DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


Aus dem RHEINISCHEN MERKUR vom 27. März 2008

Werden Lehrpläne zu Leerplänen entrümpelt? *

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


 
Derzeit geht ein Wort durch die schulpolitische Szene, das schon jetzt im Frühjahr schon das Zeug dazu hat, schulpolitisches Unwort des Jahres 2008 zu werden: die Entrümpelung der Lehrpläne. Mit dieser Maßnahme soll das bislang neunjährige Gymnasium der alten Bundesrepublik „kindgerecht“ auf acht Jahre zum sogenannten G8 zusammengestaucht werden können.

Große Teile der Öffentlichkeit und so manche Eltern hören das gern. Insofern ist die Entrümpelungsstrategie der hohen Politik durchaus populistisch. Wer hat schließlich hat als Ex-Schüler kein Beispiel aus Fächern wie Biologie, Geschichte oder Geografie parat, mit dem er nicht stringent glaubt beweisen zu können, welches Gerümpel man in den Schulen lernen muss: Würmer beispielweise oder Schmetterlinge, Erbfolgekriege, Stadt-Land-Fluss-Wissen.
 
Aber langsam! Die Lehrpläne – das wissen noch nicht einmal manche selbsternannten Insider – sind längst erheblich verschlankt worden. Betroffen ist davon sogar der curricular vorgegebene, aktive muttersprachige Wortschatz der Grundschulen, der binnen zwei Jahrzehnten von 1100 auf 700 Wörter reduziert wurde – also um gut ein Drittel. Um ebenfalls rund ein Drittel wurde zur G8-Implementierung der fremdsprachige gymnasiale Wortschatz so mancher Jahrgangsstufen gekürzt – und das in Zeiten fortschreitender Globalisierung.

In der gymnasialen Oberstufe mancher Länder kommen im Fach Geschichte kein Weimar und kein Weltkrieg mehr vor. Das Fach Geografie muss in einigen Jahrgangsstufen völlig pausieren. Was bleibt da am Ende überhaupt noch hängen? Eine Studie der Freien Universität Berlin hat Erschreckendes zu Tage gefördert: 80 Prozent unserer Schüler wissen über die DDR nichts oder nahezu nichts. Aber sie halten die ehemalige DDR für einen erstrebenswerten Sozialstaat. Und dass Deutschland am Hindukusch verteidigt werden soll, damit kann schon aufgrund defizitärer Geografiekenntnisse kaum jemand etwas anfangen.
 
Exemplarisches Wissen – das klingt schön und gut. Aber heißt das zwei Grundrechenarten statt vier, ein Weltkrieg statt zwei, eine Revolution exemplarisch für fünf? Welche der Revolutionen lassen wir dann weg? 1789, 1848, 1917, 1918/1919, 1989? Nein, so geht das nicht. Viel zu lange schon wurde solides Wissen als Stoffhuberei, als abfragbares Wissen und als Ballast diskreditiert. Manche sogenannten progressiven Pädagogen verstiegen sich sogar in die Psychopathologie und setzten schulisches Lernen mit Bulimie gleich. Damit muss Schluss sein.

Wer mündige Bürger möchte, der muss ihnen auch eine Menge Wissen beibringen und abverlangen. Oder will man den wissensmäßig entrümpelten Bürger deshalb, weil George Orwells Big Brother als einen seiner Leitsprüche hatte: Unwissenheit ist Stärke - Stärke für die Machthaber, die dem Volk dann leichter ein X für ein U vormachen können?

Mündiger Bürger zu sein heißt, viel präsentes Wissen zu haben, damit man sich eigenständig ein Urteil bilden kann, ohne zuvor erst Häppchen bei Google oder Wikipedia „downloaden“ zu müssen. „Wer nichts weiß, muss alles glauben.“ Diese Sentenz von Marie von Ebner-Eschenbach sollte endlich Eingang finden in das Denken der curricularen Entrümpelungsingenieure. Und wer es denn etwas weniger konservativ haben möchte, der kann sich auf Theodor W. Adorno und seine „Theorie der Halbbildung“ aus dem Jahr 1959 besinnen. Dort sagt Adorno, das Halbverstandene sei nicht die Vorstufe der Bildung, sondern ihr Todfeind. Also Vorsicht: Im Interesse unseres freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates dürfen wir nicht zulassen, dass aus Lehrplänen Leerpläne werden!


* im Rheinischen Merkur veröffentlicht mit der Überschrift "Welcher Weltkrieg darf's denn sein?


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