| DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) -
AKTUELL |
Aus der
FAZ vom 21. Januar 2010
Schulpolitik als offene Flanke der CDU
Die Volkspartei trägt zu ihrer eigenen Verwechselbarkeit bei und
lässt sich eine Gerechtigkeitsdebatte aufdrängen
Von Josef K r a u s
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
Was ist eigentlich das
schulpolitische Profil der CDU? Jahrzehntelang war diese Frage eindeutig zu
beantworten: Die CDU stand für ein begabungs- und leistungsorientiertes,
vielfältig gegliedertes Schulwesen, gegen Einheitsschule, gegen eine
verlängerte Grundschule, für eine stabile Hauptschule, für anspruchsvolle Abiturstandards,
gegen eine Inflation an Hochschulzugängen, für eindeutige Anforderungen beim
Zugang zum Gymnasium sowie für ein duales System der beruflichen Bildung. Heute ist die Frage nach der
schulpolitischen Ausrichtung der CDU nicht eindeutig zu beantworten.
Ist es blanke Geringschätzung dieses Politikfeldes oder
ängstliche Risikoabwägung, die die CDU-Schulpolitik immer
mehr zur Gefälligkeits- und
Beliebigkeitspolitik werden lässt? Vor allem hat sich in der CDU das Vorurteil festgesetzt, mit Schulpolitik könne man
zwar Wahlen verlieren, aber nicht gewinnen. Richtig ist, dass die Union (auch die CSU) in den letzten
Jahren wegen verkorkster Gymnasialreformen viele Prozente bei Stammwählern
eingebüßt hat - und übrigens mit der Verkürzung des Gymnasiums die
Gesamtschulen gestärkt hat, weil diese nun mit einem stressfreien, nach wie vor
13 Schuljahre währenden Weg zum Abitur werben können. Richtig ist, dass große
Teile der Wählerschaft für ihre 1,38 Kinder je Familie am liebsten das Abitur
haben möchten und dass jede Instanz, die in Gestalt von Leistungsanforderungen Hürden
aufbaut, gestraft wird. Falsch ist die Furcht vor dem schulpolitischen Risiko, weil sich harter
Widerstand gegen egalisierende Vorstellungen von Schule für die CDU noch immer
ausgezahlt hat. Die Hessen-CDU etwa hat sich mit eindeutiger schulpolitischer
Programmatik in dreieinhalb Jahrzehnten von der 27-Prozent-Partei bis zum Jahr
2004 zur Partei mit absoluter Mehrheit emporgearbeitet.
Das
Einknicken der CDU in
der Schulpolitik begann mit der PISA-Studie im Jahre 2002. Zwar wollten
sich zuvor schon CDU-Mitglieder wie Frau Süssmuth mit einer
Gesamtschule anfreunden, aber eine
Sozialdemokratisierung der CDU-Schulpolitik war zunächst nicht
angezeigt, hatte
die CDU doch in Hessen und im Saarland (jeweils 1999), in Hamburg
(2001), in Sachsen-Anhalt
(2002), in Niedersachsen (2003), in Nordrhein-Westfalen (2005)
und in Schleswig-Holstein
(2005) die Führung der jeweiligen Landesregierung von der SPD
übernommen. Auf
längere Sicht hätten sich die schulpolitischen Positionen
der Union stabilisieren können.
Nun
aber stiehlt sich die
CDU personell aus der Schulpolitik davon. In manchen unionsregierten
Ländern beugt sie sich schullpolitisch dem Diktat der kleineren
Koalitionspartner. Das Ergebnis: Zehn deutsche CDU-Länderchefs
haben in ihren
Kabinetten nur noch vier Schulminister, die der CDU angehören,
nämlich die
Regierungschefs von Baden-Württemberg, Niedersachsen,
Nordrhein-Westfalen und
Sachsen. All dies geschieht gut drei Jahre nach einer
Föderalismusreform, mit
der gerade die Union den 16 Ländern die ausschließliche
Hoheit in Schulfragen
zuwies. Damals, 2006, wäre es nicht denkbar gewesen, was es jetzt
unter
CDU-Kabinettschefs gibt: in Hamburg und im Saarland einen grünen
Schulminister
und eine grüne Schulsenatorin, in
Thüringen einen von der SPD sowie in Hessen und Schleswig-Holstein
je einen,
der der FDP angehört. Was dies allein für die Koordinierung
der Schulpolitik
der sog. B-Seite (der unionsgeführten Länder) in der
Kultusministerkonferenz
bedeutet, sei nur angedeutet. Jedenfalls stehen solche Personalia im
Kontrast
zur Politik, die die CDU-Vorsitzende Merkel angekündigt hat:
Bildungsgipfel im
Jahrestakt, Bundesrepublik wird Bildungsrepublik. Mit der CDU wohl
nicht.
In zwei Ländern macht die CDU-Führung gegen alle Ergebnisse empirischer
Forschung „grüne“, egalisierende Schulpolitik mit. Das Saarland schafft
die Hauptschule ab, verkürzt das Gymnasium um ein weiteres Jahr zum G7, und es
verlängert die Grundschule um zwei Jahre – um je ein Jahr in den Vorschulbereich
und in die weiterführenden Schulen hinein. Hamburg agiert noch krasser: Auch
hier wird die Hauptschule abgeschafft, die Grundschule wird von vier auf sechs
Jahre verlängert, das Gymnasium, das ohnehin schon die 13. Klasse eingebüßt
hatte, verliert die 5. und 6. Klasse und wird zum G6. Dass sich dagegen –
getragen von mehr als 180.000 Unterschriften - ein Bürgerbegehren etablierte
und nun ein Bürgerentscheid ansteht, zeigt vor allem eines: Bürgerliche Wähler,
also CDU-Stamm, inszenieren eine bürgerliche Revolte gegen eine CDU, die dem
GAL-Koalitionspartner die Forderung nach einem Ausbaggern der Elbe auf 14,5
Meter mit einem Zugeständnis an eine sechsjährige Grundschule abkaufte. Man
sagt – so hat es diese Zeitung kommentiert: Hamburg bekommt damit Elbvertiefung
plus Bildungsverflachung.
Eine weitere Entwicklung zeigt, dass die CDU in den Ländern schulpolitisch ins
Hintertreffen gerät: Schulpolitik wird zunehmend zum Feld der Kommunalpolitik.
Es sind immer mehr CDU-Bürgermeister, denen - so es diese noch gibt - die
Programmatik ihrer CDU-Landesfürsten egal ist und denen es nur darauf ankommt,
dass die eigene Kommune in Zeiten des Schülerrückgangs ihre Schulen behält.
Ganz pragmatisch darf es dann auch in einer CDU-geführten Kommune eine
Gesamtschule oder eine (teilintegrierte) Regionalschule sein. Hauptsache
scheint zu sein, man bringt - ohne Rücksicht auf das Schulprofil - genügend
Schüler zusammen.
Dass
es zu all diesen Entwicklungen kam, hat mit der CDU selbst zu tun. Sie
hat es versäumt, die PISA-Daten als Bestätigung ihrer eigenen
Schulpolitik zu nutzen. Immerhin wurde der deutschen Gesamtschule mit
PISA eine
durchschlagende Erfolglosigkeit attestiert. Stattdessen hat sich die
CDU
verrannt in die Argumentation, es komme
nicht auf die Schulstrukturen, sondern auf den Unterricht an.
Natürlich kommt es auch auf die Strukturen und damit auf die
Schülerkonstellationen
in einer Schule an. Alles andere entspringt einem Machbarkeitswahn, dem
Irrglauben, allein mit unterrichtlichen Tricks könnte man alle
Schüler zu
Höchstleistungen bringen. Es ist aber naiv zu meinen, zwölf
Millionen Schüler
in Deutschland warteten nur auf das Wahre, Schöne und Gute und nur
der
Unterricht sei schuld daran, wenn diese Erweckungserlebnisse nicht
gelingen.
Die CDU lässt sich zu sehr von denjenigen - etwa der OECD und von „Bildungsökonomen“
- treiben, die eine immer höhere Abiturientenquote fordern. Beim Abitur
verhalten sich Quantität und Qualität aber reziprok. Studierberechtigung heißt nicht
immer Studierbefähigung. Das Gerede um zu steigernde Studierquoten
diskreditiert im Übrigen die 70 Prozent der Bevölkerung, die in Beruf und
Gesellschaft ihren Mann und ihre Frau ohne Studium stehen. Faktum ist außerdem, dass
es etwa in der Schweiz, in Österreich oder in Bayern die niedrigsten
Studierquoten, aber auch die besten Wirtschaftsdaten gibt.
Die
CDU versäumt zu vermitteln, dass die entscheidende Voraussetzung
für Bildungserfolg die eigene Anstrengung ist. Sie versäumt
es auch, deutlich
zu machen, dass Chancen Möglichkeiten, aber keine Garantien sind
und dass der Staat
in der Bildung zwar eine Bringschuld, die Adressaten aber eine
Holschuld haben.
Dies gilt auch für Migranten. Vor allem scheinen sich die
Unionsparteien eine
einseitige Debatte über Bildungsgerechtigkeit aufdrängen zu
lassen. Sie merkent
offenbar nicht, wie dabei unter Missbrauch des Gerechtigkeitsbegriffs
einer
Egalisierung der Bildungsstrukturen das Wort geredet wird. Vor lauter
Pathos um sozialen Ausgleich durch Bildung könnte den
Unionsparteien die Förderung einer Leistungs- und
Verantwortungselite abhanden kommen.
Die Bildungsdebatte in
Deutschland zeichnet sich mehr und mehr durch inhaltliche
Leere
aus; Bildung wird auf verwertbare
Qualifikation reduziert. Die CDU ist nicht frei von diesem
"Gedanken-Gut“. Gerade
aber eine Reduktion von Bildung
auf das Messbare und
Marktgängige ist reduktionistisch. In
einer Kulturnation aber sollte es schon auch um kanonisches Wissen
gehen, nicht nur um hohle Methoden-, Sozial- und Handlungskompetenzen.
Die CDU muss
die Scheu ablegen, in der Bildung als konservativ zu gelten.
Konservativ zu sein heißt gerade hier:
am Bewährten festhalten, das Vorhandene behutsam weiterentwickeln,
aus der
Tradition des Bildungsidealismus heraus auf das Übernützliche
setzen, das
Leistungsprinzip hochhalten, um konkrete Inhalte ringen (eingeschlossen
Inhalte
einer zu vermittelnden Leitkultur). Vor allem aber ist eine
konservative
Haltung im Idealfall mit ausgeprägtem Skeptizismus gegenüber sozialpopulistischen
Heilsversprechen verbunden. Wenn sich die CDU nicht auf diese Grundsätze besinnt, wird
sie zum schulpolitischen Bauchladen. Wer für alles offen ist,
bietet offene Flanken. Viele Wähler stellen sich dann die Frage:
Warum soll ich das quasiprogressive Imitat CDU wählen,
wenn ich ein rotes, dunkelrotes oder grünes Original habe?
Bürgerliche
Stammwähler blieben am Wahltag zu Hause.
| © 2010 Deutscher
Lehrerverband (DL) - Burbacher
Straße 8 - 53129 Bonn - Tel.
(02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24 |
|
|