Frank Capellan:Ende
vergangener Woche ließ eine Meldung aus Deutschlands Schulen
aufschrecken. Da zeigte sich die Präsidentin der
Kultusministerkonferenz, die Sozialdemokratin Ute Erdsiek-Rave, besorgt
über den Einfluss der Scientology-Sekte im Nachhilfebereich.
Offenbar baut nämlich die amerikanische Organisation ihr Netz von
Nachhilfeinstituten in Europa und eben auch in Deutschland aus. 30
solcher Einrichtungen sind hierzulande bekannt. Es soll aber eine hohe
Dunkelziffer geben. Am Telefon begrüße ich den
Präsidenten des
Lehrerverbandes. Guten Morgen, Herr Kraus!
Josef Kraus: Ich grüße Sie auch. Guten Morgen!
Capellan:
Müssen sich denn Eltern nun ernsthaft Sorgen machen, dass Scientologen
versuchen, über den Nachhilfeunterricht an Kinder und Jugendliche
heranzukommen?
Kraus: Man
muss wachsam bleiben, das ist ganz klar, und es ist nicht
ausgeschlossen, dass es hier wieder einen Schub an Sekten-Aktivitäten gibt. Aber es ist keine Alarmstimmung angesagt. Wenn
wir derzeit 30 solcher Organisationen haben, dann muss man
das in Relation setzen zu unserer gesamten Schulszene. Wir
haben in Deutschland 42.000 Schulen, und da sind 30 solcher
Einrichtungen, die man glaubt identifiziert zu haben, eine
verschwindend geringe Zahl.
Capellan:
Aber Sie haben dennoch festgestellt, dass die Scientologen
versuchen, dort im Nachhilfebereich auch in Deutschland verstärkt
Fuß zu fassen?
Kraus:
Das ist nicht ganz neu. Wir hatten solche Aktivitäten schon
Mitte der 80er Jahre. Bereits damals hat man über
Tarnorganisationen versucht, an junge Leute heranzukommen. Damals war
es eine Organisation
mit der Abkürzung ZIEL, Zentrum für individuelles und
effektives
Lernen. Es gab in den 80er und in den 90er Jahren, auch
nach dem Fall der Mauer und nach der Wiedervereinigung in den neuen
deutschen Ländern, zahlreiche Aktivitäten, um Eltern und
Lehrer hier seitens der Kirchen und des Staates aufzuklären.
Capellan:
Herr Kraus, Sie kennen das Sektenproblem. Sie haben lange Zeit auch als
Schulpsychologe gearbeitet. Welche Chance haben denn Eltern eigentlich
festzustellen, dass etwa mit dem Nachhilfelehrer irgendetwas nicht
stimmt, dass der offenbar eine besondere Mission hat?
Kraus:
Zum einen kann man Eltern nur empfehlen, keine zu langfristigen
Verträge einzugehen; zudem sollten sich Eltern vor allem das Lern-
und Begleitmaterial genau
anschauen. Solange es um reines schulisches Lernen, um die Vermittlung
oder
die Vertiefung von Stoff geht, wird das schwer erkennbar sein, aber
Sektenvertreter werden von Woche zu Woche und von Monat
zu Monat mehr auch sektenspezifische Inhalte und Ansprüche mit
einfließen lassen. Es gibt gewisse Verlagsnamen, an denen man
erkennen
kann, dass es sich vielleicht um Scientology handelt. Scientology hat
ja Verlage, etwa in Kopenhagen; wenn man hier aufgrund des
Verlagsnamens, des
Copyrightnamens Verdacht schöpft, dann sollte man sich an seine
eigene
Schule, zum Beispiel an den Beratungslehrer, oder an den
Sektenbeauftragten der Kirchen wenden, im Internet ein bißchen
herumrecherchieren, das
ist ja heute relativ einfach. Ich glaube, dann kommt man denen schon
auf die Schliche.
Capellan: Herr Kraus, was sind denn sektenspezifische Inhalte, von denen Sie gerade gesprochen haben? Was ist das zum Beispiel?
Kraus: Sektenspezifische Inhalte sind zum Beispiel, dass bestimmte
Lösungungen, Pauschallösungen angeboten werden, etwa für die Lösung aller Weltprobleme. Man spricht
unter Sektenexperten von einer diesseitigen
Religion, die
einen totalitären Anspruch erhebt und glaubt, für alle
Verhältnisse
Lösungen anbieten zu können.Wenn hier in Nachhilfe einseitige
weltanschauliche Elemente einfließen, dann sollte man
hellhörig werden,
wenn die Nachhilfe nichts mehr mit Schule, nichts mehr mit Schulstoff zu tun hat.
Capellan: Sie sind Leiter eines Gymnasiums. Was können denn die Schulen tun, was empfehlen Sie den Lehrerkollegen?
Kraus:
Die Lehrerkollegen kann ich nur bitten, sich, nachdem man das vor etwas
zehn, zwölf Jahren schon einmal intensiv getan hatte, über den
neuesten Stand der Sektenszene zu informieren. Wir haben in den
42.000 Schulen in Deutschland und quer durch alle 16
Bundesländer vor gut einem Jahrzehnt eine größere
Aufklärungskampagne gehabt. Dann ist das wieder etwas zurückgegangen, es war auch nicht mehr so notwendig. Die
Sektenaktivitäten sind ein bißchen eingeschlafen. Scientology
beispielsweise hat ja auch massive Rückschläge erlebt, durch
Gerichtsurteile, durch den Entzug der Gemeinnützigkeit. Wenn jetzt
wieder eine neue Initiative ansteht, dann kann ich den Schulen beziehungsweise den staatlichen Einrichtungen der
Lehrerfortbildung nur empfehlen, im engen Zusammenschluss mit den
Innenministerien, im engen Zusammenschluss mit den Sektenbeauftragten
der großen christlichen Kirchen neueste Informationen
herüberzubringen. Ich empfehle den Schulen zudem, sich beispielsweise im
Rahmen von pädagogischen Tagen mit diesen Sachverhalten zu
beschäftigen.
Capellan: Aber
können die Minister, die Ministerien, die Sie gerade angesprochen
haben, überhaupt irgendetwas ausrichten? Denn in der Regel
ist ja Nachhilfeunterricht privatwirtschaftlich organisiert. Welchen
Einfluss hat da die Politik?
Kraus:
Die Innenministerien beispielsweise haben ja den Auftrag,
Verfassungsschutz zu betreiben, und Scientology ist eine
verfassungsfeindliche Organisation. Die Ministerien beziehungsweise
der Staat hat ja dahingehend auch Konsequenzen gezogen, dass jeder, der
in den öffentlichen Dienst eintreten will, zum Beispiel als Lehrer,
schriftlich erklären muss, also quasi durch Eid erklären muss,
dass er keiner solchen verfassungsfeindlichen Organisation angehört.
Und die Beobachtung findet statt durch die Verfassungsschutzämter, also
insofern sind da schon Sachkompetenz und diagnostisches Vermögen vorhanden.
Capellan:
Josef Kraus ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Wir sprachen über
den wachsenden Einfluss von Scientologen auf den deutschen
Nachhilfeunterricht. Ich danke Ihnen, auf Wiederhören!