immer mehr
Eltern aus den unterschiedlichsten Gründen vor den eigenen Erziehungspflichten.
Sie versagen damit vor dem Gebot des Grundgesetzes, das da in Artikel 6 heißt:
„Pflege und Erziehung sind das vornehme Recht der Eltern und die zuvörderst
ihnen obliegende Pflicht“
Einem gewissen Anteil von Eltern ist es mittlerweile völlig egal, was in der Schule ihrer Kinder
los ist. Andere sind sich zu bequem, um ihren Kinder Vorgaben zu machen oder
ihnen wenigstens zuzuhören. Wieder andere resignieren
schlicht und einfach vor dem Einfluss von Mitschülern, Medien und Pop-Kultur.
Sie kommen dann durchaus schon mal in die Schule, um sich für die Erziehung zu
Hause Rat und Unterstützung zu holen. „Machen Sie meinem Kind doch bitte einmal
klar, dass es gefälligst sein Zimmer aufzuräumen hat.“ Oder: „Können Sie einmal
mit meinem Mann reden, damit er sich mit unserem vierzehnjährigen Sohn nicht
jedes Wochenende sieben oder acht Porno- und Hackfleisch-DVDs reinzieht?“ Das
sind zwei Bitten, die durchaus schon mancher Schulleiter und manche
Schulpsychologin zu hören bekam.
Dabei wird diese Art von Hilflosigkeit bzw.
Selbstentmündigung seitens der Gesellschaft und seitens des Staates sogar noch
gefördert. Der Schule werden nämlich immer mehr originär erzieherische Aufgaben
aufs Auge gedrückt. Bindestrich- und Segmenterziehungen nenne ich all das, was
Schule noch alles leisten und den Eltern abnehmen soll:
-
Medien-Erziehung,
-
Gesundheits-Erziehung,
-
Konsum-Erziehung,
-
Freizeit-Erziehung,
- Umwelt-Erziehung ….
Die Schule quasi als allmächtige pädagogische Feuerwehr und
als gesellschaftliche Reparaturanstalt? Wir sollten als kritische Staatsbürger
einmal nachdenken über diese fortschreitende Verstaatlichung von Erziehung!
Aufreger Nummer 4
Natürlich gibt es überforderte
Lehrer, und natürlich gibt es kranke
Lehrer. Alltagserkrankung und schwere Erkrankungen machen selbst vor diesem
Berufsstand nicht halt. Faktum ist
aber auch: Die Erkrankungsrate unter Lehrern liegt bei zwei bis drei Prozent,
das ist weniger als in der freien Wirtschaft. Diese zwei bis drei Prozent
fallen aber auf: Eine Klasse hat dann früher aus, oder es kommt ein klassen-
und fachfremder Lehrer hinein, oder die Klasse wird vorübergehend mit einer
anderen Klasse zusammengelegt.
In jeder Firma
werden im Fall von erkrankten Mitarbeitern Überstunden von den Kollegen geschoben,
Ersatzkräfte eingestellt oder die Liefer- und Fertigstellungsfristen gestreckt.
In der Schule ist
ein solcher Ausgleich kaum möglich, denn es gibt nahezu keine Vertretungsreserve;
eine Mehrarbeit der gesunden Kollegen scheitert oft daran, dass diese oft genug
allein schon vom Stundenplan her voll ausgelastet sind. Die Klassen und die
Kinder sind aber einfach da, und sie können nicht wie eine Steuerakte eines erkrankten
Finanzbeamten oder die Baupläne eines erkrankten Bauzeichners einfach mal ein
paar Tage liegen bleiben.
So richtig wütend werden Lehrer aber, wenn man sie seitens
der Politik, der Administration und der sog. Bildungswissenschaften im Stich lässt
oder gar in die Pfanne haut. Das geschieht immer häufiger, weil Politik,
Administration und Bildungswissenschaften meinen, sich im Monatstakt neu
profilieren und exhibitionieren zu müssen.
Dabei waren Politik, Administration und Bildungswissenschaften
seit Jahren nicht in der Lage und sind es bis heute nicht, trotz exakt
vorliegender Rahmendaten für genügend Lehrernachwuchs
zu sorgen oder wenigstens den Nachwuchsbedarf halbwegs differenziert zu berechnen.
Schier monatlich wird gleichwohl eine neue pädagogische Reform-Sau durch das Dorf getrieben:
wieder ein neuer Lehrplan, noch ein neues Projekt, wieder eine neue
Lernstandserhebung, noch eine Evaluation. Und obendrein zum Teil Vorgesetzte in
der Schule, im Schulamt, in der Bezirksregierung, in den Ministerien, die nicht
zu ihren Lehrern stehen!
Und wenn dann noch primitive Schelten von ganz oben kommen,
dann ist bei Lehrern die Schmerzgrenze überschritten. Das war in den letzten
Jahren gar nicht so selten der Fall. Amtierende
Ministerpräsidenten spielten da eine exponierte Rolle. Für Gerhard Schröder
waren Lehrer „faule Säcke“, für Günter Oettinger „faule Hunde“ und Kurt Beck
hat angeblich bereits am Dienstag so viel gearbeitet wie Lehrer in einer ganzen
Woche. So etwas kommt außerhalb Deutschlands nicht vor, denn dort werden
Politiker, die solche Stammtischparolen
vom Stapel lassen, nicht mehr gewählt.
In Deutschland aber wird der Lehrer auch noch pseudowissenschaftlich vermöbelt. Für
eine OECD sind Deutschlands Lehrer zu alt (wie wenn sie selbst etwas dafür
könnten und wie wenn ein Durchschnittsalter von 48 Jahren nicht völlig normal
wäre.) Es findet sich dann auch gewiss irgendein
Professor, der obendrein zu wissen
meint, Lehrer seien ihrem Job zu einem großen Anteil nicht gewachsen. Da fragt
man sich nur, was da schief gelaufen ist, schließlich hat derselbe Herr
Professor den Lehrernachwuchs über Jahrzehnte hinweg ausgebildet. Aber die
Frage, ob alle Pädagogikprofessoren ihrem Job in der Lehrerausbildung gewachsen
sind, wollen wir jetzt nicht stellen. Hintanstellen wollen wir auch die Frage,
was denn so verkehrt wäre an der Vorstellung, ein Pädagogik-Professor sollte
selbst einmal ein paar Jahre als Lehrer an einer Schule tätig gewesen sein.
Wie sollen Lehrer mit
all diesen Umständen und Urteilen umgehen?
Erstens sollten Lehrer – bei aller pädagogisch sonst gebotenen
Sensibilität – mehr an sich abprallen lassen und eine Empfehlung beherzigen,
die das Lexikon der Pädagogik des Herder-Verlages bereits im Jahr 1914
festgehalten hat. Dort heißt es: Die Erregung der Lehrer über die Zerrbilder
und Karikaturen zu ihrem Berufsstand sei „zwar verständlich, im Grund jedoch
sollte diese Erregung mit dem Gedanken besänftigt werden, dass Spott und Hohn
bei einem so hochstehenden Berufe in der allgemeinen Unvollkommenheit der
Menschen ihre Erklärung finden, und dass diesem Spott und Hohn deshalb am
besten mit vornehmer Ignorierung begegnet wird.“
Zweitens sollten Lehrer - siehe oben! - über den „Mythos des Sisyphos“ reflektieren. Der
französische Philosoph und Nobelpreisträger des Jahres 1957 für Literatur,
Albert Camus, hat exakt unter diesem Titel („Der Mythos des Sisyphos“) 1942
einen philosophischen Essay veröffentlicht. Der Untertitel dazu lautet: „Ein
Versuch über das Absurde“. Camus greift hier die existentielle Grunderfahrung des Absurden auf – nämlich die
Erfahrung der permanenten Konfrontation
von Geist und Faktizität, von Hoffnung und Wirklichkeit, von Intention und
Ergebnis. Aus diesen Diskrepanzen helfe, so Camus, nur eine Revolte der
leidenschaftlichen Selbstverwirklichung – eine Revolte, in der die absolute
Verneinung des Faktischen umschlägt in eine absolute Bejahung der gegebenen Welt.
In seinem kurzen Sisyphos-Text gewinnt Camus dem Sisyphos
als absurdem Helden deshalb auch viel Positives ab. Camus bewundert an Sisyphos
unter anderem dessen Verachtung der Götter und dessen leidenschaftlichen
Lebenswillen. Insofern ist es nicht so ganz überraschend, dass dieser Essay mit
dem Schlusssatz endet: „Wir müssen uns
Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“
Hier liegen zahlreiche Parallelen
zwischen Sisyphos und Lehrern auf der Hand (vier an der Zahl):
- die permanente Konfrontation auch im Lehrerberuf von Geist und
Faktizität, von Hoffnung und Wirklichkeit, von Intention und Ergebnis;
-
der auch im Lehrerberuf gelegentlich notwendige Widerstand
gegen vermeintliche bildungspolitische und erziehungswissenschaftliche Götter,
der Widerstand gegen den pädagogisch korrekten Mainstream der Test-Fetischisten
und Nützlichkeits-Fanatiker;
-
der leidenschaftliche Lebenswille, besser: Überlebenswille der
Lehrerschaft;
-
und die mit Blick auf die nachfolgende Generation
uneingeschränkt gebotene Bejahung der Welt durch die Lehrer.
So gesehen, können sich Lehrer durchaus als glückliche
Menschen sehen – als Menschen nämlich,
-
die wieder und wieder dieselben großen Aufgaben zu wälzen
haben und
- die dies mit pädagogischem Ethos und – falls nötig – mit pädagogischem
Trotz tun.
Diese Aufgaben können innovativer und zukunftsträchtiger
nicht sein, denn es geht um junge Menschen
und um das, was diese an Wissen und Können, an Identität und Haltung in die Zukunft der Generationen
hineintragen.
Das Kommen und Gehen von Jahrgängen von Schülern könnte von
Lehrern deshalb auch erlebt werden als Stolz
darauf, dass man qua Schülerschaft an die 60 und 70 Jahre in die Zukunft
hineinwirkt – nämlich über die ganze Spanne der langen, verbleibenden
Biographie der eigenen schulischen Zöglinge. Welcher Beruf kann das schon von
sich sagen?
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