Vor exakt einem Jahr
wurden die Ergebnisse der Schulleistungsstudie PISA veröffentlicht.
Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), stellt dazu
fest:
„Ein Jahr nach PISA ist außer hyperaktiver Rhetorik wenig übrig
geblieben. Besonders ärgerlich ist, dass ein großer Teil der PISA-Ergebnisse
erst im März 2003 das Licht der Welt erblicken soll. Dass die Ergebnisse der Realschulen, Hauptschulen und Gesamtschulen
erst eineinviertel Jahre nach der Veröffentlichung der internationalen
PISA-Studie und neun Monate nach Veröffentlichung der Gymnasialergebnisse
verfügbar sein sollen, ist kaum zu glauben. Vielmehr drängt sich
der Verdacht auf, dass diese Veröffentlichungspraxis wahlkampftaktisch
motiviert ist. Die umgehende Veröffentlichung aller Ergebnisse ist aber
dringend geboten, damit endlich auch die Legendenbildung ein Ende hat, die
Gesamtschule sei das richtige Schulmodell.
Völlig neben dem bildungspolitisch Notwendigen liegen die bildungspolitischen
Beiträge der Bundesregierung. Das großspurig angekündigte
Programm zur Ganztagsbetreuung mag zwar familienpolitisch interessant
sein, an den PISA-Ergebnissen wird es nichts ändern, zumal die in Aussicht
gestellten Gelder offenbar unter Finanzierungsvorbehalt stehen und nicht
einmal ausreichen, um in den Schulen die für einen Ganztagsbetrieb notwendigen
Kantinen einzurichten, geschweige denn die Personalkosten zu decken. Auch
die von der Bundesregierung projektierte drastische Erhöhung der Studierquote
ist Augenwischerei. Mit planwirtschaftlichem Quotendenken verbessert man
keine Qualität. Im Übrigen sind viele deutsche Berufsabschlüsse
mindestens auf dem Niveau, das in anderen Staaten als Hochschulniveau ausgegeben
wird.
Entscheidend für den Bildungsstandort Deutschland wird in den kommenden
zehn Jahren sein, ob es den sechzehn Ländern gelingt, den notwendigen
Lehrernachwuchs anzuwerben. Von den derzeit 750.000 aktiven Lehrern in Deutschland
gehen in den kommenden zehn Jahren über 300.000 in den Ruhestand. Nach
dem jetzigen Stand werden diese 300.000 nicht durch Nachwuchskräfte
ersetzt werden können, weil der Lehrerberuf in Deutschland ideell und
materiell nicht mehr interessant ist. Die Politik hat dieses Problem des bevorstehenden Lehrermangels bislang restlos verschlafen.
Verschlafen hat die Politik auch eine solide Finanzausstattung der Schulen
. Dass Deutschland im Vergleich mit vielen PISA-Spitzenreitern erheblich
weniger Geld für Bildung aufbringt, zeigt, dass das Reden um den Rohstoff
Geist über Sonntagsreden nicht hinaus geht. Gleichermaßen hilflos
sind die Vorstöße der Länder Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen,
die zugunsten von Bildung nunmehr eine Vermögenssteuer einführen
wollen. Das ist Augenwischerei, weil mit diesen Steuern nur Löcher gestopft
werden, die die Politik selbst aufgerissen hat. Es sind zudem dieselben Länder,
die die Schulpolitik in den vergangenen Jahren als haushaltspolitischen Steinbruch
benutzt haben.“
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Für den Inhalt verantwortlich: Waltraud Fuchs (DL)