DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Deutschlandradio Kultur
Interview vom 10. Mai 2006


Lehrerverband warnt vor Nachhilfe durch Scientology


Kraus: Keine langfristigen Verträge unterschreiben!

Moderation: Frank Capellan

Der Deutsche Lehrerverband hat Eltern und Lehrer bei Nachhilfe-Instituten der Organisation Scientology zur Wachsamkeit aufgerufen. Eine "Alarmstimmung" sei allerdings nicht notwendig, sagte Verbandspräsident Josef Kraus. Die 30 bisher bekannten Einrichtungen seien im Vergleich zu den 42.000 Schulen in Deutschland eine "verschwindend geringe Zahl".

Frank Capellan:Ende vergangener Woche ließ eine Meldung aus Deutschlands Schulen aufschrecken. Da zeigte sich die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die Sozialdemokratin Ute Erdsiek-Rave, besorgt über den Einfluss der Scientology-Sekte im Nachhilfebereich. Offenbar baut nämlich die amerikanische Organisation ihr Netz von Nachhilfeinstituten in Europa und eben auch in Deutschland aus. 30 solcher Einrichtungen sind hierzulande bekannt. Es soll aber eine hohe Dunkelziffer geben. Am Telefon begrüße ich den Präsidenten des Lehrerverbandes. Guten Morgen, Herr Kraus!

Josef Kraus: Ich grüße Sie auch. Guten Morgen!

Capellan: Müssen sich denn Eltern nun ernsthaft Sorgen machen, dass Scientologen versuchen, über den Nachhilfeunterricht an Kinder und Jugendliche heranzukommen?

Kraus: Man muss wachsam bleiben, das ist ganz klar, und es ist nicht ausgeschlossen, dass es hier wieder einen Schub an Sekten-Aktivitäten gibt. Aber es ist keine Alarmstimmung angesagt. Wenn wir derzeit 30 solcher Organisationen haben, dann muss man das in Relation setzen zu unserer gesamten Schulszene. Wir haben in Deutschland 42.000 Schulen, und da sind 30 solcher Einrichtungen, die man glaubt identifiziert zu haben, eine verschwindend geringe Zahl.

Capellan: Aber Sie haben dennoch festgestellt, dass die Scientologen versuchen, dort im Nachhilfebereich auch in Deutschland verstärkt Fuß zu fassen?

Kraus: Das ist nicht ganz neu. Wir hatten solche Aktivitäten schon Mitte der 80er Jahre. Bereits damals hat man über Tarnorganisationen versucht, an junge Leute heranzukommen. Damals war es eine Organisation mit der Abkürzung ZIEL, Zentrum für individuelles und effektives Lernen. Es gab in den 80er und in den 90er Jahren, auch nach dem Fall der Mauer und nach der Wiedervereinigung in den neuen deutschen Ländern, zahlreiche Aktivitäten, um Eltern und Lehrer hier seitens der Kirchen und des Staates aufzuklären.

Capellan: Herr Kraus, Sie kennen das Sektenproblem. Sie haben lange Zeit auch als Schulpsychologe gearbeitet. Welche Chance haben denn Eltern eigentlich festzustellen, dass etwa mit dem Nachhilfelehrer irgendetwas nicht stimmt, dass der offenbar eine besondere Mission hat?

Kraus: Zum einen kann man Eltern nur empfehlen, keine zu langfristigen Verträge einzugehen; zudem sollten sich Eltern vor allem das Lern- und Begleitmaterial genau anschauen. Solange es um reines schulisches Lernen, um die Vermittlung oder die Vertiefung von Stoff geht, wird das schwer erkennbar sein, aber Sektenvertreter werden von Woche zu Woche und von Monat zu Monat mehr auch sektenspezifische Inhalte und Ansprüche mit einfließen lassen. Es gibt gewisse Verlagsnamen, an denen man erkennen kann, dass es sich vielleicht um Scientology handelt. Scientology hat ja Verlage, etwa in Kopenhagen; wenn man hier aufgrund des Verlagsnamens, des Copyrightnamens Verdacht schöpft, dann sollte man sich an seine eigene Schule, zum Beispiel an den Beratungslehrer, oder an den Sektenbeauftragten der Kirchen wenden, im Internet ein bißchen herumrecherchieren, das ist ja heute relativ einfach. Ich glaube, dann kommt man denen schon auf die Schliche.

Capellan: Herr Kraus, was sind denn sektenspezifische Inhalte, von denen Sie gerade gesprochen haben? Was ist das zum Beispiel?

Kraus: Sektenspezifische Inhalte sind zum Beispiel, dass bestimmte Lösungungen, Pauschallösungen angeboten werden, etwa für die Lösung aller Weltprobleme. Man spricht unter Sektenexperten von einer diesseitigen Religion, die einen totalitären Anspruch erhebt und glaubt, für alle Verhältnisse Lösungen anbieten zu können.Wenn hier in Nachhilfe einseitige weltanschauliche Elemente einfließen, dann sollte man hellhörig werden, wenn die Nachhilfe nichts mehr mit Schule, nichts mehr mit Schulstoff zu tun hat.

Capellan: Sie sind Leiter eines Gymnasiums. Was können denn die Schulen tun, was empfehlen Sie den Lehrerkollegen?

Kraus: Die Lehrerkollegen kann ich nur bitten, sich, nachdem man das vor etwas zehn, zwölf Jahren schon einmal intensiv getan hatte,  über den neuesten Stand der Sektenszene zu informieren. Wir haben in den 42.000 Schulen in Deutschland und quer durch alle 16 Bundesländer vor gut einem Jahrzehnt eine größere Aufklärungskampagne gehabt. Dann ist das wieder etwas zurückgegangen, es war auch nicht mehr so notwendig. Die Sektenaktivitäten sind ein bißchen eingeschlafen. Scientology beispielsweise hat ja auch massive Rückschläge erlebt, durch Gerichtsurteile, durch den Entzug der Gemeinnützigkeit. Wenn jetzt wieder eine neue Initiative ansteht, dann kann ich den Schulen beziehungsweise den staatlichen Einrichtungen der Lehrerfortbildung nur empfehlen, im engen Zusammenschluss mit den Innenministerien, im engen Zusammenschluss mit den Sektenbeauftragten der großen christlichen Kirchen neueste Informationen herüberzubringen. Ich empfehle den Schulen zudem, sich beispielsweise im Rahmen von pädagogischen Tagen mit diesen Sachverhalten zu beschäftigen.

Capellan: Aber können die Minister, die Ministerien, die Sie gerade angesprochen haben, überhaupt irgendetwas ausrichten? Denn in der Regel ist ja Nachhilfeunterricht privatwirtschaftlich organisiert. Welchen Einfluss hat da die Politik?

Kraus: Die Innenministerien
beispielsweise haben ja den Auftrag, Verfassungsschutz zu betreiben, und Scientology ist eine verfassungsfeindliche Organisation. Die Ministerien beziehungsweise der Staat hat ja dahingehend auch Konsequenzen gezogen, dass jeder, der in den öffentlichen Dienst eintreten will, zum Beispiel als Lehrer, schriftlich erklären muss, also quasi durch Eid erklären muss, dass er keiner solchen verfassungsfeindlichen Organisation angehört. Und die Beobachtung findet statt durch die Verfassungsschutzämter, also insofern sind da schon Sachkompetenz und diagnostisches Vermögen vorhanden.

Capellan: Josef Kraus ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Wir sprachen über den wachsenden Einfluss von Scientologen auf den deutschen Nachhilfeunterricht. Ich danke Ihnen, auf Wiederhören!


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