Josef Kraus: Guten Tag, Herr Breker!
Breker: Ein Einzelfall, was sich an dieser Rütli-Schule in Neukölln ereignet, oder gibt es Ähnliches auch anderswo?
Kraus: Natürlich haben wir in
Deutschland die eine oder andere Problemschule. Das ist ganz klar. Wir
sollten aber auch nicht vergessen: Es gibt in Deutschland 42.000
Schulen und einen so spektakulären Fall hatten wir bislang Gott sei
Dank noch nicht und wir hoffen auch, ihn nicht gleich wieder zu haben.
Wenn dieser eine besondere Fall nun eine Diskussion anstößt und manche
in der Politik und in der Gesellschaft wachrüttelt, dann hat es
vielleicht auch sein Gutes gehabt bei aller Dramatik, die man natürlich
bedauert.
Breker: Dennoch, Herr Kraus, muss man
sich ja fragen, wie konnte es überhaupt so weit kommen. Ein Hilferuf
der Lehrer! Lehrer, Sozialarbeiter, Polizisten gelten als Seismographen
der gesellschaftlichen Entwicklung. Werden deren Aussagen, werden deren
Wahrnehmungen ignoriert oder was ist damit?
Kraus: Das Gefühl habe ich schon ein
bisschen. Das soll jetzt nicht nach Weinerlichkeit oder berufstypischer
Lamoryanz klingen, aber wir Lehrer haben natürlich oft genug in der
Öffentlichkeit, in der Politik gesagt Leute, so geht's nicht weiter.
Wir können nicht die Probleme lösen, die die Gesellschaft in die Schule
hineinschiebt. Um es mal deutlich zu machen: Wenn wir Gewaltzuwächse
unter Heranwachsenden in der Gesellschaft insgesamt haben, kommt das in
der Schule an. Wenn wir entstehendes politisch extremes Gedankengut in
der Gesellschaft haben, kommt das in der Schule an. Wenn wir
Drogenprobleme haben, kommt das in der Schule an. Wenn wir
Sektenprobleme haben, kommen die in der Schule an. Wenn wir - das ist
immer wieder gesagt worden, auch in vernünftiger und dezenter Form -
Probleme haben mit der Integration von Migrantenkindern, kommt das
natürlich auch in der Schule an. Anders ausgedrückt: Die Schule ist es
natürlich irgendwann mal leid beziehungsweise fühlt sich überfordert,
gesellschaftliche Probleme lösen zu müssen und lösen zu sollen, die die
Gesellschaft nicht gelöst hat.
Breker: Wo andere versagt haben! Sagen wir es doch ganz deutlich.
Kraus: So kann man es auch deutlich sagen, ja.
Breker: Herr Kraus, das
gesellschaftliche Engagement in diesem Bereich ist das eine, aber man
muss natürlich auch nach der Schule selber fragen. Liegt es
möglicherweise an unserem Schulsystem, an der Auswahl und
möglicherweise dadurch bedingten Konzentrationen von Randgruppen in
bestimmten Schulformen, wo man vielleicht auch Veränderungen vornehmen
müsste?
Kraus: Sie haben diese Konzentration
oder sagen wir es mal noch deutlicher eine Ghettoisierung oder das
Entstehen gewisser Parallelgesellschaften aufgrund einer
multiethnischen Herkunft in allen Nationen der Welt. In manchen
Ländern, die völlig andere Schulsysteme haben, vielleicht sogar noch
ein bisschen krasser. In England, in Frankreich, in den Vereinigten
Staaten haben sie noch ein erheblich größeres Gefälle zwischen
behüteten und teueren Privatschulen und Ghettoschulen andererseits. Am
Schulsystem liegt es nicht und ich bitte auch herzlich alle Beteiligten
darum, jetzt nicht alte ideologische Grabenkämpfe wieder aufzureißen:
einheitliches Schulsystem versus differenziertes, gegliedertes
Schulsystem. Das ist eine Problem-Klientel unter Heranwachsenden. Das
sind übrigens nicht nur Migranten, sondern das sind natürlich auch
teilweise Kinder mit deutschen Eltern. Die sind da und wenn ich das
Schulsystem umtransformiere, dann habe ich auf diese Problem-Klientel
nur ein anderes Etikett draufgeklebt. Das Problem ist damit keineswegs
gelöst.
Breker: Also es liegt nicht an dem Umstand, dass es sich hier um eine Hauptschule handelt?
Kraus: Nein, überhaupt nicht! Ich habe
größten Respekt vor den Hauptschulen. Was die Hauptschulen pädagogisch
leisten müssen mit einer extremen Heterogenität von Schülerschaft, das
ist wirklich bewundernswert. Das kommt in den Realschulen kaum vor. Das
kommt in den Gymnasien überhaupt nicht vor, weil sie dort eine andere
Schülerschaft haben. Man löst die Probleme nicht, indem man die
Hauptschule abschafft. Im Grunde genommen wäre das Aktionismus. Wir
müssen uns überlegen: Wie können wir Hauptschule oder Schule mit einer
schwierigen Risiko-Klientel so gestalten, dass wir dort vorankommen.
All das kostet Geld. Das muss man klipp und klar sagen. Da muss sich
die Politik etwas einfallen lassen. Um es mal zu konkretisieren: Ich
würde sagen solche Schulen müssen bevorzugt vor allen anderen Schulen
zu Ganztagsschulen ausgebaut werden. Ich würde sagen solche Schulen
müssen zusätzliche Förderlehrer bekommen, Lehrer für Deutsch als
Fremdsprache bekommen, müssen bevorzugt Schulpsychologen bekommen,
Sozialarbeiter bekommen und Sozialpädagogen bekommen. Da müssen halt
vielleicht auch mal Gymnasien oder Realschulen ein bisschen
zurückstecken. Das sage ich auch als jemand, der selber Leiter eines
Gymnasiums ist.