Ganz so heftig wie in den
Jahren zuvor waren PISA-Deutschlands Konvulsionen diesmal nicht. Von einem
gelassenen Umgang mit PISA-Ergebnissen, wie man ihn in allen anderen Ländern
der Welt pflegt, kann aber noch lange nicht die Rede sein. Also gingen bereits
drei Tage vor dem jüngsten 18. November, also vor der Bekanntgabe der neuesten
Auswertung zu PISA 2006, publizistisch und politisch die Wogen hoch. Da wurde
spekuliert, interpretiert, prognostiziert, natürlich auch ideologisiert, dass
sich die Balken bogen. Und auch nach Vorliegen der Ergebnisse funktionierten
die seit der ersten PISA-Testung von 2000 eingespielten Reflexe: Zur Weltspitze
fehle den Deutschen immer noch ein großes Stück, schuld am schlechten
Abschneiden mancher Länder seien die Hauptschulen, die Finnen mit ihrer Gesamt-
und Gemeinschaftsschule seien uns eben haushoch überlegen, gute Bildung hänge
immer noch sehr vom Geldbeutel der Eltern ab usw.
"Getretner Quark wird breit
und nicht stark." An dieses Goethe-Wort fühlt man sich bei so viel Quatsch
erinnert. Da tut ein Blick in die Faktenlage not und gut. Worum ging es
diesmal? Es ging um die Studie PISA-E 2006 mit Schwerpunkt Naturwissenschaften.
Das E steht für Erweiterungsstudie. Das heißt: Die internationale PISA-Testung
(PISA = Programme für International Student Assessment) war – wie bereits 2000
(Schwerpunkt Lesen) und 2003 (Schwerpunkt Mathematik) – um eine innerdeutsche
Zusatzstudie ergänzt worden. Bei der international angelegten PISA-Studie waren
in Deutschland knapp 5.000 Schüler aus 230 Schulen getestet worden, für die
nationale PISA-E-Studie war die Stichprobe um 40.000 aus 1.300 Schulen
erweitert worden.
Zu den wichtigsten Ergebnissen:
Sachsen hat innerdeutsch in allen drei Testbereichen (Naturwissenschaften,
Lesen, Mathematik) mit Werten von 541 bzw. 512 bzw. 523 den ersten Platz
errungen. Bayern folgt in dichtem Abstand mit 533 bzw. 511 bzw. 522 Punkten.
Die dritten und vierten Plätze gingen an Baden-Württemberg und Thüringen.
Dieses Länder-Quartett hatte bereits bei zurückliegenden Testungen die vorderen
Plätze unter sich ausgemacht. Schlusslichter waren einmal mehr Hamburg und
Bremen.
Bleiben wir beim Schwerpunkt
Naturwissenschaften: Hier kamen 14 der 16 Bundesländer über den
OECD-Durchschnittswert von 500. Die Sachsen, die Bayern und die Thüringer
nehmen mit ihren Werten auch in der internationalen Tabelle Spitzenwerte ein.
Sie rangieren alle drei dicht hinter dem PISA-Sieger Finnland. Und: 14 der 16
deutschen Länder erreichen bzw. übertreffen das PISA-Ergebnis des seit
Jahrzehnten hochgerühmten Schweden.
Rekapituliert sei auch ein
Ergebnis, das aus PISA 2006 bereits seit Dezember 2007 bekannt ist, damals aber
aus durchsichtigen Gründen kaum kommuniziert wurde: Im Testbereich
Naturwissenschaften hatten die verschiedenen Schulformen in Deutschland nämlich
ein – erwartungsgemäß – sehr unterschiedliches Ergebnis erzielt. Die
Hauptschulen waren auf 431, die Gesamtschulen trotz luxuriöser
Personalausstattung auf 477, die Realschulen auf 525 und die Gymnasien auf 598
Punkte gekommen. Dem Gymnasium in Deutschland war damit – und dies ohne die
sonst üblichen großen Unterschiede zwischen den deutschen Ländern und trotz
unvermindert steigender Übertrittsquoten – erneut bestätigt worden, dass es die
erfolgreichste Schulform der Welt ist.
Unter dem Strich sind das
durchaus passable Ergebnisse. Die Zeiten, in denen Deutschland sich im
schulpolitischen Sündenstolz verkrampft zum absoluten PISA-Verlierer glaubte
schlechtrechnen zu können, müssten insofern vorbei sein und einem Minimum an
Rationalität Platz machen. Müssten! Denn manch journalistischem und politischem
Nörgler passen diese Ergebnisse nach wie vor nicht in den Kram. Während die
einen kaum verhohlen ihre Freude bekunden, dass die Bayern vom ersten Platz
verdrängt wurden, sehen andere alle noch so schönen Ergebnisse überlagert von
der angeblichen sozialen Ungerechtigkeit des deutschen Schulwesens. Wieder
andere sehen den Erfolg der Sachsen als Ergebnis einer in Sachsen nicht
vorhandenen Hauptschule und flugs wird nach dem Finnland-Mythos bereits an
einem neuen Mythos gestrickt, diesmal einem Sachsen-Mythos.
All dies entbehrt der
Grundlagen. Erstens sind die Bayern nicht abgestürzt, sondern
dicht hinter den
Sachsen. Dass die Bayern diesmal Zweiter wurden, ist vielleicht gar
nicht so
schlecht, denn sonst könnten sie sich womöglich noch mit
ihren jüngsten
schulpolitischen Fehlentscheidungen (siehe achtjähriges Gymnasium)
bestätigt
fühlen. Zweitens muss man – auch wenn es so mancher nicht
verstehen will – die soziale Durchlässigkeit eines Schulwesens
nicht mit PISA
messen. PISA testet schließlich Fünfzehnjährige und
setzt deren Testergebnisse
in Beziehung mit etwa zum schichtspezifischen Gymnasiastenanteil. Das
vermeintlich alarmierende Ergebnis dieses Verfahrens lautet:
Arbeiterkinder
sind unter Gymnasiasten unterrepräsentiert. Solche Aussagen sind
wissenschaftlich und statistisch aber völlig unzulässig. Denn
einen Zusammenhang
zwischen sozialer Schichtung und Schulniveau gibt es in allen
Ländern der Welt
– in manchen Ländern der Welt etwas stärker, in anderen
Ländern weniger stark
als in Deutschland. Vor allem aber: Fünfzehnjährige haben
ihre Bildungslaufbahn
noch lange nicht abgeschlossen. Sieht man nur die
Fünfzehnjährigen, so
vernachlässigt man völlig, dass von 100 Studienberechtigten
in Deutschland je
nach Land zwischen 43 und 50 Prozent diese Studierberechtigung nicht
über ein
Gymnasium erwerben – und das ohnehin erst nach dem 15. Lebensjahr und
zu
erheblichem Teil aus sog. bildungsferneren Schichten.
Auch besteht kein Anlass,
jetzt an einer Sachsen-Legende zu stricken und so zu tun, als sei Sachsen
deshalb Spitze, weil es keine Hauptschulen habe. Viel entscheidender ist hier,
dass die ostdeutschen Länder die naturwissenschaftlichen Fächer mit höheren
Stundenzahlen fahren, dass sie aufgrund des dramatischen Geburtenrückgangs mit
erheblich kleineren Klassen und mit Fördergruppen arbeiten können und in ihren
Klassen nur einen Bruchteil des Migrantenanteils westdeutscher Länder haben.
Unter Sachsens Schülern sind es 3,6 Prozent Migranten, in Baden-Württemberg ist
der entsprechende Anteil 26,8, in Bayern 18,4 und in NRW 24,9 Prozent. Das
schmälert den Erfolg der Sachsen keineswegs. Vor dem Hintergrund der sehr
unterschiedlichen schulischen Rahmenbedingungen aber hat die nordrhein-westfälische
Kultusministerin Barbara Sommer nicht so ganz unrecht, wenn sie einen Vergleich
der PISA-Ergebnisse ihres Bundeslandes (503 Punkte) mit den 541 sächsischen
Punkten für etwas ungerecht hält.
Nun, die Kultusminister
werden sich in den meisten Ländern für ein paar Tage freuen dürfen, aber dann
gilt es, wieder in die Niederungen zu steigen und konkret etwas für die Schulen
zu tun. An vorderster Stelle müssen dabei die Schaffung kleinerer Klassen, die
Einrichtung von Förderkursen für schwache und für hochbegabte Schüler sowie die
Bewältigung des Lehrermangels in Mathematik und in den naturwissenschaftlichen
Fächern stehen. Zugleich darf die PISA-Messerei nicht zum Selbstzweck werden.
Andernfalls droht uns ein verarmtes, erbärmliches Verständnis von Bildung.
„Bildung statt PISA“ sollte das Motto heißen. Bildung ist schließlich erheblich
mehr als das, was PISA misst. PISA hat nämlich überhaupt nichts zu tun mit
(fremd-)sprachlicher, literarischer, historischer, politischer, geographischer,
religionskundlicher, ethischer und ästhetischer Grundbildung. Wer also meint,
es komme nur noch auf PISA-Tabellen an, der degradiert Bildung zum Klonen von
Funktions-Fuzzis. Grundprinzip eines seit Jahrhunderten weltweit anerkannten
Bildungsverständnisses der Deutschen ist es aber, dass man in der Schule im
Interesse von Persönlichkeitsbildung und kultureller Bildung größten Wert eben
auch auf das Nicht-Messbare und Übernützliche legt. Also bitte: Nehmen wir
PISA-Ergebnisse als interessante Diagnose eines Ausschnitts des schulischen
Lerngeschehens, und gehen wir damit so gelassen um, wie es weltweit viele
vermeintliche PISA-Sieger und PISA-Verlierer tun.