Schulen ohne Noten, vor allem
weiterführende Schulen ohne Noten – das ist naive Romantik, das ist
biedere Gefälligkeitspädagogik.
Festzuhalten ist: Das Gros der Schüler und
Eltern hat keinerlei Probleme mit Schulnoten. Und selbst Schüler mit
schwächeren Leistungen zeigen ihre Noten oft genug wie Trophäen herum.
Auch sehen die allermeisten Eltern in Noten ganz nüchtern nichts
anderes als eine transparente Bilanz dessen, was der eigene Sprössling
gerade geleistet oder eben nicht geleistet hat.
Vor allem sollte man nicht vergessen: Jede
einzelne Schulnote ist nicht nur blanke Ziffer, sondern dahinter
stecken oft genug endlos viele Korrekturzeichen und viele
Verbesserungsvorschläge, so dass daran der individuelle Förder- und
Nachholbedarf erkennbar wird. Nur werden aus solchen
Orientierungshilfen seitens der Schüler und deren Eltern nicht immer
Konsequenzen gezogen. Denn eigentlich dürfte es keinen Vater und keine
Mutter überraschen, was im Jahreszeugnis der Töchter und Söhne steht.
Man müsste nur ehrlich sein, sich kontinuierlich um die Schullaufbahn
des eigenen Nachwuchses kümmern und an seiner Leistungsentwicklung
Anteil nehmen. Schließlich gilt: Es gibt keine Bildungsoffensive ohne
Erziehungsoffensive.
Noten entfalten eine motivierende
Wirkung
Ansonsten entfalten Noten in aller Regel
eine motivierende Wirkung: Erfolgreiches Arbeiten wird damit im Sinne
eines "Weiter so!" bestärkt. Schwächere Schulnoten sind demgegenüber
eine mehr oder weniger massive, oft auch notwendige Aufforderung an
alle Beteiligten, über die zukünftig richtige Schullaufbahn und über
zukünftiges Lern- und Arbeitsverhalten nachzudenken. Hinter schlechten
Noten steckt nämlich neben Unaufmerksamkeit im Unterricht zumeist ein
gewachsenes Wissensdefizit, das sich bei Fortsetzung des bisherigen
Arbeitsverhaltens oder des bisherigen Bildungsweges weiter zu
vergrößern droht.
Zum Popanz werden Noten und in der Folge
Zeugnisse nur, wenn Eltern, Schüler oder Lehrer etwas, zum Beispiel ein
Persönlichkeitsurteil, hineinprojizieren, was Noten und Zeugnisse nicht
beinhalten. Zum Popanz werden Noten und Zeugnisse sodann, wenn Eltern
Zuwendung von Noten abhängig machen und wenn bereits für die knapp
befriedigende Einzelnote reichlich materielle Belohnung bis hin zum
50-Euro-Schein "rüberwächst".
Die vielfach proklamierten Alternativen zu
Ziffernnoten sind keine echten Alternativen, denn entweder sind es
geschönte Verbalgutachten, oder sie sind in einer Sprache gehalten, die
Eltern und Schüler postwendend zur Frage an die Lehrer veranlassen:
Welche Note wäre das denn jetzt? Ansonsten haben Jahrzehnte
pädagogischer Forschung Zeugnisse und Noten nicht überflüssig gemacht.
Es gibt dazu zwar international mehr als tausend Abhandlungen,
vielerlei Modellversuche und eine unüberschaubare Zahl an
Pilotprojekten. Aber die in schier undurchdringbarem Fachchinesisch
geführte Diskussion um "Rasterzeugnisse", "Bausteinzeugnisse",
"Berichtszeugnisse", "Briefzeugnisse", "zuwachsorientierte
Leistungstests", "relative Notengebung" und dergleichen mehr - diese
Diskussion konnte nicht verbergen, dass all dies oft nur Notenattrappen
sind.
Ingesamt gilt: Schule kann keine Schule
ohne eindeutige Leistungsbilanzen sein, sonst befände sich Schule in
einem Elfenbeinturm - und das inmitten einer Leistungsgesellschaft.